Les Demoiselles d’Avignon

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Les Demoiselles d’Avignon
Pablo Picasso, 1907
Öl auf Leinwand, 243,9 cm × 233,7 cm
Museum of Modern Art, New York City

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Les Demoiselles d’Avignon (Öl auf Leinwand, 243,9 × 233,7 cm) ist ein im Jahre 1907 von Pablo Picasso geschaffenes Gemälde. Es wird als Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei angesehen und leitete zugleich den sich ankündigenden Kubismus ein.

Das Werk befindet sich derzeit im Besitz des Museum of Modern Art in New York City und konnte 1939 mit Hilfe des Vermächtnisses der Mäzenatin Lillie P. Bliss (1864–1931) erworben werden.

Namensgebung[Bearbeiten]

Die Namensgebung Les Demoiselles d’Avignon stammt von Picassos Freund, dem Schriftsteller und Kunstkritiker André Salmon, aus dem Jahr 1916. Das Wort Avignon im Namen bezog sich auf die Carrer d’Avinyó in Barcelona, die für ihre Bordelle bekannt war und in deren Nähe Picasso in jungen Jahren lebte.[1] Die verfälschende Titelgebung, die sich heute eingebürgert hat, bezieht sich auf Witzeleien, die in Picassos Freundeskreis in Umlauf waren.[2] Picasso stand dem Bildtitel nicht positiv gegenüber und lehnte ihn später ab.[1]

Bedeutung[Bearbeiten]

Von den Wurzeln ausgehend überdachte Picasso die europäische Kunstüberlieferung und schuf aus ihren Elementen eine neue künstlerische Sprache. Picassos Anliegen war nicht der Bruch mit der Tradition, sondern die Zerstörung der Konvention. Ihm gelang mit den Demoiselles, wie in keinem anderen Werk der europäischen Malerei, eine Reflexion über das Malen und über die Schönheit der Kunst.[3] Picasso setzte sich nicht nur mit den Werken Uccellos, Piero della Francescas, El Grecos, Poussins, Ingres’ und Cézannes auseinander, sondern auch mit archaischer Kunst.[4][5]

Die Rolle des Gemäldes als Schlüsselwerk der neueren Kunstgeschichte ist seit langem anerkannt. Aber diese Einschätzung stand jahrzehntelang in eklatantem Missverhältnis zu den Informationen, die man über seine Entstehung hatte. Weitverbreitet ist zum Beispiel die Vorstellung, Picasso habe hier, beeinflusst von afrikanischer Kunst, zu einer Sprache der Deformation gefunden.[6] Eine Ratlosigkeit der Zeitgenossen gegenüber den Arbeiten Picassos in dieser Phase seines Schaffens zeigt sich in den Begriffen, mit denen sie verbunden wurden. „Assyrisch“ kamen die Demoiselles Wilhelm Uhde vor, „Ägyptisch“ nannte sie Henri Rousseau.[7] So hat Picassos Schaffensphase ab dem Sommer 1907 bis 1908 als période nègre Bezeichnung gefunden.

Le bonheur de vivre
Henri Matisse, 1905/06
Öl auf Leinwand, 174 cm × 238 cm
The Barnes Foundation, Merion, Philadelphia

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Als wegbereitendes Bild des Kubismus wurde von kunsthistorischer Seite die Frage erörtert, warum es den Kubismus als Möglichkeit andeutet und nicht zu einem Neofauvismus — bzw. Superfauvismus —, nicht zum Futurismus, zum Expressionismus, zu einem wilden oder zahmen Primitivismus oder zur Abstraktion führt. Als einzige Fortführung kam der Fauvismus in Betracht, jedoch hatte Picasso diesen möglichen Fauvismus mit den Demoiselles bereits abgelöst, überwunden oder für nichtig erklärt.[8] Er gibt den Fauves zu verstehen, dass sie noch zu wenig „Wilde“ sind. Er verneint nicht die angenehmen Rhythmen in Matisse Le bonheur de vivre, sondern er sagt, dass sein Bild noch zu wenig rhythmisch sei, dass es einen tieferliegenden Rhythmus als diesen gebe.[9]

Beschreibung[Bearbeiten]

Das Gemälde Les Demoiselles d’Avignon zeigt fünf teils leicht bekleidete, teils nackte weibliche Figuren aus verschiedenen Blickwinkeln vor einem in verschiedenen bläulichen Farbtönen gehaltenen Hintergrund. Der Betrachter sieht sie frontal, seitlich, hockend und schräg von vorn. Zu beiden Seiten ist ein Vorhang angedeutet, der linke wird von einer Hand gehalten, er weist rotbraune, der rechte Vorhang blau-ockerfarbene Farbtöne auf. Der Bildvordergrund zeigt in der Mitte ein Stillleben mit Früchten auf einem Tisch.

