Keynesianismus

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John Maynard Keynes (1883–1946)

Unter Keynesianismus [keɪnz-] wird in den Wirtschaftswissenschaften ein Theoriegebäude verstanden, in dem die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung ist. In diesem Sinne geht der Keynesianismus auf John Maynard KeynesAllgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 zurück.

Die Interpretation von Keynes’ Allgemeiner Theorie durch John R. Hicks 1937 in Form des IS-LM-Modells war Grundlage der neoklassischen Synthese, als deren bekannteste Vertreter Paul Samuelson und Franco Modigliani gelten. Der amerikanische Neokeynesianismus lieferte die bis etwa 1970 dominierenden ökonomischen Modelle.

Keynes’ engere Schüler in Cambridge lehnten diese Syntheseversuche stets ab, Joan Robinson nannte die neokeynesianische Schule nur verächtlich „bastard keynesianism“.[1] Die entgegengesetzte postkeynesianische Schule konnte jedoch nie starken Einfluss auf die mainstream-Ökonomie gewinnen. Zu ihr zählen Richard Kahn (1905–1989), Joan Robinson (1903–1983), Austin Robinson (1897–1993), Piero Sraffa (1898–1983) und James Meade (1907–1995).

Außerdem bezeichnet Keynesianismus auch verschiedene wirtschaftspolitische Ansätze, die darauf ausgerichtet sind, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu steuern und bei Bedarf die Wirtschaft durch vermehrte Staatsausgaben und durch expansive Geldpolitik zu beleben. Als Hochphase des Keynesianismus weltweit gilt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg (in Deutschland ab 1967) bis in die 1970er Jahre.

Begriffsinhalt[Bearbeiten]

Keynesianismus kann bezeichnen:

  1. wirtschaftshistorisch die politische Philosophie, die vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Mitte der 1970er Jahre in allen westlichen Staaten dominierte. Als wesentliche Merkmale gelten die gesamtwirtschaftlich gesteuerte Volkswirtschaft und der Wohlfahrtsstaat.[2]
  2. allgemein wirtschaftspolitische Maßnahmen, die durch Staatsausgaben, andere fiskalische und durch geldpolitische Maßnahmen versuchen, Schocks aufzufangen mit dem Ziel, Arbeitslosigkeit gering zu halten (so besonders in politikwissenschaftlichem oder soziologischem Kontext).[2][3]
  3. die keynesianische Wirtschaftstheorie in verschiedenen heterogenen Strömungen und Schulen (vor allem Post- und Neokeynesianismus), die sich auf Keynes berufen.[2][3]
  4. die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes.[3]

Zwischen der keynesianischen Wirtschaftstheorie (3.) (im Besonderen auch zwischen Keynesscher Wirtschaftstheorie (4.)) und den wirtschaftshistorischen und wirtschaftspolitischen Bedeutungen (1. und 2.) bestehen fast keine historische Verbindungen.[2] manche Autoren bevorzugen deshalb für diese (1. und 2.) die Bezeichnung Interventionismus.[3]

Für die unterschiedlichen wirtschaftstheoretischen Strömungen des Keynesianismus besteht keine völlig einheitliche Terminologie:

Postkeynesianismus[4]
Die Bezeichnung wurde sporadisch (so von Joan Robinson[5] und Nicholas Kaldor[6]) schon in den 1950er Jahren gebraucht, um rein chronologisch theoretische Arbeiten unter dem Einfluss der Allgemeinen Theorie zu beschreiben. Zur inhaltlichen Abgrenzung einer bestimmten keynesianischen Lehrmeinung von der neoklassischen Synthese kristallisierte sich die Bezeichnung erst nach dem Aufsatz An essay on Post Keynesian theory: a new paradigm in economics Alfred S. Eichners und J. A. Kregels 1975 heraus und verfestigte sich mit dem Erscheinen des Journal of Post Keynesian Economics 1978 (in diesem Sinne soll sie im Weiteren verstanden werden). Vereinzelt wird sie immer noch im rein chronologischen Sinne gebraucht.[7]
Neokeynesianismus
Die Bezeichnung trat erstmals in den 1960er Jahren auf und hielt sich[8] bis in die 1970er Jahre.[9] Seit den 1990ern wird Neokeynesianismus auch synonym zu den sog. New Keynesian Economics gebraucht. Mit Thomas Palley[10] soll unter neokeynesianisch im Folgenden das Werk von Autoren der neoklassischen Synthese zusammengefasst werden.

Lehren (Überblick)[Bearbeiten]

Merkmale der keynesianischen Schule, die von allen selbstbezeichneten Keynesianern akzeptiert werden, lassen sich nicht ganz einfach ausmachen. Besonders für die postkeynesianischen Schulen sind gemeinsame schulbildende Merkmale ihrer Wirtschaftstheorie nur schwer in klar abgrenzbarer Form zu ermitteln. Zum Teil wird ihre Abgrenzung nach soziologischen (im Sinne Joseph Schumpeters), philosophischen (im Sinne Thomas Kuhns oder Imre Lakatos’) oder rein geographischen (so Terence Hutchinson) Gesichtspunkten vorgenommen. A.P. Thirlwall machte „sechs Kernbotschaften der Keynesschen Vision“ („six central messages of Keynes’ vision“)[11] aus, die in wirtschaftstheoretischer Hinsicht gut die Kernlehren der keynesianischen Schulen beschreiben:[12]

  1. Produktion und Beschäftigung werden über den Gütermarkt, nicht über den Arbeitsmarkt gesteuert,
  2. unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist möglich,
  3. eine Erhöhung der Ersparnisse führt nicht zu einer gleich großen Erhöhung der Investitionen; vielmehr bestimmen die Investitionen mögliche Sparvolumen in der Volkswirtschaft,[13]
  4. eine Geldwirtschaft unterscheidet sich von einer Tauschwirtschaft,
  5. die Quantitätstheorie des Geldes gilt nur bei Vollbeschäftigung,
  6. in Marktwirtschaften werden Investitionsentscheidungen auch von den animal spirits (etwa ‚Instinktverhalten‘) der Unternehmer bestimmt.

Merkmale der neoklassischen Synthese sind:[12]

  1. das IS-LM-Modell, erweitert um einen neo-klassischen Arbeitsmarkt,
  2. ein neo-klassisches Wachstumsmodell,
  3. die langfristig senkrechte Phillips-Kurve.

