Damaru

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Musikinstrument Damaru. Für den surinamischen Sänger mit dem Namen siehe Damaru (Sänger).
Der tibetische damaru aus Holz heißt gcod-dar.

Der damaru (sanskrit: डमरु, ḍamaru; auch damru) ist eine alte Handtrommel aus Indien und Tibet und ein Attribut mehrerer Gottheiten, das nach der Form zu den Sanduhrtrommeln gehört. Weitere Namen in der regionalen Volksmusik sind dambru, oggu und in Südindien kudukuduppai, budbudke und budbudukalu.

Etymologie[Bearbeiten]

Entsprechend dem Sanskritwort heißt bengali ḍamaru, hindi ḍamrū und marathi ḍámru „Trommel“ und auch „kürbisartig“. Ähnliche Namen in indischen Sprachen finden sich bei einem zur Familie der Kürbisgewächse gehörenden Baum (Ficus racemosa) und seinen Früchten, der auf Sanskrit udumbara genannt wird. Es gibt den Versuch, das Marathiwort tamburā für eine Langhalslaute (in Indien vina) wegen der beiden Resonatoren aus Kürbissen an diesem Instrument ebenfalls auf die udumbara-Frucht zu beziehen, also für ḍamaru und tamburā denselben Ursprung anzunehmen.

Üblicherweise werden die Saiteninstrumente des Wortumfeldes tambura (tanpura) auf persisch ṭanbur und tunbūr, auf den arabischen Plural tanābur und osmanisch tunbur zurückgeführt, wo sie früher auch Trommeln bedeuteten (vgl. Tamburin). Erst ab den mittelindischen Sprachen sind aus dem Persischen stammende Ableitungen von Instrumentenbezeichnungen in Indien zu finden. Sanduhrtrommeln und ihr Sanskritname sind jedoch älter. Eine Herleitung von ḍamaru nicht aus dem Persischen, sondern ein indischer Ursprung im Zusammenhang mit der Kürbisfrucht ist daher wahrscheinlicher.[1]

Bauform[Bearbeiten]

Die Länge des damaru variiert zwischen 10 und 25 Zentimetern, er hat einen Durchmesser von etwa 7 bis 20 Zentimetern. Der Resonanzkörper des damaru besteht aus Holz, Ton oder Bronze. Die alte tibetische Sanduhrtrommel chang teu besteht aus zwei Schädeldecken, die mit einem Holzstück verbunden sind.

Die beiden Trommelfelle werden aus Leder gefertigt und sind bei größeren Instrumenten durch eine Zickzackschnürung miteinander verbunden. Bei kleinen tibetischen Sanduhrtrommeln sind die Membrane angeklebt. Der Damaru hat zwei Schlagsteinchen (Tonkugeln), die jeweils an das Ende einer Baumwollschnur, die von der Trommel herabhängt, gebunden sind. Die Schnur ist in der Mitte um den Korpus gewickelt. Bei einer entsprechenden Drehung des Handgelenkes treffen die Steinchen auf die Trommelfelle und erzeugen ein rasselndes Geräusch. Die Rasseltrommel scheint das ältere Instrument zu sein; größere Sanduhrtrommeln haben keine Rasseln und werden mit der Hand geschlagen.

Mythologische Bedeutung und Verwendung[Bearbeiten]

Indien[Bearbeiten]

Tanzender Shiva als Nataraja mit dem damaru in der rechten oberen Hand
Vaghya, ein dem Familiengott Khandoba in Maharashtra geweihter Tempeldiener mit damaru und Glocke (gante). Seine weibliche Entsprechung ist das Tanzmädchen Murali, eine Art Devadasi.

In der hinduistischen Mythologie ist der damaru ein Attribut zahlreicher Gottheiten. Als Symbol des Lebens und zugleich des Todes wird die Sanduhrtrommel in der Hand gehalten von der Göttin der Weisheit Saraswati; neben den Attributen Schädelgirlande (mala) und Dreizack in der Hand von Bhadrakali, einer heroischen Form der Todesgöttin Kali; von Aghora, dem 14-armigen Zornesaspekt von Shiva; von Shiva selbst; den Ganas, das sind kleine Begleiter von Shiva; und von den Dakinis, skelettförmigen Hexen. Am bekanntesten ist die Sanduhrtrommel in einer rechten Hand von Shiva in seiner Erscheinungsform als Nataraja, wenn er den kosmischen Tanz (Tandava) aufführt, mit dem er aus dem Feuer (in einer linken Hand) die neue Welt entstehen lässt. Das Rasseln des damaru steht für den Klang des Universums unmittelbar nach seiner Entstehung. Einer Legende zufolge entstand die Sprache Sanskrit aus Shivas Trommelschlägen.

