Karl Jatho
Karl Jatho (* 3. Februar 1873 in Hannover; † 8. Dezember 1933 ebenda) war ein deutscher Beamter und Flugpionier und nach persönlichen Notizen[1] sowie 30 Jahre später beigebrachten notariellen Bestätigungen[2] einer der ersten Menschen, die einen motorisierten Flug durchgeführt haben. Seine Versuche und technischen Experimente lösten nicht das Problem des Motorflugs.[3]
Inhaltsverzeichnis |
Leben [Bearbeiten]
Nach Besuch des Realgymnasiums I und einer Präparandenanstalt in Hannover durchlief Jatho ab 1891 eine Ausbildung im Expeditions- und Registraturwesen. 1892 trat er in den Dienst der Hannoverschen Stadtverwaltung, am 1. April 1901 wurde er zum städtischen Beamten ernannt.[4] Bevor er seine Flugleidenschaft entdeckte, machte sich Karl Jatho an der Seite seiner Schwester als Hochradakrobat einen Namen. Jatho baute ab 1896 Am Jagdstall bei der Lister Bockwindmühle Gleitflieger. Unbefriedigt von seinem Erstflug und beunruhigt durch den tödlichen Absturz Otto Lilienthals im selben Jahr nahm er ständige Verbesserungen an seinem Fluggerät vor.[5] Neben seinem Luftfahrt-Engagement blieb er weiterhin hauptamtlich als Magistratsbeamter in Hannover im Dienst und ließ sich für seine Teilnahmen an der Internationalen Sportausstellung 1907 in Berlin und der ILA 1909 in Frankfurt vom Dienst befreien.[6]
Jathos frühe Flugapparate [Bearbeiten]
Zwei verschiedene Entwicklungs-Chronologien [Bearbeiten]
Folgt man einer 1912 in der Hannoverschen Sportwoche vom 1. Dezember 1912 veröffentlichten Chronologie, hat Jatho in der Zeit von 1898 bis 1909 drei motorisierte Flugapparate gebaut.[8] Im Einzelnen werden aufgezählt:
- Ab 1898 baute Jatho einen Dreidecker (Zweidecker mit aufgesetztem Höhensteuer). Dieser „Drachenflieger“ hatte einen „9/12pferdigen Buchet-Luftschiffmotor“ und „ruhte auf fünf Pneumatik-Rädern“. Diesen Dreidecker „ereilte ein frühes Ende, denn bei den Anfahrversuchen in dem tiefen Sande der Vahrenwalder Heide überschlug er sich, wobei ein Segel und das Anfahrgestell zertrümmert wurden.“
- Es folgte ein Zweidecker, bei dem erneut der Buchet-Moter eingesetzt wurde. Mit ihm gelangen „kurze, sprungartige Flüge“ bevor die Maschine in einem Graben „in Trümmer“ ging.
- Darauf wurde ein Zweidecker, bei dem das Höhenruder vorn angebracht war, mit einem vierzylinder 36 PS Körting-Motor gebaut. Es wurden Flüge von vier Meter Höhe und neunzig Meter Länge ausgeführt, bevor „diesen Apparat während der Ila [1909] sein Schicksal ereilte“.
Diese Chronologie wird aus den Zeitungsberichten von 1907 bis ins Detail bestätigt, nach denen Jatho im April 1907 seinen Dreiflächer in Berlin ausstellt und am 1. August 1907 seinen Zweiflächer von Militärangehörigen und Pressevertretern besichtigen lässt.
Folgt man Leonhards Ausführungen[2][9] hat Jatho in der Zeit von 1897 bis 1909 sechs motorisierte Maschinen gebaut:
- Von 1897 bis 1903 baute Jatho einen Zweidecker mit aufgesetztem Höhensteuer und einem Grundtragsegel „Segel I“ mit ca. 24 m2, Buchet-Motor und einer Gondel mit 5 Rädern.[2] Für die Roll- und Flugversuche wurde eine 180 m lange Bahn genutzt.[10] Diesen Dreiflächer nutzte Jatho vier Tage vom 18. bis 21. August 1903. Am 18. August 1903 gelingt der erste Luftsprung von 18 m Weite, am 21. August 1903 wird die Maschine umgeworfen und ein Rad und die Segelfläche nehmen Schaden.
- Vom 22. August bis 11. September 1903 erfolgt ein Umbau des defekten Dreiflächers in einen Zweiflächer mit 24 m2 Segelfläche und 12 m2 Höhensteuer. Diese Maschine wird bis November 1903 genutzt.[11]
- 1904 baut er mit dem Buchet-Motor des 1903er Zweiflächers einen weiteren Zweiflächer "Jatho III" ähnlich der Version von 1903 mit 51,8 m2 Segelfläche auf einem Dreiradgestell und erzielt damit keine Verbesserungen.
- Im April 1907 zeigt Jatho einen Dreiflächer mit Buchet-Motor in Berlin.
- Am 1. August 1907 wird dann der Presse ein Zweiflächer mit 24 m2 Grundtragsegel, fünf Rädern und einem 12 PS Buchet-Moter vorgeführt, so wie er auch für September 1903 beschrieben ist. Und ebenso wie 1903 ist die Fahrbahn für die Roll- und Flugversuche 180 m lang. Über Roll- und Startversuche mit dem am 1. August 1907 der Presse vorgestellten Zweiflächer wird ab Oktober berichtet. Die Maschine hebt aber nicht ab.
- 1907/1908 wird ein Zweidecker mit vorn liegendem Höhenruder und 36 PS Körting-Motor gebaut und auf der ILA 1909 ausgestellt und vorgeführt.
Die Frühversionen des Dreiflächers und Zweiflächers von 1903 und die Maschine Jatho III[12] von 1904 sind nicht über zeitnahe Zeitungsberichte und Fotos sondern über andere Quellen belegt.
Bisher sind keine Quellen bekannt, die sich mit diesen von Leonhardt zusammengetragenen Ergebnissen auseinandersetzen, nach denen Jatho die Erfahrungen, die er von August bis November 1903 gesammelt hat, in sehr ähnlicher Form ab Mai 1907 wiederholt hat.
Motordrachen 1903 [Bearbeiten]
Am 18. August 1903 führte Jatho nach Angaben von Augenzeugen einen Motorflug in der Vahrenwalder Heide bei Hannover durch. Sein „Motordrachen“[13], ein Doppeldecker mit aufgesetztem Höhenruder („Dreiflächer“) mit einem französischen 12-PS-Einzylinder-Benzinmotor von Buchet, 272 kg Leergewicht und 48 m² Flügelfläche ohne Flügelprofil, flog etwa 18 Meter weit und bis zu 75 cm über dem Boden.[2] Die vor einem Notar abgegebene Bestätigung der Augenzeugen erfolgte 30 Jahre später am 24. August 1933.[2]
Der 18. August 1903 liegt vier Monate vor dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright, aber mehr als zwei Jahre nach dem angeblichen Motorflug von Gustave Whitehead.
Wenige Tage danach gab es Bruch am Jatho „Dreiflächer“. Bei der Reparatur, die bis zum 11. September 1903 dauerte, entstand aus ihm der um eine Tragfläche reduzierte Jatho „Zweiflächer“. Damit verbesserte Jatho nach eigenen Angaben seine Flugleistung bis November 1903 auf 60 Meter und eine Höhe über 2,5 Meter.[11]
Karl Jatho selbst hielt den Motor, den er beim Erstflug seines Doppeldeckers verwendete, für zu schwach für einen fortgesetzten Motorflug. Die erreichte Flughöhe sei zu gering und möglicherweise nur durch das Absenken des überflogenen Geländes bedingt gewesen.
Flugversuche ab 1907 [Bearbeiten]
Ab März 1907 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges sind Jathos Flugzeugbau und seine Flugversuche von lokaler und überregionaler Presse häufig dokumentiert.[14] Allein im Jahr 1907 sind vom 1. März in der Automobil-Welt und der Allgemeine Automobil Zeitung bis zum 20. Dezember wenigstens 14 Berichte in fünf verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften nachgewiesen. Diese Berichte beziehen sich inhaltlich auf Jathos Teilnahme bei der Sportausstellung in Berlin 1907, auf die Konstruktion und den Bau seines Jatho-Drachens (s. Bild Jatho-Drachen) und den Stand der Vorbereitungen für die Flugversuche. Diesen Berichten nach waren Flugversuche aus verschiedenen Gründen noch nicht möglich; unter anderem da zunächst die „Anlaufbahn“ die benötigte Geschwindigkeit noch nicht zuliesse und noch zu befestigen sei. Zusammengefasst ergeben diese Berichte übereinstimmend, dass für Jathos Drei- und Zweiflächer 1907 keine Luftsprünge oder Flüge verzeichnet sind.
Bezogen auf die beiden möglichen Entwicklungs-Chronologien (s.o.) bedeutet das, dass Jatho vor 1908 überhaupt nicht geflogen ist oder dass er nicht in der Lage war, seine Leistungen von 1903 im Jahr 1907 zu reproduzieren.
Am 25. August 1909 wird unter dem Titel „Luftschiffahrt“ und bezogen auf den „Drachenflieger Nr. 4“ der bislang früheste Pressebericht eines Jatho-Fluges veröffentlicht:
„[…] Am Freitag abend gelang es Herrn Jatho nach einem ganz kurzen Anlauf von nur 30 Meter einen Flug über eine kurze Strecke in ungefähr 3 Meter Höhe auszuführen. Beim Landen erhielt der Apparat einige Kontusionen, welche im Lauf des folgenden Tages wieder ausgebessert worden sind. Bei den am Sonnabend vorgenommenen Versuchen zeigte sich, daß die Tragsegel infolge Einbiegens des Chassisrahmens nicht in die zum Aufstieg nötige schräge Lage gebracht werden konnten. Trotzdem erhob sich der Apparat infolge des gut funktionierenden Höhensteuers noch ½ Meter über den Boden, weitere Versuche mußten jedoch abgebrochen werden, da der am Chassisrahmen aufgetretene Mangel sich immer stärker bemerkbar machte. […]“
– Hannoverscher Anzeiger: Beilage der Nr. 198 vom Mittwoch, dem 25. August 1909
Flugzeugwerk [Bearbeiten]
Nach seiner erfolglosen Teilnahme[15] an der ILA 1909 mit dem „Drachenflieger Nr. 4“[12] baut Jatho ein Flugzeug, dass im Ganzen Bleriots Maschine ähnelt.[16] Diese Maschine zeigt er am 10. Juli 1910 Mitgliedern des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbands und sein Monteur Adler führt sie im Flug vor.[17]
Bis 1914 baut Jatho mit seinen Helfern weitere Flugzeugmodelle wie zum Beispiel die „Stahltaube“ von 1911. Mit einem „Jatho-Eindecker“ führt Albin Horn am 2. April 1913 als erster einen Rundflug um Hannover aus.[18] Albin Horn verunglückte am 28. Mai 1913 mit dem Jatho-Eindecker tödlich.[19]
In den von Jatho am 26. November 1913 gegründeten Hannoverschen Flugzeugwerken entstehen weitere, verbesserte Flugzeugmodelle. Seiner Firma sowie der von ihm gegründeten Fliegerschule ist jedoch kein Erfolg beschieden. Nachdem das Militär kein Interesse zeigt, werden beide 1914 geschlossen.
Beglaubigung durch Augenzeugen 1933 [Bearbeiten]
Nach den bisherigen Quellen wird erstmals am 17. September 1933 publiziert, dass es für die „Luftsprünge“ von 1903 „einwandfreie“ Zeugen gäbe; allerdings ohne irgendwelche Detailangaben:
„[...] denn Karl Jatho hat bereits fast ein halbes Jahr vor ihnen [den Brüdern Wright] die ersten einwandfrei bezeugten Luftsprünge mit seinem selbstgebauten Motorflugzeug ausgeführt. [...]“
– Illustrirte Zeitung: Wochenbeilage des Hannoverschen Anzeigers vom 17. September 1933[20]
Aber die Presse ist sich in der Zeugenfrage nicht einig, denn noch Ende Oktober 1933 war es Jathos „tragisches Erfinderschicksal“, dass er 1903 eine Beglaubigung durch Zeugen versäumt habe:
„[...] Dem Hannoveraner Karl Jatho gelang am 18. August 1903, vier Monate vor den Gebrüdern Wright, der erste Flug mit einem selbstgebauten Motorflugzeug. Leider versäumte dieser Pionier der Luftfahrt, sich seinen ersten Flug von Zeugen beglaubigen zu lassen.“
– Illustrierter Beobachter: Bericht über Jatho vom Samstag, dem 28. Oktober 1933[21]
Supf berichtet 1935 von vier Zeugen[22]:
- Richard Probst, der ab 1906 Helfer bei Jatho war (* 22. Januar 1890; † 23. März 1959),
- Adolf Heuer, der 1902 bis 1906 Betreiber des Gasthauses „Lister Mühle“ Am Jagdstall war, wo Jatho seinen Flugzeugschuppen hatte,
- Elisa Homburg, die Haushälterin Adolf Heuers,
- Karl Hellwinkel, Bankbeamter.
Leonhardt hat aus Nachkriegspressemeldungen zwei Zeugen recherchiert:
- Dr. Otto Woltereck, Eichstr. 33, Hannover,
- Karl Hellwinkel, Bankbeamter, Mozartstr. 14, Hannover.
Der genaue Wortlaut und ein konkreter Hinweis über den Verbleib der Beglaubigungen findet sich in den Quellen nicht. Als Notar, Datum und Ort werden Dr. Hermann Koch, der 24. August 1933 und Hannover genannt.[2]
Nachbauten [Bearbeiten]
Wiederholt wurde versucht, mit Nachbauten des „Jatho-Drachens“ die ersten Flüge zu beweisen. Nachgebaut wurde jeweils die Eindecker-Version mit aufgesetztem Höhenruder („Zweiflächer“), die am 1. August 1907 von Jatho öffentlich vorgestellt worden war.[23]
1933 Hegge [Bearbeiten]
Im Sommer 1933 ließ der ehemaliger Jatho-Mitarbeiter Werner Hegge einen Nachbau anfertigen, um anlässlich der Einweihung des Karl-Jatho-Denkmals an der Vahrenwalder Heide zu beweisen, dass Jathos Konstruktion vor dem Flieger der Wrights „Luftsprünge“ ausgeführt haben konnte. Von dieser Veranstaltung vom 8. Oktober 1933 berichtet der Hannoversche Kurier am 9. Oktober 1933: „Leider war es infolge des schlechten Wetters nicht möglich, den Eindecker, der nach dem Vorbild des Jatho-Flugzeugs, mit dem der erste Flug durchgeführt war, rekonstruiert ist, über dem Denkmal kreisen zu lassen.“[24] Dieser Nachbau war dann zunächst in Hannover ab 1936 in Berlin in der „Deutschen Luftfahrt-Sammlung“ als Exponat zu besichtigen.
