Tamil Nadu

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Tamil Nadu - தமிழ் நாடு
Wappen
Status: Bundesstaat
Hauptstadt: Chennai
Fläche: 130.058 km²
Einwohner: 72.138.958 (2011)
Bevölkerungsdichte: 555 Einwohner je km²
Amtssprache: Tamil
Gouverneur: K. Rosaiah
Chief Minister: J. Jayalalithaa (AIADMK)
Website: tn.gov.in
ISO-Code: IN-TN
Nordteil von Arunachal Pradesh: de-facto Indien - von China beansprucht Teilgebiete von Uttarakhand: de-facto Indien - von China beansprucht de-facto China - von Indien beansprucht de-facto China - von Indien beansprucht de-facto Pakistan - von Indien beansprucht de-facto Pakistan - von Indien beansprucht Siachen-Gletscher (umkämpft zwischen Pakistan und Indien) Jammu und Kashmir: de-facto Indien - von Pakistan beansprucht Malediven Sri Lanka Indonesien Afghanistan Nepal Bhutan Bangladesch Pakistan China Myanmar Thailand Tadschikistan Delhi Goa Dadra und Nagar Haveli Tamil Nadu Kerala Andhra Pradesh Arunachal Pradesh Assam Bihar Chhattisgarh Gujarat Haryana Himachal Pradesh Jammu und Kashmir Jharkhand Karnataka Madhya Pradesh Maharashtra Manipur Meghalaya Mizoram Nagaland Orissa Punjab Rajasthan Sikkim Telangana Tripura Uttarakhand Uttar Pradesh Westbengalen Andamanen und Nikobaren LakshadweepKarte
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Tamil Nadu (Tamil: தமிழ் நாடு Tamiḻ Nāṭu Zum Anhören bitte klicken! [ˈt̪amɨɻˌnaːɖɯ]a a) ist ein Bundesstaat Indiens. Er liegt im südlichsten Teil des Subkontinents und hat rund 72 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011) auf einer Fläche von 130.058 Quadratkilometern. Damit ist er gemessen an der Einwohnerzahl der siebtgrößte, der Fläche nach der zehntgrößte Bundesstaat Indiens. Die Hauptstadt Tamil Nadus ist Chennai (Madras).

Die Hauptsprache Tamil Nadus ist das Tamil, nach dessen Sprachgrenzen der Bundesstaat 1956 gebildet wurde. Zunächst trug der Bundesstaat den Namen Madras, erst 1969 erhielt er seinen heutigen Namen Tamil Nadu, der als „tamilisches Land“ oder als „Land der tamilischen Sprache“ übersetzt werden kann. Tamil Nadu besitzt ein reiches eigenständiges Kulturerbe, das sich in der über 2000 Jahre zurückreichenden Literaturgeschichte des Tamil und der Architektur der großen Tempelanlagen des Bundesstaates äußert.

Geografie[Bearbeiten]

Lage und Ausdehnung[Bearbeiten]

Topografische Karte Tamil Nadus

Tamil Nadu ist der südlichste Bundesstaat Indiens. Er nimmt den südlichen Zipfel der indischen Halbinsel ohne den Küstenstreifen im Westen ein. Mit einer Fläche von 130.058 Quadratkilometern[1] ist Tamil Nadu Indiens zehntgrößter Bundesstaat und etwa so groß wie Griechenland. Nachbarbundesstaaten sind Kerala im Westen, Karnataka im Nordwesten und Andhra Pradesh im Norden. An der Ostküste schließt Tamil Nadu die beiden zum Unionsterritoriums Puducherry gehörigen Enklaven Puducherry (Pondicherry) und Karaikal ein. Im Osten und Süden grenzt der Bundesstaat an den Indischen Ozean, beziehungsweise dessen Nebenmeere, den Golf von Bengalen im Osten und den Golf von Mannar im Südosten. Die Palkstraße trennt Tamil Nadu vom südöstlich gelegenen Inselstaat Sri Lanka. Die Küste ist 1076 Kilometer lang. Tamil Nadus südlichster Punkt, das Kap Komorin, ist zugleich der südlichste Punkt des indischen Festlandes.

Landschaftsgliederung[Bearbeiten]

Schroffe Berge und fruchtbare Ebenen kennzeichnen das Landschaftsbild Tamil Nadus (Landschaft im Distrikt Kanyakumari)

Tamil Nadu lässt sich grob in zwei Naturräume einteilen. Im Westen und Nordwesten bestimmen Berg- und Hügelländer das Landschaftsbild. Entlang der Westgrenze mit Kerala erheben sich die Kardamomberge, ein südlicher Ausläufer der Westghats. Sie fallen besonders im äußersten Süden schroff ab. Ein weiterer Ausläufer, die Palani-Berge, ragt in die östlich vorgelagerte Tiefebene hinein. Auch die durch das Palghat-Tal und das Coimbatore-Plateau abgetrennten Nilgiriberge im äußersten Nordwesten sind eine Nebenkette der Westghats. Der höchste Gipfel der zerklüfteten Nilgiriberge, der 2636 Meter hohe Doddabetta, ist zugleich die höchste Erhebung Tamil Nadus. Im Norden gehen die Nilgiriberge in die Javadi- und die höheren, bis auf 1500 Meter reichenden Shevaroy-Berge, beide Nebenketten der Ostghats, über.

Östlich des Berglandes erstreckt sich eine breite Ebene, die von mehreren Strömen durchflossen wird. Im Süden teilen die Palani-Berge das Tiefland in die Ebene von Madurai und die in West-Ost-Richtung verlaufende Kaveriebene im mittleren Teil Tamil Nadus. Der Küstenstreifen nördlich des Mündungsdeltas des Kaveri heißt Koromandelküste. Das Hinterland der Koromandelküste wird durch die Ebene von Arcot geprägt.

Gewässer[Bearbeiten]

Oberlauf der Kaveri kurz nach den Hogenakal-Fällen an der Grenze zu Karnataka

Die Küstenebene Tamil Nadus wird von den Strömen Palar, Ponnaiyar, Kaveri, Valgai und Tamirabarani durchflossen, die allesamt in den niederschlagsreichen Ost- oder Westghats entspringen und daher ganzjährig Wasser führen. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer, zum Teil aber nur periodischer Flüsse. Die 760 Kilometer lange Kaveri ist der größte und wichtigste Fluss. Sie durchquert von Karnataka kommend und in südlicher Richtung fließend die Ostghats, um südlich von Erode nach Osten abzubiegen. Rund 200 Kilometer vor der Mündung in den Golf von Bengalen fächert sie sich zu einem großen Delta mit unzähligen Nebenarmen.

Tamil Nadu ist arm an natürlichen größeren Seen. Zu Energiegewinnungs- und Bewässerungszwecken sind an wasserreichen Flüssen allerdings mehrere große Stauseen angelegt worden. Der größte von ihnen ist der Stanley-Stausee am Kaveri bei Mettur im Distrikt Erode, wird außerdem als Fischgrund genutzt, der im Durchschnitt 93 Quadratkilometer, während der Regenzeit 153 Quadratkilometer umfasst. Es gibt zehn weitere große Stauseen mit einer maximalen Fläche von mehr als 10 Quadratkilometern. In vielen Trockengebieten bestehen so genannte tanks, künstlich angelegte Wassersammelbecken, die als Trinkwasservorräte oder für den Bewässerungsfeldbau genutzt werden. Insgesamt gibt es knapp 39.000 solcher tanks in Tamil Nadu.

Klima[Bearbeiten]

Klimadiagramm Chennai

Das Klima Tamil Nadus ist tropisch. Die Temperatur schwankt im Jahresverlauf nur geringfügig und liegt im Jahresdurchschnitt um 29 Grad Celsius im Tiefland, wo das Thermometer selten unter 20 Grad fällt, in den heißesten Monaten der Trockenzeit aber auf über 40 Grad klettern kann. In den Höhenlagen erreichen die Temperaturen 13 bis 24 Grad im Sommer und 3 bis 20 Grad im Winter.

Die Niederschlagsverhältnisse werden maßgeblich vom Monsun beeinflusst. Im Gegensatz zum größten Teil Indiens ist die Hauptniederschlagszeit in Tamil Nadu der Wintermonsun zwischen September und Dezember. Während dieser Zeit nehmen die nordöstlichen Winde über dem Golf von Bengalen Feuchtigkeit auf und bringen ergiebigen Monsunregen mit sich. Auch während des Sommermonsuns von Juli bis September kommt es zu Regenfällen, doch bleibt die Niederschlagsmenge geringer, weil Tamil Nadu durch die Westghats vor den südwestlichen Winden abgeschirmt wird. Im Bergland sowie im äußersten Süden kommt es auch während dieser Zeit zu ergiebigen Regenfällen. Während der Trockenzeit zwischen Januar und Juni regnet es kaum.

Für die Ebenen sind jährliche Regenmengen von 900 bis 1200 mm normal. Die niedrigsten Jahresniederschlagsmengen werden mit 700 bis 850 mm in der im Regenschatten der Westghats gelegenen Tiefebene von Madurai sowie um Coimbatore verzeichnet. Allgemein ist das Klima Tamil Nadus trockener als das des westlichen Nachbarbundesstaates Kerala, da die Westghats, wo bis zu 4000 mm Jahresniederschlag fallen, als Wetterscheide wirken. Die Luftfeuchtigkeit ist jedoch ganzjährig hoch.

Vegetation[Bearbeiten]

In den Nilgiri-Bergen

Rund 18 Prozent der Fläche Tamil Nadus sind bewaldet. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in den Tiefländern finden sich größere, zusammenhängende Waldgebiete jedoch fast nur noch im Bergland. In den Lagen über 1500 Meter der Nilgiri-, Palani- und Kardamomberge erstrecken sich immergrüne tropische Regenlaubwälder mit der für solche Wälder typischen Stufengliederung. Die oberste Stufe kennzeichnen hohe, schlanke Bäume, die teils mehr als 40 Meter hoch aufragen. Darunter gedeihen niedrigere Bäume, am Boden schließlich Sträucher und krautige Pflanzen. In den niedrigeren Lagen herrschen Mischlandschaften aus Grasland und – je nach Niederschlagsmenge – immergrünem oder laubabwerfendem Feuchtwald vor. Für die Übergänge in die Tiefebenen sind laubabwerfende Trockenwälder kennzeichnend.

