Haus Carstanjen

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Haus Carstanjen (2007)

Haus Carstanjen (auch Villa Carstanjen, Haus von Carstanjen[1]) ist ein Schloss bzw. eine Villa in Plittersdorf, einem Ortsteil des Bonner Stadtbezirks Bad Godesberg. Es befindet sich oberhalb des Rheinufers (Von-Sandt-Ufer) an der Martin-Luther-King-Straße (Hausnummer 8) im Norden des Ortsteils. Das Haus Carstanjen steht einschließlich der Parkanlage als Baudenkmal unter Denkmalschutz[2] und umfasst auch einen als Bürogebäude dienenden Erweiterungsbau.

Luftaufnahme

Geschichte[Bearbeiten]

Auerhof/Villa Carstanjen[Bearbeiten]

Das schlossartige Anwesen geht auf die „Plittersdorfer Aue“ bzw. den „Auerhof“, einen Fronhof des Kloster Heisterbachs zurück, den es gemäß Urkunden als Allod 1197 teilweise und 1318 vollständig[3] erworben hatte. Im 18. Jahrhundert entstand der Kern des heutigen Baukörpers.[4] Im Zuge der Säkularisation auf dem Linken Rheinufer (1802) gelangte der Hof in Staatsbesitz und wurde am 24. Februar 1807 vom Bankier Abraham Schaaffhausen erworben. Der Auerhof verfügte als sogenannte villa rustica über einen umfangreichen wirtschaftlich genutzten Landbesitz, im Jahre 1824 über 490 Morgen, der von Pächtern bewirtschaftet wurde. Der zur Villa gehörige Garten umfasste eine Fläche von 25 Morgen und verfügte über Obstplantagen und Treibhäuser, die auf Betreiben von Schaaffhausen und seiner Tochter Sibylle angelegt worden waren. Nach dem Tod Schaaffhausens 1824 ging das Anwesen in den Besitz seiner Tochter Sibylle und ihres Mannes Joseph Ludwig Mertens über. In Folge des Todes ihres Mannes (1842) musste Sibylle den Auerhof verkaufen. Neuer Eigentümer wurde 1847 die Familie Solf.[5]

1881 erwarb der Kölner Bankier Wilhelm Adolf von Carstanjen (1825–1900, 1881 geadelt) die Villa und bestimmte sie zu seinem Sommersitz, als den er sie aber nur wenige Jahre nutzte und frühzeitig seinem Sohn Robert übergab. Vermutlich im Zusammenhang mit seiner Adelung wandelte er den Hof zum Fideikommiss um.[6]:37 Er und sein Sohn Robert ließen anstelle des vorhandenen Gebäudes durch mehrfache Umbauten das heutige Schloss errichten: 1892 eine Erweiterung in neogotischen Formen nach Plänen der Architekten August Hartel und Skjøld Neckelmann (1854–1903)[4], 1895–1896 eine Erweiterung nach Plänen des Kölner Architekten Johannes Baptist Kleefisch um einen Saalanbau an der Südostecke und einen Küchenanbau an der Südwestecke sowie 1906–1907 eine Aufstockung des alten Wohnhauses.[6] Unter der Familie Carstanjen diente das Anwesen erneut als villa rustica und wurde laufend durch Landerwerbungen erweitert, der Schwerpunkt des Anbaus lag bei Äpfeln und Pflaumen. Im Auftrag von Adolf von Carstanjen entstand 1894 ein neues Dörrhaus, im Auftrag des Sohnes 1908 eine Gewächshausanlage und 1918 eine 80 m lange Mauer für Spalierobst. Nach Vollendung des Umbaus wurde die Villa durch den Eigentümer Robert von Carstanjen 1907 als Schloss und der Hof mit einer Fläche von nunmehr 127 ha als Gut bezeichnet. Carstanjen nutzte das Anwesen in seinen letzten Lebensjahren als ständigen Wohnsitz.[5] Nach dessen Tod verkaufte seine Witwe den Auerhof am 11. August 1941 an den Reichsfiskus (Heer), er diente in der Folge als Heeres-Lehrer-Akademie.[6]:41[3]

Sitz von Bundeseinrichtungen[Bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg blieb Haus Carstanjen unbeschädigt und wurde nach Kriegsende von alliierten Besatzungstruppen beschlagnahmt. Nach der Bestimmung Bonns 1949 zum Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland wurde das Anwesen nach seiner Entlassung aus der Beschlagnahme Mitte November 1949 vom Land Nordrhein-Westfalen dem Bund zur Unterbringung des Bundesministeriums für Angelegenheiten des Marshallplanes („ERP-Ministerium“) angeboten. Nach der Zustimmung des Bundesfinanzministers Anfang Dezember 1949 erfolgten auf Kosten des Bundes sofortige Investitionen in Höhe von 200.000 D-Mark und später weiteren 311.000 DM unter anderem in die überalterten Wasserleitungen und Heizungsanlagen des Hauses.[7]