Im Asthadhayi von Panini (um das 4. Jahrhundert v. Chr.), im Amarakosha, einem Sanskrit-Thesaurus vom Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr, im Mahasutasoma-Jataka und in weiteren klassischen Texten werden der damaru (auch dhakka, dimdima) erwähnt. In der alten tamilischen Literatur taucht der Name damarukam auf, gelegentlich wurden auch andere Sanduhrtrommeln oder Klappern entsprechend bezeichnet.[2]

In der indischen Mythologie hat die Sanduhrtrommel Bedeutung, als Musikinstrument ist sie in Indien nur noch gelegentlich in der Volksmusik anzutreffen. Um 1900 war sie zu einem Instrument von „Ausrufern, Bettlern und Schlangenbändigern hinabgesunken“.[3] Dieser Personenkreis, zu welchem auch Wahrsager gehören, verwendet sie noch heute. Ein Beispiel hierfür ist die Kaste der Kurubas in Andhra Pradesh, Tamil Nadu und Karnataka, deren Mitglieder früher Schafhirten waren und für deren Schutzgottheit in Karnataka das Jahresfest Mailara Jaatre veranstaltet wird. Bei diesem und anderen Festen führen die Goravayyalu, Anhänger der zu den Kurubas gehörenden religiösen Sekte, Rundtänze auf, ansonsten ziehen sie herum, singen Balladen zum Lobe Shivas, betteln und segnen Gläubige. Die Kleidung der Goravayyalu ist auffällig bunt, auf dem Kopf tragen sie schwarze dreieckige Bärenfellmützen, an den Fußgelenken Glockenkettchen. Sie halten einen damaru in der rechten Hand und eine Flöte in der linken. Zu ihrem ritualisierten Benehmen gehört, dass sie wie Hunde bellen und sich für selbige halten.[4]

Tibet[Bearbeiten]

Volkstümlicher Gesang von drei tibetischen Mönchen in Lhasa, die zwei Sanduhrtrommeln mit Schlagsteinchen und eine Gebetsmühle bewegen.

In Tibet gelangte die Sanduhrtrommel zusammen mit einer Röhrenknochentrompete (des menschlichen Oberschenkels) rkang dung aus der vorbuddhistischen Geisterreligion des Bön in die buddhistische Mythologie. Die als Korpus verwendeten Schädel stammen häufig von bedeutenden religiösen Lehrern. Das Spiel dieser damaru ist hochrangigen Mönchen vorbehalten.

Nur im tibetisch-buddhistischen Kulturraum werden Sanduhrtrommeln (regional: nga-chung) noch in der Ritualmusik zu Ehren der Dharmapalas (Schutzgottheiten) eingesetzt. Zu den Ritualen gehören die Umschreitung des Stupa und Tänze, bei denen der Tänzer mit dem damaru in der Hand die Dakinis herbeirufen möchte. Die Dakinis (tibetisch: Khadoma, Himmelswandlerinnen) werden tanzend und nackt dargestellt. Ihre Attribute sind unter anderem blutgefüllte Schädelschalen, Hackmesser (kartrika), Dreizack (trishula), Donnerkeil oder Zepter (rod-rje, sanskrit: vajra) und damaru.[5] Shiva in seiner zornvollen Manifestation als Mahakala tritt in der tibetischen Götterwelt mit denselben Attributen in Erscheinung. Der legendäre Gründer des tibetischen Buddhismus im 8. Jahrhundert Padmasambhava wird in seiner Manifestation als Guru Pema Gyalpo (Lotos-König) mit Spiegel und der Schädeltrommel thod-nga dargestellt. Sanduhrtrommeln markieren auch die Pausen zwischen den Zeremonien. Neben dem damaru haben in Tibet als Ritualgeräte noch die Handglocke dril-bu (sanskrit: ghanta) und der Donnerkeil als das symbolische Paar weiblich – männlich Bedeutung.

