Kraniomandibuläre Dysfunktion

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Kraniomandibuläre Dysfunktion (Craniomandibuläre Dysfunktion, CMD) ist ein Überbegriff für strukturelle, funktionelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel- oder Gelenkfunktion der Kiefergelenke. Diese Fehlregulationen können schmerzhaft sein. Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie definiert CMD als Sammelbegriff für eine Reihe klinischer Symptome der Kaumuskulatur und/oder des Kiefergelenks sowie der dazugehörenden Strukturen im Mund- und Kopfbereich. Entsprechend hat die Bezeichnung mehr den Charakter eines Befundes und sollte in die Diagnosen Okklusopathie, Myopathie und Arthopathie spezifiziert werden.[1][2] Im engeren Sinne handelt es sich dabei um Schmerzen der Kaumuskulatur („myofaszialer Schmerz“), Verlagerungen der Knorpelscheibe im Kiefergelenk („Diskusverlagerung“) und entzündliche oder degenerative Veränderungen des Kiefergelenks („Arthralgie, Arthritis und Arthrose“).

Klassifikation nach ICD-10
K07 Dentofaziale Anomalien
(einschließlich fehlerhafter Okklusion)
K07.6 Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
Krankheiten des Kiefergelenkes
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Terminologie[Bearbeiten]

In Deutschland hat sich der Begriff Kraniomandibuläre Dysfunktion eingebürgert, ein Sammelname für diverse muskuloskelettale Beschwerden im Craniomandibulärsystem (Kausystem), daneben auch Cranio-Vertebrale Dysfunktion (CVD). In der Schweiz wird der Begriff Myoarthropathie bevorzugt, im englischen Sprachraum Temporomandibular Disorders oder temporo-mandibular-Joint-Disease (TMDs, TMJ). Die alte Bezeichnung Costen-Syndrom ist überholt. Hauptansprechpartner bei diesem Beschwerdebild ist der Zahnarzt, betroffen sind aber viele medizinische Fachrichtungen.

Klassifikationssysteme[Bearbeiten]

Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, wobei international die Research Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (RDC/TMD) aus dem Jahre 1992 die größte internationale Verbreitung gefunden haben. Demnach unterscheidet man folgende zwei Bereiche („Achsen“):

Achse I und Achse II; Patient A: starke somatische Beschwerden; Patient B: starke psychische Beschwerden bei geringen somatischen Beschwerden
ACHSE I
Somatische Diagnosen

Bereich I: Schmerzhafte Beschwerden im Bereich der Kaumuskulatur (vor allem Mundöffner- und Mundschließermuskeln)

  • Ia: Myofaszialer Schmerz
  • Ib: Myofaszialer Schmerz mit eingeschränkter Kieferöffnung

Bereich II: Anteriore Verlagerung des Discus articularis

  • IIa: Anteriore Diskusverlagerung mit Reposition bei Kieferöffnung
  • IIb: Anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition bei Kieferöffnung, mit eingeschränkter Kieferöffnung.
  • IIc: Anteriore Diskusverlagerung ohne Reposition bei Kieferöffnung, ohne eingeschränkte Kieferöffnung.

Bereich III: Arthralgie, aktivierte Arthrose, Arthrose

  • IIIa: Arthralgie
  • IIIb: aktivierte Arthrose vom Kiefergelenk
  • IIIc: Arthrose des Kiefergelenks
ACHSE II
Schmerzbezogene psychosoziale Diagnostik
  • Schmerzbezogene Beeinträchtigungen täglicher Aktivitäten
  • Depressive Verstimmung
  • Unspezifische somatische Symptome


Im Januar 2014 veröffentlichte eine internationale Expertengruppe eine erweiterte Klassifikation der kraniomandibulären Dysfunktionen.[3] Diese schließt die 12 Diagnosen der Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders ein und umfasst darüber hinaus 25 seltenere Diagnosen.[4]

Epidemiologie[Bearbeiten]

Die Häufigkeit der CMD liegt bei etwa 8 % der gesamten Bevölkerung, wobei nur rund 3 % wegen dieser Beschwerden behandlungsbedürftig sind. Im Kleinkindalter sind CMD-Symptome selten anzutreffen, die Häufigkeit steigt aber bis zur Pubertät an. Frauen im gebärfähigen Alter sind wie bei anderen Schmerzerkrankungen deutlich häufiger betroffen als Männer. Nach den Wechseljahren lassen die Beschwerden häufig nach und im Alter ist die CMD relativ selten.

