Herkynischer Wald

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Herkynischer Wald (lat.: Hercynia silva, griech.: ορη Αρκύνια oder Ορκύνια) ist die antike Sammelbezeichnung für die nördlich der Donau gelegenen Mittelgebirge östlich des Rheins.

Etymologie[Bearbeiten]

Die Etymologie des Namens ist umstritten. So glauben einige, er leite sich ab vom keltischen gabros (= Steinbock, lateinisch: caper = Ziegenbock), andere erkennen eher den ebenfalls keltischen Wortstamm erchynn (= hoch, erhaben). Der Innsbrucker Sprachwissenschaftler Wolfgang Meid schlägt eine Ableitung vom proto-keltischen *perkuniā vor[1] (von indogermanisch: *perkʷus „Eiche“.[2]) Diese Ableitung wird untermauert durch althochdeutsch firgunna für den Herkynischen Wald, das sich vom gleichen Wort ableitet, wobei das indogermanische p in den keltischen Sprachen geschwunden ist, während es sich im Zuge der germanischen Lautverschiebung zu f verschoben hat.

Lage[Bearbeiten]

Auch die genaue Ausdehnung des Herkynischen Waldes ist unklar. Er wird zwar bereits in den Meteorologica des Aristoteles erwähnt, eine genauere Beschreibung ist uns aber erst in Gaius Julius Caesars Kommentar zum Gallischen Krieg (Commentarii de Bello Gallico)[3] überliefert, wo im Rahmen eines Exkurses über die Lebensweise der Germanen auf ihn eingegangen wird. Die Passage (25-28) gehört zu denjenigen, die in ihrer Echtheit fragwürdig und wahrscheinlich als nachträgliche Einfügungen anzusehen sind, auch in diesem Fall aber als Zusätze gelten, die schon in antiker Zeit in den Text interpoliert wurden.[4] In der betreffenden Darstellung heißt es, der Wald sei in Nord-Süd-Richtung etwa neun Tagesmärsche breit und erstrecke sich über sechzig Tagesmärsche nach Osten, vom Gebiet der Helvetier bis zu den im heutigen Rumänien siedelnden Dakern, den Anarten, die die Ufer der Theiß im heutigen Ungarn besiedelten, und noch weit darüber hinaus. Wenn man einen Tagesmarsch mit 25 Kilometern ansetzt, ergibt das eine Gesamtfläche für den Herkynischen Wald von mehr als 337.500 Quadratkilometern.

Geschichte[Bearbeiten]

Mit der zunehmenden Akkulturation dieses riesigen Gebietes fanden die Römer in den Jahrhunderten nach Christus zu einer weniger pauschalen geographischen Begrifflichkeit und unterschieden künftig beispielsweise mons Taunus, saltus Teutoburgiensis, Silva Gabreta und Carpates montes. Die Besiedlung und Rodung erfolgte durch die fränkische Landnahme und die merowingischen und karolingischen Rodungswellen im 7. bis 10. Jahrhundert. In einer zweiten Rodungswelle im 11. Jahrhundert sollten die Slawen durch fränkische Siedler unterworfen werden.

Flora und Fauna[Bearbeiten]

Der Wald bestand bis in die hohen Mittellagen größtenteils aus Fichten, Rotbuchen und Weißtannen.

Im De bello Gallico von Gaius Iulius Caesar werden im Anschluss an einen Exkurs über die Lebensweise der Gallier und die Germanen drei angeblich typische Tierarten des Hercynischen Waldes beschrieben. Lange Zeit wurde angenommen, dass Caesar der Verfasser sei. Heute nimmt die Forschung an, dass diese Kapitel nicht von Caesar selbst stammen, sondern eine Einfügung jüngeren Datums sind. Geschildert werden