Theoriegeschichte und -entwicklung[Bearbeiten]

Vorläufer und Umfeld[Bearbeiten]

John Maynard Keynes verweist in seiner Allgemeinen Theorie selbst auf Einflüsse, die von der Scholastik, dem Merkantilismus und Malthus ausgingen. In der französischen Ausgabe nennt er Montesquieu, der in seiner ökonomischen Bedeutung für Frankreich Adam Smith gleichkäme. Überraschende Einflüsse gehen ferner von Friedrich von Hayek aus, durch den die Österreichische Schule in Großbritannien rezipiert wurde: So ist Hayeks Kritik an der Walras-Pareto-Gleichgewichtsanalyse und die Betonung der Zeit der Kritik Keynes’ an der Neoklassik nicht unähnlich. Diese Kritik wirkte später über die LSE-Studenten Nicholas Kaldor, Abba Lerner und G. L. S. Shackle auch auf den Postkeynesianismus ein.[14]

Ein Auseinanderfallen von gesamtwirtschaftlicher Spar- und Investitionsquote hielt bereits Knut Wicksell für möglich. Gunnar Myrdal beschreibt den Einfluss der Schwedischen Schule auf Keynes wie folgt:

„J.M. Keynes’ new, brilliant, though not always clear, work, A Treatise on Money, is completely permeated by Wicksell’s influence. Nevertheless Keynes’ work, too, suffers somewhat from the attractive Anglo-Saxon kind of unnecessary originality, which has its roots in certain systematic gaps in the knowledge of the German language on the part of the majority of English economists.“

Gunnar Myrdal[14]

Andere Ökonomen der Schwedischen Schule, so besonders Erik Lindahl, Bertil Ohlin und Erik Lundberg, hatten bereits in den 1920er und frühen 1930er Jahren den Einfluss der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage herausgestellt. Gleiches gilt für den Polen Michał Kalecki, der dies unter Rückgriff auf Karl Marx und Rosa Luxemburg ausgearbeitet hatte.[14]

1936: Keynesianische Revolution[Bearbeiten]

John Maynard Keynes (1883–1946): Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936)[Bearbeiten]

Die keynesianische Revolution hat ihren Ursprung in John Maynard Keynes’ Werk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes aus dem Jahre 1936. Keynes war zur Zeit seiner Entstehung bereits 53 Jahre alt und ein international angesehener Ökonom. Die ersten Gedanken für seine Allgemeine Theorie gehen wohl auf die frühen 1930er Jahre zurück, kurz nachdem er seinen Treatise on Money 1930 veröffentlicht hatte; mit diesem, damals als sein opus magnum angesehenes Werk, war er schon nach Veröffentlichung unzufrieden, verwarf jedoch den Gedanken, es umzuarbeiten. Ab 1930 beschäftigten er und sein Schülerkreis sich intensiv mit der effektiven Nachfrage. Inwieweit diese in ein Walrasianisches Modell eingearbeitet werden können oder tatsächlich revolutionär sind, ist umstritten. Keynes selbst kam bald zu dem Ergebnis, dass seine neu gewonnenen Erkenntnisse einer intellektuellen Revolution und einem radikalen Bruch mit der neoklassischen Theorie gleichkämen:[15]

“To understand my state of mind, however, you have to know that I believe myself to be writing a book on economics theory which will largely revolutionise—not, I suppose, at once but in the course of the next ten years—the way the world thinks about economic problems”

John Maynard Keynes: Brief an George Bernard Shaw vom 1. Januar 1935

Grundelemente seiner Theorie[Bearbeiten]

Keynes Hauptwerk, die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, gilt als schwer verständliches Werk.[16] Deshalb haben die Herausgeber der 11. Auflage (2009) in deutscher Sprache dem Buch eine Erklärung zu seinem Aufbau vorangestellt. Vielfach wird Keynes auf eine antizyklische Nachfragepolitik reduziert. Demnach soll der Staat, über Rücklagen oder durch Kreditaufnahme finanziert, fiskalpolitische Maßnahmen ergreifen. Die Zentralbank soll dies geldpolitisch unterstützen. Das Zusammenspiel soll der Abschwächung der Auswirkungen von Rezessionen und Booms dienen. Wenn der Staat in der Rezession kurzfristig Schulden aufnimmt, liegt ein so genanntes Deficit spending vor (dieser Begriff wurde von Abba P. Lerner geprägt). Idealerweise sollten diese Schulden bei einem Wirtschaftsaufschwung durch Steuermehreinnahmen beglichen werden.

Für den Keynesianismus ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Determinante für die Höhe von Produktion und Beschäftigung. Allerdings ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage höchst instabil. Grund dafür ist vor allem die stark schwankende Nachfrage nach Investitionsgütern. Diese Nachfrage ist von der erwarteten Rendite abhängig, die wegen der Unsicherheit der Zukunft starken und plötzlichen Änderungen unterworfen ist. Soll das in einer Periode erwirtschaftete Einkommen zur Gänze nachfragewirksam werden, müssen sämtliche Ersparnisse – vermittelt über das Bankensystem – reinvestiert werden.

Keynes sah also die inhärente Unsicherheit der Zukunft als Ursache von stark schwankenden privaten Investitionen. Verstärkt über den Multiplikator führt dies zu schwankender Produktion und Arbeitslosigkeit. Der Multiplikator besagt, dass ein Rückgang der Investitionen auch auf den privaten Konsum einwirkt. Die Schließung einer Fabrik führt nicht nur zur Entlassung der Arbeitenden in dieser Fabrik und zu Entlassungen bei den Zulieferfirmen, vielmehr führt das rückläufige Einkommen der entlassenen Arbeitskräfte auch zu deren Konsumeinschränkung, was wieder Entlassungen in der Konsumgüterindustrie zur Folge hat.

Eine geeignete Maßnahme sei antizyklisches Gegensteuern des Staates, welches die Auswirkungen von Schwankungen gering halten soll (antizyklische Geld- und Finanzpolitik). Durch staatliche Nachfrage- und Steuerpolitik soll die globale Beeinflussung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage (Globalsteuerung) ermöglicht werden. Dies führe die Wirtschaft an die Vollbeschäftigung heran. Man müsse also versuchen, die Gesamtnachfrage möglichst auf einem stabilen Niveau zu halten. Dies ermöglicht eine ausreichende Kapazitätsauslastung und eine stabile Volkswirtschaft.

Keynes erklärte das Saysche Theorem für ungültig, wonach sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft. Dazu wäre es notwendig, dass sämtliche Ersparnisse – vermittelt über das Bankensystem – zu Investitionen genutzt werden. Keynes betont dagegen, dass jede zusätzliche Ersparnis zunächst und in erster Linie einen Nachfrageausfall bedeutet. Dieser verringert die Kapazitätsauslastung bei den betroffenen Unternehmen, sodass diese weniger Anreiz haben zu investieren.

