Auerochse
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Auerochsenskelett |
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| Bos primigenius | ||||||||||||
| Bojanus, 1827 |
Der Auerochse oder Ur (Bos primigenius), volkstümlich oft Auerochs, ist eine ausgerottete Art der Rinder. Nahöstliche Populationen gelten nach neueren Genforschungen als Stammvater des taurinen Hausrindes. Das indische Zebu stammt von der indischen Subspezies ab, welche von manchen Autoren auch in einer eigenen Art, Bos namadicus, geführt wurde.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Beschreibung
Das Aussehen des Auerochsen lässt sich anhand von Knochenfunden, historischen Beschreibungen und zeitgenössischen Darstellungen, wie Höhlenmalereien oder jenen in den Werken von Siegmund von Herberstein oder Conrad Gesners, rekonstruieren. Auch wird oft der „Augsburger Ur“ als Quelle herangezogen. Diese Abbildung von Charles Hamilton Smith basiert auf einem zeitgenössischen Ölgemälde.
Der Auerochse war einer der größten Herbivoren im nacheiszeitlichen Europa, vergleichbar nur mit dem Wisent. Die tatsächliche Größe des Urs schien teilweise von der Region abhängig gewesen zu sein. So verfügten Ur-Bullen aus dem nördlichen Europa im Holozän über eine Schulterhöhe von etwa 155-180 cm und Kühe über eine Schulterhöhe von 135 bis 155 cm (Dänemark, nördliches Deutschland) bzw. 170 bis 185 Zentimetern bei Bullen und etwa 165 bei Kühen (Polen), während jene in Ungarn mit etwa 155-160 cm bei Bullen anscheinend etwas kleiner waren.[1] Nach der Eiszeit lässt sich ein gewisser Verlust an Körpergröße beobachten. Die Körpermasse der Auerochsen war wahrscheinlich mit jener der Wisents und Bantengs vergleichbar. Vom Indischen Auerochsen lässt sich sagen, dass dieser allgemein kleiner, jedoch mit proportional größeren Hörnern ausgestattet war als jene in Europa (siehe van Vuure, 2005). Der Geschlechtsdimorphismus hinsichtlich der Körpergröße war, wie auch bei einigen anderen Aspekten, deutlich ausgeprägt, da die Kühe oft einige Dezimeter kleiner waren als die Bullen.
Die Hörner des Auerochsen waren in Bezug auf ihre Krümmung und Größe charakteristisch für diese Art. Sie waren dreifach geschwungen: an der Basis nach außen, dann nach vorne-innen und an der Spitze nach oben-innen. Die Bullen hatten größere und stärker geschwungene Hörner, diese konnten bis zu 80 Zentimeter Länge und über 10 Zentimeter Durchmesser erreichen.[2] Die Hornform war bei den Kommentkämpfen der Ure von Vorteil, welche nicht aus Zusammenprallen der Schädel wie bei Wisents oder Moschusochsen bestanden, sondern wahrscheinlich aus gegenseitigem kraftvollen Schieben bei gegenseitigem Hornkontakt, wie es Hausrinder heute noch praktizieren (siehe van Vuure, 2005). Zum Schutz der Augen bei diesen Kommentkämpfen waren bei Ur-Stieren die knöchernen Augenhöhlen deutlicher ausgeprägt als bei vielen heutigen Hausrind-Stieren.
Die Statur des Auerochsen unterscheidet sich in einiger Hinsicht von der vieler heutiger Rinderrassen. So sind die Beine vergleichsweise lang und schlank, was sich in einer Schulterhöhe, die ungefähr der Rumpflänge entspricht, ergibt. Auch war der Schädel, die imposanten Hörner tragend, wesentlich größer und langgezogener als bei vielen Hausrindern. Nur wenige Primitivrassen wie Maremmana primitivo oder Pajuna besitzen noch diese Eigenschaften. Der Körperbau der Auerochsen war, wie bei anderen Wildrindern, athletisch und von – insbesondere bei Bullen – stark ausgeprägter Nacken- und Schultermuskulatur gekennzeichnet. Selbst bei gerade säugenden Kühen war der Euter klein und von der Seite kaum sichtbar; auch dieses Merkmal entspricht dem anderer Wildrinder.
Die Fellfarbe der Ure lässt sich anhand zeitgenössischer Darstellungen und historischer Berichte erahnen. Anton Schneeberger liefert in seinen Briefen an Conrad Gesner (1602) eine der genausten Beschreibungen des Auerochsen, die sich mit der Färbung der als Höhlenmalereien dargestellten Tiere in Lascaux und Chauvet deckt. Die Kälber wurden haselnussbraun geboren, und junge Stiere färbten sich binnen weniger Monate zu einer sehr dunklen bis schwarzen Farbe um. Die Kühe hingegen behielten die Farbe der Kälber. Die Bullen bildeten zudem „etwa zwei Finger breite“ (Schneeberger) helle Aalstriche entlang des Rückgrats aus, die den Kühen fehlten. Typisch für den Ur war auch das weiß umrandete Flotzmaul, welches auch bei einigen Bantengs zu beobachten ist (van Vuure, 2005). Belege, dass Auerochsen-Populationen innerhalb oder außerhalb Europas eine andere grundsätzliche Färbung aufwiesen, gibt es nicht. Ein von Mucante 1596 in Latein verfasster Text beschreibt ebenfalls die Farbe des Auerochsen - seine Beschreibung wurde an einer Stelle mit „grau“ übersetzt, doch im selben Text wird weiters von „schwarzen Ochsen“ geschrieben. Mucantes Text ist nicht unproblematisch; so wird sich anscheinend stellenweise tatsächlich auf den Wisent bezogen. Ägyptische Grabmalereien, die rotbraune Rinder (sowohl Kühe und Kälber als auch Bullen) mit hellem Sattel zeigen, werden mitunter als Referenz für eine solche Färbung bei der nordafrikanischen Subspezies verwendet, doch die gemalte Hornform legt nahe, dass es sich bei den dargestellten Tieren um Hausrinder handelt (siehe van Vuure, 2005).
Einige primitive Rinderrassen zeigen heute noch Charakteristika der Fellfarbe des Urs, wie etwa die schwarze Färbung der Bullen mit einem hellen Aalstrich, das weiß umrandete Flotzmaul und mitunter auch den typischen Geschlechtsdimorphismus. Ein Attribut, das dem Auerochsen sehr oft zugesprochen wird, sind hell gefärbte Stirnlocken. Dass der Ur über deutlich ausgeprägtes lockiges Haar auf der Stirn verfügte, geht aus historischen Berichten hervor, doch niemals wird für diese eine besondere Farbe beschrieben. Daher beschreibt van Vuure (2005) die helle Farbe der Stirnlocken - vorhanden bei einer Vielzahl der Primitivrassen - als Verfärbung, die nach der Domestikation auftrat. Er merkt jedoch an, dass auch bei Gauren eine hellere Farbe dieser Partie zu finden ist. Ein Gen, das für dessen Ausprägung verantwortlich ist, ist derzeit noch nicht bekannt (siehe van Vuure, 2005). Zebuine Rassen verfügen über das sogenannte „Zebu tipping“-Gen, das helle Beininnenseiten und Flanken verursacht. Ob dieses Gen in deren Wildform, dem Indischen Ur, vorhanden war, wurde nicht getestet (van Vuure, 2005).
Als wissenschaftlichen Namen des Auerochsen findet man oft auch Bos taurus, den ursprünglich von Carl von Linné für das Hausrind vergebenen Namen. Da beide nun zu einer Art gerechnet werden, müsste eigentlich nach der Prioritätsregel des ICZN der ältere Name Gültigkeit haben. Die ICZN entschied aber 2003, dass in diesem Sonderfall der Name der Wildform Bos primigenius der gültige Name sein solle.[3] Demzufolge werden sowohl der Auerochse als auch die aus diesem domestizierten Hausrinder in einer Spezies namens Bos primigenius geführt.
[Bearbeiten] Habitat, Ökologie und Verhalten
Hinsichtlich des bevorzugten Habitat des Urs herrscht Uneinigkeit. Während manche den Auerochsen ähnlich dem Waldbüffel als Bewohner der Wälder betrachten (u. a. Cis van Vuure 2002 & 2005), beschreiben andere den Ur als Bewohner offenen Graslandes, der zusammen mit anderen großen Pflanzenfressern für den natürlichen Erhalt dieser Flächen sorgte (siehe Megaherbivoren-Theorie).[4][5] Der Auerochse ist mit seinem hypsodonten Gebiss auf das Grasen ausgerichtet und hatte wahrscheinlich eine sehr ähnliche Nahrungsauswahl wie heutige Hausrinder (van Vuure, 2005), war folglich also kein Äser wie Rothirsche oder Rehe oder ein Semi-Intermediärfresser wie der Wisent. Vergleiche der Isotopenlevels im Knochenmaterial neolithischer Auerochsen und Hausrinder legen nahe, dass Ure sumpfigeres Terrain als ihre domestizierten Nachkommen bevorzugten.[6] Aus dem Bericht von Anton Schneeberger in Gesner (1602) geht hervor, dass neben Gräsern während des Winters auch Laub und Eicheln einen wichtigen zusätzlichen Teil der Nahrung der Auerochsen darstellte.
Wie viele andere Hornträger auch bildeten Auerochsen zumindest einen Teil des Jahres Herden. Diese zählten wahrscheinlich nicht mehr als 30 Tiere und bestanden hauptsächlich aus Kühen mit ihren Kälbern und Jungbullen. Ältere Bullen lebten wahrscheinlich alleine oder bildeten eigene kleine Bullenherden. Die Rangordnung wurde, davon ausgehend, dass das Sozialverhalten des Urs dem der Hausrinder und anderen Wildrindern entsprach, durch Imponiergesten und auch heftige Kämpfe ausgetragen, die auch zwischen Kühen stattfinden können (siehe Frisch, 2010).
Während der Brunftzeit, die beim Ur wahrscheinlich im Spätsommer oder Frühherbst lag (siehe van Vuure, 2005), trugen die Bullen heftige Kämpfe aus. Aus dem Wald von Jaktorów ist bekannt, dass dabei auch Männchen getötet werden konnten. Während des Herbstes fraßen sich die Auerochsen eine Speckschicht für den Winter an und erschienen daher etwas dicklicher als während des restlichen Jahres. Im Frühjahr kalbten die Kühe, wofür sie sich in den Wald zurückzogen. Das Muttertier verweilte dort und bewachte und verteidigte das Kalb, bis dieses stark genug wurde, um mit auf den Weidegrund genommen zu werden (siehe Schneeberger in Gesner, 1602).
Die Kälber waren Angriffen von Wölfen gegenüber verletzlich, während gesunde ausgewachsene Ure wahrscheinlich eher weniger von diesem Raubtier bedroht waren. Im Europa der Prähistorie sowie Nordafrika und Asien stellten Großkatzen wie Löwen und in Asien Tiger, aber auch Hyänen zusätzliche natürliche Feinde dar (siehe van Vuure, 2005).
Aus historischen Quellen, etwa Caesar (De Bello Gallico) oder Schneeberger, geht hervor, dass der Auerochse schnell und beweglich war und sehr aggressives Verhalten an den Tag legen konnte. Laut Schneeberger nahmen Auerochsen von einem sich nähernden Menschen kaum Notiz und zeigten auch bei lautem Geschrei kaum Reaktion. Reizte oder jagte man aber einen Ur, so konnte dieser sehr aggressiv und gefährlich werden, nahm die ihn bedrängende Person auf die Hörner und schleuderte sie in die Luft, wie Anton Schneeberger in seinen Brief an Conrad Gesner im Jahre 1602 schrieb (van Vuure, 2005). Grundsätzlich muss der Auerochse jedoch ein dem Menschen gegenüber eher friedliches Tier gewesen sein, ansonsten wäre er für die Domestikation kaum tauglich gewesen (Frisch, 2010).
