Klinische Psychologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Klinische Psychologie gilt als Teildisziplin der Angewandten Psychologie, die biologische, soziale, entwicklungs- und verhaltensbezogene sowie kognitive und emotionale Grundlagen psychischer Störungen, sowie Auswirkungen dieser Störungen und anderer Erkrankungen (z. B. neurologische Störungen, Krebs, chronische Herzleiden uvm.) auf das Erleben und Verhalten wissenschaftlich untersucht. Ursprünglich handelte es sich um die psychologischen Methoden der Diagnostik und Therapie, soweit sie im Rahmen der Klinik bzw. der Krankenhausbehandlung anwendbar sind - um die Arbeit von Diplom-Psychologen in Kliniken und auch heilpädagogischen Einrichtungen.[1] Zur Klinischen Psychologie zählen die Medizinische Psychologie und die Neuropsychologie.

Themen der Klinischen Psychologie[Bearbeiten]

Immer dann, wenn interne (psychische oder somatische) oder externe (umweltbezogene, soziale und so weiter) Störungen auf Einzelne, Gruppen oder Systeme einwirken, kann die Klinische Psychologie mit wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen die Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge, Wirkungsbedingungen und deren Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten untersuchen. Sie beschreibt diese z. B. in Form von Diagnosen, um daraus im wissenschaftlichen Prozess Erklärungen abzuleiten, Vorhersagen (wissenschaftlich informierte Prognosen) zu treffen und verschiedene Möglichkeiten zur Beeinflussung (Interventionen) zu entwickeln. Diese Interventionen werden anwendungsorientiert eingesetzt, in der Praxis idealerweise unter Berücksichtigung anderer klinischer Diagnosen.

Gerade in der Klinischen Psychologie bilden psychologische Forschung (besonders in naturwissenschaftlicher Orientierung), Evaluation, wissenschaftlich fundiertes und evidenzbasiertes Vorgehen mit der praktischen Anwendung eine Einheit. Die Ausbildung wie auch die praktisch klinisch-psychologische berufliche Tätigkeit folgt dabei dem Scientist-Practitioner Modell. Daher ist die Klinische Psychologie keine rein praktische Psychologie, die nur oder vorwiegend zur Diagnostik und Behandlung dient. Auch in der Klinischen Psychologie nehmen kontrollierte Laborexperimente eine zentrale Stellung im Prozess des Erkenntnisgewinns ein, werden allerdings wegen ihrer Realitätsferne, d. h. mangelnder externer Validität zunehmend kritisiert (z. B. Seligman, 1995).

Vor allem in Deutschland wird die Klinische Psychologie sehr weit definiert, da z. B. ein eigenständiges Teilgebiet der Counselling Psychology nicht existiert.

Die Beschäftigung mit psychischen Störungen (eng. „Abnormal Psychology“) ist ebenfalls nur ein Teilgebiet der Klinischen Psychologie. Die Klinische Psychologie umfasst theoretische Grundlagen, Methoden und Systeme für die Diagnose und Klassifikation (ICD-10, DSM-IV) psychischer Störungen, für ihre psychologische bzw. psychotherapeutische Behandlung, für Prävention und Rehabilitation. Sie überschneidet sich vielfach mit anderen angewandten Teilgebieten der Psychologie und der Psychiatrie. Sie ist in allen Bereichen der Methodendisziplinen und der Grundlagendisziplinen verwurzelt. Daher ist eine gründliche, umfassende, wissenschaftliche Ausbildung in Psychologie unabdingbare Voraussetzung für das Studium der Klinischen Psychologie.

