Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Diakonisches Werk)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband
Logo des Diakonischen Werkes: Schriftzug mit rechts daneben stehendem Kronenkreuz
Typ Teilwerk im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung
Sitz Berlin, Deutschland
Schwerpunkt Soziale Arbeit, Sozialpolitik
Freiwillige 700.000
Angestellte 453.000
Website http://www.diakonie.de/

Die Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband ist der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), altkonfessioneller Kirchen und zahlreicher Freikirchen. Die Diakonie Deutschland handelt dem Selbstverständnis der Diakonie entsprechend als soziale Arbeit der evangelischen Kirchen an Menschen aller Altersgruppen unabhängig von Geschlecht und Religionszugehörigkeit.

Unter dem Dach der Diakonie und der rechtlich selbstständig agierenden 19 Diakonischen Werke arbeiten 453.000 hauptamtliche Mitarbeiter (Stand: 1. Januar 2010) und weitere rund ehrenamtliche 700.000 Mitarbeiter (Stand: Ende 2011), zusammengefasst ist die Diakonie Deutschland damit nach der Caritas, der katholischen Entsprechung, der zweitgrößte private Arbeitgeber in Deutschland. Es gibt etwa 27.100 diakonische Einrichtungen und Dienste mit insgesamt etwa einer Million Betreuungsplätzen in Deutschland.[1]

Bis 2012 nahm das Diakonische Werk der EKD als eigenständiger eingetragener Verein, zu dem die Aktion Brot für die Welt gehörte, die Aufgaben der Diakonie in Deutschland wahr. Mit der Zusammenführung des Diakonischen Werks der EKD und des Evangelischen Entwicklungsdienstes zum neuen Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung im Oktober 2012 trat die Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband als Teilwerk des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung die Nachfolge des Diakonischen Werkes der EKD an.[2]

Die Diakonie Österreich ist der entsprechende Dachverband in Österreich.

Geschichte[Bearbeiten]

Entwicklungen bis 1848[Bearbeiten]

In der Kirchengeschichte hat es immer eine Diakonie gegeben. Orden, die sich der Krankenpflege widmeten, treten in der mittelalterlichen Geschichte dabei am meisten hervor. Nachreformatorisch haben die von August Hermann Francke gegründeten Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale) (1698), das von Johann Hinrich Wichern aufgebaute Rauhe Haus in Hamburg (1833), der 1836 von Theodor Fliedner in Kaiserswerth ins Leben gerufene Rheinisch-Westfälische Diakonissenverein (siehe auch Kaiserswerther Diakonie) und der Neukirchener Erziehungsverein, den Pfarrer Andreas Bräm mit Mitgliedern seines Presbyteriums 1845 in Neukirchen-Vluyn gründete, eine besondere Stellung.

Besonders in der evangelisch-reformierten Kirche kam es durch Rückbesinnung auf die ursprüngliche Bedeutung des Diakonats im Neuen Testament bei Johannes Calvin zur Erneuerung des Amtes des Diakons oder Armenpflegers in der örtlichen Gemeinde. Im reformierten „gegliederten Amt“ stehen Pastoren, Gemeindeälteste (Presbyter), Lehrer und Diakone gleichberechtigt nebeneinander.

Kirchentag zu Wittenberg 1848[Bearbeiten]

Einen wesentlichen Neuimpuls erhielt die Diakonie am 22. September 1848. Johann Hinrich Wichern, der fünfzehn Jahre zuvor das Rauhe Haus in Hamburg für verwahrloste Kinder gegründet hatte, rückte in einer zweistündigen Stegreifrede auf dem Kirchentag zu Wittenberg das diakonische Handeln in die Mitte kirchlichen Tuns. Seine Rede gipfelte in den Sätzen:

„Meine Freunde, es tut eines Not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: ‚Die Arbeit der Innern Mission ist mein!‘, dass sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: die Liebe gehört mir wie der Glaube. Die rettende Liebe muss ihr das große Werkzeug, womit sie die Tatsache des Glaubens erweiset, werden. Diese Liebe muss in der Kirche als die helle Gottesfackel flammen, die kund macht, dass Christus eine Gestalt in seinem Volk gewonnen hat. Wie der ganze Christus im lebendigen Gottesworte sich offenbart, so muss er auch in den Gottestaten sich predigen, und die höchste, reinste, kirchlichste dieser Taten ist die rettende Liebe.“[3]

Wichern erkannte an, dass es an etlichen Stellen bereits diakonisches Engagement gab. Daher meinte er, an manchen Stellen bedürfe es nicht neuer Initiativen, sondern der Weiterentwicklung und Umorganisation von Bestehendem. Man solle aufhören, caritative Bestrebungen „als Dilettanten-Arbeiten und als bloß philanthropische Unternehmungen zu betrachten; sie müssen als heilige Aufgaben der evangelischen Kirche erfasst und als solche mit neuem Ernste in das Volksleben eingeführt werden. Auf den Kanzeln soll man sie fortan verkündigen hören.“ Wichern ging es um christliche Barmherzigkeit, sein Hauptziel war die Kräftigung der Selbsthilfe der sozial Bedrückten; das soziale Versagen der Kirche erkannte er rückhaltlos an; auch für die sozialistischen Bestrebungen hatte er Verständnis. Wicherns Rede zündet und führt 1849 zur Gründung des Centralausschußes für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche.