[Bearbeiten] Ursprüngliche Verbreitung und geographische Variation
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Auerochsen umfasste große Teile des gemäßigten und subtropischen Eurasien, der Auerochse kamen ebenso in Teilen Indiens und Nordafrikas vor, wo jedoch jeweils andere Subspezies lebten. Die indische Form des Auerochsen (Bos primigenius namadicus), die im späten Pleistozän auf dem Subkontinent vorkam und vermutlich zum Vorläufer des Zeburindes wurde, könnte allerdings auch eine eigene Art, Bos namadicus beziehungsweise Bos indicus dargestellt haben.[7][8] Der Indische Auerochse überlebte bis in die Jungsteinzeit, wo er vermutlich vor 8000 Jahren im Norden des Indischen Subkontinents domestiziert wurde. Fossilfunde aus Gujarat und dem Gangesgebiet deuten darauf hin, dass wilde Auerochsen hier noch vor 5.000 bis 4.000 Jahren neben domestizierten Zeburindern vorkamen. In Südindien ist der wilde Indische Auerochse bis vor mindestens 4.400 Jahren sicher nachgewiesen.[9] Die nordafrikanische Unterart B. p. africanus (Juniorsynonym mauretanicus) ist der Eurasischen anatomisch sehr ähnlich, und steht laut Cis van Vuure möglicherweise auf rein geographischer Basis. Obwohl keine geographische Barriere zwischen Nordafrika und dem Nahen Osten bestand, dürften sich nordafrikanische und eurasische Auerochsen genetisch unterschieden haben.[10] Vom Spätpleistozän an bis vor mindestens 3000 Jahren kam der Auerochse auch in Ostasien vor, wo er etwa im chinesischen Yangyuan (Provinz Hebei) nachgewiesen ist.[11]
In der Regel werden drei Unterarten unterschieden, die alle in der Wildform ausgestorben sind:[12]
- Europäischer Auerochse (Bos primigenius primigenius)
- Indischer Auerochse (Bos primigenius namadicus)
- Afrikanischer Auerochse (Bos primigenius africanus = mauretanicus)
[Bearbeiten] Geschichte
In Mitteleuropa tauchten Auerochsen etwa vor 250.000 Jahren auf. Sie sind häufig auf Höhlenmalereien abgebildet, wie zum Beispiel in der Höhle von Lascaux und Livernon in Frankreich. Es wurden auch frühe Schnitzarbeiten mit Auerochsen gefunden. Die Domestizierung fand etwa 6000 v. Chr. im Bereich des heutigen Kleinasien, Syrien und Irak statt. Lange Zeit diente das Rind hauptsächlich als Fleischlieferant, erst einige Jahrtausende nach der Domestikation setzte sich die primäre Nutzung der Milch durch.
Nach vergleichenden Untersuchungen der mitochondrialen DNA von Auerochse und europäischem Hausrind aus Knochenproben von der Mittelsteinzeit bis zur Bronzezeit sind die modernen europäischen Rinderrassen keine direkten Nachkommen des europäischen Auerochsen. Stattdessen wird als Ort der Domestizierung der Nahe Osten vermutet, von wo das Hausrind im Zuge der Neolithisierung vor 8000 Jahren relativ rasch nach Europa verbreitet wurde.[13][14]
Das indische Zebu und ähnliche Hausrinderrassen stammen von einer völlig anderen Unterart des Auerochsen (Bos primigenius indicus) ab, die sich schon vor etwa 300.000 Jahren von den nahöstlichen und europäischen Unterarten getrennt hat und nach Auffassung mancher Experten eine eigene Art (Bos indicus) darstellen könnte. Genetische Untersuchungen belegen, dass die heutigen Hausrinder nicht wie lange geglaubt einem Stamm angehören, sondern von zwei verschiedenen Linien abstammen. Dies deutet darauf hin, dass das Wildrind zweimal unabhängig voneinander domestiziert wurde, einmal in Indien und einmal im Mittelmeerraum.[8]
Ob und wie häufig es zu Vermischungen von Hausrindern mit ihrem wilden Vorfahren kam, ist in der wissenschaftlichen Literatur umstritten. Während Knochenfunde Hybridisierungen nahelegen könnten (siehe Kysely, 2008), spricht Information aus der mitochondrialen DNA des Urs gegen einen substantiellen genetischen Beitrag weiblicher Auerochsen auf die Hausrinder in Europa,[15] welcher laut Achilli et al., 2009, durchaus stattgefunden haben könnte.[16] Dass männliche Auerochsen mitunter Hauskühe befruchteten, ist durch historische Berichte aus dem Wald von Jaktorów belegt. Schneeberger (in Geßner, 1602) schreibt, dass Ur-Bullen, welche Hauskühe geschwängert hatten, erschossen wurden, um den jeweiligen Bauer zu entschädigen – denn ein Kalb, welches aus dieser Paarung hervorging, wäre angeblich nicht lebensfähig gewesen.
