Langnauer Keramik

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Langnauer Keramik heissen die seit dem 17. Jahrhundert in Langnau im Emmental, Schweiz hergestellten Töpferwaren. Langnau ist der wichtigste Töpfereistandort im Kanton Bern, wenn es um Irdenware geht. Daneben existierten im 17./18. Jahrhundert zahlreiche Töpfereien in der Region Heimberg, in Bäriswil, Albligen und Blankenburg sowie in zahlreichen weiteren Orten der bernischen Landschaft,[1] z.B. in Langenthal[2]. Für viele dieser Töpfereien liegen bis heute keine umfassenderen Studien vor.

In Langnau wurde seit dem frühen 17. Jahrhundert Keramik produziert. Aber erst mit dem Auftreten der über mehrere Generationen tätigen Hafnerfamilie Herrmann (erster archivalischer Nachweis 1674) entstand ein Zentrum für die Herstellung hochqualitätvoller, hervorragend gestalteter und herausragend mit Sprüchen und Bildern verzierter Keramiken. Es handelt sich zwischen ca. 1670 und 1850 um die kunsthandwerklich bedeutendste und wirtschaftlich erfolgreichste Irdenware-Landhafnerei im Bernbiet und neben Winterthur wohl auch der Deutschschweiz. Auch ausserhalb der Schweiz findet sich im deutschsprachigen Raum in dieser Zeit keine vergleichbar qualitätvolle Produktion. Es ist kein Zufall, dass für eine gewisse Zeitspanne ein Mitglied der Familie Herrmann auch Direktor der Frischingschen Fayencemanufaktur in Bern war. Auf diesem Wege gelangten zahlreiche Gefässformen und Dekorelemente des Rokoko in die Produktion von Langnau. Das erhaltene Glasur-Rezeptbuch von Daniel Herrmann ist eine handwerksgeschichtlich herausragende Quelle.

Grundlage des Erfolges war der wirtschaftliche Aufschwung in den ländlichen Regionen des Kantons Bern, der eine stolze, selbstbewusste, gebildete und religiös motivierte ländliche Mittel- und Oberschicht hervorbrachte. Zu deren Selbstverständnis passten die Langnauer Produkte mit ihren Sprüchen und ihren Bildern aus dem Alltag der Bauern, Handwerker, Soldaten und Standespersonen des Emmentals hervorragend. Die Dekore und die Bilder auf dem Langnauer Geschirr stehen in Ihrer Lebendigkeit und ihrem Realitätsgehalt gleichbedeutend neben den Dekoren auf zeitgleichem Mobiliar oder an Hausfassaden. Zum Erfolg dürfte auch beigetragen haben, dass Langnau der wichtigste Marktort des Emmentals war und hier zeitgleich der international bekannte «Schärer» Michael Schüppach praktizierte und seine medizinischen Leistungen einem internationalen Publikum anbot.

Für die volkskundliche, kunsthistorische und archäologische Kulturgeschichtsforschung liefern die zahlreichen datierten Langnauer Keramiken ein chronologisch engmaschiges Netz für die Analyse handwerklicher, typologischer, stilistischer und sozialer Entwicklungen sowie die Unterscheidbarkeit der verschiedenen Töpfereiregionen der Schweiz.

Trotzdem die herausragende Bedeutung Langnaus den Museumsgründern in der Schweiz, Deutschland und England bereits im späten 19. Jahrhundert bekannt war, steht eine umfassende monografische Aufarbeitung des Hafnerortes Langnau bis heute aus. Die ältere Literatur ist inzwischen für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich und inhaltlich partiell überholt[3]. Die jüngsten Publikationen zum Thema[4] widmen Langnau ein gewichtiges Kapitel, können aufgrund ihrer übergeordneten Zielsetzung die fehlende monographische Vorlage auf der Basis historischer, musealer und archäologischer Quellen jedoch nicht ersetzen.

Die Bedeutung und der kunsthandwerkliche Stellenwert der Langnauer Produktion droht zunehmend in Vergessenheit zu geraten, zumal grosse Sammlungen nicht mehr ausgestellt sind (Bern, Zürich, Basel, Schule für Gestaltung Bern). Einen Eindruck von der Schönheit und Qualität des Langnauer Geschirrs erhält man heute nur noch im Musée Ariana in Genf, in einer momentan laufenden Sonderschau des Schlossmuseums Burgdorf, im Kornhaus in Wiedlisbach und im Regionalmuseum Chüechlihus in Langnau. Jedoch ist auch der dortige grosse Sammlungsbestand nie umfassend wissenschaftlich bzw. kulturhistorisch aufbereitet worden.