Im Tiefland dominieren savannenartige Grasländer, die größtenteils in Acker- und Kulturland umgewandelt wurden. Reste der ursprünglichen Trockenwaldvegetation finden sich nur vereinzelt an Flussläufen und in unebenem Gelände. Immergrüne Trockenwälder waren einst die kennzeichnende Vegetationsform für einen schmalen Streifen entlang der Koromandelküste. Heute sind sie bis auf verstreute Haine, die weniger als ein Prozent der ursprünglichen Waldfläche ausmachen, zerstört oder zumindest stark degradiert. In den Lagunen im Mündungsdelta des Kaveri, am Golf von Mannar sowie zwischen Ennur und Pulicat nördlich von Chennai gibt es noch Mangroven, die jedoch durch Eingriffe des Menschen immer weiter zurückgedrängt und in ihrer Artenvielfalt eingeschränkt werden.

Tierwelt[Bearbeiten]

Asiatischer Elefant im Mudumalai-Nationalpark

Tamil Nadu verfügt über eine reiche Tierwelt, die allerdings durch die starke Zersiedelung und die damit verbundene Zerstörung natürlicher Lebensräume bedroht ist. Die teils noch dicht bewaldeten Bergregionen im Westen und Norden sind Rückzugsgebiete für Asiatische Elefanten und Großkatzen wie Königstiger und Leoparden. Andere Säugetiere umfassen unter anderem Hirsche (z. B. Sambar, Axishirsch, Muntjak), Gaure, Wildschweine, Streifenhyänen, Goldschakale, Rothunde, Lippenbären, Schuppentiere, Languren, Hutaffen sowie zahlreiche Nagetier- und Fledermausarten. Insgesamt kommen mehr als 100 verschiedene Säugetierarten in Tamil Nadu vor. Mit rund 280 erfassten Spezies weitaus artenreicher sind Vögel, darunter Drongos, Bülbüls, Tauben, Pirole, Pfauen. An der Küste und in Feuchtgebieten findet man unzählige Wasservögel, beispielsweise Flamingos. Verbreitet sind auch Kriechtiere mit über 140 Arten, unter denen Schlangen und kleinere Echsen vorherrschen. Zwei Krokodilarten kommen vor: das Süßwasser bewohnende Sumpfkrokodil sowie das seltenere, an der Küste beheimatete Leistenkrokodil.

Auch die Küstengewässer Tamil Nadus weisen eine große Vielfalt an Meeresbewohnern auf. Die Korallenriffe im Golf von Mannar zählen zu den artenreichsten unterseeischen Lebensräumen im Indischen Ozean. Zum Schutz dieser einzigartigen, durch kommerziellen Fischfang, Verschmutzung, Aquakulturen und Perlentaucher jedoch bedrohten Meereslandschaft wurde 1980 der Gulf of Mannar Marine National Park als erster Unterwassernationalpark Indiens eingerichtet.

Städte[Bearbeiten]

Coimbatore ist die zweitgrößte Stadt Tamil Nadus.

Die mit Abstand größte Stadt Tamil Nadus ist die Hauptstadt Chennai (Madras). An der Küste im äußersten Nordosten des Bundesstaates gelegen, hat Chennai 4,7 Millionen Einwohner in der eigentlichen Stadt und 8,7 Millionen in der Agglomeration. Damit ist Chennai die sechstgrößte Stadt Indiens und Zentrum des viertgrößten Ballungsraums des Landes. Außer Chennai überschreiten noch die Industriestadt Coimbatore im Westen Tamil Nadus und das im Süden gelegene Madurai, das auf eine reiche über zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, die Eine-Million-Einwohner-Marke. Weitere wichtige Städte sind Tiruchirappalli (Trichy) im Zentrum des Bundesstaates und Salem im nördlichen Binnenland.

Die größten Städte Tamil Nadus nach der Volkszählung 2011 sind:[2]

Stadt Einwohner Stadt Einwohner
1 Chennai 4.681.087 8 Tiruppur 444.543
2 Coimbatore 1.061.447 9 Avadi 344.701
3 Madurai 1.016.885 10 Tiruvottiyur 248.059
4 Tiruchirappalli 846.915 11 Thoothukudi 237.374
5 Salem 831.038 12 Nagercoil 224.329
6 Ambattur 478.134 13 Thanjavur 222.619
7 Tirunelveli 474.838 14 Pallavaram 216.308

Bevölkerung[Bearbeiten]

Demografie[Bearbeiten]

Bauer mit Ochsen in Tamil Nadu

Laut der indischen Volkszählung 2011 beträgt die Einwohnerzahl Tamil Nadus 72.138.958.[3] Damit ist Tamil Nadu gemessen an der Einwohnerzahl Indiens sechstgrößter Bundesstaat. Die Bevölkerungsdichte liegt mit 555 Einwohnern pro Quadratkilometer über dem gesamtindischen Durchschnitt (382 Einwohner pro Quadratkilometer). 48,5 Prozent der Einwohner leben in Städten.[4] Damit weist der Staat eine der höchsten Verstädterungsraten Indiens auf.

Die Bevölkerung Tamil Nadus wächst etwas langsamer als in anderen Landesteilen Indiens. Von 2001 bis 2011 verzeichnete Tamil Nadu ein Bevölkerungswachstum von 15,6 Prozent, während der Landesdurchschnitt 17,6 Prozent beträgt.

Die Bevölkerung wird vorwiegend von Tamilen gebildet. Vor allem im Großraum Chennai leben viele Zuwanderer aus anderen indischen Bundesstaaten. Etwa ein Prozent der Bevölkerung gehört den Adivasi an, der indigenen Stammesbevölkerung, die vor allem im Norden Tamil Nadus und in den Nilgiribergen lebt.[5]

Sprachen[Bearbeiten]

Sprachen in Tamil Nadu
Sprache Prozent
Tamil
  
89,4 %
Telugu
  
5,7 %
Kannada
  
1,7 %
Urdu
  
1,5 %
Andere
  
1,8 %
Verteilung der Sprachen (Zensus 2001)[6]

Die Hauptsprache Tamil Nadus und alleinige Amtssprache des Bundesstaates ist das von rund 90 Prozent der Bevölkerung gesprochene Tamil, nach dessen Sprachgrenzen der Bundesstaat 1956 gebildet wurde. Das Tamil gehört zur dravidischen Sprachfamilie und kann auf eine mindestens 2000-jährige Literaturgeschichte zurückblicken. Die größte der Minderheitensprachen ist das Telugu, dessen Sprecher knapp 6 % der Gesamtbevölkerung Tamil Nadus ausmachen. Es wird an vielen Orten von alteingesessenen telugusprachigen Gemeinschaften, daneben von Teilen der Bevölkerung in der Grenzregion zum Nachbarbundesstaat Andhra Pradesh gesprochen. Auch in den Grenzgebieten zu Karnataka und Kerala sind teilweise Kannada und Malayalam, die Sprachen der jeweiligen Bundesstaaten, verbreitet. Ein Teil der muslimischen Minderheit vor allem im Norden Tamil Nadus spricht Urdu, die meisten Muslime sind aber tamilsprachig. Von der Stammesbevölkerung in den Bergregionen des Nordwestens und Nordens werden verschiedene kleinere Minderheitensprachen gesprochen, vor allem Irula mit rund 350.000 Sprechern, Badaga mit 300.000 Muttersprachlern und Kurumba mit 250.000 Sprechern. Kota und Toda haben jeweils nur wenige tausend Sprecher in den Nilgiribergen, wo die größte Sprachenvielfalt herrscht. Englisch hat, wie auch in anderen Regionen Indiens, einen besonderen Status als Bildungs- und Wirtschaftssprache.

Religionen[Bearbeiten]

Typischer hinduistischer Dorfschrein nahe Pulicat
Religionen in Tamil Nadu
Religion Prozent
Hinduismus
  
88,1 %
Christentum
  
6,1 %
Islam
  
5,6 %
Andere
  
0,2 %
Verteilung der Religionen (Zensus 2001)[7]

Hindus stellen mit 88,1 Prozent (Volkszählung 2001) die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Der hinduistische Bevölkerungsanteil in Tamil Nadu liegt damit über dem Landesdurchschnitt (80,5 Prozent). Der Shivaismus ist die am weitesten verbreitete hinduistische Glaubensströmung. Der Hinduismus in Tamil Nadu weist einige regionale Charakteristika auf, so gehört der Gott Murugan (Skanda), der in Nordindien praktisch keine Rolle spielt, unter den Tamilen zu den populärsten Gottheiten. Im Süden leben viele Anhänger des Ayyavali, einer einheimischen monistischen Religion, die bei Volkszählungen als Hindus gezählt werden.

Auf die verschiedenen christlichen Konfessionen entfallen 6,1 Prozent. In absoluten Zahlen beherbergt Tamil Nadu mit 3,8 Millionen Christen nach Kerala die zweitgrößte christliche Population aller indischen Bundesstaaten. Das Christentum soll bereits von Apostel Thomas, der angeblich um 70 n. Chr. auf dem St. Thomas Mount bei Chennai starb, nach Südindien gebracht worden sein. Die größte christliche Konfession in Tamil Nadu ist die römisch-katholische Kirche, gefolgt von der anglikanischen Church of South India. Einen besonders hohen Bevölkerungsanteile stellen die Christen im südlichsten Distrikt Kanyakumari. Mit der Marienbasilika von Velankanni befindet sich der wichtigste christliche Wallfahrtsort Indiens in Tamil Nadu.

Der Islam fand in Tamil Nadu nie eine so große Verbreitung wie in weiten Teilen Nordindiens. Heute sind 5,6 Prozent der Einwohner des Bundesstaates Muslime, zum größten Teil Sunniten. Der Islam wurde schon im 9. Jahrhundert durch arabische Händler ins Land gebracht und entwickelte daher eine Ausprägung, die sich teilweise deutlich vom nordindischen Islam unterscheidet. So ist neben der unter den indischen Muslimen vorherrschenden hanafitischen Rechtsschule auch die schafiitische verbreitet. Eines der wichtigsten Zentren islamischer Gelehrsamkeit in Tamil Nadu ist der Ort Kilakkarai ungefähr 15 Kilometer südlich von Ramanathapuram. Hier bestehen zwei islamische Hochschulen, die im frühen 19. Jahrhundert gegründete Jāmiʿa ʿArūsīya und die 1995 gegründete Jāmiʿa Sayyid Hamīda.[8]

Geschichte[Bearbeiten]

Frühgeschichte[Bearbeiten]

In Arikamedu ausgegrabene römische Keramik (1. Jahrhundert, Musée Guimet)

Die Gegend des heutigen Tamil Nadu wurde vermutlich vor rund 300.000 Jahren erstmals besiedelt. Archäologische Funde bestätigen, dass schon um 1200 v. Chr. eine hoch entwickelte Gesellschaft existierte. Die brahmanische Kultur Nordindiens breitete sich schon in vorchristlicher Zeit auch in den Süden des Subkontinents und damit ins heutige Tamil Nadu aus. Dessen frühgeschichtliche Entwicklung konzentrierte sich vor allem auf die Küstenebene. Aufschluss über diese Epoche geben neben der Archäologie die alttamilische Sangam-Literatur, verschiedene lokale und nordindische Inschriften, ceylonesische Chroniken sowie Berichte griechischer und römischer Gelehrter. Enge Handelsbeziehungen mit dem Römischen Reich bestanden bereits zur Zeit des Kaisers Augustus, wie zahlreiche Münzfunde sowie die Existenz einer römischen Handelsniederlassung in Arikamedu südlich von Puducherry beweisen. Mit zunehmendem Niedergangs Roms im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert nahm Südostasien dessen Bedeutung als Handelspartner ein. Von der tamilischen Koromandelküste aus wurden im Mittelalter große Teile Südostasiens kolonialisiert.