2006 Lohmann [Bearbeiten]
Der Konstrukteur historischer Flugzeuge Harald Lohmann hat in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Technik- und Industrie-Geschichte (AKTIG) und dem von Gunter Hartung geleitetem Projekt Wir waren die Ersten den Jatho-Drachen in den Jahren 2005 und 2006 detailgetreu nachgebaut. Der Nachbau ist in der Ausstellung „Welt der Luftfahrt“ am Flughafen Hannover-Langenhagen zu sehen.[25]
Die Flugerprobung, die im September 2006 begonnen wurde, um die Flugfähigkeit der Konstruktion zu beweisen, wurde nach erfolgreichen Rollversuchen wegen des [...] böigen Windes abgebrochen. Die Verantwortlichen waren übereingekommen, eine stabile Herbstwetterlage für die weitere Erprobung abzuwarten. Der Nachbau wurde dann allerdings als Exponat der Ausstellung Welt der Luftfahrt für weitere Versuche unzugänglich.[25][26]
Gedenken und Flughafen [Bearbeiten]
Am 8. Oktober 1933 war auf dem damaligen Flughafen Vahrenwald im Beisein des Geehrten ein Gedenkstein enthüllt worden. Anlass war der 30. Jahrestag seines Fluges vom 18. August 1903. Dieser Gedenkstein wurde im März/April 1952 von seinem bisherigen Standort vor das neue Gebäude der Flugleitung in Langenhagen versetzt, wo er seither, allerdings nun ohne Sockel, ohne die Adlerplastik und ohne Hakenkreuz[27], steht.
In Hannover errichtete 2006 der Arbeitskreis Stadtteilgeschichte List auf der nördlichen Seite des Mittellandkanals, zwischen Reiterstation und Lister Bad einen Gedenkstein für Jatho. Der Stein steht auf der früheren Vahrenwalder Heide, auf der sich heute Kleingärten befinden. Anfang des 20. Jahrhunderts war hier das Flugfeld, auf dem Jatho seine Flugversuche unternahm. In diesem Bereich legte er eine 180 m lange Startbahn an und errichtete 1897 einen Hangar mit Werkstatt. Aus diesen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Zeit der 122 ha große Flughafen Hannover-Vahrenwald, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Betrieb war. Erst danach entstand der Flughafen Hannover-Langenhagen.
In Hannover-Vahrenwald befindet sich eine Jathostraße, in Berlin-Reinickendorf ein Jathoweg. In Nürnberg wurde im Bereich des örtlichen Flughafens eine Straße Karl-Jatho-Weg benannt, ebenso in Wesel eine Karl-Jatho-Straße.
Die Hauptschule am Büssingweg 9 in Hannover heißt seit dem 27. Januar 2006 „Karl-Jatho-Schule”[25] und das Terminal für allgemeine Luftfahrt (GAT) am Flughafen Hannover-Langenhagen trägt seit September 2006 den Namen "Karl Jatho Terminal"[28].
Kritik [Bearbeiten]
Jathos Flugleistungen von 1903 und eine hohe Bewertung seines Beitrags zur Flugzeugentwicklung sind nicht unumstritten. Peter Supf schreibt in seinem Buch der deutschen Fluggeschichte über Jatho: „Die Wrights konnten, nachdem ihnen die ersten Flüge geglückt waren, tatsächlich fliegen, [...] Jatho aber konnte erst in den Jahren 1909-1911 seine Flüge wieder fortsetzen, die auch dann noch zunächst unter den Leistungen der damaligen Zeit lagen.“[29] Für die Behauptung von Supf, dass Jatho bis 1909 nicht „tatsächlich fliegen“ konnte, lassen sich Indizien anführen.
- So schreibt Wolfgang Leonhardt „Die ersten Zeitungsberichte über [...] Karl Jatho [...] stammen nachweislich aus dem Jahre 1907.“[14] In den dort zitierten Berichten aus dem Jahr 1907 wird über die Maschine und Rollversuche geschrieben, aber nicht über erfolgreiche Flüge im Jahr 1907 oder davor: „Trotzdem die Witterungsumstände günstig waren, gelang ein Aufstieg des Apparates [...] nicht ...“.
- Und Sauer berichtet über die Flugwettbewerbe der ILA 1909 „Als einziger Deutscher ging Ingenieur August Euler an den Start.“[30] Das heißt, dass Jatho bei der ILA 1909, obwohl er mit Fluggerät und Monteuren angereist war[6], nicht an den Flugwettbewerben teilgenommen hat.