Die Körper der Figuren sind in leicht eckigen Formen abstrahiert dargestellt. Weiße und bläuliche Farbteile neben und auf den Körpern sorgen für Spannung. Es besteht ein Bruch zwischen den drei Frauengestalten auf der linken Bildseite und den zwei Figuren auf der rechten Bildseite, für deren Darstellung der Gesichter afrikanische Masken gedient haben könnten und die maskenhafte, verzerrte Gesichtszüge aufweisen. Die Gesichter der äußeren Frauen sind eher dunkel gehalten und mit Schraffuren schattiert. Die eine der beiden Frauen mit maskenhaftem Gesicht sitzt mit dem Rücken zum Betrachter, den Kopf in unnatürlicher Weise zu ihm verdreht. Picasso bediente sich einer Darstellungsweise, die er bereits ein Jahr zuvor in Gósol zeichnerisch eingeübt hatte, und die mehrere Aspekte und Ansichten eines Körpers gleichzeitig darzustellen vermag. [10] Die Figuren links, die den Einfluss iberischer Formen sichtbar machen, sind klarer und weicher gemalt. Zwei Frauen haben die Arme über den Kopf gehoben und präsentieren sich vor dem Betrachter.

Entstehung[Bearbeiten]

Picasso erarbeitete sich die Les Demoiselles d’Avignon über ein Dreivierteljahr, von Herbst 1906 bis zum Sommer 1907. Sein Nachlass belegt 809 Vorstudien. Darunter finden sich sowohl Skizzen, als auch großangelegte Studienblätter und weitere Gemälde. Die Kunstgeschichte kennt keinen vergleichbaren Fall, in dem ein einzelnes Werk mit solcher Mühe vorbereitet wurde.[6]

Durch die Kette der Vorstudien lässt sich Picassos Vorgehen erkennen. Es bestand in zwei Entwicklungsvorgängen, einem formalen und einem thematischen. Sie liefen gedanklich getrennt, da die meisten Skizzen entweder ein gestalterisch-formales oder ein thematisches Thema behandeln.[11]

Studie zu Les Demoiselles d’Avignon
Pablo Picasso, März 1907
Öl auf Leinwand

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Im Herbst 1906 begann Picasso in Paris, im Bateau-Lavoir, nach der Rückkehr aus Spanien mit konkreten Vorarbeiten zu den Les Desmoiselles d’Avignon, die er den ganzen Winter über fortsetzte.[6] Der erste Gesamtentwurf vom März 1907, heute in Basel, bietet ein Interieur mit sieben Personen, fünf nackten Frauen und zwei bekleideten Männern. Die ohnehin deutliche Szene des Basler Entwurfs gibt nach eigenen Angaben Picassos das Innere eines Bordells in der Carrer d’Avinyó in Barcelona wieder. Picasso hatte jedoch in den folgenden Monaten die Szenerie so gründlich geändert, dass alles wegfiel, was mit einem Bordellinneren zu tun hat. Hinzu kommt, dass Picasso ein solches Thema mit Prostituiertendarstellungen — etwa Der Harem[Bild 1] aus dem Sommer 1906 — schon früher behandelte. Dieses Bild, wenn auch von kleinerem Format, formulierte andererseits auch eine Bildidee von fünf nackten Frauen.[12] Von kunsthistorischer Seite wurde daraus geschlossen, dass dieses Thema für Picasso nunmehr keine Bedeutung mehr hat.[2] Die in einem weiteren Entwurf auftretende Gestalt eines Matrosen mit Totenkopf deutet auch an, dass Picasso ein Historienbild mit offenbar allegorischer Sinngebung vor Augen hatte.[3]

Peter Paul Rubens: Das Urteil des Paris, um 1638–1639, Museo del Prado, Madrid

Für das Rahmenthema „Frauen, die ihre körperlichen Vorzüge posierend zur Beurteilung anbieten“ gibt es ein sehr traditionelles Muster, das drei nackte Frauen vor sitzenden und stehenden männlichen Personen zeigt: das Urteil des Paris. Ein direktes Vorbild war ein Gemälde von Rubens, dessen Variante des Paris-Urteils eine im Madrider Prado aufbewahrte und Picasso gut bekannte Komposition ist.[3]