Drei Dynastien prägten Tamil Nadu im Altertum. Die Chola hatten ihr Kerngebiet im Kaveridelta, die Chera herrschten über die westlichen Teile des heutigen Tamil Nadu und die Malabarküste, während der Süden unter der Herrschaft der Pandya stand. Vom Reichtum letzterer berichtete der griechische Historiker Megasthenes, der um 300 v. Chr. am Hofe des nordindischen Maurya-Herrschers Chandragupta weilte. Auch in der alttamilischen Sangam-Dichtung finden die Pandya Erwähnung. Der früheste überlieferte Herrschername ist hingegen der des legendären Chola-Königs Karikala (um 190 n. Chr.), der die vereinten Heere der Pandya und der Chera besiegte sowie die Ufer des Kaveri befestigen ließ. Die im 4. Jahrhundert vom Dekkan her eindringenden Kalabhra beendeten die Herrschaft der Chola und Pandya abrupt. Über ihre eigene Herrschaft ist allerdings nur wenig bekannt.

Pallava (6. bis 9. Jahrhundert)[Bearbeiten]

Die Felsentempel von Mamallapuram stammen aus der Pallava-Zeit

Am Ende des 6. Jahrhunderts besiegten die aus Andhra kommenden Pallava, vermutlich frühere Vasallen der Shatavahana, die Kalabhra und stiegen zur beherrschenden Macht in Tamil Nadu auf. Zu ihrer Hauptstadt machten sie Kanchipuram. Die größte Bedrohung für die Pallava stellten die Chalukya dar, die seit dem frühen 7. Jahrhundert einen erbitterten Kampf um die Vormachtstellung im Süden Indiens führten. Nachdem Mahendra Varman I. (reg. etwa 610 bis 630) die drohende Einnahme Kanchipurams durch die Chalukya abwenden konnte, gelang seinem Sohn Narasimha Varman (reg. etwa 630 bis 668) im Jahre 642 die Eroberung der feindlichen Hauptstadt Badami. Der Erfolg blieb von kurzer Dauer, denn schon nach 670 sahen sich die Pallava erneut ihren wiedererstarkten Feinden gegenüber. Eingeleitet durch die Plünderung Kanchipurams im Jahr 740, begann im 8. Jahrhundert der Niedergang der Pallava-Dynastie, die noch bis ins späte 9. Jahrhundert herrschte.

Unter den Pallava war in Tamil Nadu erstmals ein starkes Regionalreich entstanden, das auch herausragende Beiträge zur kulturellen Entwicklung leistete. Die Pallava-Hauptstadt Kanchipuram wurde zu einem der bedeutendsten kulturellen Zentren Südindiens. Obwohl die Pallava dem Hinduismus anhingen, trat es auch als wichtige buddhistische Lehrstätte in Erscheinung. Die Universität von Kanchipuram wurde zur wichtigen Wirkungsstätte großer Tamil- und Sanskritgelehrter und zahlreicher bildender Künstler. Aus der Pallava-Epoche stammen auch die Felsentempel von Mamallapuram, Vorreiter der hinduistischen Tempelarchitektur Südindiens, aber auch Südostasiens.

Chola und Pandya (9. bis 14. Jahrhundert)[Bearbeiten]

Unter der Chola-Dynastie florierten die Künste in Tamil Nadu (Bronzeskulptur Shivas, 11. Jhd., Musée Guimet)

Nachfolger der Pallava wurden die Chola, die bis Mitte des 9. Jahrhunderts als Vasallen gedient hatten. Um 850 erlangten sie ihre Unabhängigkeit zurück und machten Thanjavur im Kaveridelta zur Hauptstadt. König Aditya (reg. 871 bis 907) besiegte die Pallava um 897 endgültig. Nach dem Untergang des zentralindischen Rashtrakuta-Reiches schwangen sich die Chola im 11. Jahrhundert zur mächtigsten Dynastie Südindiens auf. Besonders hervorzuheben sind die Könige Rajaraja I. (reg. 985 bis 1014) und Rajendra I. (reg. 1014 bis 1044, als Mitregent schon ab 1012), welche nicht nur als Eroberer, sondern auch als Förderer der Künste und Wissenschaften großen Ruhm erlangten. Rajaraja I. besiegte die Chera an der Malabarküste und dehnte sein Reich auf den südlichen Dekkan, Ceylon und die Malediven aus. Sein Sohn Rajendra zog die Andhraküste hinauf bis nach Bengalen. Dort schlug er den Pala-Herrscher vernichtend, woraufhin er seine neue Hauptstadt Gangaikonda Cholapuram („Stadt des Chola, der die Ganga besiegte“) mit Gangeswasser segnen ließ. Außerdem etablierte er das Chola-Reich als Seemacht und drang über den Golf von Bengalen bis ins südostasiatische Srivijaya-Reich (Sumatra, Malaya, Java) vor. Kein anderes südindisches Herrscherhaus vor oder nach den Chola vermochte seine Macht auf ein derart weitläufiges Gebiet auszudehnen. Die Zeit der Chola-Könige Rajaraja I. und Rajendra I. gilt daher als Hochzeit Südindiens und somit auch Tamil Nadus.

1070 starb Rajendras Linie aus. Kulottunga, ein Prinz der östlichen Chalukya, bestieg nun den Thron des Reiches. Trotz einiger Gebietsverluste, darunter Ceylon, blieben die Chola bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts hinein die dominierende Dynastie Südindiens. Gleichwohl gab es bereits in den Jahrzehnten nach dem Tod Kulothungas I. im Jahre 1120 Anzeichen eines schleichenden Niedergangs. Vor allem die Auseinandersetzung mit den südlichen Vasallen der Pandya kostete die Chola einen Teil ihrer Autorität und verhalf den Pandya zu größerer Selbstständigkeit. Nach dem Tod des Chola-Königs Kulothunga III. 1218 konnten die Pandya, mit Madurai als Machtzentrum, ihre volle Unabhängigkeit allmählich wiederherstellen. Jatavarman Sundara (reg. 1251 bis 1268) war schließlich stark genug, die Chola anzugreifen. Sein Nachfolger besiegte 1279 den letzten Chola-König Rajendra IV. Die Pandya übernahmen nun die beherrschende Stellung der Chola in Tamil Nadu und konnten ihr Reich erneut bis zum Godavari und auf den Norden Ceylons erweitern. Thronfolgestreitigkeiten im frühen 14. Jahrhundert schwächten das Pandya-Reich zusehends.

Muslimische Herrschaft, Vijayanagar und Kleinstaaten (14. bis 18. Jahrhundert)[Bearbeiten]

1311 überfielen muslimische Truppen aus dem nordindischen Sultanat von Delhi unter dem Kommando des Generals Malik Kafur die Pandya-Hauptstadt Madurai, eroberten und plünderten sie. Erstmals stand Tamil Nadu unter muslimischer Herrschaft. Das 1334 aus einer Provinz des Delhi-Sultanats hervorgegangene Sultanat von Madurai, der südlichste muslimische Staat auf indischem Boden, war jedoch nur kurzlebig. Schon 1370 fiel der Sultan im Kampf gegen das hinduistische Vijayanagar-Reich.

Der Minakshi-Tempel in Madurai: Höhepunkt der Nayak-Baukunst

Das Kernland Vijayanagars lag im Süden des heutigen Karnataka. Nach dem Sieg über den Madurai-Sultan umfasste es fast ganz Südindien einschließlich Tamil Nadu. Vijayanagars Ausdehnung nach Osten bis an die Küste Andhras forderte Kapilendra, den König des an der Ostküste gelegenen Orissa, heraus, der 1463 entlang der Nordostküste Tamil Nadus bis ins Kaveridelta vorstieß. Schon nach wenigen Jahren musste er sich jedoch wieder zurückziehen. Schwache Herrscher leiteten im 15. Jahrhundert den Niedergang Vijayanagars ein. Als sich seine Erzfeinde, die aus dem Bahmanidenreich hervorgegangenen Dekkan-Sultanate, zusammenschlossen und Vijayanagar 1565 in der Schlacht von Talikota vernichtend schlugen, zerfiel das Reich innerhalb kürzester Zeit in mehrere Einzelreiche.

Nach dem Zerfall Vijayanagars füllten die Militärstatthalter seiner Distrikte, die sogenannten Nayaks, das entstandene Machtvakuum in Tamil Nadu, und machten sich selbstständig. Die mächtigsten von ihnen waren die Nayaks von Madurai und Thanjavur. Trotz ihrer relativen politischen und militärischen Bedeutungslosigkeit erlebten diese Reiche ein Aufblühen der spätdravidischen Kunst. Im 17. Jahrhundert begannen Kriegszüge verschiedener indischer Großreiche gegen die Kleinstaaten Tamil Nadus. Zunächst drang Mohammed Adil Shah, der Sultan von Bijapur, in den Norden Tamil Nadus ein, wo er unter anderem den Nayak von Gingee besiegte. Sowohl Madurai als auch Thanjavur wurden Bijapur tributpflichtig. In den 1670er Jahren führte ein Streit zwischen Madurai und Thanjavur zum Eingreifen der Marathen auf Seiten Thanjavurs. Doch die Truppen des Marathenherrschers Venkaji wandten sich alsbald gegen den Nayak von Thanjavur und besetzten dessen Reich. Nachdem der Großmogul Aurangzeb 1686 Bijapur unterworfen hatte, geriet der Norden Tamil Nadus unter die Kontrolle des Mogulreichs und wurde von den Nawabs von Arcot als Vasallen der Moguln beherrscht. Thanjavur blieb jedoch eine Besitzung der Marathen; Madurai bestand noch bis zur britischen Eroberung 1781.