Symptomatik[Bearbeiten]

Eine Vielzahl von Symptomen kann die Diagnose schwierig machen. Häufig schmerzen die Kiefermuskulatur oder die Kiefergelenke beim Kauen. Andere Symptome können sein:

  • Eingeschränkte Kieferöffnung
  • Knacken oder Reiben der Kiefergelenke beim Öffnen oder Schließen der Kiefer
  • Ausstrahlende Schmerzen in Zähne, Mund, Gesicht, Kopf-, Nacken, Schulter oder Rücken, Hals-Wirbelsäulen-Schulterprobleme, eingeschränkte Kopfdrehung, Kopfschmerzen
  • Plötzlich auftretende Probleme mit der Passung der Zähne aufeinander.
  • unangenehme Ohrenschmerzen
  • Tinnitus
  • Schwindel
  • Schluckbeschwerden
  • Augen/Seheinschränkung

Pathogenese[Bearbeiten]

Man geht bei der Pathogenese der kraniomandibulären Dysfunktion von einer aufsteigenden und absteigenden Symptomatik aus. Bei der aufsteigenden Kette werden z.B. Seitabweichungen der Wirbelsäule auf die Halswirbelsäule und dann auf das Kiefergelenk übertragen. Bei der absteigenden Symptomatik werden Zahnprobleme, wie z.B. eine zu hohe Krone, ein falscher Biss oder eine Zahnfehlstellung auf das Kiefergelenk, von dort dann auf den Nacken, die Schulter und die Wirbelsäule übertragen.[5]

Da in den meisten Fällen die Ursachen unklar sind, wird eine multifaktorielle Genese vermutet. Prädisponierende, auslösende und unterhaltende Faktoren umfassen biologische, psychische und soziale Elemente. Anbei sind einige davon aufgelistet, wobei sich immer neue Aspekte in Klinik und Forschung ergeben werden:

Diagnose[Bearbeiten]

Zur Diagnose der CMD wird aktuell folgende Vorgehensweise empfohlen:

  1. Ein ausführliches Arztgespräch mit Einsatz standardisierter Fragebögen.
  2. Eine somatische Untersuchung von Kieferöffnung, Kaumuskulatur und Kiefergelenken (Funktionsstatus).
  3. Eine instrumentelle Funktionsanalyse (API/CPI)
  4. Eine Röntgenaufnahme des gesamten Kiefers (Panoramaschichtaufnahme) zum Ausschluss zahnärztlicher und kieferchirurgischer Krankheitsursachen.
  5. Fragebögen zur Erkennung von psychosozialen Beeinträchtigungen.

Bei komplexen Krankheitsbildern können aufwändige apparative, radiologische oder psychologische Verfahren in Diagnostik und Therapie Anwendung finden sowie andere Fachrichtungen hinzugezogen werden.

Differentialdiagnostik[Bearbeiten]

Aufgrund einer Vielzahl von Schmerzursachen im Kopfbereich ist bei unklarer Diagnose eine fachübergreifende Diagnostik sinnvoll. Auszuschließen sind Erkrankungen aus den verschiedensten medizinischen Fachgebieten und eine intensive konsiliarische Beurteilung ist dann unerlässlich.

Therapie[Bearbeiten]

Aufbissschiene für den Oberkiefer zur Behandlung der CMD (Craniomandibulären Dysfunktion)

Grundgedanke bei der Behandlung von CMD ist eine schonende und reversible Vorgehensweise. Dabei werden wissenschaftlich anerkannte Therapiekonzepte je nach Schweregrad eingesetzt und individuell auf den Patienten abgestimmt.

