Eugène Dabit

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Eugène Dabit (* 21. September 1898 in Mers-les-Bains, Département Somme; † 21. August 1936 in Sewastopol, Krim) war ein französischer Maler und Schriftsteller. Er wurde vor allem durch seinen 1929 veröffentlichten Roman Hôtel du Nord bekannt, der im proletarischen Milieu spielt. Dabit starb schon mit 37 Jahren nach einer Erkrankung auf einer Reise durch die Sowjetunion.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Der Sohn eines Lohnkutschers und einer Putzfrau wächst in Paris auf. Aus einer Schlosserlehre reißt ihn der Kriegsdienst, dem er sich durch vorgetäuschten Wahnsinn und einen Selbstmordversuch nur vorübergehend entziehen kann. In Kämpfen bei Reims verwundet, wird Dabit in Paris als Radio-Telegraphist, nach Kriegsende als Zeichner im Kartierungsbüro der Armee eingesetzt. Die zeichnerische Begabung hat sich bereits beim Schlosserlehrling angedeutet. 1919 nimmt Dabit ein Studium der Malerei an der Pariser Akademie Billoul auf, das er später an der Académie de la Grande Chaumière fortsetzt. Freunde wie Christian Caillard und Georges-André Klein regen ihn zu literarischer Lektüre an: Baudelaire, Rimbaud, Stendhal, Gide. Mit Cailliard, Maurice Loutreuil, Beatrice Appia und anderen bildet er den Zirkel Groupe du Pré-Saint Gervais, der vor allem Malerei diskutiert.

Durch künstlerische Aufträge aus der Seidenindustrie kann Dabit über seinen Lebensunterhalt hinaus Geld verdienen. Mit diesen Ersparnissen unterstützt er seine Eltern 1923 beim Erwerb eines kleinen Hotels, das am Kanal St. Martin im Pariser Nordosten liegt. Hier arbeitet er oft auch selber mit, vor allem als Nachtportier. Seine Beobachtungen schlagen sich später im Roman Hôtel du Nord nieder, mit dem Dabit (1931) als erster Preisträger den Prix du roman populiste erringt.[1] Darin schildert er „realistisch, nüchtern, ohne aufdringliches soziales Pathos, dafür bisweilen karikaturistisch“[2] den Alltag der untersten Bevölkerungsschicht, handelt es sich doch um ein ziemlich schäbiges Hotel.

1924 verheiratet sich Dabit mit Beatrice Appia. Da seine Bilder wenig Zuspruch finden, verlegt er sich 1928, nach einer Reise durch Marokko, auf die Schriftstellerei. In der Künstlerin Vera Braun, gebürtige Ungarin, findet er eine neue Muse. Nach dem Preis für seinen Debütroman erhält er 1932 ein Stipendium der Stiftung Blumenthal. Er taucht in die Kreise „revolutionärer“ Schriftsteller und Künstler ein. Im Gefolge des 1935 in Paris stattfindenden Internationalen Kongresses der antifaschistischen Schriftsteller (maßgeblich von Kommunisten und anderen Sympathisanten der Sowjetunion organisiert) wird er vom russischen Verleger Artemi Bagratowitsch Chalatow eingeladen, sich an einer Gruppenreise durch die UdSSR zu beteiligen. So kommt Dabit im Sommer 1936 gemeinsam mit André Gide (der das Unternehmen leitet) und Louis Guilloux, Pierre Herbart, Jef Last, Jacques Schiffrin für einige Wochen in die Sowjetunion. Auf dieser Reise – die durch Gides kritische Berichte Aufsehen erregen wird – stirbt er in Sewastopol an einer plötzlichen fiebrigen Erkrankung vier Wochen vor seinem 38. Geburtstag. Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise.

Rezeption[Bearbeiten]

Für Kindlers Neues Literaturlexikon[2] sind die Romane, die Dabit nach seinem erfolgreichen Erstling schrieb, zu Unrecht vergessen. La zone verte beispielsweise, 1935 erschienen, sei „wohl das einzige Kunstwerk von Bedeutung, das die düstere Zeit der Wirtschaftskrise in Frankreich aus der Sicht der Arbeiter“ festgehalten habe. Seinem Erstling habe Dabit als Motto ein Zitat aus Jean Guéhennos Essay Caliban parle (1928) vorangestellt, der als Schlüssel zu seinem Werk dienen könne: „Wir sind weder liebenswert noch rührend. Jeder einzelne von uns gäbe einen schlechten Romanhelden ab. Er ist unbedeutend, und sein Leben ist banal. Es entrinnt niemals dem elenden Dasein, dem alle zwangsläufig unterworfen sind.“

Ehrungen[Bearbeiten]

  • 1931 Prix du roman populiste für seinen Roman L'Hôtel du Nord.

