Kristallschädel

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Kristallschädel aus Bergkristall

Bei Kristallschädeln handelt es sich um aus Bergkristall oder anderen Edelsteinen gearbeitete Nachbildungen menschlicher Schädel, von denen behauptet wird, sie seien Produkte mittel- oder südamerikanischer Hochkulturen (Inka, Maya oder Azteken). Die Zuschreibung zu indianischen Hochkulturen stützt sich lediglich auf Behauptungen und ist nicht durch nachprüfbare archäologische Befunde oder unabhängige historische Dokumente untermauert. Das Alter und die genaue Herkunft dieser Kristallschädel sind daher bis heute umstritten, und wiederholt wurden bisher in Museen ausgestellte Kristallschädel als Fälschungen identifiziert.[1]

Bekannte Kristallschädel[Bearbeiten]

Kristallschädel im British Museum in London
Kristallschädel im Musée du quai Branly in Paris
Eugène Boban, französischer Antiquar 1867

Viele Wissenschaftler halten die Kristallschädel für modernere Anfertigungen, die im 19. Jahrhundert im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, einem Zentrum der europäischen Kristallschleiferei, entstanden seien. Die elektronenmikroskopische Untersuchung des Londoner Kristallschädels förderte Bearbeitungsspuren zutage, wie sie nur von neuzeitlichen Schleifwerkzeugen verursacht werden. Der früheste Beleg über die Existenz eines solchen Kristallgegenstandes datiert in das 19. Jahrhundert.

Die Kontroverse, ob es sich um altertümliche Artefakte oder moderne Fälschungen handelt, hält bis heute an. Ein Grund hierfür ist, dass sich das Alter von Kristallbearbeitungen nicht exakt datieren lässt. Es wird versucht, dies über Spuren von sehr regelmäßigen, nur von Maschinen erzeugbaren Abrieb- und Polierspuren festzustellen.[1]

Mitchell-Hedges-Kristallschädel[Bearbeiten]

Der wohl berühmteste, lebensgroße Kristallschädel mit einem Gewicht von 5,3 kg wurde angeblich 1924 in Lubaantun im damaligen Britisch-Honduras (heute Belize) von der damals 17-jährigen Anna Mitchell-Hedges entdeckt, als sie ihren Adoptivvater Frederick Albert Mitchell-Hedges (1882–1959) bei einer Ausgrabung begleitete, bei der dieser davon überzeugt war, „Atlantis“ entdeckt zu haben. Nach einer anderen Quelle[2] hatte Mitchell-Hedges den Kristallschädel allerdings im Jahre 1943 für 400 Pfund bei Sotheby's vom Vorbesitzer Sidney Burney ersteigert. Besonders hervorzuheben ist neben seiner nahezu perfekten Bearbeitung, dass er im Unterschied zu den meisten anderen Kristallschädeln einen abnehmbaren Unterkiefer besitzt, der aus dem gleichen Stück Kristall wie der Schädel gearbeitet ist. Diese Tatsache und die große Ähnlichkeit zum besser untersuchten Londoner Schädel (weiter unten) führen Wissenschaftler zu der Vermutung, dass es sich auch hierbei um eine Fälschung handelt. Wird er von hinten beleuchtet, bündelt sich im Innern des Schädels das Licht so, dass es durch die beiden Augenhöhlen sowie durch ein „drittes Auge“ auf der Stirn wieder hervorscheint.

Frank Dorland, einer der Autoren, die die Schädel einem breiten Publikum vorstellten, kam zum Schluss: Wenn man übernatürliche Kräfte oder heute nicht mehr bekannte Techniken der Bearbeitung aus dem Spiel ließe, hätten die Maya den Kristallschädel mit manueller Politur jahrhundertelang bearbeiten müssen. Bei etwa 12 Stunden Arbeit pro Tag am Objekt wäre dieser Theorie zufolge der Schädel erst nach 1600 Jahren fertiggestellt gewesen. Jedoch ist die Bearbeitung von Bergkristall eher unproblematisch. In Europa sind die Techniken zur Bearbeitung seit Jahrhunderten bekannt, wie beispielsweise aus Bergkristall gefertigte Trinkgefäße aus der Zeit des Barocks zeigen, die im Dresdner Grünen Gewölbe gezeigt werden.