Vordringen der Europäer und Kolonialherrschaft (17. Jahrhundert bis 1947)[Bearbeiten]

Ansicht der englischen Festung Fort St. George in Madras im 18. Jahrhundert
Karte des südlichen Teils der Präsidentschaft Madras von 1909; in gelber Färbung die Fürstenstaatem

Als erste europäische Großmacht versuchte Portugal im frühen 16. Jahrhundert an der Koromandelküste Fuß zu fassen, allerdings ohne Erfolg. Den Portugiesen folgten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Niederländer, Engländer und Dänen sowie in den 1660er Jahren die Franzosen. Die europäischen Handelsmächte strebten zunächst nicht nach Landgewinn, sondern nach möglichst hohen Profiten aus dem Tuchhandel. Zu diesem Zwecke erwarben sie Küstenstützpunkte und errichteten Manufakturen. Um 1700 bestanden mehrere niederländische Handelsstützpunkte an der Küste Tamil Nadus, unter anderem in Pulicat, Nagapattinam und Tuticorin. Die Engländer hatten sich in Madras, die Franzosen in Pondicherry und die Dänen in Tranquebar niedergelassen.

Zur bedeutsamsten europäischen Großmacht an der Koromandelküste stiegen im 18. Jahrhundert die Briten auf. Als ihr größter Konkurrent erwiesen sich die Franzosen, die in den Karnatischen Kriegen mit den Briten um die Vorherrschaft in Südindien rangen und 1746 sogar für drei Jahre Madras eingenommen hatten. 1760 wurden die Franzosen aber in der Schlacht von Wandiwash vernichtend geschlagen und mussten ihre Ambitionen in Indien aufgeben. Die hoch verschuldete Niederländische Ostindien-Kompanie schied nach dem vierten niederländisch-englischen Krieg von 1780 bis 1784 als Widersacher der Briten in Indien aus.

Madras wurde neben Kalkutta und Bombay zu einem Hauptausgangspunkt der britischen Kolonialisierung Indiens. Die Stadt war Verwaltungszentrum der Präsidentschaft Madras, einer von drei Präsidentschaften der Britischen Ostindien-Kompanie. Die Briten dehnten ihren Einfluss ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf weite Teile Tamil Nadus aus: Im Dritten und Vierten Mysore-Krieg (1790 bis 1792 bzw. 1798/99) rangen sie dem Königreich Mysore den Großteil von dessen Besitzungen ab, darunter den Norden und Westen des heutigen Tamil Nadus. Nach der vollständigen Niederlage Mysores 1799 war die Vormachtstellung der Ostindien-Gesellschaft in ganz Südindien endgültig besiegelt. 1799 wurden die Marathen-Könige von Thanjavur zur Übergabe ihrer Besitzungen gezwungen. Zwei Jahre später musste der Nawab von Arcot, der das Küstenhinterland kontrollierte, sein gesamtes Territorium an die Briten übergeben. Die Eroberung Tamil Nadus war damit abgeschlossen. Lediglich das kleine Fürstentum Pudukkottai blieb als formal unabhängiger Fürstenstaat unter britischer Oberherrschaft bestehen. 1858 wurde die Ostindien-Kompanie infolge des Aufstandes in Nordindien entmachtet, und die Regierungsgewalt über all ihre Besitzungen unmittelbar auf die britische Regierung übertragen. Madras wurde damit zu einer der Provinzen Britisch-Indiens.

Parallel zur im ausgehenden 19. Jahrhundert erwachten gesamtindischen Unabhängigkeitsbewegung unter Führung des Indischen Nationalkongresses entstand in den tamilsprachigen Teilen von Madras die sogenannte Dravidische Bewegung, die sich gegen die angebliche Vormachtstellung der Brahmanen richtete und eine eigenständige Identität der Tamilen als „Draviden“ im Gegensatz zu den „Ariern“ Nordindiens postulierte. E. V. Ramasami (Periyar) gründete 1925 die Selbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement), die er 1944 mit der anti-brahmanischen Justice Party zur Organisation Dravidar Kazhagam (Bund der Draviden; DK) vereinigte. Die DK vertrat eine radikale Agenda und forderte die Abschaffung des Kastensystems und der Hindu-Religion sowie die Gründung eines unabhängigen Staates Dravida Nadu für die „Draviden“ Südindiens.

Entwicklungen seit 1947[Bearbeiten]

Nach der Entlassung Britisch-Indiens in die Unabhängigkeit im Jahr 1947 wurde der Staat Madras zu einem Gliedstaat der Indischen Union. Er umfasste neben dem heutigen Tamil Nadu große Teile des heutigen Bundesstaats Andhra Pradesh sowie Teile von Karnataka und Kerala. Erster Chief Minister wurde P. S. Kumaraswamy Raja vom Indischen Nationalkongress (1950 bis 1952). Auf ihn folgten seine Parteikollegen C. Rajagopalachari (1952 bis 1954), K. Kamaraj (1954 bis 1963), der sich vor allem um die Verbesserung des Bildungssystems und die Bekämpfung des Analphabetismus verdient machte, und M. Bakthavatsalam (1963 bis 1967). Im Zuge des States Reorganisation Act wurden 1956 die indischen Bundesstaaten nach den Sprachgrenzen neu geordnet. Dem Bundesstaat Madras wurden dabei die tamilischsprachigen Gebiete zugeschlagen. Damit erhielt der Bundesstaat die Grenzen des heutigen Tamil Nadu, behielt aber zunächst den Namen Madras bei.

Derweil hatte sich 1949 aus der DK eine neue Partei namens Dravida Munnetra Kazhagam (Bund für den Fortschritt der Draviden; DMK) unter der Führung von C. N. Annadurai formiert. Sie unterstützte anfangs ebenfalls die Sezessionsforderung, gab diese aber Anfang der 1960er Jahre auf und ersetzte sie durch die Forderung nach politischer und kultureller Autonomie der Bundesstaaten innerhalb der Indischen Union. Die DMK nahm 1957 erstmals an Wahlen in Madras teil und stieg bald zur wichtigsten Oppositionspartei auf. 1967 konnte sie unter der Führung Annadurais erstmals die Wahlen zum Regionalparlament für sich entscheiden. Die neue DMK-Regierung beschloss die Umbenennung von Madras in Tamil Nadu („Land der Tamilen“), die 1969 in Kraft trat.[9] Nach Annadurais Tod übernahm M. Karunanidhi die Führung der DMK. 1972 spaltete sich unter dem populären Filmschauspieler M. G. Ramachandran (MGR) die AIADMK von der DMK ab. Seitdem hat stets eine der beiden Regionalparteien die Regierung Tamil Nadus gestellt. Die AIADMK konnte zum ersten Mal 1977 die Wahlen gewinnen. M. G. Ramachandran wurde zum neuen Chief Minister und blieb es bis zu seinem Tod 1987. Seit den 1990er Jahren wird die Politik Tamil Nadus geprägt von der Konkurrenz zwischen M. Karunanidhi (Chief Minister 1969–1976, 1989–1991, 1996–2001 sowie 2006–2011) und der ehemaligen Schauspielerin J. Jayalalithaa, die die Nachfolge M. G. Ramachandrans an der Spitze der AIADMK übernahm und derzeit nach 1991–1996 sowie mit Unterbrechungen 2001–2006 zum dritten Mal das Amt des Chief Ministers innehat.

In den 1980er Jahren nutzten die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die für die Unabhängigkeit der überwiegend von Tamilen bewohnten Teile Sri Lankas kämpfen, Tamil Nadu als Rückzugsort und Stützpunkt für ihre Aktivitäten in Sri Lanka. Die Regierung billigte dieses Vorgehen aus Rücksichtnahme auf die Sympathien der Bevölkerung Tamil Nadus für die unterdrückten Tamilen Sri Lankas zunächst. Mehrere von LTTE-Separatisten verübte Attentate auf indischem Boden zerstörten jedoch das Vertrauen der indischen Tamilen in die LTTE. Am 21. Mai 1991 wurde der ehemalige indische Premierminister Rajiv Gandhi während einer Wahlkampfveranstaltung in Sriperumbudur nahe Kanchipuram von einer der LTTE zugerechneten Selbstmordattentäterin ermordet. Heute wird die LTTE von der indischen Regierung als terroristische Vereinigung eingestuft.

Politik[Bearbeiten]

Politisches System[Bearbeiten]

Das Fort St. George in Chennai, Sitz von Parlament und Regierung des Bundesstaates

Bis 1986 bestand das Parlament Tamil Nadus aus zwei Kammern. Seitdem ist die auf fünf Jahre gewählte Tamil Nadu Legislative Assembly das einzige gesetzgebende Organ. Von den 234 Abgeordnetensitzen sind 42 Sitze benachteiligten Kasten und 3 Sitze der Stammesbevölkerung (Adivasi) vorbehalten. Zusätzlich kann der Gouverneur des Staates einen Vertreter der englischsprachigen Minderheit ernennen, wenn er der Meinung ist, dass diese nicht ausreichend im Parlament repräsentiert ist. Der Chief Minister, der Regierungschef Tamil Nadus, wird von den Abgeordneten gewählt. An der Spitze des Bundesstaats steht jedoch der vom indischen Präsidenten ernannte Gouverneur (Governor). Seine Hauptaufgaben sind die Ernennung des Chief Ministers und dessen Beauftragung mit der Regierungsbildung. Die Minister werden auf Empfehlung des Chief Ministers ebenfalls vom Gouverneur in ihr Amt eingeführt. Zudem obliegt dem Gouverneur die Auflösung des Parlaments am Ende der Legislaturperiode oder bei einer Regierungskrise. In diesem Falle kann er den Bundesstaat unter die unmittelbare Verwaltung des indischen Präsidenten („President’s rule“) stellen.

Höchster Gerichtshof Tamil Nadus ist der Madras High Court, in dessen Zuständigkeitsbereich auch das Unionsterritorium Puducherry fällt. Den Vorsitz führt der Chief Justice. Seit 2004 besteht eine Zweigstelle in Madurai.

Parteien[Bearbeiten]

Sitzverteilung nach der
Parlamentswahl 2011
AIADMK 150
DMDK 29
DMK 23
CPI(M) 10
CPI 9
Kongress 5
PMK 3
MNMK 2
PT 2
AIFB 1

Die Politik Tamil Nadus wird von den beiden tamilisch-nationalistischen Regionalparteien Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) und All India Anna Dravida Munnetra Kazhagam (AIADMK) geprägt. Diese beiden Parteien wechseln sich seit 1967 an der Macht ab. Ihre Wurzeln liegen in der Organisation Dravidar Kazhagam (DK), von der sich die DMK 1949 abspaltete. 1972 entstand wiederum die AIADMK nach innerparteilichen Auseinandersetzungen durch Abspaltung von der DMK und etablierte sich in der Folge als deren stärkster Konkurrent. Die ursprünglich von der DK vertretenen Forderungen nach einem separaten Dravidenstaat und radikaler Sozialreform haben DMK und AIADMK weitgehend gegen die Beschwörung der Größe der tamilischen Kultur und Sprache und die Forderung nach politischer und kultureller Autonomie der Bundesstaaten eingetauscht.

