Garratt (Lokomotive)

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Werkfoto der K1, der ersten Garratt

Die Bauart Garratt ist eine spezielle Bauart von Dampflokomotiven mit zwei separaten Triebwerks-Einheiten, welche durch einen Brückenrahmen, der Dampfkessel und Führerstand trägt, verbunden sind.

Der Name Garratt geht auf den Ingenieur Herbert William Garratt zurück, der zusammen mit der Firma Beyer, Peacock & Co. in Manchester diese Bauart der Lokomotiven entwickelte. Die erste Garratt, die TGR-Klasse K der Tasmanian Government Railways, wurde 1909 für die North-East Dundas Tramway in Tasmanien ausgeliefert.

Technische Merkmale[Bearbeiten]

Prinzipieller Aufbau einer Garratt
Schwere Garratt vom Typ GMAM im Depot von Oudtshoorn, Südafrika, 1979

Die Garratt-Dampflokomotive wurde unter der Anforderung entwickelt, auf Strecken mit leichtem Oberbau und engen Bögen genügend Zugkraft für schwere Züge aufzubringen. Dazu wurden Garratts mit zwei separaten Fahrwerken mit jeweils eigener Dampfmaschine gebaut. Das vordere Fahrwerk wurde unter einem vorausfahrenden Rahmen mit Wasserkasten montiert, das hintere Fahrwerk unter dem hinteren Tender mit einem weiteren Wasserkasten und dem Treibstoffbehälter. Der Kessel einschließlich des Führerhauses stützte sich auf einem brückenartigen Rahmen mit dessen Enden über Drehzapfen auf den beiden Fahrwerken ab. Wegen dieser Bauweise und aufgrund der dadurch begünstigten tiefen Kessellage kann der Kessel vollkommen frei und ohne Behinderungen durch Treibräder und Rahmenkomponenten hinsichtlich thermischer und wartungstechnischer Eigenschaften optimal gestaltet werden:

  • Großer Durchmesser, zahlreiche und enge Heizrohre im Überhitzer
  • Tiefe Feuerbüchse mit frei zugänglichem Aschkasten
  • Allseits gerade Stehkesselwände, dadurch Vorteile bei Herstellung und Wartung

Die Bauarten Mallet und Meyer sind hinsichtlich dieser Merkmale vergleichsweise im Nachteil. Problematisch ist bei Garratt-Maschinen wegen des Wasserkastens auf dem vorderen Laufwerk der Zugang zur Rauchkammer und zu den Kesselrohren, daher ist entweder der Wasserkasten mit einer Nische zum Ausschwenken der Rauchkammertür versehen oder ein hinreichend großer Abstand zwischen Kessel und dem vorderen Wasserbehälter vorhanden. Auch die Streckensicht des Personals ist konstruktionsbedingt eingeschränkt.

Durch die besonders günstige und thermisch effektive Kesselkonstruktion der Garratt-Bauart, welche auch insbesondere bei engen Lichtraumprofilen möglich ist, sowie durch die günstige Verteilung der Masse des Fahrzeugs auf viele Achsen und eine große Länge und nicht zuletzt die verglichen mit anderen Gelenkkonstruktionen hervorragenden Laufeigenschaften wurde die Konstruktion von äußerst leistungsfähigen Maschinen mit geringer Achslast möglich. Besonders bewährten sie sich auf den mit wenig Aufwand gebauten Strecken in den ehemaligen afrikanischen Kolonien. Nachteilig sind die nötigen beweglichen Dampfleitungen und die im Betrieb schwankende Reibungslast, die in dieser Form bei Schlepptenderlokomotiven der Regelbauart nicht auftritt.

Der Erfolg der Garratts sorgte bei Beyer-Peacock für Planungen von Super-Garratts mit jeweils einem Mallet-Triebwerkspaar unter jedem Tender. Das Patent wurde erteilt, die Maschinen kamen allerdings nie über die Planungsphase hinaus.

Einsatzgebiete[Bearbeiten]

Garratt-Lokomotiven waren vor allem in Afrika, Asien, Australien und Brasilien weit verbreitet.

In Europa gab es nur in Spanien einen größeren Einsatzbestand unterschiedlicher Garratt-Bauarten. Immerhin 33 Garrat-Lokomotiven wurden von der London, Midland and Scottish Railway unter der Bezeichnung LMS Garrat im schweren Güterzugverkehr eingesetzt.

Hauptproduzent war Beyer, Peacock & Co., worauf sich auch die häufig verwendete Bezeichnung Beyer-Garratt erklärt. Unter Lizenz bzw. nach Ablaufen des Patents wurden sie auch von anderen Herstellern gebaut, u. a. bei Henschel & Sohn in Kassel, Cockerill-Sambre in Lüttich, Euskalduna und Babcock & Wilcox in Spanien.

Heute sind Garratts hauptsächlich bei Museumsbahnen im Einsatz. In Europa ist insbesondere die Welsh Highland Railway für ihren Einsatzbestand von drei bis vier Garratts bekannt, und in der Schweiz die Schinznacher Baumschulbahn (Deren Garrat-Lok gab es als LGB Modell). Die Staatsbahnen von Simbabwe setzen allerdings noch einige Exemplare im Rangierbetrieb kommerziell ein. Die Ferrocarril Austral Fueguino auf Feuerland hat zwei 1994 und 2006 neu gebaute 500 mm-Schmalspur-Garratts vom Typ FCAF-Klasse KM in Betrieb.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Garratt locomotives – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien