Edzard Ernst

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Edzard Ernst 2012

Edzard Ernst (* 30. Januar 1948 in Wiesbaden) ist emeritierter Professor für Alternativmedizin in Großbritannien. Er war der erste Lehrstuhlinhaber in diesem Gebiet.

Leben[Bearbeiten]

Ernst wurde in Wiesbaden als Sohn von Wolfgang Ernst jun. (1910–1994), einem Kurarzt in Bad Neuenahr, geboren. Die Ausbildung zum Arzt schloss Ernst 1978 im Heimatland Deutschland ab. Seit 1999 ist er britischer Staatsbürger.

1993 wurde Ernst von seinem Lehrstuhl für Physikalische Medizin und Rehabilitation an der Universität Wien an die Universität Exeter berufen, um dort das Institut für Alternativmedizin einzurichten. Er war der erste Inhaber des von Maurice Laing eingerichteten Lehrstuhls für Alternativmedizin. 2002 wurde er Direktor für den Bereich Alternativmedizin an der in der englischen Grafschaft Devon gelegenen Peninsula Medical School. 2011 wurde Ernst emeritiert.[1]

Ernst war bis 2005 Mitglied im Ausschuss für Humanarzneimittel der britischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (bis 2003 MCA, danach MHRA),[2] ferner Mitglied im Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der irischen Arzneimittelbehörde (Irish Medicines Board).[3] Er ist externer Prüfer für mehrere universitäre Medizinschulen in mehreren Staaten und Mitglied im Beratungsausschuss der AlterMed Research Foundation,[4] einer Stiftung, die die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Alternativmedizin fördert.

Ernst ist Chefredakteur zweier medizinischer Journale, nämlich Perfusion und FACT (Focus on Alternative and Complementary Therapies, dt. Fokus auf alternative und komplementäre Medizin).

Forschung[Bearbeiten]

Ernst forscht in verschiedenen alternativmedizinischen Gebieten mit dem Schwerpunkt auf Wirksamkeit und Sicherheit. Seine Arbeit umfasst klinische Versuche und systematische Übersichtsarbeiten bzw. Metaanalysen.

In Ernsts Institut wurde Alternativmedizin definiert als: „diagnosis, treatment and/or prevention which complements mainstream medicine by contributing to a common whole, by satisfying a demand not met by orthodoxy or by diversifying the conceptual frameworks of medicine.“[5]

Anwendung der Wissenschaft auf die Alternativmedizin[Bearbeiten]

Ernst beschreibt seine Annäherung als angewandte Wissenschaft und nicht als Politik. Die wenigen alternativen Therapieansprüche und -techniken, die einer wissenschaftlichen Auswertung standhielten, hätten damit eine solide Grundlage zur Aufnahme in den Kanon der akademischen Medizin. Ernst kritisiert die Sichtweise seiner Kollegin Claudia Witt, Professorin für Komplementärmedizin an der Charité, die, anders als er, Wirksamkeitsnachweise nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin für alternativmedizinische Behandlungsmethoden für nicht angemessen hält.[6]

Ernst betont, dass Alternativmedizin ein Spektrum verschiedener Therapie- und Diagnoseverfahren umfasse, die alle einzeln zu betrachten seien.[7] In Kontinentaleuropa würden, anders als in Großbritannien, alternativmedizinische Verfahren größtenteils von entsprechend qualifizierten Ärzten praktiziert.

Einige Jahre lang schrieb Ernst eine Kolumne in der Tageszeitung The Guardian und berichtete häufig von Neuigkeiten in der Alternativmedizin aus Sicht der evidenzbasierten Medizin.

Manche Anhänger der Alternativmedizin stehen seiner kritischen Verfahrensweise, die dem Schema der evidenzbasierten Medizin folgt, ablehnend gegenüber.

Kontroversen[Bearbeiten]

2005 kam es zu einem Skandal, als Ernst wenige Tage vor der Veröffentlichung eines Berichts zum Potenzial der Alternativmedizin für den National Health Service aus der federführenden Expertenkommission austrat. Der Bericht wurde von Prince Charles in Auftrag gegeben und kam zu dem Schluss, dass die Substituierung mehrerer Standardtherapien mit alternativen Methoden erhebliche Kosten sparen könnte. Ernst nannte den Bericht „skandalös und voller Fehler“. Beispielsweise schlüge der Bericht vor, Asthmapatienten mit Homöopathie zu behandeln, was laut Ernst 150 Todesfälle pro Jahr verursachen würde. Prince Charles’ Büro warf Ernst eine Verletzung der Diskretionsvereinbarung vor. Darauf folgte eine 13-monatige Untersuchung seitens der Universität Exeter, die schließlich kein Fehlverhalten bei Ernst feststellen konnte. Laut Ernst stoppte die Universität jedoch die Finanzierung der Forschung der Abteilung. In der Folge erklärte sich Ernst unter der Bedingung der Fortsetzung der Finanzierung der Abteilung dazu bereit, in den Ruhestand zu gehen. In einer Pressekonferenz Ende Juli 2011 bezeichnete Ernst Prince Charles als „Schlangenölverkäufer“.[8] Das House of Commons beschloss 2010, dass Homöopathie nicht mehr vom NHS gefördert und homöopathische Mittel nicht mehr als wirksam beworben werden dürfen.[9]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Homoeopathy: A Critical Appraisal. 1998, ISBN 0-7506-3564-9 ("Professional reference text on homoeopathy is a critical evaluation of the discipline, reviewing the known facts and defining the knowledge gaps. It offers a reliable analysis of the uses of traditional homoeopathic remedies. Illustrated. For medical and professional homoeopaths, students, general practitioners, and health care professionals." Amazon.)
  • (Co-Autoren) The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine. An evidence based approach. Elsevier Science, 2006.
  • (Co-Autor: Simon Singh): Trick or Treatment: The Undeniable Facts about Alternative Medicine. 2008, ISBN 978-0393066616.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Anke Fossgreen:«Ich bin sehr beeindruckt vom Placeboeffekt», in: SonntagsZeitung, 11. Dezember 2011
  2. MHRA - Members of the Medicines Commission
  3. IMB Newsletter, Ausgabe 8, Oktober 2000 – März 2001 (PDF; 236 kB)
  4. AlterMed International Advisory Board, abgerufen 30. Oktober 2012
  5. Edzard Ernst et al.: British General Practitioner. 1995, 45:506.
  6. Netzeitung.de: Tausende von Pfund für eine Gegen-Studie Interview vom Juli 2008 (Archiv-Version)
  7. Interview: Harcourt International, nicht mehr abrufbar.
  8. Max Rauner: "Edzard gegen Charles" Porträt auf ZEIT ONLINE, Januar 2012
  9. Kai Kupferschmidt: Scourge of Snake Oil Salesmen Bids an Early Farewell. In: Science 333, 5. August 2011.