Horde

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Dieser Artikel behandelt die umherziehende Gruppe – zu anderen Bedeutungen siehe Horde (Begriffsklärung).

Als Horde (turksprachig orduFeldlager“, siehe Wortherkunft) bezeichnet die Ethnologie (Völkerkunde) und die Archäologie eine selbstgenügsame soziale Gruppe von Jägern, Fischern und Sammlern, die zusammenleben und durch Abstammung oder Heirat miteinander verwandt sind („Wildbeuter“). Umgangssprachlich wird unter einer „Horde“ auch eine umherziehende wilde Bande oder Rotte verstanden, oder eine beliebige Ansammlung von Menschen oder Tieren (synonym zur Herde). Als „Horden“ werden im speziellen Sinne frühere mongolisch/tartarische Heeresverbände benannt (siehe unten).

Wildbeuter-Horden bestehen oder bestanden bei entsprechenden Ethnien und indigenen Völkern aus mehreren Großfamilien, die als selbstversorgende Gemeinschaft leben und sich gemeinsam und gleichgestellt um Sicherheit, religiöse Rituale und Betreuung der Kinder und Alten kümmern. Diese Form der sozialen und politischen Organisation wird als Hordengesellschaft bezeichnet und findet sich beispielsweise bei den Buschleuten im südlichen Afrika (siehe unten). Im Englischen werden Wildbeuter als bands bezeichnet („Banden, Gruppen, Horden“),[1] allerdings wurde die Bezeichnung band auch traditionell für Stammesgruppen nordamerikanischer Indianer verwendet.[2]

Die Archäologie geht davon aus, dass die meisten Gesellschaften der Altsteinzeit in Horden organisiert waren, als „mobile Gruppen von Jägern und Sammlern“ bezeichnet. Mittlerweile wird zusätzlich dem Fischfang eine wichtige Bedeutung beigemessen, er kann als natürliche Ressource zu einer gewissen Sesshaftigkeit und damit zur Vergrößerung von Gruppen geführt haben.

Beschreibung[Bearbeiten]

Eine Horde bestimmt sich als ethnische Gruppe vor allem durch folgende Eigenschaften:[3][4]

Eine Horde hat zumeist eine nicht sesshafte, nomadisierende Lebensweise, die Gruppe muss zur Ausbeutung wild wachsender oder lebender Nahrungsquellen jahres­­zeitlich wandern.[5] Dabei lebt sie in wechselnden Lagern (die ursprüngliche Wortherkunft von „Horde“), zu denen weitere Plätze wie etwa Schlachtorte oder Übergangslager, aber auch Plätze der Werkzeug­herstellung kommen können, mit eigenen Unterkunfts- oder Unterschlupf­möglichkeiten. Arbeitsteilung besteht nur aufgrund von Alter, Fähigkeit und Geschlecht. Größere Horden können sich in örtliche Gruppen unterteilen (englisch local bands). Die gemeinsame Identität wird durch Rituale gepflegt und gefestigt.

Die Mitglieder einer Horde sind in der Regel familiär eng miteinander verbunden, entweder durch gemeinsame Abstammung verwandt oder durch Heirat verschwägert. Die einzige soziale Organisationsform bilden die Haushalts- und Wohngruppen, die sich relativ eigenständig selbstverwalten. Der soziale Status eines Mitglieds beruht entweder auf seiner Stellung innerhalb des Verwandtschaftssystems (etwa als Mutter, Bruder, Onkel) oder auf persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten (etwa als großer Jäger).

Alle Hordenmitglieder sind einander gleichgestellt (Egalität), Horden bilden keine Machtstrukturen aus und haben keine formelle Führung (Herrschaftsfreiheit). Die Führung der Gruppe liegt meist in den Händen der älteren und ältesten Horden­mitglieder (Senioritätsprinzip). Führungs­­positionen werden je nach konkreter Aufgabe, Charisma und Befähigung verteilt, entsprechend besteht zwischen den Mitgliedern auch kein großer wirtschaftlicher Unterschied. Entscheidungen werden in gemeinsamer Überein­stimmung getroffen (Konsensprinzip). Es gibt keine schriftlichen Gesetze, in der Horde bestehende Sitten und Gebräuche werden mündlich überliefert.[1]

Von der Horde unterscheidet sich ein Stamm (englisch tribe) durch die viel größere Zahl an Familien und insgesamt hunderte oder tausende von Mitgliedern, er besitzt mehr soziale und politische Institutionen, beispielsweise einen oder mehrere Häuptlinge und einen Stammesrat. Bevor sich Stämme entwickelten, waren weite Teile der Kontinente von locker zusammengefügten ethnischen Gruppen oder Horden besiedelt.[2][6]

Hordengesellschaft[Bearbeiten]