Werke[Bearbeiten]

Briefe
  • Pierre Bardel (Hrsg.): Correspondance Eugène Dabit, Roger Martin du Gard. CNRS, Paris 1986 (2 Bde.).
  1. 1927–1929. ISBN 2-222-03880-4
  2. 1930–1936. ISBN 2-222-03885-5
Prosa
Sachbücher
  • Les maîtres de la peinture espagnole. GrecoVelazquez. Gallimard, Paris 1937
Tagebücher
  • Journal intime 1928–36. Gallimard, Paris 1989, ISBN 2-07-071656-2 (Nachdr. d. Ausg. Paris 1939).

Verfilmungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • André Gide: Eugène Dabit. In: Nouvelle Revue Française. Bd. 47 (1936), S. 581–590, ISSN 0029-4802.
  • Louis Le Sidaner: Eugène Dabit. Editions de la Nouvelle Revue Critique, Paris 1938.
  • Marcel Arland (Hrsg.): Hommage à Eugène Dabit. Gallimard, Paris 1939.[8]
  • Margarete Wrana: Eugène Dabit (1898–1936). Sein Leben und sein Werk. Dissertation, Universität Prag, 1939.
  • Regis Bergeron: Sur Eugène Dabit. In: Europe. Nouveau Revue mensuelle. Bd. 63 (1951), S. 125–129, ISSN 0014-2751.
  • Maurice Dubourg: Dabit et André Gide. Pernette, Paris 1953.
  • Pierre Bardel: Un écrivian trop oublié. In: Littérature. Jg. 14 (1967), Heft 9, S. 97–106, ISSN 0563-9751.
  • David A. Orlando: The novels of Eugène Dabit and French literary „populisme“ of the 1930s. Dissertation, University of Stanford, Calif. 1972.
  • Walter Heist: Zwischen den Weltkriegen. In: Ders.: Die Entdeckung des Arbeiters. Der Proletarier in der französischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Kindler, München 1974, ISBN 3-463-00584-0, S. 113–147, hier 130–136.
  • Marianne Kvist: Resignation och revolt. Eugène Dabit och „Le mal de vivre“; en studie i förfarens „vision du monde“. Korpen, Göteborg 1976, ISBN 91-7374-028-4 (zugl. Dissertation, Universität Göteborg 1977).
  • Pierre-Edmond Robert: D'un hôtel du Nord l'autre. Eugène Dabit (1898–1936). Bibliothèque de litterature française contemporaine, Paris 1986 (Bibliothèque d'études critiques; 1).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Prix du roman populiste“ der Association Française pour la lecture (PDF; 66 kB), abgerufen am 9. Mai 2011
  2. a b 'Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Kindlers, München 1988
  3. zuerst Manholt, Bremen 1999. Erstausgabe in Dt. Dresden 1931, Übers. Bernhard Jolles
  4. Nachdruck der Ausgabe Paris 1929
  5. Rezensionen finden sich in den Zeitschriften: Nouvelle Revue Française vom 1. August 1932, ISSN 0029-4802; Le journal des débats vom 1. August 1932 und Europe. Revue littéraire mensuelle vom 15. September 1932 ISSN 0014-2751
  6. Nachdr. d. Ausg. Paris 1934
  7. Dt. Auszug Ende eines Lebens. Übers. Christine Kämmel. In Frauke Rother, Klaus Möckel Hg.: Frz. Erzähler aus 7 Jahrzehnten. Bd. 1. Verlag Volk und Welt, Berlin 1983, 1985 S. 332 - 347
  8. mit Texten von Marcel Arland, Claude Aveline, Marc Bernard, Jean Blanzat, André Chamson, Léopold Chauveau, Georges Friedmann, André Gide, Jean Giono, Jean Guéhenno, Max Jacob, Marcel Jouhandeau, Frans Masereel, André Maurois, Brice Parain, André Thérive und Maurice de Vlaminck.

Weblinks[Bearbeiten]