Federalist Papers
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die Federalist Papers (dt.: „Föderalistenartikel“) waren eine Serie von 85 Artikeln, die 1787/88 in verschiedenen Zeitungen New Yorks erschienen, mit dem Zweck, die Bevölkerung des gleichnamigen Bundesstaats von der 1787 entworfenen, aber noch nicht von allen Mitgliedsstaaten der USA ratifizierten Verfassung zu überzeugen.
Die Autoren der Artikel, die unter dem gemeinsamen Pseudonym „Publius“ auftraten, waren Alexander Hamilton, James Madison und John Jay, drei der Gründerväter der Vereinigten Staaten. Ihre Texte erschienen noch 1788 gemeinsam in der Schrift „The Federalist“, von der sich ihr heutiger Name herleitet. Er bezieht sich auf die politische Gruppierung der Föderalisten, die in der Verfassungsdebatte für eine Umwandlung der USA von einem lockeren Staatenbund in einen Bundesstaat mit einer starken, handlungsfähigen Exekutive auf Bundesebene eintraten. Da dieser Standpunkt sich schließlich durchsetzte, gelten die Federalist Papers bis heute als authentischer Verfassungskommentar der Generation der Gründerväter und darüber hinaus als grundlegende theoretische Schrift der modernen, repräsentativen Demokratie.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Anlass
Seit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hatten die 13 ehemaligen britischen Kolonien einen lockeren Staatenbund gebildet, dessen Mitglieder grundsätzlich als souveräne Staaten galten. Ihr einziges gemeinsames und zentrales Organ war der Kongress, der sich als Exekutive jedoch als schwerfällig und wenig handlungsfähig erwies. Er verfügte über keine eigenen Steuereinnahmen, und die Konföderationsartikel, die Vorläufer der heutigen Verfassung, schrieben bei allen Entscheidungen Einstimmigkeit vor.
Um diesen Mängeln abzuhelfen, wurde 1787 ein Konvent nach Philadelphia einberufen, der Reformvorschläge ausarbeiten sollte. Stattdessen verabschiedeten die Delegierten gleich eine völlig neue Verfassung, die einen Bundesstaat mit einer gemeinsamen Exekutive und einem Präsidenten an der Spitze vorsah. Diese sollte vor allem die Kompetenzen der Einzelstaaten in Fragen der Außenpolitik, des Außenhandels und der Landesverteidigung übernehmen.
Der Verfassungsentwurf, der vor seinem Inkrafttreten von jedem einzelnen Staatsparlament gebilligt und ratifiziert werden musste, traf jedoch nicht auf einhellige Zustimmung. Eine gemeinsame nationale Identität war erst schwach ausgebildet; die meisten Einwohner der USA betrachteten sich selbst in erster Linie z.B. als Virginier oder New Yorker, nicht als Amerikaner. Sie befürchteten, dass die Abkehr von den Einzelstaatsrechten einer neuen Tyrannei Tür und Tor öffneten. Sie befürchteten, eine weit entfernte Zentralregierung lasse sich kaum noch demokratisch kontrollieren und fördere damit die Korruption. Dazu kam, dass die Gründung eines so großen, demokratisch verfassten Bundesstaats ein Experiment darstellte, das es in der Weltgeschichte bis dahin noch nicht gegeben hatte.
Gegen alle diese Bedenken wandten sich die Verfasser der Ferderalist Papers. Um die Bevölkerung und das Staatsparlament von New York zur Annahme der Verfassung zu bewegen, argumentierten sie, dass eine starke, bundesstaatliche Exekutive keinen Verrat an den Idealen der Revolution von 1776, sondern im Gegenteil deren endgültige Sicherung darstellte. Sie erläuterten die Notwendigkeit der neuen Verfassung, ihre Vorteile gegenüber den Konföderationsartikeln, die Rechte, Funktionen und Beschränkungen der einzelnen Staatsorgane – z.B. des Präsidentenamts – sowie das System der Checks and Balances, das für eine systemimmanente, demokratische Selbstkontrolle der Macht sorgen sollte.