Keynes wandte sich auch gegen die klassische Geldlehre und die von der Neoklassische Theorie behaupteten Zusammenhänge auf dem Arbeitsmarkt. Er argumentierte gegen die (neo-)klassische Theorie, der zufolge eine Senkung der Löhne gegen Unterbeschäftigung helfe. Zwar sinken dadurch die Lohnkosten, aber die Lohnsenkungen führen zur Abnahme der Kaufkraft des Großteiles der Konsumenten (= reale Lohnsenkung) und damit zu einer Verringerung der Nachfrage. Begünstigt werden dagegen die Exporte. Über Lohnsenkungen die Beschäftigung erhöhen zu wollen, sei eine Politik, die versucht, inländische Nachfrageprobleme durch Außenhandelsüberschüsse zu kompensieren.

Unmittelbare Rezeption[Bearbeiten]

Keynes’ Allgemeine Theorie wurde anschließend kontrovers diskutiert. Besonders junge Ökonomen interessierten sich für den neuen Ansatz:

“The General Theory caught most economists under the age of thirty-five with the unexpected virulence of a disease first attacking and decimating an isolated tribe of South Sea Islanders. Economists beyond thirty-five turned out to be quite immune to the ailment.”

Paul Samuelson (1964)[17]

Schroffe Ablehnung erntete Keynes’ Werk in England besonders von Arthur Cecil Pigou, Dennis Holme Robertson, Ralph Hawtrey, Lionel Robbins, in den USA von Frank Knight, Joseph Schumpeter und Jacob Viner. Entgegen Keynes nahm etwa sein Londoner Gegenspieler Friedrich August von Hayek an, staatliche Organisationsformen entwickelten ein starkes Eigenleben, was häufig zu einer aufgeblähten Verwaltung führe, die selbst einen Großteil der Staatsausgaben für ihren Selbsterhalt benötige. Weiterhin nahm Hayek an, dass es in demokratischen Prozessen sehr aufwendig bis nicht durchführbar sei, in der Vergangenheit gewährte Subventionen bzw. Vergünstigungen aller Art wieder rückgängig zu machen. Zuletzt seien wirtschaftliche Prozesse zu komplex, als dass sie zentralisiert gesteuert werden könnten. Auf Grund dieses nur sehr bedingt zur Verfügung stehenden Steuerungswissens sei es nicht möglich, „antizyklische“ Prozesse durch den Staat anzuregen. Dieses Wissensdefizit der öffentlichen Hand gepaart mit der dem staatlichen Handeln unterstellten inhärenten Tendenzen zum Selbsterhalt der Verwaltung sowie der fortschreitenden Bürokratisierung führen nach Hayek zu einem vermehrten Einnahmebedarf des Staates, der die wirtschaftliche Entwicklung erheblich erschwere. Demzufolge seien „antizyklische“ Maßnahmen der öffentlichen Hand mit Sicherheit zum Scheitern verurteilt.

Andere Kritiker stützen sich auf die von Keynes angegriffene Neoklassische Theorie. Diese auf der klassischen Nationalökonomie nach Adam Smith et al. basierende Theorie geht davon aus, dass ein volkswirtschaftliches System „inhärent“, d. h. von sich aus stabil ist und nach Störungen wieder zum Gleichgewicht zurückfindet. Staatliche Maßnahmen seien daher überflüssig. Sie können sogar zu unerwünschten Schwankungen der Konjunktur führen. Daher vertreten Anhänger der neoklassischen Theorie die Ansicht, der Staat solle seine Ausgaben möglichst begrenzen und die Wirtschaftspolitik sich auf geldmengenpolitische (daher „monetaristisch“) Instrumente beschränken. Dem Staat käme nur eine „allokative“, d. h. zuordnungsbezogene Aufgabe zu, während er sich ansonsten möglichst aus der Wirtschaft heraushalten soll.

Milton Friedman übernimmt in seinem Werk A Monetary History of the United States diese grundsätzliche Kritik von Keynes’ Wirtschaftstheorie. Anders als dieser sieht er die Weltwirtschaftskrise nicht als Ergebnis der freien Märkte, sondern eines falschen Eingriffes des Staates, der im Falle der USA zwischen den Jahren 1929 und 1933 die Geldmenge um 30 % verringerte. Keynes dagegen habe die Bedeutung der Geldmenge vernachlässigt, wird behauptet. Dabei ist unstrittig, dass die Geldmenge in jenen Jahren stark zurückging. Strittig ist, ob die Zentralbank dies bewirkte oder nicht verhindern konnte.[18] Tatsächlich warnte Keynes bereits 1925 vor kommender Deflation und Arbeitslosigkeit.[19][20]

1937: Interpretation durch das IS-LM-Modell von Hicks[Bearbeiten]

John R. Hicks entwarf schon 1937 das IS-LM-Modell in seinem Artikel Mr. Keynes and the „Classics“: A Suggested Interpretation in der Zeitschrift Econometrica, um Keynes’ Allgemeine Theorie der neoklassischen Theorie gegenüberzustellen.[21] Hicks unterschied einen klassischen, einen mittleren und den keynesianischen Bereich der Liquiditätsfalle und beschränkte Keynes' Theorie fälschlicherweise auf den letztgenannten Bereich.

Auf die Ausbreitung und Interpretation von Keynes’ Theorie hatte dieser Artikel einen nachhaltigen und zwiespältigen Einfluss. Die Gegenüberstellung von „Mr. Keynes“ und „the Classics“ bezieht sich auf das Vorgehen von Keynes, alle Ökonomen, die in der neoklassischen Tradition schreiben, als „Klassiker“ zu bezeichnen, darunter auch Arthur Pigou und sein damals erst kurz zuvor erschienenes Buch The Theory of Unemployment (1933). Hicks konfrontiert diese „klassische Ökonomie“ mit der Theorie von Keynes, indem er beide in Gleichungen fasst und für ihre graphische Darstellung das berühmte IS/LM-Diagramm entwickelt, das man heute - mit modifiziertem theoretischen Hintergrund - in allen Lehrbüchern der Makroökonomie findet. Die für Keynes so wichtige Instabilität der Investitionstätigkeit und die zentrale Rolle der (unsicheren) Erwartungen für die wirtschaftliche Entwicklung bleiben außen vor. Mit dem IS/LM-Diagramm bestimmt Hicks diejenige Kombination von Zinssatz und Volkseinkommen, bei der auf dem Gütermarkt (bzw. bei Hicks auf dem Konsumgüter- und auf dem Investitionsgütermarkt) und auf dem Geldmarkt Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage herrscht. Auf dem Gütermarkt besteht Gleichgewicht, wenn die zinsabhängigen Investitionen genau der einkommensabhängigen Ersparnis entsprechen; auf dem Geldmarkt wird das Gleichgewicht bei Übereinstimmung der vorgegebenen Geldmenge (des „Geldangebots“) mit der vom Zins und vom Einkommen abhängigen gewünschten Kassenhaltung („Nachfrage“ nach Geld) erreicht. Der Arbeitsmarkt bleibt außer Betracht.