Von 1950 bis zu dessen Auflösung 1969 beherbergte Haus Carstanjen das später mehrfach umbenannte ERP-Ministerium (zuletzt „Bundesschatzministerium“) und bis 1996 mehrere Abteilungen des Bundesministeriums der Finanzen. Nachdem die verbliebenen Ställe und Scheunen mit dem Gewächshaus abgerissen wurden, wurde von 1967 bis 1969 für das Bundesschatzministerium nach einem Entwurf von Manfred Adams als Mitglied der Planungsgruppe der Bundesbaudirektion (spätere Planungsgruppe Stieldorf) und unter künstlerischer Beratung von Sep Ruf ein aus vier Gebäuden bestehender Anbau errichtet. In den 1970er Jahren verkaufte die Familie Carstanjen die Ländereien an den Bund, von denen Teile heute in den Rheinauenpark integriert sind. Aus den 1970er Jahren stammt auch der Spitzname Schillerpark für das Parkgelände direkt am Rheinufer, so benannt nach dem damaligen Bundesfinanzminister und Hausherrn Karl Schiller.

1996 wurde der Gesamtkomplex Domizil der in Bonn ansässigen UN-Organisationen. Der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali weihte den neuen UN-Standort ein.[8] Während immer mehr UN-Institutionen das Gebäude bezogen, sanierte es der Bund für sieben Millionen Euro.[9] Im Sommer 2006 ist der Großteil der Organisationen in den Langen Eugen umgezogen, um sie räumlich enger zusammenzufassen („UN-Campus“). Derzeit ist noch das Klimasekretariat im Haus Carstanjen ansässig. Von 2008 bis 2011 wurden dort Sanierungs- und Umbaumaßnahmen bei Kosten von 4,5 Millionen Euro durchgeführt.

2005 wurde das dem hauseigenen Landschaftspark benachbarte südlich gelegene Mausoleum der Familie Carstanjen an die Bürgerstiftung Rheinviertel vererbt. Nach einer zweijährigen Renovierungsphase, welche 300.000 Euro in Anspruch nahm, wurde die seit Jahrzehnten vernachlässigte Grabstätte 2007 zu einer modernen Nekropole, die bis zu 3.000 Urnen aufnehmen kann. [10]

Architektur[Bearbeiten]

Rheinseite von Haus Carstanjen

Der Altbau besteht aus einem winkelförmigen, dreigeschössigen Baukörper, dem zwei Rundtürme aufgesetzt sind.

Der ab 1967 errichtete Neubau besteht aus zwei hintereinanderliegenden, dreigeschossigen und längsrechteckigen Gebäuden, einem siebenstöckigen, vorgelagerten Hochhaus und einem Kantinen-Flachbau. Letzterer ist über Wandelgänge mit dem Hochhaus und dem Altbau verbunden, die Holzkonstruktion ist vollständig verglast. Nur durch eine freistehende Ziegelmauer wird eine Unterteilung in Café und Restaurant erreicht. Die Bürobauten sind in Stahlbetonskelett-Bauweise ausgeführt, ihnen sind stählerne Umgänge vertikalen Sonnenschutz-Stahlrohrgestängen vorgelagert.

„Das kompositorische Zusammenspiel der unterschiedlich dimensionierten, filigran gegliederten Baukörper entfaltet im Park des Schlosses große plastische Wirkung.“

Andreas Denk (1997)[11]

„Der Kontrast des gotisierenden alten Hauses mit den kühlen Neubauten aus Stahl und Stahlbeton in dem alten Park ist sehr reizvoll.“

Ingeborg Flagge (1984)[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 3, Katalog (2), S. 26–41. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994)
  • Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02618-7, Band 1, S. 50–52. (zugleich Dissertation Universität Bonn, 1994)
  • Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-496-01150-5, S. 114.
  •  Ursel und Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme. In: Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn. Nr. 21, Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969, S. 143/144.
  • Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945. Verlag Ludwig Röhrscheid, Bonn 1984, ISBN 3-7928-0479-4, S. 51.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsche Grundkarte
  2. Denkmalliste der Stadt Bonn, S. 40, Nummer A 1654
  3. a b Wolfgang Henrich: Haus Carstanjen
  4. a b Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Bonn. L. Schwann, Düsseldorf 1905, S. 325 f. (= Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Band 5, Abt. 3, S. 621 f.) (Unveränderter Nachdruck Verlag Schwann, Düsseldorf 1981, ISBN 3-590-32113-X) (Internet Archive)
  5. a b Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer: 1819–1914, Band I
  6. a b c Olga Sonntag: Villen am Bonner Rheinufer 1819–1914. Band II.
  7. Stadt Bonn, Stadtarchiv (Hrsg.); Helmut Vogt: „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“. Die Anfänge des Bundes in Bonn 1949/50, Bonn 1999, ISBN 3-922832-21-0, S. 204–206.
  8. Auswärtiges Amt über den UN-Standort Bonn
  9. Bund baut in Bonn für über eine Milliarde Euro, General-Anzeiger, 3. November 2004
  10. Artikel in Rheinischer Merkur/Nr.47 2007: Letzte Ruhe am Rhein; abgerufen am 28. November 2009
  11. Andreas Denk, Ingeborg Flagge: Architekturführer Bonn.
  12. Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Haus Carstanjen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.704487.162981Koordinaten: 50° 42′ 16″ N, 7° 9′ 47″ O