[Bearbeiten] Urheberschaft und Inhalt
Die drei unter dem gemeinsamen Pseudonym Publius (nach Publius Valerius Poplicola) schreibenden Autoren versuchten mit ihren Essays Einfluss auf die Ratifikationsdebatte zu nehmen. Jeder von ihnen hatte gewisse Themenschwerpunkte, bis heute ist jedoch nicht für jeden Artikel endgültig geklärt, von welchem Autor er stammt. Hamilton und Madison fertigten zwar im Nachhinein Autorenlisten an. Diese wichen aber stark voneinander ab. Daher unterzogen die Mathematiker Frederic Mosteller und David Wallace 1964 zwölf Essays mit umstrittener Autorenschaft einer statistischen Textanalyse auf Basis des Bayestheorems. Sie entdeckten dabei starke Korrelationen zwischen Stilmerkmalen der Autoren und den jeweiligen Texten. Die Forscher fassten ihre Ergebnisse in der Veröffentlichung „Inference and Disputed Authorship“ zusammen, die heute als Meilenstein auf dem Gebiet der Stilometrie gilt.
Die Großzahl der veröffentlichten Essays stammt wohl aus der Feder von Alexander Hamilton, 1787 Mitglied des New Yorker Staatsparlaments und Delegierter des Verfassungskonvents von Philadelphia. Sein Interesse an Politik und politischer Philosophie galt unverkennbar auch der wirtschaftlichen Seite: Er gilt in der Literatur als Verfechter der Wirtschaftsliberalismustheorie von Adam Smith, was in den ihm zugeschriebenen 51 Artikeln deutlichen Niederschlag findet. Einige der vermutlich von ihm verfassten Essays beschäftigen sich mit der wirtschaftlichen Seite der neuen Verfassung und den ökonomischen Möglichkeiten und der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit einer Union (im Vergleich zur Konföderation). Aber auch sein grundsätzlicher Glaube an einen notwendigen Frieden innerhalb der Union und seine Haltung gegenüber monarchistischen Tendenzen finden, wie seine einer reinen „democracy“ kritisch gegenüberstehenden Auffassung, wesentlichen Ausdruck in den von ihm verfassten Artikeln der Federalist Papers.
Dazu ist es nötig zu wissen, dass die Autoren der Federalist Papers „democracy“ und „republic“ als Formen der Volksherrschaft unterschieden und die „democracy“ im Sinne einer „Tyrannei der Mehrheit“ scharf ablehnten, weil in ihr die Minderheiten keinen ausreichenden Schutz genießen. Die „republic“ unterscheidet sich dabei von der „democracy“ wesentlich durch das Prinzip der Repräsentation. „Democracy“ muss als direkte Demokratie, wie sie in den antiken griechischen Stadtstaaten vorherrschte, gedacht werden. Hamilton ist aus heutiger Sicht deshalb Demokrat zu nennen, da sich sowohl Demokratie-, als auch Republikbegriff geändert haben.
James Madison war bereits 1776 an der Verfassung und der Bill of Rights für den Staat Virginia beteiligt gewesen. Madison, der von 1780 bis 1783 für Virginia im Kontinentalkongress sprach, gilt in der Literatur als einer der Initiatoren des Verfassungskonvents von Philadelphia. Der Großteil seiner Beiträge zu den Federalist Papers beschäftigte sich mit der inneren Ausgestaltung der Unionsverfassung; er vertrat die These einer Beschränkung der Demokratie auf die notwendigsten Bereiche. Auch der berühmteste und bekannteste aller Artikel der Federalist Papers, der Fed. No. 10, stammt aus der Feder von Madison. Dieser Artikel behandelt Pluralismus, Parteibildung und Interessensgruppierungen, ihre Ursprünge und Legitimation. 1809 folgte er Thomas Jefferson auf dessen Vorschlag hin als 4. Präsident der USA nach.
Nur fünf der Artikel werden dem dritten unter dem Pseudonym Publius agierenden Autoren, dem Richter, Außenminister und späteren Gouverneur von New York John Jay zugeschrieben. Sein Anteil an den Federalists darf jedoch nicht unterschätzt werden: Auch wenn er nach fünf Artikeln schwer erkrankte und nicht mehr selbst aktiv schrieb, schrieb er in den vermutlich von ihm verfassten Artikeln 2–5 ein Leitbild amerikanischer Außenpolitik fest.
Dass drei Autoren an den Federalist Papers schrieben, die nicht zwangsläufig in allen Dingen der gleichen Meinung waren, führte zu manchen kleineren Abweichungen zwischen den einzelnen Briefen des Publius. Manche der Artikel wurden von zwei Autoren gemeinsam verfasst; Artikel von allen drei Autoren gemeinsam gab es jedoch der herrschenden Auffassung zufolge nicht.