Die wichtigste Neuerung von Keynes besteht für Hicks (s. dort Abschnitt III) in der Analyse der Geldnachfrage (der Nachfrage nach Liquidität), die sich im gekrümmten Verlauf der LM-Kurve niederschlägt: Diese verläuft bei sehr niedrigem Zinssatz (i) und Einkommen (Y) fast horizontal, bei sehr hohem Einkommen und Zinssatz dagegen fast vertikal. Bei hohen Werten von Y und i wird der gesamte vorhandene Geldbestand zur Finanzierung der Transaktionen benötigt. Zusätzliche Güternachfrage führt dann nicht zu mehr Produktion, sondern nur zu höherem Zinssatz. Dies ist der klassische Bereich. Im anderen Extrembereich ist es umgekehrt: Eine Erhöhung der Geldmenge verändert den Zinssatz nicht; zusätzliche Güternachfrage dagegen führt zu mehr Produktion und Beschäftigung, ohne dass der Zinssatz steigt: „We are completely out of touch with the classical world“, betont Hicks.

Den gesamten mittleren Bereich, in dem eine höhere Nachfrage sowohl die Produktion als auch den Zinssatz ansteigen lässt, während eine höhere Geldmenge zu einem niedrigeren Zinssatz und damit zu höherer Produktion führt, weist Hicks nun allerdings dem klassischen Bereich zu („the classical theory will be a good approximation“), so dass für Keynes nur der Extrembereich der horizontalen LM-Linie übrig bleibt. Im Gegensatz dazu hatte Keynes in seinem Buch betont, in der Regel sei die Beziehung zwischen Geldnachfrage und Zinssatz so, dass der Zinssatz fällt, wenn die Geldmenge steigt (Keynes, 1936, S. 171). Der Bereich der horizontalen LM-Linie dagegen stelle die Ausnahme dar: „But whilst this limiting case might become practically important in the future, I know of no example of it hitherto“ (ebenda, S. 207). Die dagegen verstoßende Zuordnung des Normalbereichs der LM-Kurve zur „Klassik“ veranlasst Hicks, den Abschnitt III mit dem falschen, aber berühmt gewordenen Satz zu schließen: “So the General Theory of Employment is the Economics of Depression“ (S. 155).

Der Beitrag von Hicks zur Verbreitung der Theorie von Keynes ist daher zweischneidig. Einerseits hat das von ihm entwickelte IS/LM-Diagramm erheblich dabei geholfen, aus dem schwierigen Buch von Keynes den statischen Kern seiner Theorie herauszuarbeiten und verständlich zu machen. Andererseits hat er eine Grundlage für die Keynes verfälschende Tendenz gelegt, dessen Theorie auf den empirisch wenig relevanten Extremfall der waagerechten LM-Kurve (der Liquiditätsfalle) zu reduzieren. Dies hat dann später zu der verbreiteten, aber schon mit dem Titel der „General Theory“ nicht zu vereinbarenden Praxis geführt, Keynes zu unterstellen, für ihn sei nur die Fiskalpolitik relevant, da die Geldpolitik im Bereich der Liquiditätsfalle wirkungslos bleibt, und anschließend die Keynesianer als „Fiskalisten“ abzustempeln.

Hicks ebnete mit seinem IS/LM-Diagramm auch den Weg zur Neoklassischen Synthese. Franco Modigliani (1944) war der erste, der an dieses Diagramm einen neoklassischen Arbeitsmarkt anhängte mit der Folge, dass - ganz im Gegensatz zu Keynes - sinkende Reallöhne stets zur Vollbeschäftigung zurückführen. Keynes selbst hatte sich während der Diskussionen mit seinem Schülerzirkel immer gegen ein solches Vorgehen ausgesprochen:

„the general effect of your reaction … is to make me feel that my assault on the classical school ought to be intensified rather than abated…“

Er äußerte sich später aber krankheitsbedingt kaum zu Syntheseversuchen.[22]

Ab 1944: Neoklassische Synthese[Bearbeiten]

Den ersten Schritt zur neoklassischen Synthese unternahm Franco Modigliani (1944), indem er an das IS/LM-Diagramm von Hicks (1937) einen neoklassischen Arbeitsmarkt anhängte und dann unter Heranziehung des Pigou-Effekts ableitete, dass - im krassen Gegensatz zu Keynes' Theorie - Lohnsenkungen zu mehr Beschäftigung führen. Dies war der Versuch, Keynes von der Neoklassik zu vereinnahmen.

Ab 1945: Cambridge School of Post-Keynesians[Bearbeiten]

Schon während des Entstehens der Allgemeinen Theorie hatte sich ab 1930 um Keynes ein Kreis von Schülern in Cambridge gebildet, der als Cambridge Circus bekannt wurde und wöchentlich über Keynes diskutierte, zu Beginn vor allem über seinen Treatise on Money. Zu ihm gehörten Richard Kahn, Joan Robinson, Austin Robinson, Piero Sraffa und James Meade. Diese Diskussion trugen erheblich zum Entstehen der Allgemeinen Theorie bei.

