Heimatstil

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Das im Heimatstil erbaute Südbahnhotel in Semmering

Das Stilphänomen Heimatstil ist dem Späthistorismus zuzurechnen und findet sich in Europa vorwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Problematisch ist die Abgrenzung zur etwas späteren Heimatschutzarchitektur, die häufig auch verkürzt als Heimatstil angesprochen wird. Insbesondere im süddbayerischen Raum sind Personen und ihre Baustile kaum eindeutig zuzuordnen.

Bezeichnungen[Bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum finden sich auch die Bezeichnungen Fachwerk-, Tirolerhaus-, Laubsäge-, Schweizerhaus-, seltener auch Chaletstil. Diese Bezeichnungen sind jedoch nicht wahllos austauschbar, sondern dienen auch der genaueren Unterteilung innerhalb des Heimatstils.

In England ist der Heimatstil als Untergruppe des Victorian style vertreten. Er wird vorwiegend als Carpenter style bezeichnet, aber auch der Terminus Stick & shingle style ist gebräuchlich.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Ursprung des Heimatstils liegt nicht etwa wie erwartet im bäuerlichen Umfeld der Alpen, sondern in der das Landleben und die Natur idealisierenden Romantik einerseits und in der englischen Gartenbaukunst des frühen 18. Jahrhunderts andererseits. Im Gegensatz zu den bisher streng ornamentalen Gärten des Kontinents finden sich hier nun plötzlich romantisierende Szenerien innerhalb weitläufiger Parkanlagen. Kleine Bauwerke mit gotischen Elementen, oftmals mit dekorativ entlehnten Zitaten aus der bäuerlichen Architektur versehen, sind in diesen Parks ebenso vertreten, wie etwa künstliche Ruinen. Romantisierende Landschaftsdekoration gehört jetzt zum Chic der höfischen und adeligen Gesellschaft.

Auf dem Kontinent, wie etwa in Deutschland, vor allem aber in Österreich und den Kronländern wurde dieses Phänomen begeistert aufgenommen. Für den Adel wurde dort das Tiroler oder Schweizer Bauernhaus zum Inbegriff des gesunden und natürlichen Landlebens - gepaart mit dem Attribut noblen Prestiges.

Verbreitung[Bearbeiten]

Hasenauerstraße im Wiener Cottageviertel um 1900
Plandetail eines österreichischen Einfamilienhauses mit typischen Heimatstilelementen. Furth/Gloggnitz 1897/1900

Durch den einsetzenden Tourismus und die Kultur der Sommerfrische fand der neue Stil rasche Verbreitung. Es kam dabei zu einer bunten Vermischung einzelner landschaftstypischer Baumerkmale, die Gebäude wurden sozusagen an den jeweiligen Standort angepasst und entsprechend mit Fachwerk, Buckelquadern, geschnitzten Elementen oder Fensterläden ausstaffiert.

Die aus England importierte Cottagebewegung setzte es sich zum Ziel, die Wohnqualität zu erhöhen, indem sie städtische Infrastruktur mit ländlich anmutender Architektur paarte – ganze Villenviertel im Heimatstil entstanden, wie etwa das Cottageviertel des 1872 gegründeten Cottage Vereins in Wien.

Da auch die kleinbürgerliche Schicht inzwischen schnell Gefallen an der Stilrichtung gefunden hatte, entstanden zur Jahrhundertwende nach dem Vorbild der großen Villen zusehends auch Einfamilienhäuser im Heimatstil. Dabei wurden Stilelemente wie Laubsägearbeiten, Buckelquader, Sichtsteinelemente oder Fachwerk eins zu eins auf die kleineren Baustrukturen übernommen. Auch Details wie Türmchen, verschnittene Dachlandschaft oder die Symmetrien wurden in kleinerem Maßstab umgesetzt. Seitenflügel wurden zum Beispiel auf Seitenrisalite reduziert, Türmchen wurden zu hölzernen Firstreitern. So entstanden in den städtischen Randzonen fernab von großen Namen der Architektur durchaus Kleinode von respektabler architektonischer Qualität.

Villa Wartholz in Reichenau, Architekt Heinrich von Ferstel

Gleichzeitig trugen die führenden Architekten, wie etwa Heinrich von Ferstel, die neue Bauform wieder zurück aufs Land. In den Kurorten der k.u.k.-Monarchie und entlang der Eisenbahnen entstanden Villen und Hotelbauten. Zu erwähnen wären hier die Villen in Reichenau an der Rax, wie etwa die Villa Hebra oder die Villa Wartholz, die Villenkolonie am Semmering, oder die Eisenbahnhotels der Südbahngsellschaft, allen voran das Südbahnhotel am Semmering.