Der „Centralausschuß für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche“ war der Beginn kirchlich organisierter Diakonie, dem die Entstehung vieler rechtlich selbstständiger Heime, Anstalten und Einrichtungen im Geiste der Diakonie folgte.

Diakonie nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Nach 1945 wurde das „Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland“ gegründet. Es erschloss Auslandshilfen und belebte ökumenische Kontakte, um die Hungersnot in Deutschland zu bekämpfen, Vertriebene und Flüchtlinge anzusiedeln und die Jugendberufsnot zu lindern.

Die Innere Mission und das Hilfswerk schlossen sich ab 1957 in landeskirchlichen Werken zusammen. 1975 wurden sie im Diakonischen Werk der EKD vereint. Am 19. März 1991 traten die Diakonischen Werke der Kirchen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR dem Diakonischen Werk der EKD bei.

In der Nachkriegszeit kam es auch in Heimen des Diakonisches Werkes zu schweren Kindesmisshandlungen (Schwarze Pädagogik), die in den Jahren 2009 und 2010 Gegenstand des vom Deutschen Bundestag eingerichteten Runden Tisches Heimerziehung waren. Im Juni 2010 wurde eine Telefonberatung für Menschen, die von Mitarbeitern der Kirche oder ihrer diakonischen Einrichtungen missbraucht worden sind, eingerichtet.[4]

Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband[Bearbeiten]

Die Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband ist ein Teilwerk des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung mit Sitz in Berlin. Es besitzt darüber hinaus eine Dienststelle in Brüssel. Die Diakonie Deutschland arbeitet mit den anderen Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege zusammen, um die Sozialstaatlichkeit Deutschlands zu fördern. Es versucht, jedem Bürger in Not Hilfe zu gewähren. Neben der unmittelbaren Hilfe setzt sich die Diakonie Deutschland auch politisch ein:

  • für die gemeinsamen Interessen der Diakonie und
  • für die Interessen der Menschen, für die die Diakonie tätig ist.

Dies geschieht gegenüber politischen Organen und Gremien wie Parlament und Regierung im In- und Ausland. Die Diakonie Deutschland wirkt durch Stellungnahmen an der Gesetzgebung des Bundes mit. Sie fördert die Werke, Verbände und Einrichtungen, die in der Diakonie Deutschland zusammengeschlossen sind, und „dient der Zusammenarbeit der Mitglieder. Es bietet ihnen Dienstleistungen an. Als Anwalt für Menschen in Not und sozialpolitischer Impulsgeber trägt es zur fachlichen Entwicklung der Arbeit bei“ (Selbstdarstellung).

Gegenwärtig sieht sich die Diakonie Deutschland vor die umwälzende Herausforderung gestellt, dass der Wohlfahrtsstaat mit seinem Subsidiaritätsprinzip mehr und mehr einem freien Markt der Sozialleistungen Platz macht. Hierdurch sieht sich die Diakonie mit zunehmend mehr Konkurrenz konfrontiert.

Die Diakonie Deutschland ist Mitglied im Netzwerk Europäische Bewegung.

Die Diakonie Deutschland ist Mitglied des Vereins Aktion Mensch.[5]

Struktur[Bearbeiten]

Mitglieder der Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband sind die EKD, die Landesverbände, das heißt die Diakonischen Werke der evangelischen Landeskirchen, altkonfessionelle Kirchen sowie mehrere Freikirchen mit ihren diakonischen Einrichtungen sowie 70 Fachverbände. Es gibt folgende 19 Landesverbände:

  • Diakonisches Werk der Ev. Landeskirche in Baden e. V., Karlsruhe
  • Diakonisches Werk der Ev.-Luth. Kirche in Bayern e. V., Nürnberg
  • Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz e. V., Berlin (DWBO)
  • Diakonisches Werk Bremen e. V.
  • Landesverband der Inneren Mission e. V. und Diakonie-Hilfswerk der Nordelbischen Ev. Luth. Kirche, Hamburg
  • Diakonisches Werk in Niedersachsen e.V., Hannover
  • Diakonie Hessen – Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck e. V., Frankfurt
  • Diakonisches Werk der Lippischen Landeskirche e. V., Detmold (Teil der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe)
  • Diakonisches Werk Mecklenburg-Vorpommern e. V., Schwerin
  • Diakonisches Werk Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland e. V., Halle
  • Diakonisches Werk der Ev.-ref. Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland, Leer
  • Diakonisches Werk der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg e. V., Oldenburg
  • Diakonisches Werk der Evang. Kirche der Pfalz, Speyer
  • Diakonisches Werk der Ev. Kirche im Rheinland e. V., Düsseldorf (Teil der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe)
  • Diakonisches Werk der Ev. Kirche von Westfalen, Münster (Teil der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe)
  • Diakonisches Werk der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens e. V., Radebeul
  • Diakonisches Werk der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe e. V., Stadthagen
  • Diakonisches Werk Schleswig-Holstein und Landesverband der Inneren Mission e. V., Rendsburg
  • Diakonisches Werk der Ev. Kirche in Württemberg e. V., Stuttgart (DWW)