El Greco: Das fünfte Siegel der Apokalypse (1608–1614), Metropolitan Museum of Art, New York

Aus der Sichtweise Warnckes spielt Picasso durch die Festlegung des Themas auf fünf nackte Frauen in der endgültigen Fassung nun auf eine antike Anekdote an. Hierdurch bildet das Werk eine thematische und gestalterisch-formale Einheit. Der Maler Zeuxis wurde vor die Aufgabe gestellt, Helena, die sagenhafte schönste Frau der Menschen, zu malen. Er nahm daraufhin die fünf schönsten Jungfrauen der Insel Kroton zum Modell, um durch eine Kombination ihrer jeweils schönsten Körperbildungen eine in der Natur nicht vorhandene vollkommene Idealgestalt zu schaffen. Zu dieser Sicht deutet auch das Stillleben im Werk hin. Allen Betrachtern fiel die unmotivierte Stellung des Stillebens in der angeblichen Bordellszene auf, ebenso die stilistische Differenz der im Vergleich zu den Figuren illusionär gemalten Früchte. Dies ist ein weiterer Verweis auf eine Zeuxis-Anekdote, der zufolge der antike Maler in einem seiner Gemälde Früchte, genauer Trauben, so naturgetreu nachbildete, dass sich die Vögel davon täuschen ließen und heranflogen, um davon zu naschen. Diese Anekdote ist für die Geschichte der Malerei von großer Bedeutung. Zeuxis gilt als der Begründer der Illusionsmalerei. Picasso geht in seinem Werk genau gegen deren Regeln und ihrer nichtnormativen Ästhetik programmatisch an.[3]

El Grecos Gemälde Das fünfte Siegel der Apokalypse, das damals dem spanischen Maler und Freund Picassos, Ignacio Zuloaga, gehörte, wurde von verschiedenen Kunsthistorikern als relevanter Einfluss angesehen. Picasso hatte das Bild in Zuloagas Studio gesehen, als er an den Demoiselles arbeitete.[13][14]

Erste Reaktionen[Bearbeiten]

Die Arbeit an dem Gemälde wurde im Juli 1907 abgeschlossen. Picasso bat den in Paris lebenden deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, es sich anzusehen. Uhde wiederum berichtete Daniel-Henry Kahnweiler von seinem Besuch und dem ungewöhnlichen Bild.[15]

Das Werk wurde nun einem engeren Freundeskreis Picassos gezeigt. Guillaume Apollinaire, Félix Fénéon, André Derain, Georges Braque und Henri Matisse lehnten das Bild zuerst ab. Sie konnten es weder deuten noch einordnen.

Erste öffentliche Ausstellung 1916 und derzeitiger Standort[Bearbeiten]

Das Gemälde verblieb lange in Picassos Atelier und wurde der Öffentlichkeit erstmals im Juli 1916 in der von Salmon organisierten Ausstellung Art Moderne en France im Salon d’Antin in der Galerie Barbazanges in Paris vorgestellt.[1]

Ende 1924 wurden die Desmoiselles von dem Modecouturier und Kunstsammler Jacques Doucet für seine Sammlung direkt aus Picassos Atelier erworben. Picasso hatte es dort, zur Wand gedreht, aufbewahrt. Die Empfehlung kam von André Breton, der bei Doucet als Bibliothekar und künstlerischer Berater halbtags angestellt war und ihn in das Atelier mitgenommen hatte.[16] Im April 1925 erschien eine Abbildung in der Zeitschrift La Révolution surréaliste, für die Breton einer der Herausgeber war. 1939 ging das Gemälde in den Besitz des Museum of Modern Art in New York über.[17]

Anmerkungen[Bearbeiten]

