Jérôme Lalande

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Joseph Jérôme Le Français de Lalande

Joseph Jérôme Lefrançais de Lalande (* 11. Juli 1732 in Bourg-en-Bresse, Frankreich; † 4. April 1807 in Paris) war ein französischer Mathematiker und Astronom in der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution. In der Revolution ließ er das Adelsprädikat „de“ fallen.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Lalande besuchte eine Jesuitenschule und begann anschließend ein Rechtswissenschafts-Studium. Nachdem er in Paris den Astronomen Joseph Nicolas Delisle kennenlernt hatte, studierte er auch Astronomie bei Delisle und theoretische Physik bei Pierre Lemonnier.

Trotz engagierter Beobachtertätigkeit als Delisles Assistent schloss er 1751 – also mit nur 19 Jahren – das Rechtsstudium ab und praktizierte in seiner Heimat Bourg-en-Bresse. Nach anregenden Kontakten zu Pierre-Louis Moreau de Maupertuis und Leonhard Euler in Berlin publizierte Lalande einige Reduktionen seiner Messungen in den Mitteilungen der Akademien von Berlin und Paris. Seine Arbeiten führten zur Ernennung als Auswärtiges Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften[1] und 1752 zum Direktor der Berliner Sternwarte.[2] 1753 wurde er in die Académie des Sciences (1753) gewählt. Danach kam es zu einem Streit mit seinem Lehrer Lemonnier über die korrekte Berechnung der Abplattung der Erde, die für die Berechnung der Mondbahn (Äquatorial-Horizontalparallaxe) gebraucht wurde. Eine Kommission der Pariser Akademie entschied zugunsten Lalandes. Für diesen war das jedoch nur ein „Pyrrhussieg“, da sein Verhältnis zu seinem Lehrer Lemonier danach erkaltete.

Bahnberechnung des Halleyschen Kometen[Bearbeiten]

Lalande arbeitete danach als Assistent von Alexis-Claude Clairaut an einer besseren Bahnberechnung des Halleyschen Kometen, was zu einer Beschäftigung (wie auch bei Clairaut, d'Alembert und Euler) mit dem Dreikörperproblem führte. Mit Methoden Clairauts konnte Lalande erfolgreich die Bahnstörungen des Kometen durch große Planeten berechnen. Unterstützt wurde er dabei in der umfangreichen Rechenarbeit durch Nicole-Reine Lépaute (1723–1788), deren Beitrag wie der anderer damaliger Mathematikerinnen, die für ihre männlichen Kollegen „Rechenarbeit“ ausführen durften, weitgehend ignoriert wurde. Lalande würdigte ihre Arbeit so:

Sechs Monate lang rechneten wir von morgens bis nachts .. Die Hilfe Mme. Lépautes war so, daß ich ohne sie die enorme Arbeit überhaupt nicht hätte in Angriff nehmen können. Es war notwendig, die Distanz der beiden Planeten Jupiter und Saturn zum Kometen separat für jeden aufeinanderfolgenden Grad über 150 Jahre hinweg zu berechnen.

Auch später kooperierte Lalande häufig mit Mathematikerinnen. Lalandes Lebensgefährtin Louise du Pierry[3] (geboren 1746) wurde später die erste Astronomie-Professorin.

Bei „Halley“ bewirkten ungewöhnlich starke Bahnstörungen durch Jupiter, dass der Komet Monate später in die Nähe der Erdbahn kommen würde als angenommen. Charles Messier hatte ihn noch 1757 vergeblich gesucht; er wurde Ende 1758 von Johann Georg Palitzsch erstmals gesichtet und das Perihel im März 1759 stimmte auf vier Wochen – was einen großen Erfolg für die neuen störungstheoretischen Methoden darstellte. Lalandes Vorhersage wurde von den Zeitgenossen als Triumph des hauptsächlich mechanistischen Weltbildes der Aufklärung betrachtet.

Heute weiß man durch andere Methoden (vor allem dank der durch Computer möglichen Numerischen Integration kleiner Schritte), dass Halleys Umlaufzeit sich nicht nur damals um ein Jahr veränderte: ihr Wert, der im Mittel bei 76 Jahren liegt, schwankte in den letzten 2000 Jahren zwischen 74 und 79 Jahren.

Erst 40 Jahre nach Lalande gelang es Heinrich Olbers, schnellere Methoden der Bahnberechnung von Kometen zu entwickeln.

Hochschullehrer[Bearbeiten]

Nach diesem Erfolg wurde Lalande 1762 Nachfolger seines Lehrers Deslisle als Professor für Astronomie am Collège Royale, was er bis zu seinem Tod blieb. 1760 bis 1776 war er außerdem Herausgeber der Connaissance des temps, des wichtigsten astronomischen Jahrbuchs in Frankreich. 1791 wurde er Rektor des College de France und setzte unter anderem die Zulassung von Studentinnen durch.

Als Astronom arbeitete er beispielsweise an der Erarbeitung von „Monddistanzen“ zu Sternen, die damals als eine Methode angesehen wurden, das für die Schifffahrtsnavigation sehr wichtige Längenproblem zu lösen.