Wahlwerbung der DMK in Chennai

Neben den beiden großen Parteien existieren weitere Regionalparteien: Die ebenfalls tamilisch-nationalistisch orientierten Desiya Murpokku Dravida Kazhagam (DMDK) und Marumalarchi Dravida Munnetra Kazhagam (MDMK), die kastenbasierten Parteien Pattali Makkal Katchi (PMK), Viduthalai Chiruthaigal Katchi (VCK), Puthiya Tamilagam (PT) sowie die muslimische Manithaneya Makkal Katchi (MNMK). Überregionale Parteien spielen in Tamil Nadu nur eine untergeordnete Rolle: Der Indische Nationalkongress und die beiden kommunistischen Parteien Communist Party of India (CPI) und Communist Party of India (Marxist) (CPI(M)) sind weit von der Mehrheitsfähigkeit entfernt, die hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) ist im Parlament des Bundesstaates gar nicht vertreten. Ohnehin ist die Hindutva-Bewegung in Tamil Nadu weniger stark als in anderen Teilen Indiens, wenn sie auch seit den 1980er Jahren mit der Gründung der Organisationen Hindu Munnani und Hindu Makkal Katchi einen gewissen Auftrieb erlebt hat.

Wegen des herrschenden Mehrheitswahlrechts schließen sich die Parteien vor Wahlen zu Allianzen zusammen, die sich die Wahlkreise untereinander aufteilen. Die letzte Wahl zur Tamil Nadu Legislative Assembly 2011 gewann eine Parteienallianz unter Führung der AIADMK, auf die insgesamt 203 Sitze entfielen. Die AIADMK errang davon 150 Sitze und kann somit allein regieren. Die zuvor regierende DMK wurde deutlich abgestraft: Ihr Bündnis erlangte nur 31 Sitze, mit 23 Sitzen fiel die DMK sogar noch hinter die mit der AIADMK verbündete DMDK zurück. Amtierende Chief Ministerin ist seit dem 16. Mai 2011 die AIADMK-Führerin J. Jayalalithaa, die zuvor bereits 1991–1996 und mit Unterbrechungen 2001–2006 das Amt innehatte.

Obwohl die tamilischen Regionalparteien nur in Tamil Nadu und Puducherry zur Wahl antreten, können sie auf gesamtindischer Ebene bei der Regierungsbildung als Zünglein an der Waage eine wichtige Rolle spielen. Vor der gesamtindischen Parlamentswahl 2009 schloss sich die DMK dem von der Kongresspartei geführten Parteienbündnis United Progressive Alliance und die AIADMK der linksgerichteten Third Front an. Nach dem Wahlsieg der United Progressive Alliance ist die DMK an der Regierung Manmohan Singhs beteiligt.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Tamil Nadu ist in 32 Distrikte eingeteilt (Einwohnerzahl und Bevölkerungsdichte nach der Volkszählung 2011).[10]

Distrikte Tamil Nadus
Distrikt Verwaltungssitz Fläche Einwohner
(2011)
Bev.-
dichte
1 Ariyalur Ariyalur 000000000001940.00000000001.940 km³ 000000000754894.0000000000754.894 000000000000389.0000000000389 Ew./km²
2 Chennai Chennai 000000000000175.0000000000175 km² 000000004646732.00000000004.646.732 000000000026553.000000000026.553 Ew./km²
3 Coimbatore Coimbatore 000000000004732.00000000004.732 km² 000000003458045.00000000003.458.045 000000000000731.0000000000731 Ew./km²
4 Cuddalore Cuddalore 000000000003703.00000000003.703 km² 000000002605914.00000000002.605.914 000000000000704.0000000000704 Ew./km²
5 Dharmapuri Dharmapuri 000000000004497.00000000004.497 km² 000000001506843.00000000001.506.843 000000000000335.0000000000335 Ew./km²
6 Dindigul Dindigul 000000000006036.00000000006.036 km² 000000002159775.00000000002.159.775 000000000000358.0000000000358 Ew./km²
7 Erode Erode 000000000005760.00000000005.760 km² 000000002251744.00000000002.251.744 000000000000391.0000000000391 Ew./km²
8 Kanchipuram Kanchipuram 000000000004483.00000000004.483 km² 000000003998252.00000000003.998.252 000000000000892.0000000000892 Ew./km²
9 Kanyakumari Nagercoil 000000000001684.00000000001.684 km² 000000001870374.00000000001.870.374 000000000001111.00000000001.111 Ew./km²
10 Karur Karur 000000000002904.00000000002.904 km² 000000001064493.00000000001.064.493 000000000000367.0000000000367 Ew./km²
11 Krishnagiri Krishnagiri 000000000005129.00000000005.129 km² 000000001879809.00000000001.879.809 000000000000367.0000000000367 Ew./km²
12 Madurai Madurai 000000000003710.00000000003.710 km² 000000003038252.00000000003.038.252 000000000000819.0000000000819 Ew./km²
13 Nagapattinam Nagapattinam 000000000002569.00000000002.569 km² 000000001616450.00000000001.616.450 000000000000629.0000000000629 Ew./km²
14 Namakkal Namakkal 000000000003420.00000000003.420 km² 000000001726601.00000000001.726.601 000000000000505.0000000000505 Ew./km²
15 Nilgiris Udagamandalam 000000000002565.00000000002.565 km² 000000000735394.0000000000735.394 000000000000287.0000000000287 Ew./km²
16 Perambalur Perambalur 000000000001756.00000000001.756 km² 000000000565223.0000000000565.223 000000000000322.0000000000322 Ew./km²
17 Pudukkottai Pudukkottai 000000000004644.00000000004.644 km² 000000001618345.00000000001.618.345 000000000000348.0000000000348 Ew./km²
18 Ramanathapuram Ramanathapuram 000000000004104.00000000004.104 km² 000000001353445.00000000001.353.445 000000000000330.0000000000330 Ew./km²
19 Salem Salem 000000000005237.00000000005.237 km² 000000003482056.00000000003.482.056 000000000000665.0000000000665 Ew./km²
20 Sivaganga Sivaganga 000000000004233.00000000004.233 km² 000000001339101.00000000001.339.101 000000000000316.0000000000316 Ew./km²
21 Thanjavur Thanjavur 000000000003411.00000000003.411 km² 000000002405890.00000000002.405.890 000000000000705.0000000000705 Ew./km²
22 Theni Theni 000000000002868.00000000002.868 km² 000000001245899.00000000001.245.899 000000000000434.0000000000434 Ew./km²
23 Thoothukudi Thoothukudi 000000000004745.00000000004.745 km² 000000001750176.00000000001.750.176 000000000000369.0000000000369 Ew./km²
24 Tiruchirappalli Tiruchirappalli 000000000004509.00000000004.509 km² 000000002722290.00000000002.722.290 000000000000604.0000000000604 Ew./km²
25 Tirunelveli Tirunelveli 000000000006693.00000000006.693 km² 000000003077233.00000000003.077.233 000000000000460.0000000000460 Ew./km²
26 Tiruppur Tiruppur 000000000005187.00000000005.187 km² 000000002479052.00000000002.479.052 000000000000478.0000000000478 Ew./km²
27 Tiruvallur Tiruvallur 000000000003394.00000000003.394 km² 000000003728104.00000000003.728.104 000000000001098.00000000001.098 Ew./km²
28 Tiruvannamalai Tiruvannamalai 000000000006188.00000000006.188 km² 000000002464875.00000000002.464.875 000000000000398.0000000000398 Ew./km²
29 Tiruvarur Tiruvarur 000000000002274.00000000002.274 km² 000000001264277.00000000001.264.277 000000000000556.0000000000556 Ew./km²
30 Vellore Vellore 000000000006075.00000000006.075 km² 000000003936331.00000000003.936.331 000000000000648.0000000000648 Ew./km²
31 Viluppuram Viluppuram 000000000007194.00000000007.194 km² 000000003458873.00000000003.458.873 000000000000481.0000000000481 Ew./km²
32 Virudhunagar Virudhunagar 000000000004241.00000000004.241 km² 000000001942288.00000000001.942.288 000000000000458.0000000000458 Ew./km²

Wirtschaft[Bearbeiten]

Tamil Nadu ist nach Maharashtra, Uttar Pradesh und Andhra Pradesh die fünftgrößte Volkswirtschaft der 28 Bundesstaaten Indiens und zudem einer der fortgeschrittensten Bundesstaaten des Landes, der von den 1991 eingeleiteten wirtschaftlichen Liberalisierungsmaßnahmen überdurchschnittlich profitiert hat. Seitdem haben sich zahlreiche ausländische Großunternehmen in Tamil Nadu angesiedelt. 2010 betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt Tamil Nadus 4.640 Milliarden Indische Rupien (umgerechnet 98 Milliarden US-Dollar). Damit erbrachte Tamil Nadu über 7 Prozent der gesamten indischen Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist mit 1.358 US-Dollar aber nur wenig höher als der indische Durchschnitt von 1.087 US-Dollar.[11]

Landwirtschaft[Bearbeiten]

Bauern bei der Reisernte (Distrikt Thanjavur)

Obwohl Tamil Nadu zu den am höchsten industrialisierten Bundesstaaten Indiens zählt, ist die Landwirtschaft nach wie vor der wichtigste Arbeitgeber. Rund 45 Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Tamil Nadus Landwirtschaft ist eine der fortschrittlichsten Indiens. Die Ertragsraten liegen weit über dem indischen Durchschnitt. Seit der Einführung der „Grünen Revolution“ Mitte der 1960er Jahre, als dessen „Vater“ der aus Tamil Nadu stammende Agrarwissenschaftler M. S. Swaminathan gilt, wurden die Bewässerungsflächen beträchtlich ausgeweitet, sodass heute etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche künstlich bewässert wird. Dennoch ist der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt aufgrund wesentlich höherer Wachstumsraten in anderen Bereichen rückläufig. 2004 betrug er nur noch 14,2 Prozent.

Als Nahrungsmittel werden vor allem Reis, Erdnüsse, Mais, Sorghum, Fingerhirse, Perlhirse, Hülsenfrüchte sowie verschiedene Obstsorten wie Bananen und Mangos angebaut. Das mit Abstand wichtigste kommerzielle Anbauprodukt ist Zuckerrohr. Dagegen hat die Bedeutung von Baumwolle seit den 1980er Jahren stark abgenommen. In geringerem Maße werden außerdem Gewürze, Kaffee, Tabak und Tee angepflanzt.

