Ein Bericht für eine Akademie
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Ein Bericht für eine Akademie ist eine Erzählung von Franz Kafka. Nach der Erstveröffentlichung 1917 in der Zeitschrift Der Jude (Herausgeber Martin Buber) erschien sie 1919 im Rahmen des Bandes Ein Landarzt.
Der ehemalige Affe namens Rotpeter legt einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vor, der als Geschichte einer erzwungenen Assimilation und als pädagogische Satire verstanden werden kann [1]. Der Gegenstand des Berichts ist aber nicht, wie von der Akademie gewünscht, die Erinnerung an das äffische Vorleben, sondern die Schilderung des Anpassungsvorganges [2].
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Zusammenfassung
Eingefangen von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck, monatelang gehalten in einem bedrückend engen Käfig auf einem Dampfer, sucht der Affe einen Ausweg. Er ahmt die Menschen nach, weil er so "unbehelligt" sein will, wie sie es offensichtlich sind. Scheinbar leicht lernt er sinnvolle Gesten und auch das Sprechen. Größte Probleme hat er damit, Schnaps zu trinken. Niemand erklärt ihm, dass dies sicher nicht ein notwendiger Bestandteil des Menschseins ist. So lernt er auch das unter größter Mühe. Mehrfach betont er, dass er nur deshalb Menschen nachahmt, weil er einen Ausweg sucht, nicht jedoch weil er die Freiheit erhofft.
Er strebt eine Arbeit im Variete an und hat dabei "kaum noch zu steigernde Erfolge". Sein Leben verläuft erfolgreich zwischen Banketten, wissenschaftlichen Gesellschaften und geselligem Beisammensein. Er hat erreicht, was er erreichen wollte und er bescheinigt sich selbst die Durchschnittsbildung eines Europäers.
Das Grenzgängertum zwischen Mensch und Tier beherrscht er offensichtlich virtuos. Nicht so zwei andere Wesen in seiner Umgebung. Sein erster Dresseur, mit dem er wie "rücksichtslos" lernt, wird selbst fast äffisch und muss zeitweise in eine Heilanstalt. Die kleine halbdressierte Schimpansin, bei der er es sich "nach Affenart wohlergehen lässt", hat den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick, den er nicht ertragen kann.
[Bearbeiten] Hintergrund
Im September 1908 und im April 1909 gab es in einem Prager Varieté Vorführungen eines dressierten Schimpansen mit dem Namen ,"Konsul Peter". Es liegt nahe, dass Kafka daraus Anregungen zur vorliegenden Erzählung entnommen hat [3]. Er hat sich im übrigen intensiv mit Brehms Tierleben und Fragen der Verhaltensforschung und des Sozialdarwinismus beschäftigt [4].
Elsa Brod, die Frau von Max Brod hat das Werk am 19. Dezember 1917 im Prager Klub jüdischer Frauen und Mädchen mit großem Erfolg vorgetragen [5]. Seitdem wurde die Erzählung häufig von Rezitatoren - besonders eindrucksvoll Klaus Kammers Fernsehauftritt 1963 - in ihr Programm aufgenommen.
Zu dem "Bericht für eine Akademie" existieren noch mehrere kleine Fragmente [6]. Da ist eine skurrile Begegnung eines Erzählers mit Rotpeters Impresario, ein Gespräch Rotpeters mit einem Besucher und der Beginn eines Schreibens des (zeitweise verrückt gewordenen) ersten Rotpeter-Lehrers.
[Bearbeiten] Form
Die Erzählperspektive ist differenziert zu sehen. Der menschliche Affe verkörpert für diese Geschichte eine Art auktorialen Ich-Erzähler [7]. Nur er übersieht die Facetten seiner unglaublichen Menschwerdung und kommentiert sie. Aber nicht das erlebte, sondern das erzählende und reflektierende Ich tritt in den Vordergrund. Rotpeters Kommentierungen betreffen nicht nur seine Geschichte, sondern auch das Bild, das sich die Menschen von sich selbst machen. Diesem Ich sind aber die Erinnerungen aus der Jugend ausdrücklich nicht mehr zugänglich, sie sind vergessen und verdrängt. Und so kann Rotpeter wohl nicht wirklich den allwissenden Ich-Erzähler darstellen. Er ist vielmehr in seiner eigenen, begrenzten Welt des phantastischen Tier-Menschwesens eingeschlossen
Eine besonders ausführliche Geschehnisdarstellung gilt der Alkoholepisode, ja sie scheint der Höhepunkt der dramatischen Darstellung mit großen Spannungsbögen zu sein. Diese lange Periode gleicht einer filmischen Wechselmontage zwischen Lehrer und äffischem Schüler.
[Bearbeiten] Textanalyse und Deutungsansätze
Das Grundmotiv ist das geradezu manische Lernen (zeitweise mit 5 Lehrern gleichzeitig) als Ausweg aus einer aussichtslosen Situation unter Verleugnung der ureigenen Bedürfnisse. Voraussetzung dazu war das Vergessen [8] und die Umkehr der gewohnten Perspektive [9].
Bemerkenswert ist aber, dass der Affe trotz aller Lernanstrengungen dennoch durch sein unverändertes körperliches Äußeres – den Pelz – auf den ersten Blick eben nach wie vor ein Affe ist. In Bezug auf sein Äußeres, das ihn ja am deutlichsten in die Kategorie Affe einordnet, hat er nie den Wunsch nach menschlichem Aussehen geäußert oder angestrebt.
