Kurze Frist

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Die Kurze Frist (englisch short-run) ist eine Perspektive in der Makroökonomie, bei der jährliche Entwicklungen der Wirtschaftsaktivität einer Volkswirtschaft untersucht werden können. Nach Olivier Blanchard beschreibt die kurze Frist, wie sich die Makroökonomie von Jahr zu Jahr entwickelt.[1] In der Makroökonomie unterscheidet man zwischen drei Perspektiven: kurze, mittlere und lange Frist. Die Trennung der Intervalle ist unscharf und lässt sich nur näherungsweise angeben. Blanchard und Illing nennen für die kurze Frist einen Zeitraum von Jahr zu Jahr, 10 Jahre für die mittlere und 50 Jahre für die lange Frist.[2] Wobei gerade die Zeitangabe für die lange Frist eher als Modellannahme zu verstehen ist, bei der es möglich ist, die Wirtschaft auf Grund flexibler Preise unter Markträumungsbedingungen zu betrachten. Eine Volkswirtschaft erreicht auf lange Sicht (lange Frist) Gleichgewichte auf allen Märkten, da die Preise genügend Zeit zur Anpassung haben und so für eine Angleichung von Angebot und Nachfrage sorgen. Bei kurzer Frist konzentriert man sich auf die Wechselwirkungen zwischen Nachfrage, Produktion und Einkommen bei konstanten Preisen.

Kurzfristiges Gleichgewicht im IS-LM-Modell[Bearbeiten]

Aus dem Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Finanzmärkten wird das IS-LM-Modell, das Grundmodell zur Analyse der kurzen Frist, entwickelt.

Für das kurzfristige Gleichgewicht im IS-LM-Modell ist nur die gesamtwirtschaftliche Nachfrage entscheidend, die Angebotskurve ist elastisch. Dies bedeutet, dass die Preise vollkommen starr sind. Das Preisniveau ist also während der gesamten Betrachtung konstant. Des Weiteren ist das Modell ein statisches makroökonomisches Standardmodell, das noch eine Reihe von weiteren Beschränkungen aufweist:

Abbildung 1: IS-LM-Modell, simultanes Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Finanzmärkten

Annahmen[Bearbeiten]

  • Alle außenwirtschaftlichen Einflüsse bleiben unberücksichtigt.
  • Die Effekte der staatlichen Budgetrestriktion werden nicht berücksichtigt.
  • Es werden alle Effekte ausgeblendet, die von Preis- und Lohnanpassungen herrühren.
  • Erwartungen über zukünftige Ereignisse und Vorgänge werden ebenfalls nicht erfasst.
  • Mittel- und langfristigen Effekte bleiben unberücksichtigt. Dies betrifft in erster Linie alle Effekte, die von Spar- und Investitionsentscheidungen ausgehen

Das Güterangebot muss der Güternachfrage (Gütermarktgleichgewicht, IS-Gleichung) und das Geldangebot der Geldnachfrage (Geldmarktgleichgewicht) entsprechen. Im Schnittpunkt dieser beiden Gleichungen, im Punkt A, herrscht ein simultanes Gleichgewicht auf Güter-, Geld- und Finanzmärkten.


IS-Funktion: Y = C(Y-T) + I (Y, i) + G


LM-Funktion: \frac{M}{P} = Y L(i)

Interpretation des Ergebnisses[Bearbeiten]

Eine Erkenntnis dieses Modells ist, dass im Punkt A ein Gleichgewicht besteht. Die IS- und die LM-Gleichungen enthalten Informationen über Konsum, Investitionen, Geldnachfrage und Gleichgewichtsbedingungen. Diese Informationen können hilfreich zur Lösung von Problemen sein. Es können bspw. geld- bzw. fiskalpolitische Instrumente analysiert werden, wie Einkommen und Zinssatz etwa reagieren, wenn die Zentralbank die Geldmenge erhöht oder der Staat die Steuern erhöht.

Die starken Beschränkungen, die mit den genannten Annahmen getroffen werden, machen das IS-LM-Modell zu einfach für eine wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Analyse. Jedoch ermöglicht die Starrheit des Modells eine gezielte Beobachtung der Auswirkungen bei der Veränderung einer einzelnen Variablen. Es bildet den Ausgangspunkt für eine komplexere ökonomische Analyse.