Bedingt durch einen Herzinfarkt Keynes’ 1937, den aufkommenden Zweiten Weltkrieg und die Beratungsaufgaben Keynes’ für die britische Regierung kam der regelmäßige intellektuelle Austausch zwischen ihnen zum Erliegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und Keynes’ Tod 1946 formierte sich unter starker Beteiligung einiger dieser ehemaligen Schüler eine neue Gruppe, die sich als Keynes’ legitime Erben mit der Fortführung seines Werkes beauftragt sah. Sie sah sich vor allem in starkem Gegensatz zum neoklassischen Modell: Das IS-LM-Modell lehnten sie strikt ab und betonten den Bruch im ökonomischen Denken seit Keynes. Innerhalb des Zirkels bestand jedoch keinesfalls Konsens über viele Fragen; ihre schulbildende Außenwirkung verdankte sie eher gemeinsamen Abneigungen als gemeinsamen Konzepten.[23]

Richard Ferdinand Kahn (1905–1989)[Bearbeiten]

Richard Kahn war Keynes’ Lieblingsschüler und sein engster Mitarbeiter und wie Joan Robinson halb scherzhaft bemerkte schon vor Keynes Keynesianer; er folgte nach Keynes’ Tod ihm in fast allen Positionen nach, nahm die Rolle jedoch eher als graue Eminenz wahr. Kahn stellte in dem Aufsatz The Relation of Home Investment to Unemployment (1931) das Multiplikator-Modell, das einen Zusammenhang zwischen der Konsumneigung und der Wirkung einer exogenen Ausgabenerhöhung der Form \Delta Y = \frac{1}{1 - c} \cdot \Delta I postulierte und von Keynes in der Allgemeinen Theorie aufgegriffen wurde. Kahn hatte an deren Entstehen wiederum überragenden Anteil: Er leitete zum einen den Cambridge Circus, in dem er, wie Teilnehmer später ironisch berichteten, die Rolle des „himmlischen Boten“ zwischen „Gott Keynes“ und den „sterblichen Diskutanten“ spielte; zum andern auch am Manuskript selbst den gesamten mathematischen Apparat übernahm und zu vielen Problemen Lösungsvorschläge unterbreitete. Joseph Schumpeter schreibt ihm gar die Ko-Autorschaft zu:[24]

„Next, we must record [in The General Theory] Keynes’s acknowledgements of indebtedness […] especially to Mr R.F. Kahn, whose share in the historic achievement cannot have fallen very far short of co-authorship.“

Joseph Schumpeter: History of Economic Analysis (1954), S. 1172

Unter Kahns Führung wurde das wirtschaftswissenschaftliche Studium in Cambridge nach dem Weltkrieg neu organisiert und der Cambridge Circus als Secret Seminar oder Tuesday Group in seinen Räumen fortgeführt. Er publizierte in dieser Zeit drei bedeutende Schriften: 1954 eine Ausarbeitung der Liquiditätspräferenz-These (Some Notes on Liquidy Preference), in den späten 1950er Jahren grundlegende Artikel zur keynesianischen Kapitaltheorie sowie 1976 mehrere Aufsätze über die Notwendigkeit von Inflation bei Vollbeschäftigung.[24]

Joan Violet Robinson (1903–1983)[Bearbeiten]

Joan Robinson veröffentlichte bereits vor der Allgemeinen Theorie ihr Werk The Economics of Imperfect Competition (1933), von dessen Analyse des unvollständigen Wettbewerbs sie sich jedoch später distanzierte. Sie beschäftigte sich ferner mit marxistischer Wirtschaftstheorie und verhalf Marx somit zu einer neuen Phase einer weniger ideologisch geprägten Rezeption.

Nicholas Kaldor (1908–1986)[Bearbeiten]

Nicholas Kaldor war zunächst Student an der LSE bei Friedrich von Hayek, wurde nach der Veröffentlichung der Allgemeinen Theorie jedoch bald einer der ersten Konvertiten. Er wurde 1950 fellow am King's College in Cambridge und wurde zuerst bekannt durch seine Arbeiten zur Verteilungstheorie (Alternative Theories of Distribution (1956)).

Piero Sraffa (1898–1983)[Bearbeiten]

Piero Sraffa gilt als Begründer der Neoricardianischen Schule und wurde für seine Theorie der Produktionspreise (Warenproduktion mittels Waren (1960)) bekannt. Er war maßgeblich an der Cambridge-Kapitalkontroverse beteiligt.

Ab 1945: Neoklassische Synthese in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich an der Harvard University die sog. neo-keynesianische Schule, die bis zur Stagflation der 1970er Jahre die vorherrschende ökonomische Schule war. Zu ihren bedeutendsten Vertretern zählen Alvin Hansen, Paul Samuelson, James Tobin und Robert Solow.

Paul A. Samuelson (1915–2009)[Bearbeiten]

Paul A. Samuelson

Paul A. Samuelson gehört zu den einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Auf ihn geht auch die Wortschöpfung neoklassische Synthese zurück. Sein Lehrbuch Economics: An Introductory Analysis (1948) ist das meistverkaufte ökonomische Lehrbuch überhaupt. Er studierte zunächst an der Universität Chicago, bevor er nach Harvard wechselte, um bei Alvin Hansen zu studieren. Nachdem ihm dort keine Stelle angeboten wurde, wechselte er an das Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, das bislang in den Wirtschaftswissenschaften kaum auffällig geworden war. Der Schwerpunkt seiner Forschung lag in der mathematischen Darstellung ökonomischer Theorien; empirische Forschung interessierte ihn weniger. Zu seinen bekanntesten Beiträgen zählen die komparative Statik und die Theorie der Revealed Preference.

Ab 1960: US-amerikanischer Post-Keynesianismus[Bearbeiten]

Als Gründervater des US-amerikanischen Postkeynesianismus gilt Sidney Weintraub. Weitere Vertreter sind Hyman P. Minsky und Paul Davidson.

1970er Jahre: Inflation und Anstieg der Arbeitslosenquote/ Kritik des Monetarismus[Bearbeiten]

Inflationsraten in der Triade
Arbeitslosenraten in der Triade

Kritiker bestreiten die von Keynes angenommene eindeutige Beziehung zwischen den Konsumausgaben eines Haushaltes und seinem jeweiligen Einkommen. Die Haushalte bestimmten vielmehr die Höhe ihrer Konsumausgaben in Abhängigkeit von ihren langfristigen Einkommenserwartungen. Kurzfristige Einkommensänderungen würden hingegen meistens ignoriert (dies setzt allerdings voraus, dass die Haushalte ihren Konsum notfalls über Kredite finanzieren können und wollen). Daher könnten staatliche Einkommenstransfers nicht so viel an Konsumnachfrage stimulieren, wie von Keynes angenommen. Friedman habe mit den Untersuchungen in seinem Werk A Theory of the Consumption Function gezeigt, dass dieser von Keynes behauptete Zusammenhang statistisch nicht nachweisbar sei.

Am keynesianischen Politikansatz im Allgemeinen wird kritisiert, dass das Konzept eines Konjunkturanschubs durch kreditfinanzierte Staatsnachfrage langfristig zu Inflation führe oder auf Dauer ohne Wirkung auf die Beschäftigung bleibe. Diese Kritik geht allerdings von einer Situation der Vollbeschäftigung aus und argumentiert, dass eine darüber hinaus steigende Nachfrage zu höheren Preisen führt. Die Arbeitnehmer erkennen wegen adaptiver Erwartungen nur verzögert, dass ihre gestiegenen Nominallöhne vom Preisanstieg entwertet wurden. Sie werden daher nicht dauerhaft mehr arbeiten – die Geldillusion halte also nicht unbegrenzt an. Die Volkswirtschaft findet sich nach dem Modell dieser Kritiker bei höherem Preisniveau in einem Gleichgewicht bei unverändertem realen Volkseinkommen wieder.

