Eine kaiserliche Botschaft

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Eine kaiserliche Botschaft ist eine kurze Parabel von Franz Kafka, die 1917 entstand. Sie wurde, nach Vorabdruck in der jüdischen Wochenschrift Selbstwehr, am 24. September 1919 und 1920 in dem Sammelband Ein Landarzt veröffentlicht. Der Text ist Bestandteil des erst postum veröffentlichen Werkes Beim Bau der Chinesischen Mauer.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Leser sieht sich persönlich angesprochen als einzelner „jämmerlicher Untertan“. Diesem hat der Kaiser vom Sterbebett aus eine Botschaft gesandt, wobei er sich noch bestätigen ließ, dass der Bote sie richtig wiedergab. Aber dieser wird niemals den Adressaten erreichen. Er wird gar nicht bis zum Ausgang des riesigen Kaiserpalastes gelangen, erst recht nicht das gigantische Reich durchqueren können. An den Leser gewandt endet die Parabel: „Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt“.

Form[Bearbeiten]

Der Text dieser Parabel steht in einem spiegelbildlichen Verhältnis zur Parabel Vor dem Gesetz in Bezug auf die Zielrichtung. Der Mann vom Land will ins Innere des Gesetzes. Der Kaiser will aus seinem Palast eine Botschaft nach außen senden.[1] Der Satzbau der Parabel ist nicht von der schlichten Nüchternheit anderer Kafka-Prosa geprägt, sondern ist syntaktisch aufwändig und artifiziell. Nach den Momenten dramatischer Bewegung, mit denen die Hindernisse der Botschaftsübermittlung aufgeführt werden, folgt am Schluss Ruhe und Kontemplation.

Textanalyse und Deutung[Bearbeiten]

Die Parabel beinhaltet die Metapher über die Hierarchie von Instanzen, die sich als undurchdringliches Hindernis zwischen den Menschen und seine Bestimmung schiebt.[2] Der mäandernde Weg, den der Bote durchläuft, weist auf die verschlungenen Kanäle bürokratischer Systeme hin, die Kafka aus seinem Beruf als Versicherungsjurist sehr vertraut waren.[3]

Der Adressat und der Leser erfahren den Inhalt der Botschaft nicht. Beide wissen am Ende nur, dass es die Botschaft eines Toten ist. Hier erscheint ein Bezug zur damaligen Situation der Österreich-ungarischen Monarchie. Die Parabel entstand vier Monate nach dem Tod des Kaisers Franz Joseph I.

Im Weiteren ist die Parabel eine Aussage über Probleme der Nachrichtenübermittlung unter den Bedingungen einer labyrinthischen Welt, wobei das Scheitern von Kommunikation dargestellt wird. Deren Fehlschlagen war auch häufiges Thema von Kriegsberichterstattungen von der Front in der damaligen Zeit des Ersten Weltkrieges.[4]

Das kurze Prosastück kann auch als Aussage zu Kafkas eigenem Schreiben verstanden werden. Da ist der Schriftsteller, der in der verwirrenden, oft stockenden Ordnung seiner Manuskripte ein Gelingen sucht.[5]

Der letzte Satz ist eine schwärmerische, sehnsüchtige Umschreibung, die der Emotion im Zusammenhang mit dieser Botschaft nicht ganz adäquat erscheint. Er assoziiert das Bild einer am Fenster stehenden Rückenfigur von Caspar David Friedrich – oder des Kafka-Lesers, der vergeblich auf die Entschlüsselung der Textbotschaft wartet.[6]

Aber der Adressat signalisiert auch bezüglich der Botschaft Wunsch und betrogene Erwartung eines gewissen Auserwähltseins. So zielt die in eine Rede gekleidete Parabel auf den eigenen Lebensbereich des Lesers, auf die Wahrheit, dass er sein in der Regel bedeutungsloses Dasein in seinen Wünschen, in seiner Phantasie überhöht: Der Glanz der oder des Großen wird dereinst einen Schimmer auf seine Existenz werfen und darauf abfärben; er wird Reichtum, Ansehen, Ruhm erlangen; er wird beachtet, beneidet, bewundert werden, und zwar umso mehr, weil das Glück ausgerechnet ihn, den Unscheinbaren, erhöht hat.[7]

Zitate[Bearbeiten]

  • […] wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; […]
  • Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten.

Rezeption[Bearbeiten]

Sudau (S.118) betont, dass aus der Stimme, die sich an den Leser wendet, lauttönender Hohn spricht. Die aberwitzigen Hoffnungen werden ad absurdum geführt, indem immer wieder entmutigende Formeln benutzt werden. Es wird Vergeblichkeit von Hoffnung unmittelbar erlebbar gemacht.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Paul Raabe Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1970. ISBN 3-596-21078-X.
  • Franz Kafka Die Erzählungen Originalfassung Fischer Verlag 1997 Roger Herms ISBN 3-596-13270-3
  • Franz Kafka: Drucke zu Lebzeiten. Herausgegeben von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Frankfurt/Main: Fischer Verlag 1996 S.280-282

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sudau S.121
  2. Stach S. 495
  3. Alt S. 516
  4. siehe v.g. S. 517
  5. Reiner Stach S. 496
  6. Peter-André Alt S. 516
  7. Sudau S.119

Weblinks[Bearbeiten]