Auch an der Bearbeitung der Daten der Venusdurchgänge von 1761 und 1769, unter anderem auch von James Cook in der Südsee durchgeführt (Endeavour-Expedition, Charles Green führte Juni 1769 auf Tahiti die Beobachtungen aus), war Lalande beteiligt. Es gelang Lalande 1771, aus weltweiten Beobachtungen der Venustransite von 1761 und 1769 eine verbesserte Berechnung der Erdbahn vorzulegen. Seine Angabe dieser „Astronomischen Einheit“ von 153 ± 1 Mio. km stimmt mit dem heutigen von 149,6 Mio. km bereits bis auf 2 % überein. Denselben Wert erhielt Johann Franz Encke 1835, während Pingrè auf 142,9 Mio. km kam.

Am 24. November 1763 wurde Lalande in die Royal Society aufgenommen. 1764 erschien sein Lehrbuch der Astronomie, das auch ein Handbuch für Messungen und deren „Reduktion“ und Messinstrumente war. Die darin geschilderten Berechnungsmethoden für Kometenbahnen beeinflussten 1800 den jungen Kaufmann Friedrich Wilhelm Bessel sich der Astronomie zuzuwenden. Lalande schrieb auch populärwissenschaftliche Bücher wie seine „Astronomie des Dames“.

1765 bis 1766 reiste er nach Italien, wo er bei einer Audienz vom Papst erbat, die Werke von Nicolaus Copernicus und Galilei vom „Index“ zu nehmen. 1769 erschien sein umfangreicher Reisebericht aus Italien. Auf einer weiteren England-Reise sah er auch in Greenwich die berühmten Uhren Harrisons, die in verbesserter Form schließlich das Längenproblem lösten.

Ab 1783 war sein begabtester Student Jean-Baptiste Joseph Delambre sein Assistent, den Lalande 1788 (Brief an Bugge) als „zur Zeit fähigsten Astronom weltweit“ bezeichnete. Nachdem Delambre 1789 für seine Berechnung der Uranusbahn den Grand Prix der Akademie erhalten hatte, überschrieb ihm Lalande seine Sternwarte.

Im Mai 1795 wurde Lalande Direktor der Pariser Sternwarte. Es entstand ein erster Sternkatalog mit 30.000 Sternen, 1797 erweitert auf 41.000. Seine angeheiratete Nichte und illegitime Tochter Marie-Jeanne de Lalande (Amélie Harlay, 1768–1832) und sein Cousin Michel, Ehemann von Marie-Jeanne, waren dabei seine Mitarbeiter.

Der Aufklärer Lalande war als Atheist bekannt, was ihm während der Französischen Revolution zum Vorteil gereichte. 1799 erschien sein Wörterbuch für Atheisten, in das er später zu dessen Unwillen[4] auch Napoleon Bonaparte aufnahm. Seine „Hässlichkeit“ war Ziel vieler zeitgenössischer Karikaturen. Er selbst nahm keinen Anstoß daran und ließ sich dadurch auch nicht in seinen Beziehungen zu Frauen stören.

Sein Witz äußert sich beispielsweise in folgender Anekdote. Es war allgemein bekannt, dass Voltaire keine Katzen mochte. Als Voltaire lästerte, sie hätten es als Tiere nicht einmal unter die 33 Sternbilder geschafft, benannte Lalande ein Sternbild Felis (Katze), das aber wenig später aus den Himmelskarten entfernt wurde. Hingegen entschied der Astronomenkongress 1798 in Gotha (s. Franz Xaver von Zach und Johann Elert Bode), dass der von Lalande ebenfalls vorgeschlagene „Aerostat“ bleiben solle.

Freimaurer und Enzyklopädist[Bearbeiten]

Jérôme Lalande ist unter den 72 Namen hervorragender Personen auf dem Eiffelturm aufgeführt.

Mit seinem Freund Claude Adrien Helvétius gründete der Aufklärer 1776 eine der bedeutendsten Freimaurerlogen im Zeitalter der Aufklärung, die sog. Philosophenloge Neuf Sœurs in Paris. Er selbst war ihr erster Logenmeister. Für die Encyklopädie von Diderot und d'Alembert steuerte er 250 Artikel auf dem Gebiet der Astronomie bei.

Schriften[Bearbeiten]

  • Traité d'astronomie, 1764, weitere 4 Bände 1771–1781, 1792 erschien die 3. Auflage, herausgegeben von Delambre
  • Abrégé de navigation historique, théorétique, et practique, (Navigations-Tabellen) 1793
  • Voyage d'un françois en Italie, 1769 (8 Bände, Reisebericht)
  • Astronomie des dames 1785, Neuauflagen 1795, 1806
  • Histoire céleste française, 1801 (mit einem Anhang mit 47.000 katalogisierten Sternen).

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lalande, Joseph-Jérôme LE FRANÇAIS de. In: Werner Hartkopf: Die Berliner Akademie der Wissenschaften: Ihre Mitglieder und Preisträger 1700–1990. Akademie-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-05-002153-5, S. 204.
  2. ARI: Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatDirektoren des Astronomischen Rechen-Instituts (bis 1874 der Berliner Sternwarte). Abgerufen am 13. Januar 2009.
  3. Es gibt verschiedene Schreibweisen wie Elisabeth Louise Felicite Pourri de la Madeleine du Piéry
  4. Napoleon versuchte sich wieder der Kirche zu nähern. Lalande wurde für die Aufnahme von der Akademie kritisiert.