Bodenschätze und Bergbau[Bearbeiten]

80 Prozent der bekannten indischen Braunkohlevorkommen befinden sich in Tamil Nadu,[12] hauptsächlich im Umland der Stadt Neyveli im Distrikt Cuddalore. Im Süden und Südosten des Bundesstaates werden Mineralsande abgebaut, aus denen seltene Mineralien wie Titaneisen, Granat, Zirkon, Rutil und Monazit gewonnen werden. Im Nordosten gibt es Vorkommen von Magnesit. Zudem werden Granit, Kalkstein, Quarz und Quarzsande, Feldspat, Magneteisenstein, Bauxit und Graphit abgebaut. Vor der Küste des Distriktes Nagapattinam wird in geringen Mengen Erdöl gefördert.

Industrie[Bearbeiten]

Der Tidel Park in Chennai ist das größte IT-Zentrum Tamil Nadus.

Tamil Nadu ist einer der höchstindustrialisierten Bundesstaaten Indiens. 2004 erwirtschaftete die Industrie 29,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Der wichtigste Industriezweig ist nach wie vor die Textilindustrie, die für fast ein Drittel der gesamten indischen Baumwollgarnproduktion aufkommt. Die Lederindustrie hat sogar einen Anteil von 70 Prozent. Neben diesen traditionellen Branchen nehmen die Fahrzeugindustrie und deren Zuliefererbetriebe einen besonderen Stellenwert ein. Neben inländischen Automobilfirmen lassen auch Ford, Hyundai, BMW und Mitsubishi in Tamil Nadu produzieren. Andere wichtige Industriezweige sind die metallverarbeitende, chemische, Mineralöl-, pharmazeutische, elektrotechnische, Software-, Fahrrad-, Lebensmittel-, Zement- und pyrotechnische Industrie sowie der Maschinenbau. Avadi bei Chennai ist einer der wichtigsten Standorte der indischen Rüstungsproduktion, unter anderem auch der einzige Produktionsstandort für Arjun-Panzer in ganz Indien.

Räumlich ballt sich die Industrieproduktion in drei Großräumen. Der mit Abstand wichtigste Industrieraum ist das Ballungsgebiet Chennai, wo nahezu alle bedeutsamen Industriezweige vertreten sind. Im mittleren Tamil Nadu zieht sich eine Industrieachse vom Kaveridelta durch die Ebene des Flusses mit den Standorten Tiruchirappalli (Metallverarbeitung, Textilien, Zement) und Salem-Mettur (Stahl, Aluminium, Textilien, Zement, Kunststoffe, Chemikalien) bis ins westliche Hochland, wo mit Coimbatore und Tiruppur zwei bedeutende Textilzentren liegen. Coimbatore ist jedoch längst nicht mehr nur eine Textilhochburg, was ihm einst den Spitznamen „Manchester Südindiens“ eingebracht hat, sondern hat sich darüber hinaus zum zweitwichtigsten Industriestandort Tamil Nadus nach Chennai entwickelt. Besonders der Maschinenbau hat eine Vorrangstellung erlangt. Die dritte große Industrieregion ist der Ballungsraum Madurai im Süden.

Dienstleistungen und Fremdenverkehr[Bearbeiten]

Der Strandort Mamallapuram gehört zu den beliebtesten Reisezielen Tamil Nadus

Der Dienstleistungsbereich, mittlerweile der Hauptantriebsmotor der wirtschaftlichen Entwicklung, hatte 2004 einen Anteil von 56,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Besonders hohe Wachstumsraten verzeichnet die Informationstechnologie. Zudem gewinnen die Telekommunikations- und die Biotechnologiebranche an Bedeutung. Viele ausländische Firmen, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, lagern Unternehmensteile wie Callcenter oder Buchhaltung nach Tamil Nadu aus.

Auch der Fremdenverkehr hat sich seit den 1990er Jahren rasant entwickelt. 2011 besuchten 137 Millionen einheimische und 3,3 Millionen ausländische Besucher Tamil Nadu – ein Zuwachs von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[13] Beliebte Reiseziele sind neben der Hauptstadt Chennai vor allem der Strandort Mamallapuram (Mahabalipuram) mit seinen Bauten aus der Pallava-Zeit sowie die alten Tempelstädte Madurai, Thanjavur, Kanchipuram, Chidambaram, Tiruvannamalai und Rameswaram die auch viele Pilger anziehen. Die drei „großen Tempel der Chola-Dynastie“ in Thanjavur, Gangaikonda Cholapuram und Darasuram gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO, ebenso der Tempelbezirk von Mamallapuram und die Nilgiri-Bergeisenbahn. Die in der britischen Kolonialzeit erschlossenen hill stations in den Westghats, wie Udagamandalam (Ooty) und Kodaikanal, werden dank der landschaftlich reizvollen Umgebung sowie des angenehm kühlen Klimas als Urlaubsziele geschätzt. Naturliebhaber kommen in einem der fünf Nationalparks, unter denen der Mudumalai-Nationalpark aufgrund seiner Artenvielfalt besonders hervorragt, auf ihre Kosten. Immer beliebter vor allem bei ausländischen Gästen wird der Gesundheitstourismus, etwa in Form von Ayurveda-Kuren. Der Badetourismus ist dagegen trotz geeigneter Strände wenig ausgeprägt.

Infrastruktur[Bearbeiten]

Bus in Thanjavur

Der wichtigste Verkehrsweg in Tamil Nadu ist die Straße. Insgesamt umfasst das Straßennetz knapp 200.000 Kilometer, wovon drei Viertel asphaltiert sind (Stand 2007/08). Die National Highways machen mit einer Gesamtlänge von 4.500 Kilometern nur einen kleinen Teil des Straßennetzes aus, machen aber 40 % des Verkehrsauskommens aus.[14] Die tamilischen Streckenabschnitte der National Highways von Chennai nach Mumbai und Kolkata – zusammen rund 340 Kilometer – wurden im Rahmen des Projektes „Golden Quadrilateral“ („Goldenes Viereck“) zu vierspurigen Autobahnen ausgebaut. Weitere Ausbauten sind geplant, um des wachsenden Verkehrsaufkommens Herr zu werden: Die Anzahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge nimmt jedes Jahr über 10 % zu.[14] Die staatliche Busgesellschaft Tamil Nadu State Transport Corporation und private Unternehmen bieten zahlreiche Busverbindungen zwischen den Städten des Bundesstaates an.

Alle größeren Städte Tamil Nadus sind an das Schienennetz angeschlossen. Es untersteht der Regionalgesellschaft Southern Railway der indischen Staatsbahn. Die Gesamtlänge des Schnienennetzes in Tamul Nadu beträgt 3941 Kilometer (Stand 2007/08). Die Hauptlinien, die etwas über die Hälfte des Eisenbahnnetzes ausmachen, sind breitspurig ausgebaut, allerdings nur zum Teil elektrifiziert. Die restlichen Schienenwege sind meterspurig.[14] Die Hauptstadt Chennai verfügt über eine Vorortbahn, eine U-Bahn ist im Bau.

Chennai besitzt einen großen internationalen Flughafen, den Chennai International Airport. Nach Mumbai und Delhi ist er der drittwichtigste Flughafen Indiens. Daneben gibt es zwei kleinere internationale Flughäfen in Tiruchirappalli und Coimbatore sowie Inlandsflughäfen in Madurai, Salem, und Thoothukudi.

Drei der zwölf Hauptseehäfen Indiens liegen in Tamil Nadu: Chennai, Thoothukudi und Ennur. Der Hafen von Chennai hatte 2007/08 eine Güterumschlagmenge von knapp 57 Millionen Tonnen.[14] Damit sind Chennai und Thoothukudi neben Navi Mumbai in Maharashtra die wichtigsten Containerhäfen des Landes. Darüber hinaus existieren 15 kleinere Häfen in Tamil Nadu, die jedoch nur für die Küstenschifffahrt von Bedeutung sind.

Als einer der wenigen indischen Bundesstaaten erzeugt Tamil Nadu einen Elektrizitätsüberschuss, den es an benachbarte Bundesstaaten weiterleitet. Strom wird vor allem aus Wärme- (Braunkohle, Erdgas), Wasser-, Kern- und Windenergie gewonnen. Bei letzterer nimmt Tamil Nadu eine Führungsposition innerhalb Indiens ein, da es für mehr als die Hälfte der indischen Windenergieerzeugung aufkommt.

Soziales und Bildung[Bearbeiten]

Soziales[Bearbeiten]

Im Vergleich zu anderen Regionen Indiens ist Tamil Nadu verhältnismäßig wohlhabend. Krasse Armut ist daher nicht ganz so häufig anzutreffen wie etwa in Nordindien. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2006/07 bei 32.733 Rupien[15] und damit etwas über dem Landesdurchschnitt von 29.642 Rupien. 2001 wurde für Tamil Nadu ein Human Development Index von 0,657 gegenüber einem Wert von 0,571 für ganz Indien ermittelt. Auch Gesundheitsindikatoren wie die Lebenserwartung von 64,6 Jahren (Männer: 63,7 Jahre, Frauen: 65,7 Jahre) gegenüber 61,7 Jahren im Landesdurchschnitt (Männer: 60,8 Jahre, Frauen: 62,5 Jahre; Stand jeweils 1999) und die Säuglingssterblichkeit von 41 auf 1000 Lebendgeburten gegenüber 60 im Landesdurchschnitt (Stand jeweils 2003) weisen auf Tamil Nadus relative Bessergestelltheit innerhalb Indiens hin.

Dennoch bestehen auch in Tamil Nadu weiterhin gravierende soziale Probleme und Ungleichheiten. So sind die außerhalb des Kastensystems stehenden Dalit, die in Tamil Nadu einen überproportional hohen Bevölkerungsanteil von etwa einem Fünftel haben, nach wie vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt. Viele von ihnen müssen sich ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner in der Landwirtschaft verdienen. Kinderarbeit ist noch immer ein weitverbreitetes Problem; auffällig ist dabei der hohe Anteil von Mädchen – ein Indiz für das geringere Ansehen von Mädchen und Frauen in der Gesellschaft. Fast die Hälfte aller Kinder ist unterernährt. Hohe Arbeitslosigkeit stellt vor allem in den Städten eine große Herausforderung dar.