Während er im Mittelmeerraum und in Asien offenbar schon um die Zeitenwende ausstarb, war der Auerochse in Mitteleuropa sehr viel länger beheimatet. Durch Jagd und Habitatzerstörung wurde er immer seltener, besonders seit Beginn der großen Rodungsperiode vom neunten bis zum elften Jahrhundert. Der letzte bayerische Auerochse wurde um 1470 im Neuburger Wald geschossen.[17]
Am längsten hielt er sich in Osteuropa, besonders in Masowien und Litauen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden die allerletzten Exemplare im Wald von Jaktorów, 55 Kilometer südwestlich von Warschau, unter den Schutz des Landesherrn gestellt und gehegt. Otto Antonius wertete die vorhandenen Protokolle aus. Demnach zählte man 1564 acht alte und drei junge Stiere sowie 22 Kühe und fünf Kälber. 1599 waren noch 24 Exemplare vorhanden, 1602 aber nur noch vier. 1620 war noch eine einzige Kuh übrig, die 1627 starb.[18] Diese letzte Auerochsen-Kuh wurde nicht gewildert, wie oft behauptet, sondern starb wahrscheinlich eines natürlichen Todes (siehe van Vuure, 2002 u. 2005, Frisch, 2010). Verantwortlich für das Verschwinden dieser letzten Ure in Jaktorów waren Krankheiten, Wilderei, zu einem gewissen Grad auch Jagd, sowie der zunehmender Schwund des Lebensraums durch das Vordringen der lokalen Bauern in die Region, die ihre Rinder und Pferde auf den ehemaligen Weidegründen der Auerochsen weiden ließen. Der für die Ure begrenzte Lebensraum bedeutete Nahrungsmangel im Winter, was den Hungertod einiger Exemplare zu Folge hatte, sowie Stress. So töteten sich manche Bullen bei Kämpfen gegenseitig. Zusätzlich wurden besonders aggressive Bullen erschossen und ihr Fleisch an den König geliefert. All dies führte zu einem raschen Schwund der letzten Auerochsen in Jaktorów und damit letztendlich zum vollständigen Aussterben dieses Wildrindes (siehe van Vuure, 2002 & 2005).
[Bearbeiten] Rekonstruktion und Abbildzüchtung
In einem Artikel des polnischen Zoologen Jarocki aus dem Jahre 1835 wurde die Idee, ein dem Auerochsen entsprechendes Tier entstehen zu lassen, erstmals formuliert. Es wurde postuliert, dass aus Hausrindern, welche natürlicher Selektion in der Wildnis ausgesetzt sind, nach einiger Zeit den der Wildform ähnliches Tier entstehen könnte.
In den 1920er Jahren versuchten die Zoodirektoren Heinz und Lutz Heck in Hellabrunn und in Berlin eine Abbildzüchtung des Auerochsen aus Hausrindern. Das daraus entstandene Heckrind ähnelt, wie einige andere Primitivrassen, insbesondere hinsichtlich der dunklen Färbung der Bullen mit einem hellen Aalstrich und der anfänglich rotbraunen Färbung der Kühe dem Auerochsen. Der farbliche Sexualdimorphismus ist mittlerweile jedoch oft reduziert oder gänzlich verlorengegangen. So sind viele Kühe recht dunkel gefärbt. Die Hörner einiger Heckrinder gleichen denen von Auerochsen, obwohl sie im Allgemeinen dünner und meist mehr nach außen gerichtet sind. Letztendlich unterscheidet sich das Heckrind in verschiedenen Punkten teilweise erheblich vom Auerochsen. Etwa sind die Beine oft nicht so lang wie bei der Wildform und der Schädel kürzer. Der Rumpf der bulligen Heckrinder ist oft "rechteckig" anstatt athletisch gebaut wie beim Wildrind Ur, die kräftige Nacken- und Schultermuskulatur des Auerochsen, die heute vor allem bei Spanischen Kampfrindern noch zu sehen ist, fehlt dem Heckrind. Aufgrund dieser Unterschiede und der für schlecht befundenen Auswahl der Ausgangsrassen (u. a. Angler Rind, Niederungsrind, Steppenrind), wird das Heckrind in der wissenschaftlichen Literatur teilweise stark kritisiert. So bezeichnet Herre (1953) das Heckrind als wissenschaftlich wertlose Kreuzungszucht. Cis van Vuure, welcher in seinen Arbeiten den Erfolg bzw. Nichterfolg der Heckbrüder wissenschaftlich zu evaluieren versucht, kommt zu dem Schluss, dass dieses Rind in vielen Punkten als Restauration des Auerochsen unzureichend ist.[19][20] Heute leben diese Heckrinder unter anderem in Oostvaardersplassen in den Niederlanden, wo die robusten Tiere in nahezu wildem Zustand große Herden bilden. Neben Oostvaardersplassen gibt es noch weitere Orte, an denen Hausrinderpopulationen wild leben, u.a. Chillingham Castle in England, wo die seit Jahrhunderten wild lebenden Chillingham-Rinder grasen.
Mit Hilfe genetischer Information versucht das TaurOs Project um Henri Kerkdijk-Otten, das Erbmaterial des Auerochsen in heutigen Hausrinderrassen aufzuspüren und möglichst große Anteile davon in einer Zucht zu vereinigen. Dabei soll durch Kreuzungszucht basierend auf Primitivrassen wie Sayaguesa, Pajuna, schottisches Hochlandrind, Maremmana primitivo ein Rind entstehen, welches dem Auerochsen in phänotypischen Merkmalen und genetischer Ausstattung näher steht als andere Rinderrassen. Es bestehen Pläne, diese sogenannten TaurOs-Ochsen zukünftig so rasch wie möglich auszuwildern.[21][22][23]
[Bearbeiten] Funde
Der Auerochse von Prejlerup ist eine neuere archäozoologische Entdeckung. Im Odsherred auf der dänischen Insel Seeland wurden im 20. Jahrhundert zwei Skelette von Auerochsen im Abstand von nur 3,5 km gefunden. Der 1904 gefundene ist der 9.500 Jahre alte „Ur von Vig“ (Uroksen fra Vig). Der 1983 gefundene ist der „Ur von Prejlerup“ (Uroksen fra Prejlerup). Dieser vor etwa 8.500 Jahren angeschossene Ur, in dessen vollständigem Skelett noch sechs Pfeilspitzen gefunden wurden, verendete in einem Moor.
1974 wurde in Goldach im Kanton St. Gallen (Schweiz) das Skelett eines Auerochsen gefunden. Die Knochen des Goldacher Urs liegen im Keller des Naturmuseums Sankt Gallen. Dies soll das besterhaltene Skelett eines Auerochsen sein, das je in der Schweiz gefunden wurde. Sein Alter wird auf 12.000 Jahre alt geschätzt, diese Altersangabe ist aber umstritten. Über die Universität Basel soll der Goldacher Ur im Institut für Anthropologie der Universität Mainz molekulargenetisch untersucht werden. Mit der DNA aus den Goldacher Ur-Knochen könnten Alter und Geschlecht verlässlich bestimmt werden.
[Bearbeiten] Der Auerochse in Mythologie und Kultur
Der Auerochse wurde als wichtigstes Jagdwild des Menschen seit jeher mystizifiert. Älteste kulturelle Referenzen der Ure in Europa sind in den Höhlenmalereien etwa in Lascaux oder Chauvet zu finden, wo der Auerochs neben anderen eiszeitlichen Wildtieren portraitiert ist. Auch auf ägyptischen Wandmalereien und Steingravuren ist der Auerochse immer wieder zu finden.
Auch noch in der Antike genoss der Auerochse einen hohen Stellenwert. So wurden Ur-Hörner des Öfteren von den Römern als Jagdhörner verwendet. Auerochsen befanden sich auch unter jenen wilden Tieren, welche man für Kämpfe in den Kolosseen fing. Caesar berichtet in De Bello Gallico, dass sich die Germanen große Mühe machten, Ure in Gruben zu fangen und zu töten. Junge Männer präsentierten dann die Hörner dem Volk, was ihnen große Ehre einbrachte. Auch lautet der Name der "u"-Rune (ᚢ) im älteren Futhark Ur.[24]
Mit zunehmender Seltenheit der Auerochsen wurde die Jagd auf die Wildrinder ein Privileg des Adels und Zeichen von hohem Status. Etwa wird in der Nibelungensage auch von der Tötung von Uren durch Sigfried geschrieben (Frisch, 2010):
„Darnach schlug er schiere einen Wisent und einen Elch, starker Ure viere und einen grimmen Schelch“
Auerochsenhörner wurden vom Adel oft als Trinkhörner verwendet, wofür sie meist in Gold eingefasst und verziert wurden. Dies hat dazu geführt, dass heute eine große Zahl an Urhörnern erhalten ist, von denen die meisten jedoch verfärbt sind. Weiters ist auch auf einem Gemälde von Willem Kalf ein Auerochsenhorn zu sehen. Die Hörner des letzten Auerochsen-Stiers, welcher im Jahre 1620 starb, wurden ebenfalls in Gold eingefasst und befinden sich heute in der Rüstungskammer in Stockholm.