So mögen ihn wohl die Menschen in seiner direkten Umgebung fast als ihresgleichen sehen, wie der Führer der Hagenbeckschen Jagdexpedition, mit dem Rotpeter schon manche Flasche Rotwein geleert hat. Für die Öffentlichkeit in Gestalt der Journalisten, die Rotpeter verächtlich Windhunde nennt, bleibt er aber ein dressierter Affe, der die Hose herunterlässt, um seinen Pelz und seine Narben zu zeigen. Also hat er sich zwar das intellektuelle Wissen der Menschen angeeignet, ihm fehlt aber letztlich das Gefühl für den adäquaten zwischenmenschlichen Umgang und für die darin enthaltene große Wirkung von Äußerlichkeiten.
Man kann die Geschichte als Travestie eines Assimilationsvorganges und auch als Satire auf die abendländische Geschichte der Zivilisation sehen [10]. Vor allem deutet die Geschichte auf den Anpassungsdruck hin, unter dem das jüdische Volk Jahrhunderte stand, um überleben zu können. Max Brod hat diese Deutung besonders betont [11].
[Bearbeiten] Bezüge zu anderen Kafka-Erzählungen
Letztlich wird das Ziel der Menschwerdung nicht erreicht, obwohl sich der Protagonist selbst dessen nicht bewußt scheint. Rotpeter ist damit als Figur vergleichbar mit den scheiternden Tiergestalten aus Forschungen eines Hundes oder Der Bau. Außerdem besteht ein Bezug zur Kafka-Erzählung Die Verwandlung, wo sich die Figur Gregor Samsa über Nacht in ein Tier, nämlich einen Käfer verwandelt [12]. Dazu war jedoch keine besondere Anstrengung erforderlich. Eher könnte man interpretieren, die unauffällig-armselige Existenz des Samsa hat diese Verwandlung nach sich gezogen. Die übergroßen Anstrengungen des Affen dagegen haben den Zugang in eine kultivierte Sphäre und in ein saturiertes Leben ermöglicht unter Verleugnung der eigenen Wurzeln.
[Bearbeiten] Zitate
- Hohe Herren von der Akademie, Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.
- Ihr Affentum, meine Herren, sofern Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine.
- Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. ... Diese Eindringen der Wissensstrahlen vom allen Seiten ins erwachende Hirn.
- Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden....Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte.
[Bearbeiten] Rezeption
- Sudau [S.177 f.) betont, dass Rotpeter in Kafkas Werk geradezu einzigartig dasteht, wenn er äußert, im Ganzen das erreicht zu haben, was er wollte. Allerdings muß er dafür "dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten" vergessen.
- Wies (S.91) weist darauf hin, dass der "Bericht" voraus deutet auf die 1930 entstandene Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" von Sigmund Freud, die eine Bilanzierung der zivilisatorischen Fort- und Rückschritte darstellt.
- Kindlers Lexikon (S. 27) führt aus, dass der "Bericht" tief in der wissenschaftsgeschichtlichen Situation der Zeit verwurzelt ist - Beschreibung aus Brehms Tierleben, Darwins Evolutionstheorie, zeitgenössische Variete-Ereignisse.
[Bearbeiten] Textausgaben
- Paul Raabe: Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1970, ISBN 3-596-21078-X
- Roger Hermes Franz Kafka: Die Erzählungen Originalfassung. Fischer Taschenbuch Verlag 1997 ISBN 3-596-13270-3
[Bearbeiten] Sekundärliteratur
- Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, 2005, ISBN 3-406-53441-4
- Wendelin Schmidt-Dengler, Norbert Winkler Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk Vitalis 2005 ISBN 3-89919-066-1
- Reiner Stach Kafka Die Jahre der Erkenntnis S. Fischer Verlag 2008 ISBN 978-3-10-075119-5
- Ralf Sudau Franz Kafka: Kurze Prosa/Erzählungen 2007 ISBN 978-3-12-922637-7
- Wiebrecht Ries Kafka zur Einführung 1993 Junius Verlag ISBN 3-88506-886-9
- Kindlers Neues Literaturlexikon 1990 ISBN 3-463-43009-6
[Bearbeiten] Weblinks
- Volltext der Erzählung Ein Bericht für eine Akademie Projekt Gutenberg-DE
- Kostenlose Hörbuchfassung der Erzählung bei www.theateraufcd.de
Beispielinterpretation:
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Wendelin Schmidt-Dengler, Norbert Winkler Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk Vitalis 2005 ISBN 3-89919-066-1 S. 90
- ↑ Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. München: Verlag C.H. Beck, 2005, ISBN 3-406-53441-4. S. 522
- ↑ Peter-André Alt S. 522
- ↑ Wendelin Schmidt-Dengler S. 83,87
- ↑ Peter-André Alt S. 521
- ↑ Franz Kafka Die Erzählungen Originalfassung Fischer Taschenbuch Verlag 1997 ISBN 3-596-13270-3 S. 333 ff.
- ↑ Ralf Sudau S. 183 ff.
- ↑ Peter-André Alt S. 521,524
- ↑ Wendelin Schmidt-Dengler
- ↑ Wendelin Schmidt-Dengler S.524
- ↑ Ralf Sudau S.181
- ↑ Peter-André Alt S. 523
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