- Als weiteres Indiz für Supfs Zweifel an Jathos Flugleistungen sei auf Jathos Tragwerkskonstruktion verwiesen, wie sie Wolfgang Leonhardt mit Bild der Maschine von 1907[31] und der Lohmann-Nachbau von 2006[32] dokumentieren. Diese Quellen zeigen, dass Jatho weitgehend auf eine Profilwölbung verzichtet und dass das Holzleisten-Stützgerüst der Tragfläche auf der Oberseite der Bespannung offen in der Luftströmung liegt. Im Gegensatz dazu setzen die von Supf vergleichsweise herangezogenen „tatsächlich fliegenden“ Wrights, die auf Lilienthals Erkenntnissen aufbauen, gewölbte Tragflächen[33] mit glatter Oberfläche ein. Sowohl Lilienthal wie auch die Wrights beweisen im Gleitflug die Wirksamkeit ihrer Tragflächen bereits vor 1903 in öffentlichen praktischen Versuchen bzw. mit Fotografien des fliegenden Doppeldecker-Gleitapparats. Vergleichbare Dokumente zum „Jatho-Drachen“ sind bislang nicht bekannt.
- Die erste von Jatho hergestellte Maschine, mit der öffentlich reproduzierbare Flüge gelingen, ist ab 10. Juli 1910 ein Beriot-Nachbau.[16][17]
Andererseits muss anerkannt werden, dass Jatho im August und November 1903 ein Flugzeug flog, das über einen Pilotensitz verfügte, mit einem Beckengurt als Sicherheitseinrichtung versehen war und ohne Starthilfe von außen aus eigener Kraft auf dem eigenen Fahrwerk starten und landen konnte. Die Brüder Wright dagegen sind im Dezember 1903 mit einem Flugzeug geflogen, bei dem der Pilot sich bäuchlings auf die untere Tragfläche legen musste, da es noch keinen Pilotensitz gab. Dieses Flugzeug benötigte eine Startschiene, da es kein Fahrwerk hatte. Jede Landung stellte eine unkontrollierbare Bauchlandung dar, das Flugzeug der Wrights konnte daher nur auf einer für eine Notlandung wirklich perfekt geeigneten Stelle wie der Sandfläche bei Kitty Hawk fliegen. Jatho hatte also 1903 nicht nur Diskrepanzen zu seinem Nachteil, da sein Jatho-Drachen noch über Tragflächen nach dem Muster der damals üblichen Gleitdrachen verfügte, sondern auch schon Fortschritte, die bei anderen Flugpionieren erst Jahre später eingeführt wurden.
Literatur [Bearbeiten]
- Gert Behrsing: Jatho, Karl. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 367 f. (Digitalisat).
- Gunter Hartung: Tüftler und Querdenker: Ein Plädoyer für Karl Jatho aus Hannover, Leuenhagen & Paris, Hannover, 2009, ISBN 3-923976-67-4
- Wolfgang Leonhardt: Karl Jathos erster Motorflug 1903. Books on Demand, Norderstedt 2002, ISBN 3-8311-3499-5
- Otto Lilienthal: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst. Steffen, Friedland 2003, ISBN 3-9809023-8-2 (Reprint der Originalausgabe Berlin 1889, http://www.lilienthal-museum.de/olma/6.htm Inhalt und einige Kapitel).
- Theo Oppermann: Ikaros lebt! Die Lebensgeschichte eines Deutschen: Karl Jatho der erste Motorflieger der Welt. 1933, Verlag Oppermann & Leddin, Wunstorf, 1. Tausend.
- Eckard Sauer: Absturz im Kinzigtal: Die Luftfahrt im hessischen Kinzigtal von 1895 bis 1950. 2 Auflage. Sauer, Gründau 2013, ISBN 978-3981441901.
