Frankophobie

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Frankophobie oder Gallophobie sind Ausdrücke einer Abneigung oder Hass gegenüber Frankreich oder den Franzosen oder Französischsprechenden.[1] Das Antonym ist Frankophilie.

Regionale Schwerpunkte[Bearbeiten]

England[Bearbeiten]

Die längste frankophobe Tradition findet sich in England, welches über Jahrhunderte regelmäßig kriegerische Auseinandersetzungen mit Frankreich beziehungsweise dem aufkommenden französischen Nationalstaat führte, die in den Kolonialkonflikten weltweit ausstrahlten.

USA[Bearbeiten]

In den USA ist ebenso eine lange Tradition von frankophoben Stimmungen zu verzeichnen, die regelmäßig anhand Spott über Frankreich und französische Kultur die Frankophilie und traditionelle Frankreichsehnsucht der amerikanischen Oberschicht zum Ziel nehmen.

Aus französischer Perspektive interpretiert man das als Unbehagen der Amerikaner gegenüber einer durchaus verwandten demokratischen Gesellschaft, die aber tiefgreifend anders sei und den amerikanischen Hegemonialanspruch immer wieder konterkariere.[2] Auf amerikanischer Seite unterstellt Charles Cogan den Franzosen eine versteifte Cartesianische Logik und Prinzipienreiterei, die immer wieder mit dem amerikanischen Pragmatismus zusammenpralle. In dem Zusammenhang wird auf den französischen Diplomaten referiert, der eine Friedensmission der NATO mit den Worten kritisierte, sie funktioniere zwar in der Praxis, sei aber theoretisch unhaltbar.[3] Mit populistischen Betrachtungen auf Ebene der Cheese-Eating Surrender Monkeys hält er sich eher zurück.[4]

Australien[Bearbeiten]

Die 1995 durchgeführten Atomtests Frankreichs im Umfeld der französischen Überseeterritorien führten zu einer starken antifranzösischen Stimmung in Australien und Neuseeland, die Versatzstücke der klassischen antifranzösischen Diskussion in den angelsächsischen Ländern wieder mitaufnahm.[5]

Kanada[Bearbeiten]

Eine besondere Situation findet sich in Kanada, wo die innerkanadischen Beziehungen und Auseinandersetzungen zwischen den eher protestantischen Anglokanadiern und den katholisch geprägten französischsprechenden Québécois immer auch zu innerstaatlichen Spannungen führen. Um die Veröffentlichungen von Mordecai Richler und Esther Delisle über Nazisympathien in Quebec und den Priester und Historiker Lionel Groulx kam es in den 1990er Jahren zu einem regelrechten Historikerstreit. Berüchtigt ist der Ausdruck Speak White (Sprich wie ein Weißer), mit dem vor allem die englische Oberschicht in Quebec ihre Weiße andeutete und der lyrisch von Michèle Lalonde verarbeitet wurde.

Schweiz und Belgien[Bearbeiten]

Ähnlich ist die Schweiz vom Röstigraben durchzogen, der die Romandie und die im weiteren Umfeld befindlichen Waggis von den deutschsprachigen Schweizern trennt.

In Belgien kam es erst mit dem Manifeste pour la culture wallonne 1983 zu einem ausdrücklichen Bekenntnis einer belgischen Identität des französischsprechenden Teils des stark auseinanderstrebenden Landes.[6]

Deutschland[Bearbeiten]

In den deutschsprachigen Ländern war die französische Hegemonialmacht lange Vorbild der Oberschicht und der lokalen Potentaten, die der Prachtentfaltung des Sonnenkönigs nacheiferten. Nach der Französischen Revolution fand im republikanischen Bürgertum die ursprüngliche Frankreichbegeisterung aufgrund der Napoleonischen Kriege ein jähes Ende - und schwenkte in das Gegenteil um.[7]

Illustrationen[Bearbeiten]

Sprachliche Auswirkungen[Bearbeiten]

In der englischen und französischen Sprache werden einige Verhaltensweisen und Gegenstände jeweils auf den Nachbarn bezogen - ein french leave, ein den Gastgebern unbemerkt bleibendes Verlassen einer Veranstaltung ist auf Französisch keine französische, sondern eine fileage à l'anglaise. French letter bezeichnet keinen Brief, sondern ein Kondom, wohingegen in Frankreich das Capot anglaise einen englische Regenkappe oder Kapuze verballhornt. Herpes und Syphilis wurden wechselseitig als französische respektive englische Krankheit verdammt.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weiterführendes[Bearbeiten]

  • Lothar Baier: Des ORF böhmische Dörfer. In: Wespennest, 121, Wien 2000.
  • York-Gothart Mix: Gallophilie und Gallophobie in der Literatur und den Medien in Deutschland und in Italien im 18. Jahrhundert. Mit Beiträgen von B. Anglani, N. Birkner, C. Campa, T. Coignard, G. Darras, A. Feuchter-Feler, R. Florack, M. Formica, R. Heitz, C. Julliard, R. Krebs, Hans-Jürgen Lüsebrink, Y.-G. Mix, J. Mondot, A. Muzelle, R. Paulin, A. M. Rao, J. Schillinger, A. Wagniart. Heidelberg 2011 (zusammen mit Raymond Heitz, A. Meier, Jean Mondot u. Nina Birkner).
  • York-Gothart Mix: Kulturpatriotismus und Frankophobie. Die Stereotypisierung nationaler Selbst- und Fremdbilder in der Sprach- und Modekritik zwischen Dreißigjährigem Krieg und Vormärz (1648–1848). In: arcadia. Zeitschrift für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft 36/1 (2001). S. 156–185.
  • Stefan Zenklusen: Medienkarriere nach Schema X – Frankreichkorrespondenz als wirtschaftsliberales Schlagwortgemenge. In: Dokumente. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog 4/2001, Bonn.
  • Stefan Zenklusen: Frankophober Globalismus. In: ders.: Im Archipel Coolag. Berlin 2006.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. John G. Robertson: Robertson's Words for a Modern Age: A Cross Reference of Latin and Greek Combining Elements. Senior Scribe Publications, 1991, ISBN 978-0-9630919-0-1.
  2. La France vue par les États-Unis: réflexions sur la francophobie à Washington Simon Serfaty Institut français des relations internationales, 2002 - 116 Seiten
  3. [1] French Negotiating Behavior: Dealing with La Grande Nation von Charles Cogan Review von Philip Gordon 2004
  4. Out of Evil: New International Politics and Old Doctrines of War Steve Chan I.B.Tauris, 2005 - 164 Seiten
  5. Out of Evil: New International Politics and Old Doctrines of War Steve Chan I.B.Tauris, 2005 - 164 Seiten
  6. Dimitrios Karmis and Alain Gagnon, Federalism, federation and collective identities in Canada and Belgium: different routes, similar fragmentation in Alain Gagnon, James Tully (editors) Multinational Democracies, Cambridge University Press, 2001,pp. 137–170, p. 166 ISBN 0-521-80473-6
  7. Das Wissenschaftliche Werk: Aufklarung III. Deutschland und Spanien, Band 3 Werner KraussWalter de Gruyter, 1996 - 810 Seiten
  8. Eatough G: Fracastoro's Syphilis. Francis Cairns, Liverpool 1984.