In der Nähe einer Lehmgrube im Hinterdorf, die 1649 der Berner Patrizier Samuel Frisching erworben hatte, entstand damals die erste Töpferei der Familie Herrmann. Die in der Literatur zu findende Angabe, dass die Familie aus dem Schwarzwald zugewandert sein, hat sich bislang nicht durch Archivalien stützen lassen. Im Laufe der Zeit verzweigte sich die Familie Hermann, so dass zeitweise mehrere Töpfereien nebeneinander arbeiteten.

Die ältesten Langnauer Töpferwaren (berndeutsch: Chacheli), können ab ca. 1715 aufgrund beschrifteter Stücke eindeutig dem Herstellungsort Langnau zugewiesen werden. Die schönsten Arbeiten der Langnauer Töpfer stammen aus der Zeit von 1720 bis ca. 1850, danach brach die künstlerische und stilistische Entwicklung ab. Erst im späten 19. Jahrhundert bemühte man sich erfolgreich um eine Wiederbelebung der Hafnerei- und Dekortraditionen (Töpferei Gerber/Stucki in Langnau, Töpferei Kohler in Schüpbach, Töpferei Aebi in Trubschachen, Töpferhus Langnau). Auf einer weissen Grundengobe wurden zunächst Pflanzenornamente eingeritzt (Sgraffito-Technik) und mit kraftvollen Farben (rot und grün, später auch gelb und blau) mit dem Malhorn ausgemalt. Um 1750 traten zu den Blumenmotiven Darstellungen von Tieren, Menschen, Schlössern, Kirchen und Szenen aus dem bäuerlichen und handwerklichen Alltag. Zusätzlich weisen zahlreiche Teller und Schüsseln ab dem späten 17. Jahrhundert eingeritzte Sprüche auf. Diese haben ethisch-moralischen, religiösen, chronistischen oder witzigen Charakter. Beispiele sind:

«Wihr läben so dahin und nämens nicht in acht, das ein Jeder Augenblick das Läben kürzer macht»

«Lieber will ich Ledig Läben, als der Frau die Hosen Gäben».

«Läb man übel oder wohll, dem Herregott man danken soll.»

«Mit Bätten Läßen und Singen söllen wier deß Herrn Zeitt VollBringen; Die Zeitt gecht hin, har kommt der Todt.»

«Wir lernen alle Tag und lernen doch nicht auß, biß dann dass kühli Grab wirtt werden unsers Haus.»

«Der Segen des Herren machet Reich und Bringet doch keine mühy mit sich, Gott allein die ehr.»

«Ich stirben und eis nicht wie oder wann – Ich faren und weis Nicht wohin – Mich verwundret das Ich an meynem Ende mag fröhlich seyn.»

«Dornen stächen, Nesel brennen, wär will alle Hurenbuben kennen.»

«Von der Wiegen biss in dass Grab wächslet Glück und Unglück ab.»

Die fertigen Produkte wurden von sogenannten «Kachelträgern» in einem weiten Umkreis von Haus zu Haus verkauft. Hauptabsatzgebiet war vermutlich das Emmental, doch gibt es auch archäologische Bodenfunde z.B. aus Bern, die belegen, dass auch die städtische Bevölkerung Langnauer Geschirr im 18. und 19. Jh. zu schätzen wusste.

Tellerboden im "Alt-Langnauer" Stil

Noch heute gibt es in Langnau und Umgebung einige Töpfereien, die Keramik im traditionellen Langnauer Stil (=Alt-Langnau) herstellen (siehe Bild). Die umfangreichste Sammlung von Langnauer Geschirr findet sich im Langnauer Heimatmuseum «Chüechlihuus», gefolgt von der Sammlung im Schweizerischen Nationalmuseum Zürich, dem Bernischen Historischen Museum, dem Musée Ariana in Genf, dem Schlossmuseum/Rittersaalverein Burgdorf, dem Schlossmuseum Thun sowie dem «Museum im Kornhaus» in Wiedlisbach.