  1. Eine Aufklärung des Patienten über die Krankheitszusammenhänge und eine korrekte Diagnosestellung ist der erste und wichtigste Schritt für eine positive Beeinflussung des Krankheitsgeschehens. Kiefergelenkknacken führte im Untersuchungszeitraum nach einer Studie mit 454 Patienten nicht zu Schmerzen im Kiefergelenk.[7]
  2. Hinweise zur Selbstbehandlung, wie weiche Nahrung, Dehnübungen, Wärme- oder Kälteanwendungen, Entspannungsübungen oder Stressmanagement, können helfen.
  3. Eine Okklusionsschiene (Aufbissbehelf) wird vom Zahnarzt häufig eingesetzt und kann zu einer Entspannung der Kau- und Kopfmuskulatur sowie zu einer Entlastung der Kiefergelenke führen. Allerdings ist der Nutzen der Okklusionsschiene bei einer CMD-Behandlung wissenschaftlich nicht belegt. Je nach Studie wird die Wirksamkeit belegt oder widerlegt.[8]
  4. Physiotherapie (manuelle Therapie) kann muskuläre Verspannungen reduzieren und Gelenkfehlstellungen bzw. -funktionsstörungen behandeln.
  5. Manchmal sind schmerzlindernde, entzündungshemmende, muskelrelaxierende oder schlaffördernde Medikamente notwendig, um einer Chronifizierung des Schmerzgeschehens Einhalt zu gebieten und die Lebensqualität zu verbessern.
  6. Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) können durch eine Entspannung der Muskulatur und eine Reduktion der Schmerzen helfen.
  7. Es wird diskutiert, ob Triggerpunkt-Infiltrationen der Muskulatur mit verschiedenen Substanzen sinnvoll sind und dauerhaft Linderung bringen können.
  8. Umfangreiche Zahnsanierungen, kieferorthopädische oder chirurgische Maßnahmen sollten nur unter strengster Indikationsstellung Anwendung finden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Rainer Schöttl: CMD: Kein Schicksal!. Die CMD in den Griff bekommen. MediPlus, 2011, ISBN 978-3-981-27385-4.
  •  Christian Larsen, Bea Miescher: Entspannter Kiefer: Beschwerden einfach wegtrainieren. Die besten Übungen aus der Spiraldynamik. Trias, 2010, ISBN 978-3-830-43833-5.
  •  Wolfgang Stelzenmüller, Jan Wiesner: Therapie von Kiefergelenkschmerzen. Ein Behandlungskonzept für Zahnärzte, Kieferorthopäden und Physiotherapeuten. 2. Auflage. Thieme, 2010, ISBN 978-3-131-31382-9.
  •  Sylvana Skorna: CMD - die craniomandibuläre Dysfunktion. Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten und Zahnärzten bei der Behandlung von Patienten mit CMD. Verlag Dr. Müller, 2010, ISBN 978-3-639-25911-7.
  •  Heike Höfler: Entspannungstraining für Kiefer, Nacken, Schultern. 10 Programme zum Loslassen und Wohlfühlen. Trias, 2010, ISBN 978-3-830-43541-9.
  •  Erich Wühr, Hardy Gaus, Holger Hüttermann, Gregor Pfaff, Ulrich Randoll, Martin Simmel: Kraniofaziale Orthopädie. Ein interdisziplinäres Konzept zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Muskel- und Gelenkschmerzen innerhalb und außerhalb des kraniomandibulären Systems. Systemische Medizin AG, 2008, ISBN 978-3-927-34489-1.
  •  A. Hugger, H. Göbel, M. Schilgen: Gesichts- und Kopfschmerzen aus interdisziplinärer Sicht. Evidenz zur Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Springer, 2005, ISBN 978-3-540-23052-6.
  •  Harry J. M. von Piekartz (Hrsg.): Kiefer, Gesichts- und Zervikalregion. Neuromuskuloskeletale Untersuchung, Therapie und Management. Thieme, 2005, ISBN 978-3-131-39231-2.
  •  Axel Bumann, Ulrich Lotzmann: Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien (= Farbatlanten der Zahnmedizin. Bd. 12). Thieme, 1999, ISBN 978-3-137-87501-7.

Englisch[Bearbeiten]

  •  Jeffrey P. Okeson: Management of Temporomandibular Disorders and Occlusion. 7. überarbeitete Auflage. Mosby, 2012, ISBN 978-0-323-08220-4.

Quellen[Bearbeiten]

  1. M. Oliver Ahlers: Funktionsdiagnostik - Systematik und Auswertung, zm 2/2004
  2. Lange, Ahlers und Ottl: Craniomandibuläre Dysfunktionen, Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie
  3. C. C. Peck, J. P. Goulet u. a.: Expanding the taxonomy of the diagnostic criteria for temporomandibular disorders. In: Journal of oral rehabilitation. Band 41, Nummer 1, Januar 2014, S. 2–23, ISSN 1365-2842. doi:10.1111/joor.12132. PMID 24443898.
  4. E. Schiffman, R. Ohrbach u. a.: Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications: recommendations of the International RDC/TMD Consortium Network* and Orofacial Pain Special Interest Group?. In: Journal of oral & facial pain and headache. Band 28, Nummer 1, 2014, S. 6–27, ISSN 2333-0384. PMID 24482784.
  5. Fachblog für Zahnheilkunde
  6. Journal of the American Dental Association Vol 137, No 11, 1547–1554: RESEARCH Third-molar extraction as a risk factor for temporomandibular disorder (online)
  7. Schmerz, Volume 21, Number 2, Pages 131-138: Reissmann DR, John MT: Ist Kiefergelenkknacken ein Risikofaktor für Schmerzen im Kiefergelenk? (online)
  8. Pain, Volume 83, Issue 3, Pages 549–560: Forssell H, Kalso E, Koskela P, Vehmanen R, Puukka P, Alanen P.: Occlusal treatments in temporomandibular disorders: a qualitative systematic review of randomized controlled trials. (online)

Weblinks[Bearbeiten]

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