Die Hordengesellschaft (englisch band society) wurde unter den Anthropologen, Geografen und Entdeckern des 19. Jahrhunderts als eine Anfangsstufe der soziokulturellen Entwicklung angesehen und zur Beschreibung von Jäger- und Sammler­kulturen benutzt.[1] Der US-amerikanische Ethnologe Elman Service definierte in den 1960ern die Horden­gesellschaft als ursprüngliche und einfachste Gesell­schafts­form seines vierstufigen Entwick­lungs­modells. Während das Modell heute als einseitig und evolutionistisch kritisiert wird, sind in der Ethnosoziologie und Politikethnologie die Bezeichnungen Horde und Hordengesellschaft zur Bestimmung der sozialen und politischen Struktur von selbstgenügsamen ethnischen Gruppen gebräuchlich. Die politische Herrschaftsform bei Hordengesellschaften wird als Akephalie bezeichnet („Herrschaftsfreiheit“). Für marxistische Theorien entspricht die Hordengesellschaft der Produktionsstufe der „Urgesellschaft“ (Urkommunismus).

In Service’ Entwicklungsmodell folgt der Hordengesellschaft die Stammesgesellschaft als zweite Stufe der gesellschaftlichen Organisation.

Beispiele[Bearbeiten]

Aufgrund der Verbreitung von modernen Staaten in aller Welt gibt es heute nur sehr wenige Hordengesellschaften, sie finden sich noch bei den Buschleuten (San) im südlichen Afrika, den Pygmäen im afrikanischen Regenwald, sowie bei einigen Gruppen der Aborigines in Australien und der Eskimos im nördlichen Polargebiet (siehe dazu auch Indigene Völker in Wildnisgebieten, Isolierte Völker).[1]

Die Existenz von Horden und Hordengesellschaften ist geschichtlich in mehreren Erdteilen und Klimazonen belegt, bevorzugt in spärlich besiedelten Gebieten. Historische Beispiele liefern einige Indianer Nordamerikas, beispielsweise die Cheyenne, Shoshone, Potawatomi und Paiute im Großen Becken und die Apachen im Südwesten der heutigen USA. Bei den Osage im Indianer-Territorium gab es neben Moiety-Erblinien und Clans die Horde als weitere politische Organisationsform.

Mongolisch/tartarische Horden[Bearbeiten]

Vom ursprünglich mongolischen Wort ordu und seiner Bedeutung als (militärisches) Feldlager abgeleitet, werden als „Horden“ verschiedene Stammes- und Heeresverbände der turksprachigen Eroberer weiter Teile Asiens und Osteuropas sowie ihre Herrschaftsgebiete oder Teilreiche bezeichnet. Mongolische Gruppen nannten sich selbst Orda, tatarische Verbände und Stämme nannten sich Urda.

Bekannte Beispiele sind die mongolischen Staaten der Goldenen Horde (Altan Orda), der Blauen Horde (Qöq Orda), der Weißen Horde (Ak Ordu) und weiterer, oder die Stammesföderation der Bökey-Horde (Bökeý Ordası). Aus der tartarischen Nogaier-Horde entwickelte sich das heutige Turkvolk der Nogaier. Die Kasachen unterteilen sich bis heute in drei Horden, Schüs genannt (kasachisch Jüz „Abteilung“): Kleine Horde, Mittlere Horde und Große Horde.

Wortherkunft und Bedeutungswandel[Bearbeiten]

Das Wort „Horde“ stammt ab vom turksprachigen ordu oder orda (seltener ordï) und bedeutete ursprünglich „Feldlager, Lagerstätte“. Die Bezeichnung wurde aus dem Polnischen, wo sich erstmals der konsonantische Anlaut nachweisen lässt, in verschiedene europäische Sprachen entlehnt (englisch horde; französisch horde; spanisch horda; italienisch orda). Der erste Nachweis in der englischen Sprache datiert auf das Jahr 1555, im Französischen auf 1559.[7] Im Deutschen datiert zwar das Grimmsche Deutsche Wörterbuch das „erstmalige Vorkommen“ auf 1768, zitiert später aber Nehrings Historisch-politisch-juristisches Lexicon von 1736: „horden, also heiszen die lagerstätte derer Tartarn“.[8] Das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache gibt in der aktuellen Ausgabe an, das Wort stamme aus dem 15. Jahrhundert.[9]

Die Bedeutung des Wortes „Horde“ erweiterte sich zur Bezeichnung von mongolischen, turkischen oder türkischen Heeresverbänden. Im modernen Türkei-Türkisch ist ordu bis heute die Bezeichnung für „Armee, Heer“. Aus dem früher als persisch eingestuften Wort entwickelte sich auch der Name der indischen Sprache Urdu.[10] Umgangs- wie hochsprachlich wurde „Horde“ verallgemeinernd auch für andere Heerscharen verwendet, oftmals in Zusammenhang mit seiner Wortgeschichte und einer beschworenen „Türkennot“ in abwertender Weise mit Nebenbedeutungen der Unordnung oder sogar Verrohung.