Londoner Kristallschädel[Bearbeiten]

Der Londoner Kristallschädel ist dem „Mitchell-Hedges-Schädel“ sehr ähnlich, besitzt aber keinen abnehmbaren Unterkiefer. Er wurde angeblich im 19. Jahrhundert in Mexiko entdeckt und ist in der Welcome Gallery des Britischen Museums ausgestellt.

Ein Expertenteam des Britischen Museums veröffentlichte Untersuchungsergebnisse, die den indianischen Ursprung des Londonder Schädels in Frage stellen. Elektronenmikroskopische Analysen wiesen auf der Kristalloberfläche Spuren nach, die auf den Einsatz von Schleifrädern hinweisen, welche aber wiederum in den amerikanischen Hochkulturen nicht verwendet wurden. Das Team wies darüber hinaus darauf hin, dass die Kristallart des Schädels zwar in Mexiko nicht vorkomme, aber sehr wohl aus Brasilien bekannt sei. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse kam das Team zu dem Schluss, dass es sich um eine Arbeit aus dem 19. Jahrhundert handle, die möglicherweise in Deutschland ausgeführt und als angeblich echtes Fundstück der aztekischen Kultur verkauft worden sei.

Pariser Kristallschädel[Bearbeiten]

Dieser Schädel ist deutlich kleiner als Lebensgröße, besteht aus trübem Quarz und ist auch gröber gearbeitet als der Mitchell-Hedges- und der Londoner Schädel. Er befindet sich im Musée du quai Branly. Auch er wurde angeblich in einem Grab in Mittelamerika entdeckt, allerdings ist mittlerweile anhand von Spuren von Eisen nachgewiesen, dass der Schädel mit modernen Fräsen bearbeitet wurde. Zudem war Eisen den präkolumbischen Völkern noch unbekannt. Außerdem spricht das auffällige Loch, welches senkrecht durch den Schädel gebohrt wurde, gegen eine aztekische Herkunft, da diese die Schädel ihrer Opfer horizontal durchbohrten. Vermutlich wurde der Schädel von dem Antiquar Eugène Boban gefälscht und nach Frankreich eingeführt. [3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Dorland: Der Kristallschädel von Lubaantun. in: Antike Welt 6. Jahrgang, Heft 3/1975.
  • Richard M. Garvin: The Crystal Skull. New York 1974.
  • Peter James und Nick Thorpe: Halley, Hünen, Hinkelsteine. Zürich 2001, Seite 398 – 402 (kritische Äußerungen zum Thema).
  • Jane Maclaren Walsh: Crystal Skulls and Other Problems Or: „Don't Look It in the Eye“. in: Amy Henderson/ Adrienne L. Kaeppler (Hgg.): Exhibiting Dilemmas. Issues of Representation at the Smithsonian. Washington/ London: Smithsonian Institution Press 1997, S. 116-139 ISBN 1-56098-690-5.
  • Chris Morton und Ceri Louise Thomas: Tränen der Götter – Die Prophezeiung der 13 Kristallschädel. Weltbild-Verlag GmbH, 2003, ISBN 3-8289-3408-0.
  • Joe Nickell und John F. Fischer: Secrets of the Supernatural: Investigating the World's Occult Mysteries. Amherst, N.Y.: Prometheus Books, 1988.
  • Margaret Sax, Jane M. Walsh, Ian C. Freestone, Andrew H. Rankin and Nigel D. Meeks: The origins of two purportedly pre-Columbian Mexican crystal skulls. in: Journal of Archaeological Science. 35,10 (Oktober 2008), S. 2751-2760 doi:10.1016/j.jas.2008.05.007.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. a b Die Schädel mit der „übernatürlichen“ Kraft – Artikel auf ORF.at
  2. Sandra Bowen, Joshua Shapiro, F. R. Nocerino: Mysteries of the Crystal Skulls Revealed, J & S Aquarian Networking
  3. NZZ Online: Fauler Zauber, echter Betrug, 20. Mai 2008