  1. eine bis heute unidentifizierte Hirschart, die durch ein einziges sehr langes und auffallend gerades Horn zwischen den Ohren gekennzeichnet sei, das sich an der Spitze astähnlich verzweigen würde.
  2. Elche, die als ziegenartig beschrieben werden, aber keine Kniegelenke hätten; deswegen würden sie sich zum Schlafen an Büsche oder Bäume lehnen, die von den Germanen anhand der Fußspuren ermittelt und angesägt bzw. unterwühlt würden – komme dann der müde Elch zu seiner gewohnten Schlafstelle, falle er um und könne mangels Kniegelenk nicht mehr aufstehen.
  3. Auerochsen, die etwas kleiner als Elefanten und so wild seien, dass sie nicht gezähmt werden könnten; die Germanen würden sie mittels Fallgruben jagen und ihre Hörner als Trinkgefäße verwenden.

Zur Erklärung dieser zoologisch einigermaßen abstrusen Angaben hat die Forschung lange angenommen, der Verfasser der Passage (Pseudo-Caesar) gäbe hier Jägerlatein wieder, das ihm germanische Kundschafter bei seinen beiden Exkursionen über den Rhein aufgeschwatzt haben könnten. Der Altphilologe Otto Seel konnte aber 1967 nachweisen, dass die Geschichte der gelenklosen Tiere in einer byzantinischen Ergänzung zum Physiologus, einem Handbuch der Tiersymbolik, fast genauso berichtet wird, aber nicht von Elchen, sondern von Elefanten. Hier erscheint der Bericht auch etwas weniger unsinnig, denn deren Kniegelenke sind tatsächlich nicht gut zu erkennen. Da sich die griechischen Wörter ελεφας — der Elefant und ελαφος — der Hirsch nur durch zwei Vokale unterscheiden, liegt die Vermutung nahe, dass die absurde Geschichte von Elchen ohne Kniegelenke hier ihren Ursprung hat, denn Pseudo-Caesar gibt selbst an, dass er sein Wissen über den Herkynischen Wald nicht aus eigener Anschauung, sondern aus (heute verlorenen) Schriften des Eratosthenes und anderer griechischer Ethnographen bezog. Es handelt sich also nicht um Jägerlatein, sondern um die Ausschmückung eines griechischen ethnographischen Textes, der nach einem Abschreibfehler unverständlich geworden war.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • C. Iulii Caesaris: Commentarii De Bello Gallico. Zum Schulgebrauch mit Anmerkungen herausgegeben von Hermann Rheinhard, Verlag von Paul Neef, Stuttgart 1886.
  • C. Iulii Caesaris commentarii rerum gestarum. Band 1: Bellum Gallicum. Bearbeitet von Wolfgang Hering, 3. Auflage Stuttgart-Leipzig 1997 (ND stereotyp. Ausgabe 1987, Bibliotheca Teubneriana)
  • Otto Seel: Zum Germanenexkurs. Die Elche. in: ders., Caesar-Studien, Stuttgart 1967, S. 37–43.
  • Rainer Henke: Jägerlatein in Caesars Bellum Gallicum (6,25-28) Original oder Fälschung? In: Gymnasium. 105, 1998, S. 117–142.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Meid: Indogermanisch und Keltisch. in: Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft. Sonderheft 25, Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 1968.
  2. Indogermanisches Wörterbuch, 4. Auflage, Gesamtdatei (HTML; 1165 KiB) auf www.koeblergerhard.de
  3. Buch 6, Kapitel 24–28
  4. Rainer Henke: Jägerlatein in Caesars Bellum Gallicum (6,25–28) Original oder Fälschung? In: Gymnasium. 105, 1998, S. 117-142, S. 121ff.; Gerhard Dobesch, Zum Exkurs über den herzynischen Wald in Caesars Bellum Gallicum (1985), in: ders., Ausgewählte Schriften, Band 1, Köln [u.a.]: Böhlau, 2001, S. 439-452
  5. Otto Seel: Zum Germanenexkurs. Die Elche. in: ders., Caesar-Studien, Stuttgart 1967, S. 37–43.