Als Indiz für das Scheitern keynesianischer Wirtschaftspolitik werden auch die ansteigenden Arbeitslosenquoten der 1970er Jahre angeführt. In diesem Jahrzehnt widerfuhren den Industriestaaten zwei exogene Schocks in Form von Ölkrisen. Dies führte zu importierter Inflation. Die Reaktion der Gewerkschaften bestand oft in einer expansiven Lohnpolitik und verursachte eine Lohn-Preis-Spirale.

Keynesianer hingegen erklären das Phänomen des gleichzeitigen Anstiegs von Inflation und Arbeitslosigkeit mit der Theorie der Anbieterinflation.

Mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz aus dem Jahr 1967 gab sich die Bundesregierung unter Wirtschaftsminister Karl Schiller die Aufgabe der Feinsteuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die konkreten Ziele waren eine reale Zuwachsrate des Sozialprodukts von 4 %, eine Arbeitslosenquote von unter 0,8 % und eine Inflationsrate von unter 1 %. Hintergrund der Vorstellung war das Politikkonzept der Globalsteuerung. Diese Konzeption glaubte mithilfe keynesianischer Wirtschaftspolitik die volkswirtschaftliche Entwicklung von Konjunkturschwankungen unabhängig machen zu können.

Allerdings hatten weder die ursprünglichen Überlegungen von Keynes noch die keynesianisch-neoklassische Synthese den Anspruch erhoben, dass nachfrageseitige Maßnahmen der Wirtschaftspolitik langfristig zu besseren Ergebnissen führen können, wenn sie nicht zu höheren Investitionen und damit zu einem höheren Sachkapitalbestand führen. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen Keynes’ zielten vor allem auf die Überwindung akuter Krisen, insbesondere die Verhinderung eines sich aus psychologischen Gründen selbst verstärkenden Abschwungs bzw. die Verhinderung eines stabilen Depressionszustandes mit dem Ergebnis niedrigerer Investitionen.

Weitere Kritik wird durch den so genannten Verdrängungseffekt (Crowding-out) begründet, nach welchem staatliche Investitionen die privaten Investitionen verdrängen, die effektiver wären. Im Extremfall steige die Güternachfrage nicht an. [25] Je stärker die Kapitalmärkte weltweit verflochten sind, desto weniger ist dieser Zinseffekt relevant.

Auch gibt es Kritik in der Art, dass sich die Wirtschaftsteilnehmer auf die Hilfe des Staates einstellen und sich immer mehr zu „risikofreudig“ verhielten, dadurch die Gesamtwirtschaft immer stärker gefährdeten und so die Staatseingriffe immer stärker werden müssten (Moral Hazard).[26]

Die Diagnose der keynesianischen Theorie, dass es Situationen geben könne, in denen die Volkswirtschaft nicht von alleine zu einem Gleichgewicht zurückfindet (in dem die Produktionsfaktoren ausgelastet sind) ist heute Teil der Mehrheitsmeinung in der modernen Wirtschaftswissenschaft. Die nachfrageseitige Krisenüberwindung sollte nach Meinung der meisten Wirtschaftswissenschaftler Teil des wirtschaftspolitischen Instrumentariums sein. [27].

Etwa 1980: Links-Keynesianismus in Deutschland[Bearbeiten]

Während Neukeynesianismus und Postkeynesianismus internationale Schulen der Volkswirtschaftslehre sind, ist in Deutschland auch die Bezeichnung links-keynesianisch für eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik im Gebrauch. Vertreten wurde dieses Konzept seit den 80ern vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, und, dem Grundsatz nach, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.[28] Der später als Soziologe bekannte gewordene Christoph Deutschmann veröffentlichte 1973 ein Buch mit dem Titel: Der linke Keynesianismus.[29]

Ab 1990: New Keynesian Economics[Bearbeiten]

In den 1970er und 1980er Jahren erlangte die moderne Informationsökonomie einen Aufschwung. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Vorreiter dieser Theorieschule wie Joseph Stiglitz, George Akerlof und Michael Spence 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten haben. Diese Theorien werden manchmal als New Keynesian Economics bezeichnet. Ob die new keynesians tatsächlich noch als keynesianische Strömung aufgefasst werden können, wird besonders von Postkeynesianern bestritten. So macht Gregory Mankiw gar keinen Hehl daraus, Keynes nie gelesen zu haben:

“One might suppose that reading Keynes is an important part of Keynesian theorizing. In fact quite the opposite is the fact. […] If new Keynesian economics is not a true representation of Keynes’ views, then so much the worse for Keynes. The General Theory is an obscure book. […] [it] is an outdated book. […] We are in a much better position than Keynes to figure out how the economy works. […] Classical theory is right in the long run. Moreover, economists today are more interested in the long-run equilibrium. The long run is not so far away.”

Gregory Mankiw: The Reincarnation of Keynesian Economics (1992), S. 560–561[30]

Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich – vor allem in der angelsächsischen Makroökonomie – eine neue Schule etabliert, die sich selbst "new keynesian macro" nennt. [31] New-Keynesianer arbeiten grundsätzlich mit den gleichen Modellen wie die neoklassischen Keynesianismus-Kritiker, bauen darin aber (Preis-)Rigiditäten ein. Die Schlussfolgerungen dieser Modelle sind zum Teil relativ nahe an denen der traditionellen Keynesianer.

Ende der 1980er: Circuit-Schule in Frankreich und Italien[Bearbeiten]

Ende der 1980 entwickelte sich in besonders in Frankreich und Québec, aber auch in Italien die circuit-Schule, die sich besonders auf Problemstellungen der Geldwirtschaft konzentriert. Wichtige Vertreter sind Alain Parguez, Frédéric Poulon, Bernard Schmitt und Marc Lavoie.

Literatur[Bearbeiten]

Primärliteratur[Bearbeiten]

John Maynard Keynes

Neoklassische Synthese (Bastard-Keynesianismus)

  •  J. R. Hicks: Mr. Keynes and the „Classics“: A Suggested Interpretation. In: Econometrica. 5, Nr. 2, 1937, S. 147–159 (PDF; 1,253 MB).
  •  G. K. Shaw (Hrsg.): The Keynesian Heritage. Edward Elgar, Cheltenham 1989, ISBN 978-1-85278-117-0 (Anthologie als Band 1 der Reihe Schools of Thought in Economics series).