Kurzfristiges Gleichgewicht im AS-AD-Modell[Bearbeiten]

Das AS-AD-Modell wird gebildet aus der AS-Funktion, dem Gesamtwirtschaftlichen Angebot aggregated supply und der AD-Funktion, der Gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aggregated demand.

Abbildung 2: AS-AD-Modell, Gleichgewicht im AS-AD-Modell in der kurzen Frist

Annahmen[Bearbeiten]

  • Die Preiserwartungen Pe der an der Lohnsetzung beteiligten Parteien ist fest vorgegeben.
  • Vorgegebene Werte der Geld- und Fiskalpolitik (reale Geldmenge M/P, Staatsausgaben G und Steuern T)

Das kurzfristige Gleichgewicht liegt im Schnittpunkt von AS- und AD-Kurve (Punkt A). Im Punkt A befinden sich alle Märkte im Gleichgewicht.[3] Der Wert von Pe bestimmt die Lage der aggregierten Angebotskurve. In Abbildung 2 liegt die Produktion Y über dem natürlichen Niveau Yn. Das ist möglich, weil Y sowohl von der Preiserwartung Pe als auch von allen Variablen der aggregierten Nachfragekurve (M, G, T) abhängt. Mittelfristig wird die Produktion Y aber durch Anpassung der Lohnsetzung - und damit der Preiserwartung Pe - wieder zu ihrem ursprünglichen Niveau Yn zurückkehren. Veränderungen der Produktion können in der kurzen Frist also auf Verschiebungen der aggregierten Nachfrage oder des aggregierten Angebots zurückgeführt werden.

AS-Funktion: P = P^e (1 + \mu) F \left(1 - \frac{Y}{L}, z\right)

AD-Funktion: Y = \left(\frac{M}{P}, G, T\right)

Interpretation des Ergebnisses[Bearbeiten]

In der kurzen Frist, also bei gegebenen Preiserwartungen, weicht die Produktion in der Regel von ihrem natürlichen Niveau ab.[4] Preiserwartungen und die Variablen, die die Lage der AD-Kurve beeinflussen, sind die Determinanten, von welchen die Produktion abhängt. So wird kurzfristig beispielsweise eine expansive Geldpolitik dazu führen, dass sowohl die Produktion als auch das Preisniveau steigt. Die zur Verfügung stehenden geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen können kurzfristig helfen, eine Rezession zu überwinden, selbst wenn solche Handlungen mittelfristig neutral und langfristig sogar schädlich sein können.

Siehe auch[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Vgl. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard: Makroökonomie, 3., aktualisierte Auflage, Pearson Education Deutschland GmbH, München, 2003, Seite 836
  2. Vgl. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard: Makroökonomie, 3., aktualisierte Auflage, Pearson Education Deutschland GmbH, München, 2003, Seite 836
  3. Vgl. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard: Makroökonomie, 3., aktualisierte Auflage, Pearson Education Deutschland GmbH, München, 2003, Seite 213
  4. Vgl. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard: Makroökonomie, 3., aktualisierte Auflage, Pearson Education Deutschland GmbH, München, 2003, Seite 214

Literatur[Bearbeiten]

  • Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard: Makroökonomie, 4., aktualisierte Auflage. Pearson Education Deutschland GmbH, München 2006, ISBN 978-3-8273-7209-3
  • Branson, William H.: Makroökonomie, 3. Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München, 1992, ISBN 3-486-21772-0
  • Cezanne, Wolfgang: Grundzüge der Makroökonomie, 5., unveränderte Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München 1991, ISBN 3-486-21842-5
  • Krugman, Paul R.; Obstfeld, Maurice: Internationale Wirtschaft, Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7., aktualisierte Auflage. Pearson Education Deutschland GmbH, München 2006, ISBN 3-8273-7199-6
  • Mussel, Gerhard: Einführung in die Makroökonomik, 6., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Verlag Franz Vahlen GmbH, München 2000, ISBN 3-8006-2544-X