Bildung[Bearbeiten]

Senatsgebäude der University of Madras

Tamil Nadu weist im Vergleich zu anderen Teilen Indiens gute Bildungsindikatoren auf. Die Alphabetisierungsrate liegt mit 80,3 Prozent (Männer: 86,8 Prozent, Frauen: 73,9 Prozent) deutlich über dem gesamtindischen Durchschnitt von 74,0 Prozent (Männer: 82,1 Prozent, Frauen: 65,5 Prozent; Stand: jeweils Volkszählung 2011).[16] Es besteht Schulpflicht ab einem Alter von 6 Jahren. Tatsächlich werden 98,3 Prozent aller Kinder Tamil Nadus eingeschult, wobei sich die Einschulungsraten von Jungen und Mädchen kaum unterscheiden. Im Gegensatz dazu besuchen nur 42,8 Prozent aller Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren eine höhere Schule. Insgesamt verfügt der Staat über knapp 50.000 Grund- und weiterführende Schulen, in denen Tamil als erste Unterrichtssprache dient. An Hochschulen wird dagegen ein großer Teil der Lehrveranstaltungen in englischer Sprache durchgeführt.

In Tamil Nadu gibt es 21 Universitäten. Darüber hinaus existieren hunderte von privaten und staatlichen Colleges für Fach-, Berufs- und Allgemeinbildung. Das Indian Institute of Technology (IIT) in der Hauptstadt Chennai ist eine von nur sieben Einrichtungen dieser Art in Indien. Es zählt zu den Elitehochschulen im Bereich Technologie und Ingenieurwesen.

Kultur[Bearbeiten]

Ein Kolam – sichtbares Zeichen der tamilischen Kultur

Die tamilische Kultur ist Teil der gesamtindischen Kulturtradition, hat aber in vielerlei Hinsicht ein eigenständiges Angesicht bewahrt, das sich deutlich vom Rest Indiens unterscheidet. Das wichtigste Bindeglied der tamilischen Kultur ist die tamilische Sprache, die zum zentralen Identifikationsmerkmal erhoben und bisweilen geradezu vergöttlicht wird. Das Tamil gehört zur Familie der in Südindien gesprochenen dravidischen Sprachen und ist somit nicht mit den Sprachen Nordindiens verwandt. Es kann auf eine über 2000-jährige eigenständige Literaturgeschichte zurückblicken und zählt daher als klassische Sprache. Viele Tamilen betonen stolz das hohe Alter und die Eigenständigkeit der tamilischen Sprache.[17]

Literatur[Bearbeiten]

Die tamilische Literatur besitzt ein Alter von über 2000 Jahren und hat damit die älteste durchgängige Tradition aller modernen indischen Sprachen.[18] Auch beruht sie nicht auf der Sanskrit-Literatur, sondern hat einen weitgehend eigenständigen Ursprung. Die früheste Entwicklungsstufe der tamilischen Literatur (etwa 200 v. Chr. bis 300 n. Chr.) wird als Sangam-Literatur bezeichnet. Das Tolkappiyam, eine Grammatik des Tamil, beschreibt die Ästhetik der klassischen Dichtung. Sie wird nach subjektiven Inhalten (akam), wie Liebe und Sexualität, sowie objektiven Themen (puram), wie Krieg und Staatswesen, unterschieden, die jeweils bildhaft dargestellt werden. Im Gegensatz zur nordindischen Sanskritliteratur spielen religiöse Themen in der frühen Tamil-Literatur kaum eine Rolle. Der Korpus der Sangam-Literatur wird unterteilt in die Sammlungen Ettuttokai („Acht Anthologien“) und Pattuppattu („Zehn Lieder“) sowie die „Fünf Großen Epen“, darunter das Cilappatikaram.

Gegen Ende der Sangam-Periode machten sich verstärkt die Einflüsse der sanskritischen Kultur bemerkbar, die unter anderem in umfangreichen buddhistischen und jainistischen Schriften zum Ausdruck kamen. Neue Themen wie Moral und Ethik traten in den Vordergrund, etwa in Tiruvalluvars belehrender Verssammlung Tirukkural. Mit dem Entstehen der hinduistischen Bhakti-Bewegung im 7. Jahrhundert erlebte die fromme Hindulyrik in Form von Preisliedern auf Shiva und Vishnu eine Blüte. In der Chola-Zeit wurde das Epos zum beliebtesten Genre. Hervorzuheben ist hier besonders Kampan mit seinem Kamparamayanam, einer Version des Ramayana.

Umwälzende Veränderungen erlebte die tamilische Literatur infolge westlicher Einflüsse während der europäischen Kolonialherrschaft. Neue Genres, wie Roman, Essay und Kurzgeschichte, setzten sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert durch und prägen die moderne tamilische Literatur bis heute. Als Begründer der tamilischen Moderne gilt der Dichter Subramaniyam Bharati (1882–1921). R. Krishnamurthy („Kalki“, 1899–1954) verarbeitete in seinen Romanen und Kurzgeschichten vor allem historische Stoffe. Pudhumaipithan (1906–1948) erlangte durch seine sozialkritischen Werke große Anerkennung.

Architektur[Bearbeiten]

Ufertempel in Mamallapuram
Nataraja-Tempel in Chidambaram mit charakteristischem Gopuram

In architektonischer Hinsicht sticht in Tamil Nadu die Tempelbaukunst hervor. An zahlreichen Orten des Bundesstaates finden sich große Tempelanlagen im südindischen Dravida-Stil. Charakteristisch sind die hohen, meist mit reichen Figurenschmuck verzierten Gopurams (Tortürme) und der Aufbau des weitläufigen Tempelkomplexes, der sich über mehrere Hektar erstrecken kann, um den zentralen Hauptschrein herum. In den klassischen Tempelstädten wie Madurai, Srirangam, Chidambaram, Rameswaram und Tiruvannamalai bildet das Heiligtum den Mittelpunkt der Stadt, deren Stadtgrundriss den Umrissen des Tempels folgt.

In Tamil Nadu finden sich einige der herausragendsten Beispiele frühmittelalterlicher hinduistischer Tempelbaukunst. Die monolithischen Felsentempel aus der Pallava-Zeit (7. und 8. Jahrhundert) in der ehemaligen Hafenstadt Mamallapuram sind Frühformen des südindischen Dravida-Stils und sind durch einen pyramidenförmig gestuften Tempelturm (Vimana) über dem Allerheiligsten gekennzeichnet. Dem Vimana ist üblicherweise eine Säulenhalle vorgelagert. Im 8. Jahrhundert setzte sich der in Mamallapuram begonnene Tempelbaustil in der alten Pallava-Hauptstadt Kanchipuram fort. Die Chola entwickelten die Vimanas der Pallava-Zeit zu gewaltigen Stockwerkpyramiden weiter, deren Geschosse mit aufgesetzten Scheinzellen verziert wurden. Dieser Entwicklung erreichte mit dem Brihadishvara-Tempel in Thanjavur im frühen 11. Jahrhundert ihren Höhepunkt.

Unter den späten Chola und insbesondere unter den sie ablösenden Pandya und der Nayak-Dynastien vollzog sich eine bauliche Akzentverlagerung vom Vimana auf den Torturm (Gopuram) des den eigentlichen Sakralbau umgebenden Tempelbereiches. Während der Vimana kleiner und unauffälliger ist, nimmt der Gopuram nun dessen Größe und künstlerische Ausgestaltung an. Durch die Ergänzung zusätzlicher Säulenhallen sowie mit Gopurams geschmückter Mauerzüge wuchsen viele Tempelbezirke zu weitläufigen Komplexen heran. Höhepunkt dieser Entwicklung ist der Minakshi-Tempel in Madurai, der seine heutige Gestalt im Wesentlichen im 16.–17. Jahrhundert erhielt.

Unter europäischer Herrschaft erlebte die zuvor weitgehend unbeachtete Profanarchitektur einen Aufschwung. Besonders in Chennai entstanden monumentale Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude wie der High Court sowie zahlreiche Museumsbauten im indo-sarazenischen Stil, der europäische, indische und islamische Einflüsse in sich vereinte.

Musik und Tanz[Bearbeiten]

Bharatanatyam-Tänzerin

Der klassische Musikstil Tamil Nadus ist die karnatische Musik, die im Gegensatz zur hindustanischen Musik Nordindiens kaum von persisch-arabischen Traditionen beeinflusst wurde. Sie ist eine der beiden Hauptrichtungen klassischer indischer Musik und weist deren Merkmale auf: Raga, ein Tonleitersystem, das mit bestimmten rhythmischen Zyklen (Tala) zusammengestellt wird. Die am häufigsten verwendeten Melodieinstrumente sind Saiteninstrumente wie Vina und Geige. Als Rhythmusgeber dienen vor allem Mridangam, Kanjira oder Ghatam. Bekannte Vokalinterpreten dieser Musik sind D. K. Pattammal, M. S. Subbulakshmi und M. L. Vasanthakumari. Bestandteile klassischer karnatischer Musik finden sich auch in der modernen tamilischen Popmusik wieder, häufig Filmmusiken beliebter Kinostreifen. Der erfolgreichste Komponist moderner Musik aus Tamil Nadu ist A. R. Rahman. In den ländlichen Gegenden hält sich noch die ursprüngliche Volksmusik, besonders unter den Stämmen des Berglandes. In der Hauptstadt Chennai findet jedes Jahr im Dezember ein großes Musikfestival statt (Chennai Music Season), bei dem einige der anerkanntesten Virtuosen der karnatischen Musik und Darsteller südindischer Tanzformen auftreten.

Tänze dienen seit jeher als Ausdrucksformen religiöser Verehrung oder zur Darstellung mythologischer Themen. Schon im Altertum wurden sie von Tempeldienerinnen (Devadasis) dargeboten. Der Bharatanatyam, heute einer der sieben führenden klassischen Tanzstile Indiens, hat seinen Ursprung in Tamil Nadu. Er wurde in den 1930er Jahren von Rukmini Devi Arundale wiederbelebt und weiterentwickelt und wird heute unter anderem an der von ihr gegründeten Kalakshetra-Akademie in Chennai gelehrt. Er umfasst rein tänzerische sowie dramatische Elemente. Als Einzeltanz kann er sowohl von Frauen als auch von Männern dargeboten werden. Darüber hinaus bestehen zahlreiche Volkstanz- und Tanzdramatraditionen.

Film[Bearbeiten]

Das tamilische Kino trägt in Anspielung auf Hollywood und Bollywood, die Filmindustrie in Mumbai, auch den Namen „Kollywood“. Der Anfangsbuchstabe weist auf Kodambakkam hin, den Stadtteil Chennais, auf den die tamilische Filmproduktion konzentriert ist. Der erste Spielfilm entstand in Kodambakkam 1916 unter der Regie von R. Nataraja Mudaliar. Als erster Tonfilm folgte 1931 Kalidas von H. M. Reddy. Heute gehört der tamilische Film mit derzeit 150 bis 200 Produktionen pro Jahr neben dem Hindi-Film und dem Telugu-Film zu den drei größten indischen Regionalfilmindustrien, die alle schon die Spitzenposition der meisten produzierten Filme innehatten (Tamil erstmals 1979 mit 139 Produktionen[19]).