Südrand des Himalaya[Bearbeiten]

In den Regionen Garhwal und Kumaon im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand ist eine etwas größere Sanduhrtrommel unter dem Namen hurka bekannt; die mit ihr begleiteten Lieder werden hurkiya bol („Worte der Hurkiya“) genannt. Sie sind Teil einer alten epischen Tradition, bei deren Aufführung sich kurze Prosarezitationen mit langen Abschnitten in Versform abwechseln. Hurkiya heißen die vortragenden Berufssänger, sie stammen überwiegend, aber nicht notwendigerweise aus der gleichnamigen sozialen Gruppe, die zur untersten Kaste der Doms gehört.

Der Sänger spielt selbst die Trommel, gelegentlich unterstützen ihn zwei hewar genannte Männer, die einen gesungenen Bordunton hinzufügen und so die Pausen zwischen zwei musikalischen Einheiten ausfüllen. Steuert die Erzählung auf einen dramatischen Höhepunkt zu, so improvisieren Zuschauer zuweilen Tänze mit sparsamen Bewegungen.[6]

Weitere indische Sanduhrtrommeln[Bearbeiten]

Eine etwas größere Sanduhrtrommel mit durchschnittlich 25 Zentimetern Länge heißt hurukka (auch huruka, hudukka, udukkai, deru). Ihr Korpus besteht ebenfalls aus Holz, sie besitzt aber keine Klöppel, sondern wird mit Stöckchen oder den Fingern geschlagen. Im Punjab steht die kleine dhadd in der Tradition der epischen Volksdichtung und gehört zur religiösen Musik der Sikhs.

In der ländlichen Volksmusik von Karnataka und Kerala wird die kleine Sanduhrtrommel tudi gespielt. In den Dörfern Keralas war es früher Brauch, eine Dieb mit Hilfe eines tudi-Spielers zu enttarnen. Der Spieler versammelte die gesamte Dorfbevölkerung auf dem Platz, schlug seine Trommel und belegte den Dieb dermaßen lautstark mit Schimpfwörtern, bis dieser sich mit einer Antwort zu erkennen gab.

Die idakka (auch eddakka) von Kerala und anderswo in Südindien besteht aus einem 25 Zentimeter langen Holzkorpus. Die Trommelfelle werden über verschiebbare Metallringe gezogen und miteinander verspannt. Der Spieler schlägt mit einem gebogenen Holzstab in der einen Hand, während er mit der anderen Hand an einer um die Mitte gewickelten Schnur zieht und so in engen Grenzen die Fellspannung und damit die Tonhöhe verändern kann. Die schwierig zu spielende Trommel kommt bei Tänzen, Volkstheatern und religiösen Zeremonien zum Einsatz.[7]

Die über die Ausbreitung des Buddhismus nach Ostasien gelangten Sanduhrtrommeln sind längst außer Gebrauch. Zum tibetischen Kulturkreis gehört die zweifellige Stieltrommel ji wu der nationalen chinesischen Minderheit Qiang. Sie besitzt ebenfalls zwei an Schnüren befestigte Schlagsteine und wird als Schamanentrommel verwendet. Eine ähnliche Stieltrommel der Naxi in China leitet ihren Namen dtâ-bbêr-lèr (gesprochen „damberlor“) von damaru ab[8].

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Damaru – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Knüppel: Noch einmal zur möglichen Herkunft von osm. tambur(a)~dambur(a)~damur(a) etc. In: Marek Stachowski (Hrsg.): Studia Etymologica Cracoviensia. Bd. 14. (PDF; 1,6 MB) Krakau 2003, S. 219–226
  2. Bigamudre Chaitanya Deva, Josef Kuckertz: Bharud, Vaghya-murali and the Daff-gan of the Deccan. Studies in the regional folk music of South India. (Ngoma. Studien zur Volksmusik und außereuropäischen Kunstmusik, Band 6) Musikverlag Emil Katzbichler, München/Salzburg 1981, S. 128f
  3. Curt Sachs, S. 75
  4. Sneha Nanda Gopal: Folk Forms of Karnataka. Govara Kunitha. (PDF; 2,2 MB) Drishti Magazine, Nr. 9, S. 10–13
  5. Anneliese und Peter Keilhauer: Ladakh und Zanskar. Lamaistische Klosterkultur im Land zwischen Tibet und Indien. DuMont, Köln 1980, S. 173
  6. Alain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 86, 88
  7. Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu Delhi 1977, S. 41f
  8. Michael Oppitz: Ethnology Ritual Objects of the Qiang Shamans. In: RES: Anthropology and Aesthetics, No. 45, Frühjahr 2004, S. 25