- Peter Supf: Das Buch der deutschen Fluggeschichte. 2 Auflage. Band 1, Drei Brunnen Verl., Stuttgart 1956 (durchges., verb. u. erw. Aufl.; Erstauflage 1935).
Weitere Quellen [Bearbeiten]
- Persönliche Dokumente von Karl Jatho, Historisches Museum am Hohen Ufer, Pferdestraße 6, 30159 Hannover
Filme [Bearbeiten]
- Sorry Mister Wright - Der Flugpionier Karl Jatho. Dokumentarfilm, Deutschland, 2006, 45 Min., Buch und Regie: Gunter Hartung, Produktion: NDR, Filminformationen vom NDR
- Wir waren die Ersten - Die Luftfahrt begann in Hannover. Dokumentarfilm, Deutschland, 2009, 45 Min., Buch und Regie: Gunter Hartung, Produktion: TWA-Film (englische Version: Made in Hannover - German Aviation Pioneer Karl Jatho took off ahead of Orville Wright. Dokumentary Germany, 2010, 45 min. Script/Director: Gunter Hartung, TWA-Film Production)
Weblinks [Bearbeiten]
- Das Karl-Jatho-Terminal am Flughafen Hannover
- Karl-Jatho-Projekt - Wir waren die ersten
- Foto der Flugmaschine Jathos (engl.)
- Ausführliche Geschichte über Karl Jathos Flugprojekte auf der Vahrenwalder Heide mit vielen Fotos
- Jathoehrenstein
- Wir waren die Ersten
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Wolfgang Leonhardt hat die im Historisches Museum am Hohen Ufer lagernden persönliche Dokumente von Karl Jatho in seinem über BoD zugänglichen Buch Karl Jathos erster Motorflug 1903 verwendet.
- ↑ a b c d e f Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 32
- ↑ „Jatho, Karl“ in: Neue Deutsche Biographie
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 10
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 9ff
- ↑ a b Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 54
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 35
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 46
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 42ff
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 13
- ↑ a b Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 33
- ↑ a b Karl Jathos erster Motorflug 1903, auf S. 44 zeigt Leonhardt ein Bild der Jatho III. Die dort gezeigt Maschine scheint aber identisch mit einer Maschine, die dem Jahr 1907/1908 zugeordnet ist.
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 37
- ↑ a b Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 47ff
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 65
- ↑ a b Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 59
- ↑ a b Hannoverscher Anzeiger Nr. 160 vom 12. Juli 1910 Seite 3 „Flugversuche auf der Vahrenwalder Heide“
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 81ff
- ↑ Hannoverscher Anzeiger Nr. 123 vom 29. Mai 1913 Seite 2 „Tödlicher Absturz des Fliegers Horn“
- ↑ Ausschnitt aus dem Hannoverschen Anzeiger, 'Illustrirte Zeitung' vom 17. September 1933
- ↑ 'Illustrierter Beobachter' vom 28. Oktober 1933
- ↑ Das Buch der deutschen Fluggeschichte
- ↑ Hannoverscher Courier, No 26955, Bericht: Ein Flugapparat, Donnerstag 1. August 1907
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 30
- ↑ a b c Chronologie des Jatho-Motordrachen-Nachbaus
- ↑ Youtube: Karl Jatho® Motordrachen 1:1 Nachbau
- ↑ Bild vom Gedenkstein 1933
- ↑ Karl Jatho Terminal am Flughafen Hannover-Langenhagen
- ↑ Das Buch der deutschen Fluggeschichte, Seite 219ff
- ↑ Absturz im Kinzigtal, S. 6
- ↑ Karl Jathos erster Motorflug 1903, S. 48
- ↑ Commons-Bild Jatho-Drachen-Nachbau 2006
- ↑ s. Lilienthal, Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Jatho, Karl |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Flugpionier |
| GEBURTSDATUM | 3. Februar 1873 |
| GEBURTSORT | Hannover, Deutschland |
| STERBEDATUM | 8. Dezember 1933 |
| STERBEORT | Hannover, Deutschland |