In Konzeption und Thematik ähneln die meisten tamilischen Produktionen denen des Hindi-Films, grenzen sich aber durch die Verwendung der tamilischen Sprache ab. Wie auch in Bollywoodfilmen kommt Musik- und Tanzeinlagen eine hohe Bedeutung zu, allerdings finden sich mehr komische und Kampfkunstelemente. Erfolgreiche Tamil-Filme werden oft in leicht abgewandelter Form und mit anderer Besetzung in Bollywood neuverfilmt, seltener auch umgekehrt. Bekannte Regisseure des gegenwärtigen tamilischen Films sind beispielsweise S.Shankar, Mani Ratnam,Linguswamy,AR.Murugadoss und Gautham Vasudev Menon, die mittlerweile auch an zahlreichen anderssprachigen Produktionen mitgewirkt haben und als herausragende indische Regisseure gelten. Der gegenwärtige „Superstar“ ist der erfolgreiche Schauspieler Rajinikanth, welcher in der Vergangenheit sehr viele kommerzielle Erfolge durch seine Filme erzielen konnte.

Eine Besonderheit ist die außergewöhnliche hohe, zuweilen abgöttische Verehrung, die Schauspielern und Schauspielerinnen entgegengebracht wird. In keinem anderen Bundesstaat Indiens waren ehemalige Filmschaffende politisch so erfolgreich wie in Tamil Nadu. Die enge Verbindung von Politik und Filmindustrie begann in den 1950er-Jahren als die DMK-Partei den tamilischen Film zu einem Vehikel ihrer Propaganda machte („DMK-Film“).[20] Seit 1967 sind alle politischen Führer Tamil Nadus – die Drehbuchautoren C. N. Annadurai und M. Karunanidhi sowie die Schauspieler M. G. Ramachandran und J. Jayalalithaa – Filmpersönlichkeiten gewesen.

Sport[Bearbeiten]

Cricket-Spiel im M. A. Chidambaram Stadium in Chennai

Wie in ganz Indien ist die mit Abstand beliebteste Sportart in Tamil Nadu Cricket, gefolgt von Hockey. Die Chennai Veerans sind der erfolgreichste Hockeyverein Tamil Nadus. Die First-Class Cricket-Auswahl des Bundesstaates spielt in der Ranji Trophy, einem der wichtigsten nationalen Cricketwettbewerbe, und trägt ihre Spiele im 50.000 Zuschauer fassenden M. A. Chidambaram Stadium in Chennai aus. Das Jawaharlal Nehru Stadium mit 40.000 Plätzen, ebenfalls in der Hauptstadt, wird für Leichtathletikveranstaltungen und Fußballspiele genutzt. Es ist Heimspielstätte des erfolgreichsten Fußballvereins von Tamil Nadu, Indian Bank RC, der 1996 Gründungsmitglied der National Football League war, derzeit (Spielzeit 2010/11) aber nur noch zweitklassig ist.

Drei der international bekanntesten indischen Sportler kommen aus Tamil Nadu: Viswanathan Anand, derzeit Schachweltmeister, sowie die Formel-1-Rennfahrer Narain Karthikeyan und Karun Chandhok.

Küche[Bearbeiten]

Idli und Vadai auf einem Bananenblatt mit Sambar und Kokoschutney serviert

Die als besonders pikant geltende tamilische Küche zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt an vegetarischen Gerichten aus. Fleischspeisen sind aus religiösen Gründen von untergeordneter Bedeutung, allerdings werden gelegentlich Fisch oder Meeresfrüchte verwendet. Als Grundnahrungsmittel dient Reis. Eine typische Hauptmahlzeit besteht aus Reis, der mit Linsen, verschiedenem Gemüse, Sambar (einer Soße auf Linsen- und Tamarindenbasis), Rasam (einer dünnen Pfeffersoße) und Joghurt verzehrt wird. Bei der Zubereitung der Soßen kommt eine Vielzahl an Gewürzen zum Einsatz, darunter Tamarinde, Curryblätter, Koriander, Ingwer, Chili, Knoblauch, Pfeffer, Kardamom, Kreuzkümmel, Zimt, Muskatnuss und Gewürznelken.

Als Zwischenmahlzeiten beliebt sind Dosai, eine Art Pfannkuchen aus Reis- und Urdbohnenmehl, Idli, gedämpfte Küchlein, die ebenfalls aus Reis- und Urdbohnenmehl gefertigt werden, und Vadai, fritierte Küchlein aus Urdbohnen. Dazu reicht man Sambar und Chutneys aus Kokosfleisch oder Tomaten. Die Speisen werden für gewöhnlich auf einem Bananenblatt serviert. Gegessen wird traditionell mit der rechten Hand.

Noch vor dem in ganz Indien beliebten Tee ist in Tamil Nadu Kaffee das wichtigste Getränk. Er wird als Filterkaffee mit viel Milch und Zucker zubereitet und in Edelstahlbechern serviert.

Feste[Bearbeiten]

Pongal-Kochen am zweiten Tag des Pongal-Festes

Neben den überregional verbreiteten Feiertagen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften gilt das Erntedankfest Pongal als das wichtigste aller tamilischen Feste. Es wird vom ersten Tag des tamilischen Monats Tai (Mitte Januar) an vier Tage lang gefeiert. Am ersten Tag werden symbolisch alte Gegenstände weggeworfen. Der wichtigste Tag ist der zweite, an dem man eine Art Milchreis kocht, der ebenfalls Pongal heißt. Das Gericht muss dabei überkochen, was den Wunsch nach einer guten Ernte, Wohlstand und Überfluss zum Ausdruck bringen soll. Am dritten Tag dankt man den Kühen und Büffeln für ihre Dienste. Dabei findet vielerorts ein Jallikattu genannter Wettkampf statt, bei dem junge Männer versuchen, einen Bullen niederzuringen. Am vierten Tag klingt das Pongal-Fest mit Familienbesuchen aus.

Das tamilische Neujahrsfest findet Mitte April statt. Unter den religiösen Festen der Hindus ragt das Lichterfest Diwali heraus, im Tamilischen Dipavali genannt. In den Tempelstädten Tamil Nadus werden im jährlichen Rhythmus große Tempelfeste gefeiert, bei denen die Götterbilder in aufwändigen Prozessionen auf großen Tempelwagen durch die Straßen gezogen werden.

Berühmte Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Aus Tamil Nadu kommen mehr Träger der höchsten zivilen Auszeichnung Indiens, des Bharat Ratna, als aus jedem anderen Bundesstaat. Zu den acht tamilischen Trägern des zuletzt 2001 verliehenen Ordens gehören der Politiker C. Rajagopalachari (1878–1972), Indiens zweiter Präsident S. Radhakrishnan (1888–1975), der Physiker und Nobelpreisträger C. V. Raman (1888–1970), der Politiker und ehemalige Chief Minister K. Kamaraj (1903–1975), der Schauspieler und langjährige Chief Minister M. G. Ramachandran (1917–1987), der Raketeningenieur und ehemalige indische Präsident A. P. J. Abdul Kalam (geb. 1931), die Sängerin M. S. Subbulakshmi (1916–2004) sowie der maßgeblich an der Durchführung der „Grünen Revolution“ beteiligte Politiker C. Subramaniam (1910–2000). Als eigentlicher Vater der „Grünen Revolution“ gilt der Agrarwissenschaftler M. S. Swaminathan (geb. 1925). Auch der Mathematiker S. Ramanujan (1887–1920) und der Physiker und Nobelpreisträger Subrahmanyan Chandrasekhar (1910–1995) waren tamilischer Abstammung. Der spirituelle Lehrer und Vorgänger der Satsang-Bewegung Ramana Maharshi (1879–1950) wurde ebenfalls in Tamil Nadu geboren.

siehe auch: Liste bekannter Tamilen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Know India: Tamil Nadu
  2. Census of India 2011: Provisional Population Totals. Cities having population 1 lakh and above. (PDF; 154 kB)
  3. Census of India 2011: Distribution of population, sex ratio, density and decadal growth rate of population : 2011.
  4. Census of India 2011: Provisional Population Totals – India – Rural-Urban Distribution. (PDF; 8,1 MB)
  5. Census of India 2001: Tamil Nadu – The Scheduled Tribes (PDF; 38 kB)
  6. Indischer Zensus 2001
  7. Census of India 2001: Population by religious communities.
  8. Vgl. Torsten Tschacher: Islamic Education in a Tamil Town: The Case of Kilakkarai in Jan-Peter Hartung, Helmut Reifeld (eds.): Islamic Education, Diversity, and National Identity. Dīnī Madāris in India Post 9/11. New Delhi-London 2006. S. 196–223.
  9. Tamil Nadu Legislative Assembly: The State Legislature – Origin and Evolution
  10. Census of India 2011: Primary Census Abstract – Tamil Nadu. (PDF; 873 kB)
  11. VNW Analystic Services: State Domestic Product of India 2010-11.
  12. Governement of Tamil Nadu, Departement of Geology & Mining: Mineral Wealth.
  13. The Hindu, 1. März 2012: State attracted over 14 crore tourists during 2011.
  14. a b c d Transport ans Communication
  15. http://mospi.nic.in/10_percapnsdp_cor_9394ser.htm
  16. Census of India 2011: Literates and literacy rates by sex : 2011.
  17. Sumathi Ramaswamy: Passions of the Tongue. Language Devotion in Tamil India, 1891–1970, Berkley and Los Angeles: University of California Press, 1997.
  18. Zur tamilischen Literatur siehe Kamil Zvelebil: Tamil Literature, Wiesbaden: Harrassowitz, 1973.
  19. Übersicht zur Anzahl der Produktionen in den einzelnen Sprachen Indiens in: Ashish Rajadhyaksha, Paul Willemen. Encyclopaedia of Indian Cinema. S. 30 ff.
  20. Robert L. Hardgrave: “Politics and the Film in Tamilnadu: The Stars and the DMK”, in: Asian Survey 13.3 (1973), S. 288–305.

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim K. Bautze: Indien und seine Bundesstaaten. Komet Verlag, Köln 2006, ISBN 3-89836-527-1
  • Fritjof Capra, Jacqueline Capra: Die Seele Indiens. Tamil Nadu. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 1984, ISBN 3-922294-37-5
  • R. Nagaswami: Art and Culture of Tamil Nadu. Sundeep Prakashan, Delhi 2004, ISBN 81-7574-015-9
  • George Michell: Temple Towns of Tamil Nadu. Marg Publications, Mumbai 2003, ISBN 81-85026-21-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tamil Nadu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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