In der Ethnologie (Völkerkunde) entsprechen die Bezeichnungen „Horde“ und „Hordengesellschaft“ den englischen band („Gruppe, Bande“) und band society aus der britischen political anthropology (Politikethnologie).[1]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Lineage (Abstammungsgruppe)
  • Clan (Familienverband mythischer Abstammung)
  • Phratrie (Clan-Verband)

Literatur[Bearbeiten]

  • Eleanor Leacock, Richard Lee (Hrsg.): Politics and History in Band Societies. Cambridge University Press, Cambridge 1982, ISBN 0-521-24063-8 (englisch; ein Grundlagenbuch; Leseprobe in der Google-Buchsuche).
  • Marshall Sahlins: Notes on the Original Affluent Society. In: Richard B. Lee u. a. (Hrsg.): Man the Hunter. Aldine, Chicago 1968, ISBN 0-202-33032-X, S. 85–89 (englisch; Tagungsband; richtungsweisende Überlegungen zur „Überflussgesellschaft“ bei Jägern und Sammlern/Wildbeutern).
  • Julian H. Steward: The Patrilineal Band und The Composing Hunting Band. In: Derselbe: Theorie of Culture Change. The Methodology of Multilinear Evolution. University of Illinois Press, Urbana 1955, ISBN 0-252-00295-4, S. 122–142 und 143–151 (englisch; Ausarbeitungen von Arbeiten von 1936 zur Organisation von Horden; Teilansicht in der Google-Buchsuche).
  • Frank Robert Vivelo: Horden. In: Derselbe: Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, ISBN 3-129-38320-4, S. 194–196 (US-Original 1978: Cultural Anthropology Handbook. A Basic Introduction).
  • Robert H. Winthrop: Band. In: Derselbe: Dictionary of Concepts in Cultural Anthropology. Greenwood Press, New York 1991, ISBN 0-313-24280-1, S. 23–26 (englisch, mit Literaturliste; Vollansicht in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Horde – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Encyclopædia Britannica: band. In: Britannica Online. Juli 2008, abgerufen am 17. April 2014 (englisch).
  2. a b Elizabeth Prine Pauls: The Difference Between a Tribe and a Band. In: Encyclopædia Britannica. 6. März 2008, abgerufen am 17. April 2014 (englisch).
  3. Robert H. Winthrop: Dictionary of Concepts in Cultural Anthropology. Greenwood Press, New York 1991, ISBN 0-313-24280-1, S. 23 (englisch; Seitenansicht in der Google-Buchsuche): „A relatively small and self-sufficient group, with subsistence based on some combination of hunting, gathering, and fishing, characterized by near equality or wealth, extensive reciprocity, and informal leadership.“
  4. Charlotte Seymour-Smith: Dictionary of Anthropology. Hall, Boston 1986, ISBN 0-8161-8817-3, S. 21 (englisch).
  5. Das HRAF-Projekt des US-amerikanischen Anthropologen George P. Murdock nutzt bezüglich der „Settlement Pattern and Community Organization“ die Kennzeichnung „Bands“ zur Unterscheidung der rund 400 erfassten Ethnien, siehe George P. Murdock: World Ethnographic Sample. In: American Anthropologist. New Series. Band 59, Nr. 4, 1957, S. 664–687, hier S. 669: „B [=] Bands, i.e., migratory or nomadic communities.“
  6. David Hurst Thomas u. a. (Hrsg.): Die Welt der Indianer. Geschichte, Kunst, Kultur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Frederking Thaler, München 1994, ISBN 3-89405-331-3, S. 119 (US-Original: The Native Americans).
  7. Lexikoneintrag: Horde. In: Oxford English Dictionary. 2. Auflage. 1989.
  8. Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Horde 2). In: Deutsches Wörterbuch. Band 10, Hirzel, Leipzig 1854–1961, Spalte 1805.
  9. Friedrich Kluge (Hrsg.): Horde. In: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23., erweiterte Auflage. Berlin 1995, S. 383. Anmerkung: Kluge schrieb 1881 noch „seit der Mitte des 17. Jahrhunderts“ (online auf archive.org).
  10. Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. Oxford University Press, Oxford u. a.2005, ISBN 0-19-516770-8, S. 123 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche): „[…] the term ordu […] is still the word for »army« in Turkish. In the form »Urdu«, it is the name for the Islamic, Arabic-script version of the language, originally spoken in the Delhi region, which is also known in its Hindu version as Hindi“.