Cambridge School of Post-Keynesians

US-amerikanischer Neo-Keynesianismus

  •  Paul A. Samuelson: Interactions between the Multiplier Analysis and the Principle of Acceleration. In: Review of Economics and Statistics. 1939, S. 75–78.

Links-Keynesianismus in Deutschland

New Keynesian Economics

Rezeption a) Kritiker

  •  Robert Leeson: The Anti-Keynesian Tradition. Palgrave, 2008, ISBN 978-1-4039-4959-2.
  •  Henry Hazlitt: The Failure of the ‘New Economics’. An Analysis of the Keynesian Fallacies. Van Nostrand, Princeton, NJ 1959.
  •  Friedrich von Hayek, Bruce Caldwell (Hrsg.): Collected Works of F.A. Hayek. Vol. IX: Contra Keynes and Cambridge: Essays, Correspondence, Liberty Fund, 2009, ISBN 978-0-86597-744-0.
  •  Mark Skousen (Hrsg.): Dissent on Keynes. Praeger Publishers, 1992, ISBN 978-0-275-93778-2.
  •  John C. Wood (Hrsg.): John Maynard Keynes: Critical Assessments. Routledge, 1994, ISBN 978-0-415-11413-4.

b) Sympathisierende Darstellungen

  •  Jürgen Kromphardt: John Maynard Keynes in der Serie e größten Ökonomen. UTB-Lucius 3794, München 2013.
  •  Oliver Landmann, Gottfried Bombach (Hrsg.): Keynes in der heutigen Wirtschaftstheorie in Der Keynesianismus. Springer, Berlin 1976.
  •  Joan Robinson: Introduction to the Theory of Employment. MacMillan, London / New York 1937.
  •  Harald Scherf, Joachim Starbatty (Hrsg.): John Maynard Keynes in Klassiker des ökonomischen Denkens. Beck, München 1989.

Wirtschaftspolitik

  •  Gottfried Bombach (Hrsg.): Der Keynesianismus. 6 Bände, Springer, Berlin 1976–1996 (Aufsatzsammlung zur Wirtschaftspolitik in Deutschland).

