Kleinbürger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Kleinbürgertum)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kleinbürger hießen ursprünglich jene Angehörigen des Bürgertums, die dessen unterster Schicht angehörten, wie Handwerker, kleine Kaufleute, Volksschullehrer u. Ä.

Entstehung des Begriffs[Bearbeiten]

Der Begriff „Kleinbürger“ scheint im 18. und 19. Jahrhundert entstanden zu sein. Adelungs Wörterbuch von 1811 kennt den Begriff nicht,[1] erst das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm und Nachfolger nennt ihn 1873 im elften Band.[2] Der dortige erste Nachweis von 1783 lautet: in Königsberg heiszen die arbeiter so, im gegensatz der groszbürger.

Diese nüchterne soziale Scheidung erhielt in der Folge eine negative, moralische Komponente: Während sich der oft international tätige Großkaufmann und Großbürger schon aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen eine weltläufige Denk- und Lebensweise beimaß, benutzte er den Begriff „kleinbürgerlich“ für eine beschränkte, nur auf die eigene kleine Welt bezogene Weltsicht des Tiefergestellten. Offenbar war diese Begriffsverschlechterung eine Folge der Abwertung des älteren Begriffs Spießbürger.

Die marxistische Begriffsverwendung[Bearbeiten]

In der marxistisch-leninistischen Terminologie wurden mit Kleinbürger Nicht-Proletarier benannt, die sich ohne festen Klassenstandpunkt der gerade herrschenden Klasse anpassten. Adjektivisch wurde ideologisches Abweichen (auch von Proletariern) als kleinbürgerlich bezeichnet.

Kleinbürger stehen, ökonomisch und vom Marxismus her gesehen, zwischen dem Lohnarbeiter und dem Kapitalisten. Mit dem Lohnarbeiter haben sie gemeinsam, dass sie von eigener Arbeit leben müssen, mit dem Kapitalisten, dass sie ihre eigene(n) Produktionsmittel benutzen und ihr Arbeitsprodukt als ihnen gehörende Ware verkaufen. In ihrer Mehrheit sind es Einzelarbeiter. Dadurch entstehen allerdings Abgrenzungsprobleme zum Bauern, namentlich – in leninistischer Terminologie – zum „Mittelbauern“.

Die Selbstabgrenzung der Kleinbürger gegenüber dem Proletariat sowie ihre Nicht-Solidarisierung mit einer kommunistischen Richtung im Proletariat brachte den Kleinbürgern dann zusätzlich zur Verachtung der Höhergestellten die Ablehnung kommunistischer Publizisten wie Marx und Horkheimer ein, erschienen sie doch als Hindernis einer Revolution in deren Sinne.

In seinem Kommunistischen Manifest schrieb Karl Marx 1848:

„In Deutschland bildet das … Kleinbürgertum die eigentliche Grundlage der bestehenden Zustände.“[3]

Max Horkheimer notierte um 1960:

„Wir erleben es, daß die Klassen zerfallen… Die Arbeiter in den Industriestaaten werden größtenteils miese Kleinbürger. Aber die Klassengegensätze bestehen weiter. Wie steht es mit der Ausbeutung? Die Tatsachen sprechen dafür, daß sie geringer geworden ist.“[4]

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Annette Leppert-Fögen: Die deklassierte Klasse. Studien zur Geschichte und Ideologie des Kleinbürgertums. Frankfurt/Main 1974.
  • Berthold Franke: Die Kleinbürger. Begriff, Ideologie, Politik. Frankfurt/Main 1988, ISBN 3-593-33908-0.
  • Heinz-Gerhard Haupt / Geoffrey Crossick: Die Kleinbürger. Eine europäische Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, München 1998, ISBN 3-406-43258-1.
  • Joska Pintschovius: Die Diktatur der Kleinbürger. Der lange Weg in die Mitte. Berlin 2008, ISBN 3-940731-04-8.
  • Heinz Schilling: Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-593-37250-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/online/angebot
  2. http://woerterbuchnetz.de/DWB/
  3. Karl Marx: Manifest der Kommunistischen Partei. MEW, S. 64
  4. Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd.14: Nachgelassene Schriften 1949–1972. 5. Notizen. Hrsg. v. Gunzelin Schmidt Noerr, Frankfurt am Main 1988, S.327–328: Die Aktualität von Marx und die Rettung von Marx, dort S.328