Literatur zur Hafnerei in Langnau und der Hafnerfamilie Herrmann [Bearbeiten]

  • Emil Aeschlimann, Alt-Langnau-Töpferei. Ein Beitrag zur Volkskunde. Bern 1928.
  • Daniel Baud-Bovy, Peasant art in Switzerland. London 1924.
  • Adriano Boschetti-Maradi, Gefässkeramik und Hafnerei in der Frühen Neuzeit im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 8). Bern 2006.
  • Adriano Boschetti-Maradi, Geschirr für Stadt und Land. Berner Töpferei seit dem 16. Jahrhundert (Glanzlichter aus dem Bernischen Historischen Museum 19). Bern 2007.
  • René Creux, Volkskunst in der Schweiz. Paudex 1970.
  • Max Fahrländer, Langnauer Töpferware aus Heimberg. In: Freunde der schweizerischen Keramik Mitteilungsblatt 13, 1949, 12–13.
  • Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10). Bern 2011.
  • J. O. K., Vom alten Langnauer Geschirr. n: Die Berner Woche in Wort und Bild. Ein Blatt für heimatliche Kunst und Art Nr. 35, 514–515.
  • Valeria Legena, Berner Keramik des 17. bis 19. Jahrhunderts. In: Bernische Stiftung für angewandte Kunst und Gestaltung (Hrsg.), Berner Keramik aus Vergangenheit und Gegenwart, Bern 1997, 8–53.
  • Bernard M.A. Rackham, Catalogue of the Glaisher collection of pottery and porcelain in the Fitzwilliam Museum Cambridge. Cambridge 1935 (Nachdruck 1987).
  • Alfred Schneider, Der Töpfer Jakob Stucki. (Suchen und Sammeln 4), Bern 1979.
  • Rudolf Schnyder, Vier Berner Keramiker. Werner Burri, Benno Geiger, Margrit Linck, Jakob Stucki. Bern 1985.
  • Rudolf Schnyder, Berner Bauernkeramik. Begleittexte zur gleichnamigen Ausstellung des Schweizerischen Landesmuseums auf Schloss Wildegg. In: Keramikfreunde der Schweiz Bulletin 44, 1994, 18–23.
  • Rudolf Schnyder, Ceramics from Switzerland from Renaissance until the present.“ In: Cerâmica da Suìça do Renascimento aos nossos dias. Museu Nacional do Azulejo, Lissabon 1998, 17–122.
  • Walter A. Staehelin, Ausstellung Schweizerische Keramik des 18. und 19. Jahrhunderts. Schloß Jegenstorf. Jegenstorf 1948.
  • Walter A. Staehelin, Eine Langnauer Hochzeitsschüssel von Meister Daniel Herrmann. In: Freunde der schweizerischen Keramik, Mitteilungsblatt 16, 1950, 11–12.
  • Jakob Wiedmer-Stern, Altbernisches Bauerngeschirr. In: Der Bund (Sonderdruck), 1907.
  • Robert L. Wyss, Berner Bauernkeramik. (Berner Heimatbücher 100-103), Bern 1966.
  • Robert L. Wyss, Bernische Bauerntöpferei. In: Robert Wildhaber, Schweizerische Volkskunst. Texte zur Ausstellung der "Pro Helvetia" und des "Deutschen Kunstrates." 1967, Zürich 1969, 47–52.
  • Robert L. Wyss, Ein Langnauer Teller aus dem Jahre 1733 In: Jahrbuch des Oberaargaus, 1980, 25–31.
  • Robert L. Wyss, Bauerntöpferei. In: Peter Meyer (Hrsg.), Kunst und Kultur im Kanton Bern.“ (Illustrierte Berner Enzyklopädie 4), Bern 1987, 110–114.
  • Rudolf Zbinden, Max Pfister: Langnau i.E. – Herz des Oberemmentals. (Berner Heimatbücher 89). Bern 1977, 17–20.

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Vgl. Adriano Boschetti-Maradi 2006
  2. Vgl. Andreas Heege, Langenthal, St. Urbanstrasse 40–44. Die Hafnerei Staub und ihre Werkstatt, in: Archäologie Bern, 2011, 209-287
  3. Wiedmer-Stern 1907; Baud-Bovy 1924; Aeschlimann 1928; J. O. K. 1929; Rackham 1935; Staehelin 1948; Fahrländer 1949; Staehelin 1950; Wyss 1966; Wyss 1969; Creux 1970; Wyss 1980, Wyss 1987; Schnyder 1994; Legena 1997; Schnyder 1998, 37–38, 106–109
  4. Boschetti-Maradi 2006 und Boschetti-Maradi 2007

Weblinks [Bearbeiten]