Der spanische Arzt und Schriftsteller Jaime Salmon schrieb 2002 ein Theaterstück, das den gleichen Titel wie das Bild hat. Es geht darin um die fiktive Vorgeschichte und die fiktiven Modelle des Bildes in einem Bordell der Straße Carrer d’Avinyó in Barcelona, auf deren Name sich der Bildtitel bezieht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie-Laure Bernadac, Paul de Bouchet: Picasso – Abenteuer Geschichte, Gallimard, Paris 1986.
  • Pierre Daix, Joan Rosselet: Picasso – The Cubist Years 1907–1916, Thames and Hudson, London 1979, aus dem franz. Le Cubisme de Picasso, Catalogue raisonné de l'œuvre übersetzt von Dorothy S. Blair, ISBN 0-500-09134-X
  • Siegfried Gohr: Pablo Picasso, Leben und Werk. „Ich suche nicht, ich finde“. DuMont, Köln 2006, ISBN 978-3-8321-7743-0
  • Klaus Herding: Pablo Picasso: Les Demoiselles d’Avignon. Die Herausforderung der Avantgarde. Frankfurt 1992 ISBN 3-596-10953-1
  • Josep Palau i Fabre: Picasso – der Kubismus. (Aus dem Katalanischen von Wolfgang J. Wegscheider), Könemann, Köln 1998, ISBN 3-8290-1450-3
  • Patricia Leighton: The White Peril and L'Art nègre; Picasso, Primitivism, and Anticolonialism. In: Kymberly N. Pinder, Herausgeberin: Race-ing Art History. Routledge, New York 2002. ISBN 0-415-92760-9
  • William Rubin: Picasso und Braque. Die Geburt des Kubismus. (Originalausgabe: Picasso and Braque, Pioneering Cubism, Museum of Modern Art, New York, 24. September 1989 bis 16. Januar 1990, aus dem Englischen übersetzt von Magda Moses und Bram Opstelten), Prestel, München 1990 ISBN 3-7913-1046-1
  • Carsten-Peter Warncke, Ingo F. Walther (Hrsg.): Pablo Picasso, Taschen, Köln 2007, 2 Bände, ISBN 978-3-8228-3811-2
  • Carsten-Peter Warncke: Picassos “Les Demoiselles d´Avignon”. Konstruktion einer Legende, in: Karl Möseneder, Hg.: Streit um Bilder. Von Byzanz bis Duchamp. Reimer, Berlin 1997, ISBN 3-496-01169-6 S. 201 – 220
    • andere Fassung: Revolution und Tradition. Picassos „Les Demoiselles d´Avignon“, in: Ulrich Mölk (Hg.), Europäische Jahrhundertwende. Wissenschaften, Literatur und Kunst um 1900. Wallstein, Göttingen 1999, ISBN 3-89244-371-8 S. 92 – 112

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Jane Fluegel, William Rubin (Hrsg.): Pablo Picasso – Retrospektive im Museum of Modern Art, New York, Prestel Verlag, München 1980, S. 87-88
  2. a b Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso, Band 1, S. 160
  3. a b c d Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso, Band 1, S. 161-163
  4. Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso, 1991, Bd.1, S. 143-145
  5. Patrick O’Brian: Pablo Picasso — Eine Biographie. Ullstein, Frankfurt/M – Berlin – Wien 1982, S. 216-217
  6. a b c Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso, Band 1, S. 145-146
  7. Carsten-Peter Warncke, Ingo F. Walther (Hrsg.): Pablo Picasso. Taschen Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-8228-3811-2, Band 1, S. 176
  8. Josep Palau i Fabre: Picasso – Der Kubismus, 1998, S. 39
  9. Josep Palau i Fabre: Picasso – Der Kubismus, 1998, S. 45
  10. Werner Spies, Die Weltgeschichte im Atelier, in: Werner Spies (Hrsg.): Picasso – Zum hundertsten Geburtstag, Prestel, München, 3. Auflage, 1981, ISBN 3-7913-0523-9, S. 23 ff
  11. Carsten-Peter Warncke: Pablo Picasso, Band 1, S. 148
  12. Günter Metken, 3 de Mayo 1905, in: Werner Spies (Hrsg.): Picasso – Zum hundertsten Geburtstag, Prestel, München,3. Auflage, 1981, ISBN 3-7913-0523-9, S. 40
  13. Mit weiteren Nachweisen: John Golding: Visions of the Modern. University of California Press, Berkeley, 1994, S. 105 f.
  14. Carter B. Horsley: The Shock of the Old. The City Review, 2003, abgerufen am 20. Januar 2012
  15. Judith Cousins, Vergleichende biografische Chronologie Picasso und Braque in: William Rubin, Picasso und Braque, Prestel. München, 1990, ISBN 3-7913-1046-1, S. 338
  16. Calvin Tomkins: Marcel Duchamp. Eine Biographie. Hanser, München 1999, ISBN 3-446-20110-6, S. 296 f.
  17. Siegfried Gohr: Ich suche nicht, ich finde, S. 64 f

Abbildungen[Bearbeiten]

  1. Pablo Picasso: Der Harem, Sommer 1906, Öl auf Leinwand, 163 x 120 cm, Cleveland Museum of Art

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