Primär ist die Klinische Psychologie allerdings Grundlagenforschung, indem sie aus der Erforschung von „gestörtem“ Erleben und Verhalten Rückschlüsse auf „normale“ psychische Funktionsbereiche liefert. Ebenso sucht sie auch im Rahmen angewandter Forschung nach den Ursachen und Wirkungszusammenhängen von gestörten Funktionsbereichen (z. B. gestörter Informationsverarbeitung, insbes. bei Vorliegen von bestimmten Erkrankungen wie z. B. Angststörungen) und erforscht in dem Zusammenhang auch Grundlagen zur Entstehung (bio-psycho-soziales Modell: Diathese-Stress-Modell), Symptomatik und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen bzw. psychiatrischen Erkrankungen (wie z. B. der Depression). Aus den Forschungsergebnissen ergeben sich Möglichkeiten, Methoden zur Veränderung zu entwickeln, die dann wiederum Forschungsgegenstand der Klinischen Psychologie sind. Insofern kann die Klinische Psychologie neben der Psychotherapie auch in Form von Trainings (Psychoedukatives Training, etc.), Beratung und Training von Angehörigen und so weiter psychologische Hilfestellungen leisten. Sie überschneidet sich hier mit der psychologischen Diagnostik und Intervention bzw. wird durch diese ergänzt. Dabei gehört die allgemeine psychologische Diagnostik (insbesondere Persönlichkeits- und Leistungsdiagnostik) und natürlich im Speziellen die klinisch-psychologische Diagnostik (ICD-10, DSM-IV) einschließlich Befundung und Begutachtung ebenso zum Aufgabenfeld der Klinischen Psychologie wie die evidenzbasierte Therapieplanung, die Therapieevaluation und das Qualitätsmanagement. Ein weiteres sehr wichtiges Forschungsgebiet der Klinischen Psychologie ist die Epidemiologie.

Ein Spezialgebiet der Klinischen Psychologie ist die Klinische Neuropsychologie, die sich mit schädigungsbezogenen Zuständen und Veränderungen des Zentralnervensystems und den sich daraus ergebenden gestörten Funktionsbereichen beschäftigt.

Das Spezialgebiet der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie wie auch z. B. die klinisch-psychologische Familienberatung und -therapie unterscheiden sich stark von systemischen oder psychoanalytischen Richtungen.

Die Klinische Psychologie überschneidet sich mit der Gesundheitspsychologie, die sich mit gesellschaftlichen Fragen nach wirksamer Prävention, gesundheitsförderlichem Verhalten (auch in Bezug auf die psychische Gesundheit) und den sozialen Faktoren von Krankheit sowie Stress beschäftigt. Vielfach wird diese aber auch als Teilbereich der Klinischen Psychologie klassifiziert.

Weitere Überschneidungspunkte existieren z. B. zur Arbeits- u. Organisationspsychologie, sofern es etwa um Stressfolgeerkrankungen, Auswirkungen von Schichtarbeit, Traumata bei bestimmten Berufsgruppen (Rettungsdienst, Feuerwehr, Militär, Polizei) geht.

Während die Klinische Psychologie ein Teil der Psychologie ist, so gehört die thematisch äquivalente, sich aber in wesentlichen Punkten von der Klinischen Psychologie unterscheidende Disziplin der Psychiatrie, wie auch die Psychosomatische Medizin zur Medizin.

Die Ausbildung in Österreich[Bearbeiten]

In Österreich ist die Ausbildung zum Klinischen Psychologen / zur Klinischen Psychologin und zum Gesundheitspsychologen / zur Gesundheitspsychologin gesetzlich geregelt. Neben 1480 Praxisstunden müssen 120 Supervisionsstunden und 160 Theoriestunden bei anerkannten Einrichtungen und Fachkräften absolviert werden. Anbieter des theoretischen Lehrgangs müssen vom Österreichischen Bundesministerium für Gesundheit anerkannt sein. Dies trifft für folgende Einrichtungen zu (alphabetische Reihenfolge):

  • Alpen-Adria Universität Klagenfurt
  • Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation
  • Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP): Österreichische Akademie für Psychologie (ÖAP) [2]
  • Gesellschaft kritischer Psychologen
  • Österreichische Akademie für Psychologie (AAP)[3]
  • ÖTZ-NLP
  • Schloss Hofen
  • UMIT
  • Universität Wien