[Bearbeiten] Heutige Bedeutung
Die 1788 erschienenen Federalist Papers genießen in den USA auch heute noch große Popularität, was nicht zuletzt an ihrem Charakter als zeitnaher und somit auch als intentionsnah anzusehender Interpretation der bis heute gültigen Verfassung liegt. Sie gelten als philosophische Grundlage des amerikanischen Staatsverständnisses und des modernen, westlichen Demokratieverständnisses allgemein. Das in ihnen beschriebene Prinzip der Checks and Balances (eine sich im Staat gegenseitig ausgleichende Macht der drei Gewalten) kam in dieser Ausformung nur in den USA zur Anwendung, gewann aber Vorbildfunktion für demokratische Verfassungen in der ganzen Welt. Die Autoren der Federalist Papers gelten daher auch als Wegbereiter des modernen, demokratisch verfassten Bundesstaates.
In der US-amerikanischen Politikwissenschaft spielen die Federalist Papers als theoretisch-philosophische Betrachtung einer Verfassung unter den Gesichtspunkten der Souveränitäts- und Vertragstheorie von Charles de Montesquieu sowie dem Eigentumsbegriff von John Locke eine wichtige Rolle. Vertrat Montesquieu noch die Meinung, republikanische Staatsordnungen eigneten sich nur für kleine überschaubare Einheiten wie etwa die griechischen Stadtstaaten der Antike, so entwickelten die Federalists seine Ideen weiter und wandten sie erstmals in der Geschichte auf einen großen Flächenstaat mit einer Bevölkerung an, in der nicht mehr jeder jeden kennen und – sofern er Macht ausübte – kontrollieren konnte. Die Pluralismustheorie der Autoren der Federalist Papers ist als strikte Gegenposition zur Identitätstheorie der Demokratie, deren Hauptvertreter Jean-Jacques Rousseau war, zu sehen.
Eine komplette deutsche Ausgabe der Federalist Papers liegt erst seit 1993 vor. Obwohl in philosophischen und historischen Fachkreisen seit jeher rezipiert, hat dieser Mangel dazu geführt, dass diese grundlegenden Texte der demokratische Staatstheorie im allgemeinen deutschen Bewusstsein kaum verankert sind. Hannah Arendt lehnte Anfang der 1950er Jahre eine Einladung zu einem Politologen-Kongress in Deutschland mit dem Argument ab, diesen Leuten seien noch nicht einmal die Federalist Papers bekannt.
[Bearbeiten] Werksausgaben
- Alexander Hamilton, James Madison u. John Jay: The Federalist Papers. New York, NY: Bantam, 1989. ISBN 0-553-21340-7 (vollständige englische Ausgabe).
- Dieselben: Die Federalist Papers. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1993. ISBN 3-534-12077-9 (vollständige deutsche Ausgabe, hg. von Barbara Zehnpfennig).
- Dieselben: Die Federalist-Artikel: Politische Theorie und Verfassungskommentar der amerikanischen Gründerväter. Paderborn: Schöningh, 1994. ISBN 3-8252-1788-4 (Originaltext, hg. und übers. von Angela Adams und Willi P. Adams).
- Dieselben: Der Föderalist. Wien: Manzsche Verlagsbuchhandlung, 1958 (problematische deutsche Übersetzung mit staatsrechtlicher Einführung, hg. von Felix Ermacora, übers. von Kamilla Demmer).
- Dieselben: Le Fédéralist. Paris: Buisson, 1792 (zeitgenössische französische Übersetzung).
- Dieselben: The Federalist Papers: In Modern Language Indexed for Today's Political Issues. Bellevue, WA: Merill, 1999. ISBN 0-936783-21-4 (Übertragung in modernes Englisch von Mary Webster).
[Bearbeiten] Literatur
- Noble E. Cunningham: Jefferson vs. Hamilton: Confrontations that Shaped a Nation. Boston, MA: Bedford/St. Martin's, 2000. ISBN 0-312-08585-0.
- Michael I. Meyerson: Liberty's Blueprint: How Madison and Hamilton Wrote the Federalist, Defined the Constitution, and Made Democracy Safe for the World. New York, NY: Basic Books, 2008. ISBN 978-0-465-00264-1.
- Frederick Mosteller und David L. Wallace: Inference and Disputed Authorship: The Federalist. Reading, MA: Addison-Wesley, 1964.
[Bearbeiten] Weblinks
- Federalist Papers, vollständiger Text auf der Seite der Library of Congress (englisch).
- Federalist Papers, vollständiger Text auf der Seite der Yale University (englisch).
- Eine Erklärung der Verfassung: Die Federalist Papers, Informationen der amerikanischen Botschaft in Deutschland (deutsch).