Schneeberger berichtet, dass man Auerochsen mithilfe von Pfeil und Bogen, Jagdhunden und Netzen jagte. Mit gefangenen Uren pflegte man ein Ritual, welches aus heutiger Sicht grausam erscheinen mag: Man schlug neben dem noch lebenden Wildrind Pfähle in den Boden, so dass es nicht entkommen konnte, und schnitt dem lebenden Ur die Stirnlocken samt Haut vom Schädel. Aus dieser Stelle des Auerochsenfells fertigte man etwa Gürtel, welche sich, so der Mythos, auf die Fruchtbarkeit von Frauen positiv auswirken hätte sollen. War der Ur geschlachtet, so schnitt man das Herz heraus und legte einen Kreuz-förmigen Herzknochen frei. Dieser Knochen, welchen auch Hausrinder aufweisen, trug zur Mystifizierung des Wildrinds bei und ihm wurden magische Kräfte zugeschrieben (siehe van Vuure, 2005).
In Osteuropa, wo sich der Auerochs am längsten hielt, hat das Tier auch Spuren in der Phraseologie hinterlassen. In Russland wird von einer betrunkenen Person, welche sich unwirsch verhält, gesagt, sie benehme sich „wie ein Ur“. Und auch in Polen wird eine sehr starke Person „ein Kraftprotz wie ein Ur“ genannt (van Vuure, 2002).
Auch in der mitteleuropäischen Kultur ist der Auerochse noch zu finden, vor allem in Toponymen. So sind die Namen von Orten wie Ursenbach und Aurach am Hongar am Auerochsen orientiert und des Öfteren findet sich das Wildrind auch in deren Emblems. Auch der schweizer Kanton Uri ist eine Referenz zum Auerochsen. Das Fürstentum Moldau verwendete auf der Flagge einen Auerochsen-Kopf. Die Gründungslegende des Fürstentums besagt, dass der Fürst Dragoș während der Jagd auf einen Ur einen neuen Landstrich entdeckte, auf welchem dieses gegründet wurde.
Seit dem Verschwinden des Auerochsen aus dem deutschen Sprachraum wurde der Wisent häufig mit dem Ur verwechselt und ebenfalls als ’’Auerochse’’ bezeichnet, was oftmals zu Verwirrungen in zeitgenössischen Berichten oder Darstellungen führte. Einzig in Polen, wo sich das Wildrind am längsten hielt, ging die eindeutige sprachliche Unterscheidung zwischen dem tur (Auerochse) und dem żubr (Wisent) nicht verloren. Erst im 19. Jahrhundert trennte die deutsche Sprache mit dem Aufschwung der Zoologie die beiden Rinderarten wieder. Auch wurde der Auerochse seit seiner Renaissance in der Naturwissenschaft als Stammform des Hausrindes erkannt - denn zu Lebzeiten des Tieres betrachtete man die „wilden Ochsen“ entweder als verwilderte Rinder oder Hybridformen mit dem Wisent, wie u. a. aus einem Schreiben Baron Bonars in Gesner (1602) hervorgeht. Als Stammform des Hausrindes wurden damals Wisent, Banteng oder Hybridformen in Betracht gezogen (siehe van Vuure, 2005).
[Bearbeiten] Literatur
- Daniel G. Bradley: Genetic evidence for Near-Eastern origins of European cattle. In: Nature. 410 (April 2001), S. 1088–1091.
- Kim Aaris-Sorensen: Uroksen fra Prejlerup Et arkaeozoologisk fund. Kopenhagen 1986, ISBN 87-87519-20-8.
- Cis van Vuure: Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. Pensoft, Sofia 2005, ISBN 954-642-235-5.