Neben den 19 Landesverbänden gehören neun in der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossene Kirchen zur Diakonie Deutschland:

Sie alle engagieren sich in der Wohlfahrtspflege und bemühen sich um Hilfe für Menschen in Not. Die Arbeit wird in dem Leitsatz „Diakonie – damit Leben gelingt“ zusammengefasst.

In den Leitungsgremien der Diakonie Deutschland sind Kirchenrepräsentanten führend. Die Rechtsform und Besitzverhältnisse (Anteile am Besitz) können bei den Werken unterschiedlich geregelt sein.

Die Konferenz für Diakonie und Entwicklung ist das höchste Beschlussgremium des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung und beschließt die allgemeinen Grundsätze für die Arbeit der Diakonie. Sein Ausschuss Diakonie berät den Vorstand und bereitet Beschlüsse der Konferenz zur diakonischen und volksmissionarischen Arbeit vor. Konferenz und Ausschuss setzen sich aus gewählten Vertreterinnen und Vertretern der 70 Fachverbände, der 19 gliedkirchlichen Diakonischen Werke sowie aus Einzelpersonen aus Kirche und Diakonie zusammen.

Präsident der Diakonie Deutschland ist seit Juli 2014 der Theologe Ulrich Lilie.[6] Er wurde im März von der Konferenz für Diakonie und Entwicklung an die Spitze des evangelischen Wohlfahrtsverbands gewählt. Sein Vorgänger war Johannes Stockmeier.

Finanzierung[Bearbeiten]

Der Haushalt des Bundesverbands hatte 2012 eine Bilanzsumme von rund 55,4 Mio Euro.[7] Die Haushalte der Mitglieder und der diakonischen Einrichtungen, die die unmittelbaren diakonischen Tätigkeiten umfassen, sind davon unabhängig.

Arbeit[Bearbeiten]

Beispiele für Arbeitsfelder sind:

Internationale Zusammenarbeit und Aufgaben[Bearbeiten]

In Europa arbeiten mehrere Diakonische Werke verschiedener Länder in „Eurodiaconia“ zusammen. Sie vertreten damit gemeinsam die Interessen der Mitgliedsverbände gegenüber den europäischen Institutionen.

Weltweit sind die diakonischen Werke in einem Weltverband zusammengeschlossen. Die europäischen Verbände sind in der Regionalversammlung „Europ-Africa“ eingebunden.

Bedeutung des Symbols[Bearbeiten]

Das Logo der Diakonie enthält das Kronenkreuz, das Richard Boeland von der Kunstschule Berlin im Jahre 1925 entworfen hatte. Es stellte ursprünglich die künstlerische Verbindung der Buchstaben I und M (Innere Mission) dar. Bekannt wurde es aber als Kronenkreuz, wobei das zu erkennende Kreuz für Not und Tod steht und die Krone für Hoffnung und Auferstehung. Das Signet wurde bei der Gründung des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahre 1957 als eigenes Symbol übernommen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Krummacher: Johann Hinrich Wichern. Ein Lebensbild aus der Gegenwart. Gotha 1882.
  • Wilfried Brandt: Für eine bekennende Diakonie. Beiträge zu einem evangelischen Verständnis des Diakonats. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001, ISBN 3-7887-1854-4.
  • Joachim Dettmann, Michael Holewa: Perspektive Diakonie 2025. zukunft – macht – wissen. Den demographischen Wandel gestalten. Transfer-Project, Berlin 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Diakonie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen und Nachweise[Bearbeiten]

  1. Selbstverständnis der Diakonie
  2. http://wolfenbuettelheute.de/ekd-gratulation-zur-grundung-des-evangelischen-werkes-diakonie-und-entwicklung/
  3. Johann Hinrich Wichern: Rede auf dem Wittenberger Kirchentag; zitiert bei Glaubensstimme.de, im Folgenden zitiert nach Gesamtausgabe zur Stelle.
  4. EKD richtet Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer ein. Diakonie Bundesverband, abgerufen am 22. Oktober 2010.
  5. Satzung von Aktion Mensch e.V.
  6. http://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/nachrichten/2014/06/2014_06_29_4
  7. Diakonie Deutschland, Geschäftsbericht 2013, S. 39. Alle Geschäftsberichte: http://www.diakonie.de/geschaeftsberichte-9534.html