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  •  Michel Beaud und Gilles Dostaler: Economic Thought Since Keynes. Edward Elgar, Cheltenham 1997 (übersetzt von Valérie Cauchemez) (Wirtschaftsgeschichte seit Keynes mit einem umfassenden biographischen Anhang wichtiger Ökonomen).
  •  Thomas Cate, Geoff Harcourt und David C. Colander (Hrsg.): An Encyclopedia of Keynesian Economics. Edward Elgar, Cheltenham/Brookfield 1997, ISBN 978-1-85898-145-1.
  •  Peter Clarke: The Keynesian Revolution in the making. Oxford University Press, USA, 1989, ISBN 978-0-19-828304-1.
  •  David C. Colander: The Evolution of Keynesian Economics. From Keynesian to New Classical to New Keynesian. In: O.F. Hamouda und J.N. Smithin (Hrsg.): Keynes and Public Policy After 50 Years. Vol. I: Economics and Policy, Edward Elgar, Aldershot/Brookfield 1988.
  •  David C. Colander und H. Landreth: The Coming of Keynesianism to America. Edward Elgar, Cheltenham/Brookfield 1996, ISBN 978-1-85898-087-4.
  •  Robert William Dimand: The origins of the Keynesian revolution: the development of Keynes’ theory of employment and output. Stanford University Press, 1988, ISBN 978-0-8047-1525-6.
  •  G. C. Harcourt: The Structure of Post-Keynesian Economics: The Core Contributions of the Pioneers. Cambridge University Press, 2006, ISBN 978-0-521-83387-5.
  •  Shaun P. Hargreaves Heap: The New Keynesian Macroeconomics. Edward Elgar, 1993, ISBN 978-1-85278-598-7.
  •  John Edward King (Hrsg.): The Elgar companion to post Keynesian economics. Edward Elgar Publishing, 2003, ISBN 978-1-84064-630-6.
  •  John Edward King (Hrsg.): A history of post Keynesian economics since 1936. Edward Elgar Publishing, 2003, ISBN 978-1-84376-650-6.
  •  Robert Leeson (Hrsg.): The Keynesian Tradition. Palgrave Macmillan, 2008, ISBN 978-1-4039-4960-8.
  •  Luigi L. Pasinetti: Keynes and the Cambridge Keynesians. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-87227-0.
  •  Teodoro Dario Togati: Keynes and the neoclassical synthesis: Einsteinian versus Newtonian macroeconomics. Routledge, 1998, ISBN 978-0-415-18396-3 (Band 21 der Routledge studies in the history of economics).
  •  Bruno Ventelou: Millennial Keynes: An Introduction to the Origin, Development, and Later Currents of Keynesian Thought. M.E. Sharpe, 2004, ISBN 978-0-7656-1516-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Keynesianismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Joan Robinson: Review of Money, Trade and Economic Growth by H.G. Johnson. In: Economic Journal. 72, September 1962, S. 691.
  2. a b c d  Roger E. Backhouse und Bradley W. Bateman: Keynesianism. In: Steven N. Durlauf und Lawrence E. Blume (Hrsg.): The New Palgrave - Dictionary of Economics. 2. Auflage. Vol. 4, Palgrave Macmillan, New York 2008, S. 731–734, doi:10.1057/9780230226203.0893.
  3. a b c d  Michel Beaud und Gilles Dostaler: Economic Thought Since Keynes. Edward Elgar, Cheltenham 1997, ISBN 978-0-613-91449-9, S. 1–9.
  4. Zu Einzelheiten siehe  Frederic S. Lee: The Organizational History of Post Keynesian Economics in America, 1971–1995. In: Journal of Post Keynesian Economics. Vol. 23, Nr. No. 1, Autumn 2000, S. 141 (145).
  5. Vgl.  Joan Robinson: Collected Economic Papers. Volume 2, Blackwell, Oxford, S. xiii.
  6. Vgl.  Nicholas Kaldor: Alternative theories of distribution. In: Review of Economic Studies. 23 (2), S. 98.
  7.  John Edward King (Hrsg.): A history of post Keynesian economics since 1936. Edward Elgar Publishing, Cheltenham/Northampton, MA 2003, ISBN 978-1-84376-650-6, S. 9 sq..
  8. So bei  M.C. Howard: Modern Theories of Income Distribution. Macmillan, London 1979.
  9.  John Edward King (Hrsg.): A history of post Keynesian economics since 1936. Edward Elgar Publishing, Cheltenham/Northampton, MA 2003, ISBN 978-1-84376-650-6, S. 10.
  10.  T.I. Palley: Post Keynesian Economics: Debt, Distribution and the Macro Economy. Macmillan, London 1996.
  11.  Anthony Philip Thirlwall: The renaissance of Keynesian economics. In: Banca Nazionale del Lavoro Quarterly Review. 186, S. 335–337.
  12. a b  John Edward King (Hrsg.): A history of post Keynesian economics since 1936. Edward Elgar Publishing, Cheltenham 2003, ISBN 978-1-84376-650-6, S. 1–11.
  13. John Maynard Keynes: A Treatise on Money. 1930 (dt.: Vom Gelde. 3. Auflage 1983, S. 18-19:
    „Aber es gibt noch einen zweiten Weg, auf dem die Bank einen Anspruch gegen sich selbst schaffen kann. Sie kann selbst Werte kaufen, das heißt ihre Anlagen erhöhen und diesen Kauf, wenigstens zunächst, dadurch begleichen, daß sie einen Anspruch gegen sich selbst einräumt. Oder die Bank kann einen Anspruch gegen sich selbst zugunsten eines Kreditnehmers schaffen, und zwar gegen sein Versprechen späterer Rückzahlung; das heißt, sie kann kann Darlehen oder Vorschüsse geben. In beiden Fällen schafft die Bank das Guthaben; denn nur die Bank selber kann die Schaffung von Guthaben in ihren Büchern veranlassen, die den Kunden berechtigen, Bargeld abzuziehen oder seinen Anspruch einer anderen Person zu übertragen; zwischen diesen beiden Fällen besteht kein Unterschied, abgesehen davon, daß der Anlaß, der zur Schaffung des Guthabens seitens der Bank führt, ein anderer ist. Es folgt daraus, daß das Ausmaß, in dem die Bank bei Beachtung solider Bankgrundsätze auf der Aktivseite durch Gewährung von Darlehen und durch den Ankauf von Werten Depositen schaffen kann ...“)
  14. a b c  Michel Beaud und Gilles Dostaler: Economic Thought Since Keynes. Edward Elgar, Cheltenham 1997, ISBN 978-0-613-91449-9, S. 33–47.
  15.  Luigi L. Pasinetti: Keynes and the Cambridge Keynesians. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-87227-0, S. 3–24.
  16. Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 2. Auflage 2007, Pearson Studium München, ISBN 3-8273-7076-0, S. 53.
  17. Zitiert nach  David C. Colander: The Evolution of Keynesian Economics. From Keynesian to New Classical to New Keynesian. In: O.F. Hamouda und J.N. Smithin (Hrsg.): Keynes and Public Policy After 50 Years. Vol. I: Economics and Policy, Edward Elgar, Aldershot/Brookfield 1988, S. 92.
  18. Mark Skousen: The big three in economics: Adam Smith, Karl Marx and John Maynard Keynes. Verlag M.E. Sharpe, 2007. ISBN 978-0-7656-1694-4, S. 196 f.
  19. John Maynard Keynes: Essays in Persuasion. 1925, S. 295:
    “The Bank of England is compelled to curtail credit by all the rules of the gold standard game. It is acting conscientiously and »soundly« in doing so. But this does not alter the fact that to keep a tight hold on credit – and no one will deny that the Bank is doing that – necessarily involves intensifying unemployment in the present circumstances of this country. What we need to restore prosperity to-day is an easy credit policy. We want to encourage business men to enter on new enterprises, not, as we are doing, to discourage them. Deflation does not reduce wages »automatically«. It reduces them by causing unemployment. The proper object of dear money is to check an incipient boom. Woe to those whose faith leads them to use it to aggravate a depression.”
  20. John Maynard Keynes: Essays in Persuasion. 1925, S. 263 f: “The question is how far public opinion will allow such a policy to go. It would be politically impossible for the Government to admit that it was deliberately intensifying unemployment, even though the members of the Currency Committee were to supply them with an argument for it. On the other hand, it is possible for Deflation to produce its effects without being recognized. Deflation, once started ever so little, is cumulative in its progress. If pessimism becomes generally prevalent in the business world, the slower circulation of money resulting from this can carry Deflation a long way further, without the Bank having either to raise the bank-rate or to reduce its deposits. And since the public always understands particular causes better than general causes, the depression will be attributet to the industrial disputes which will accompany it, to the Dawes Scheme, to China, to the inevitable consequences of the Great War, to tariffs, to high taxation, to anything in the world except the general monetary policy which had set the whole thing going.”
  21. Mit Genehmigung der Econometric Society ist dieser klassische Artikel auf der Website der Keynes-Gesellschaft mit einigen Kürzungen reproduziert. Er ist in deutscher Übersetzung zu finden in: Ingo Barens & Volker Caspari (Hrsg.): Das IS-LM-Modell. Entstehung und Wandel. Metropolis, Marburg 1994
  22.  Luigi L. Pasinetti: Keynes and the Cambridge Keynesians. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-87227-0, S. 25–50.
  23.  Luigi L. Pasinetti: Keynes and the Cambridge Keynesians. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-87227-0, S. 59–64.
  24. a b  Luigi L. Pasinetti: Keynes and the Cambridge Keynesians. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-87227-0, S. 65–85.
  25. Wolfgang Cezanne: Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005. ISBN 3-486-57770-0. S.457f
  26. Gerhard Willke: John Maynard Keynes. Campus Verlag, 2002. ISBN 3-593-37034-4. S.156f
  27. Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages Von Dr. Claus-Martin Gaul: Konjunkturprogramme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Einordnung und Bewertung der Globalsteuerung 1967 bis 1982 (PDF; 253 kB) Deutscher Bundestag 2008
  28. Jürgen Pätzold: Stabilisierungspolitik, UTB, 3.Auflage, 1989, S. 291
  29. Christoph Deutschmann: Der linke Keynesianismus. Athenäum Verlag Frankfurt/Main 1973, ISBN 3-7610-5871-3
  30. Zitiert nach  Paul Davidson: What revolution? The legacy of Keynes. In: Journal of Post Keynesian Economics. 19, Nr. 1, Herbst 1996, ISSN 0160-3477, S. 47.
  31. Richard Clarida, Jordi Galí, and Mark Gertler: The Science of Monetary Policy: A New Keynesian Perspective (PDF; 569 kB). Journal of Economic Perspektives, 1999