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ René Kysely: Aurochs and potential crossbreeding with domestic cattle in Central Europe in the Eneolithic period. A metric analysis of bones from the archaeological site of Kutná Hora-Denemark (Czech Republic). Anthropozoologica, 43(2), 2008.
- ↑ Walter Frisch: Der Auerochs: Das europäische Rind. 2010. ISBN 978-3000267642
- ↑ ICZN Opinion 2027
- ↑ Axel Beutler: Die Großtierfauna Europas und ihr Einfluss auf Vegetation und Landschaft. 1996.
- ↑ Magret Bunzel-Drüke, Joachim Drüke & Henning Vierhaus: Der Einfluss von Großherbivoren auf die Naturlandschaft Mitteleuropas. 2001.
- ↑ Anthony H. Lynch, Julie Hamilton & Robert E. M. Hedges: Where the wild things are: aurochs and cattle in England. 2008.
- ↑ A., C. Nanda: Comments on the Pinjor Mammalian Fauna of the Siwalik Group in relation to the post-Siwalik faunas of Peninsular India and the Indo-Gangetic Plain. In: Quaternary International. 192, 2007, S. 6-13.
- ↑ a b D. E. MacHugh, M. D. Shriver, R. T. Loftus, P. Cunningham, D. G. Bradley : Microsatellite DNA Variation and the Evolution, Domestication and Phylogeography of Taurine and Zebu Cattle (Bos taurus and Bos indicus). In: Genetics. Vol 146, S. 1071-1086, online abstract
- ↑ Shanyuan Chen, Bang-Zhong Lin, Mumtaz Baig, Bikash Mitra, Ricardo J. Lopes, António M. Santos, David A. Magee, Marisa Azevedo, Pedro Tarroso, Shinji Sasazaki, Stephane Ostrowski, Osman Mahgoub, Tapas K. Chaudhuri, Ya-ping Zhang, Vânia Costa, Luis J. Royo, Félix Goyache, Gordon Luikart, Nicole Boivin, Dorian Q. Fuller, Hideyuki Mannen, Daniel G. Bradley, and Albano Beja-Pereira Zebu Cattle Are an Exclusive Legacy of the South Asia Neolithic. Mol Biol Evol (2010) 27(1): 1-6 first published online September 21, 2009
- ↑ Beja-Pereira et al.: The origin of european cattle: Evidence from modern and ancient DNA. 2006.
- ↑ Zong, G. (1984). A record of Bos primigenius from the Quaternary of the Aba Tibetan Autonomous Region. Vertebrata PalAsiatica, Volume XXII No. 3, pp. 239-245
- ↑ A. Tikhonov: Bos primigenius. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.1.
- ↑ Domestikation des Rindes
- ↑ Alle Rinderrassen stammen aus dem Nahen Osten
- ↑ Edwards et al.: A complete mitochondrial genome sequence from a mesolithic wild aurochs (Bos primigenius). 2010.
- ↑ Achilli et al.: The multifaceted origin of taurine cattle reflected by the mitochondrial genome. 2009.
- ↑ http://www.waldwildnis.de/cd/archiv/scherzinger2/index.htm
- ↑ laut Arnfried Wünschmann in Grzimeks Tierleben, 1968, Bd. 13, S. 376.
- ↑ Cis van Vuure: Retracing the Aurochs - History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5.
- ↑ Cis van Vuure: History, Morphology and Ecology of the Aurochs (Bos primigenius). 2002.
- ↑ offizielle Internetpräsenz des TaurOs Project
- ↑ http://www.guardian.co.uk/theobserver/2010/aug/01/aurochs-project-tauros-cro-magnon
- ↑ http://www.time.com/time/health/article/0,8599,1961918,00.html
- ↑ Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. 16. Auflage. dtv-Band 3025, dtv, München 2007, S. 50 ISBN 3-423-03025-9
[Bearbeiten] Weblinks
- Vom bunten Treiben der Auerochsen
- Artikel über die Domestikation des Rindes (englisch)
- Weg ist Weg - Ein Artikel über die Nachzüchtungsversuche des Auerochsen auf zeit.de
- Verein zur Förderung des „Auerochsen“ - Internetpräsenz des 1997 gegründeten „Vereins zur Förderung der Auerochsenzucht (VFA) e.V“