Analog zu diesen großen und luxuriösen Hotelbauten wurden um 1900 in Österreich auch die Kuranstalten gerne im Heimatstil ausgeführt. Diese Gestaltungsform sollte an die Annehmlichkeiten eines Palasthotels erinnern und damit der Heilanstalt den medizinischen Schrecken nehmen. So waren die berühmten österreichischen Lungensanatorien des östlichen Alpenvorlandes, wie etwa das Henriette-Weiss-Sanatorium, das Sanatorium am Hochegg oder das Sanatorium Wienerwald durchgehend im Heimatstil errichtet.

Ein gutes Beispiel für Bauten des Heimatstils außerhalb der Donaumonarchie, z. B. der Schweiz, war etwa das 1895/96 errichtete Basler Sanatorium in Davos. Vergleichbar damit war das 1895 in Sachsen errichtete und Schloss Lössnitz genannte Haupthaus des dortigen Bilz-Sanatoriums.

Weltausstellung 1873[Bearbeiten]

Ein Höhepunkt des Phänomens Heimatstil war die Wiener Weltausstellung 1873. Es wurden Bauernhäuser aus fast allen Regionen des Alpenlandes nachgebaut und zur Besichtigung ausgestellt. Gleichzeitig wurden nahezu alle Gebäude und Pavillons im Sinne des Heimatstils errichtet und mit Laubsägearbeiten ausgestattet.

Ausklang[Bearbeiten]

Die Justizanstalt Wien Mittersteig, erbaut zwischen 1908 und 1910

Mit Aufkeimen des Jugendstils näherte sich die Ära des Späthistorismus um 1900 ihrem Ende. Diese Tendenzen führten dazu, dass der Heimatstil plötzlich als altmodisch empfunden wurde. Gegenströmungen entstanden, die im Heimatschutzstil, einer Richtung der Moderne, gipfelten. Dessen ungeachtet wurden in der Donaumonarchie bis zu ihrem Ende zahlreiche Gebäude im Heimatstil errichtet. Vorwiegend der Adel konnte mit dem Jugendstil noch wenig anfangen. Es entstanden aber interessante Mischformen. Eines der schönsten Beispiele dafür war die Bibliothek des Semmeringer Südbahnhotels im Trakt von 1912. Hier waren Heimatstil, Jugendstil und beginnende Moderne in friedlicher Eintracht versammelt.

Skandinavien[Bearbeiten]

"Johansdal" von 1881, typische Villa im Schweizerstil, Djurgården

Auch in Skandinavien, vor allem in Norwegen und Schweden, wurde der so genannte Schweizerstil (schweizerstilen) für die Gestaltung ländlicher Sommerhäuser der Oberschicht übernommen. Auch hier galt die Schweiz als Vorbild für Demokratie, Freiheit und saubere Natur. Besonders in den Stockholmer Schären finden sich zahlreiche Villen im Schweizerstil, die während der Jahre 1860 bis 1915 errichtet und oftmals von bekannten Architekten entworfen wurden. Es handelte sich hierbei anfangs um reine Sommerhäuser ohne Wärmedämmung. Architekten wie Fredrik Wilhelm Scholander und Adolf W. Edelsvärd waren treibende Kräfte hinter der Bewegung und Scholander fertigte Typzeichnungen für den Holzbau im Schweizerstil an. Eine Vermischung der traditionellen schwedischen mit der Schweizer Holzbauarchitektur kam auch vor. Typisch waren jedoch die weit auskragenden Dächer, verglaste Veranden und reich verzierte Holzdetails wie Konsolen und Geländer sowie Tür- und Fensterzargen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Elisabeth Crettaz-Stürzel: Heimatstil. Reformarchitektur in der Schweiz 1896-1914. Huber, Frauenfeld 2005, ISBN 3-7193-1385-9.
  • Klaus Eggert, Géza Hajós: Landhaus und Villa in Niederösterreich 1840- 1914. Böhlau, Wien 1982, ISBN 3-205-07191-3.
  • Wolfgang Kos (Hrsg.): Die Eroberung der Landschaft. Semmering, Rax, Schneeberg. Falter Verlag, Wien 1992, ISBN 3-85460-062-3, (Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums N. F. 295), (Ausstellungskatalog der Niederösterreichischen Landesausstellung, Gloggnitz, Schloss, 1992).
  • Erich Kühtmann: Das Bauernhaus in Österreich-Ungarn und seinen Grenzgebieten. Küthmann, Dresden 1906.
  • Andreas Lehne: Heimatstil. Zum Problem der Terminologie. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 43, 1989, Heft 3/4, ISSN 0029-9626, S. 159-164.
  • Eva Pusch, Mario Schwarz: Die Architektur der Sommerfrische. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten u. a. 1995, ISBN 3-85326-026-8.
  • Mario Schwarz (Hg): SemmeringArchitektur. 2 Bände. Böhlau, Wien u. a. 2006.
  • Isabel Termini: Heimat bauen. Aspekte zu Heimat - Heimatschutz - Heimatstil - Heimatschutzarchitektur. Wien 2001, (Wien, Univ., Dipl.-Arb., 2001).

Weblinks[Bearbeiten]