Die Praxisstunden dürfen ebenso nur in Einrichtungen absolviert werden, die vom Österreichischen Gesundheitsministerium anerkannt sind. Für die Supervision sind Klinische Psychologen zu betrauen, welche seit mindestens fünf Jahren selbst als Klinische Psychologen tätig sind.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bastine, R. (1992/1998): Klinische Psychologie", Band 1 u. 2, Stuttgart: Kohlhammer. http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bastine1992ga
  • Butcher J. N.; Mineka, S. & Hooley, J. M. (2009): Klinische Psychologie, München: Pearson Studium (13. Auflage), ISBN 978-3-8273-7328-1.
  • Caspar, F.; Regli, D. (2010): Klinische Psychologie, Wiesbaden: VS Verlag, 2010, ISBN 978-3-531-17076-3. (Basiswissen Psychologie)
  • Ehlers, A. & Hahlweg, K. (Hg.) (1996): Grundlagen der Klinischen Psychologie, Göttingen: Hogrefe, ISBN 3-8017-0543-9.
  • Hartje, W. & Poeck, K. (2006): Klinische Neuropsychologie, Stuttgart: Thieme (6. Auflage), ISBN 978-3-13-624506-4.
  • Hayes, St. C.; Barlow, D. H. & Nelson-Gray, R. O. (1999): The Scientist Practitioner. Research and Accountability in the Age of Managed Care, Boston: Allyn & Bacon (2. Auflage), ISBN 0-205-18098-1.
  • Kendall, P. C. (Hg.) (1999): Handbook of Research Methods in Clinical Psychology, New York [u. a.]: Wiley (2. Auflage), ISBN 0-471-29509-4.
  • Kazdin, A. E. (2010): Research Design in Clinical Psychology, Boston [u. a.]: Allyn & Bacon (4. Auflage), ISBN 978-0-205-77406-7.
  • Lilienfeld, S. O.; Lohr, J. M. & Lynn, S. J. (Hg.) (2004): Science and Pseudoscience in Clinical Psychology, New York: Guilford Press, ISBN 1-57230-828-1.
  • Lilienfeld, S. O. & O’Donohue, W. T. (Hg.) (2007): The Great Ideas of Clinical Science. 17 Principles That Every Mental Health Professional Should Understand, New York, NY [u. a.]: Routledge, ISBN 978-0-415-95038-1.
  • Perrez, M. & Baumann, U. (Hg.) (2005): Lehrbuch Klinische Psychologie. Psychotherapie, Bern [u. a.]: Huber (3. Auflage), ISBN 3-456-84241-4.
  • Petermann, F. (Hg.) (2008): Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie, Göttingen [u. a.]: Hogrefe (6. vollständig überarbeitete Auflage), ISBN 978-3-8017-2157-2.
  • Barrabas, R. (2013): Kerngebiete der Psychologie. Eine Einführung an Filmbeispielen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3-8252-3850-6, S. 91ff.
  • Reinecker, H. (Hg.) (2003): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. Modelle psychischer Störungen, Göttingen: Hogrefe (4. Auflage), ISBN 3-8017-1712-7.
  • Roberts, M.C. & Ilardi, S. S. (Hg.) (2003): Handbook of Research Methods in Clinical Psychology, Boston: Blackwell, ISBN 978-0-470-75698-0.
  • Wittchen, H.-U. & Hoyer, J. (Hg.) (2011): Klinische Psychologie und Psychotherapie. 2. Auflage. Heidelberg: Springer, ISBN 978-3-642-13017-5.

Fachzeitschriften[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In den 1970er Jahren schrieb der BDP seine Mitglieder in Einrichtungen an und offerierte ihnen den Titel "Klinischer Psychologe", wenn sie dafür 200 DM überwiesen.
  2. Homepage der ÖAP
  3. Homepage der AAP
 Commons: Clinical psychologists – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien