Primitivismus

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Dieser Artikel handelt von der gesellschaftlichen Richtung; für die Kunstrichtung siehe Primitivismus (Kunst).

Der Primitivismus strebt eine gesellschaftliche Rückkehr zu vor-industriellen, und oft sogar vor-landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensverhältnissen an.[1]

Richtungen[Bearbeiten]

Primitivismus wird in erster Linie als utopistische Strömung verstanden, die Ideen des Anarchismus mit denen der Kyniker verknüpft. Es wird eine Rückkehr zu einer biologischen „Ursprünglichkeit“ des Menschen angestrebt. In Frage gestellt wird die Vorstellung, dass die Industrie als fortschrittlich anzusehen ist; ferner wird die politische Idee der Zivilisation aus ideologiekritischer Perspektive wahrgenommen.

Der Theorie des Primitivismus zufolge würde erst die Arbeitsteilung die Akkumulation des ökonomischen Potenziales ermöglichen und damit die Entstehung von Machtverhältnissen. Daraus ergebe sich dann die historische Erscheinung einer autoritären Kultur des Patriarchalen und ihre Auswüchse, die Sitte und die Moral, wobei die Sitte die gelebte Moral ist. Die Gesetzmäßigkeiten seien klassisch in eine totalitäre Weltanschauung religiöser oder esoterischer Machart eingebunden.

Die von Menschen geschaffenen Mittel zur Beherrschung der Umwelt, die Technik, sei stark entfremdend. Die technologische Entwicklung reflektiere und treibe in ihrem Wachstum in einem dialektischen Wechselspiel auch die gesellschaftliche Entfremdung, die sich seit der industriellen Revolution zum Beispiel mit der zeitlichen und horizontalen Teilung von Arbeitsprozessen (siehe Frederick Winslow Taylor) ganz konkret in den Produktionsverhältnissen niedergeschlagen hätte.

Tatsächlich sei die Technologie gemäß primitivistischer Vorstellungen die neue Religion, der Fortschrittsglaube Hoffnung, und die modernen Götter und Götzen seien massenmedial inszeniert. Doch auch die christliche Moral habe den Weg in die neue Zeit des Liberalismus hinübergeschafft und erfülle in ihren modernen protestantischen Inkarnationen altbekannte Funktionen, auch wenn gewisse klassische Manifestationen wie die der Familienstruktur sich gemächlich zu verabschieden scheinen.

In der logischen Folge würde der neoprimitive Mensch in seiner Analyse in Reaktion auf diese Missverhältnisse zu seinem „inneren Affen“ zurückfinden, um seine Triebstruktur von den Fesseln zu befreien, die Freud so eloquent beschrieben hat. Die Arbeit der beiden Sexologen und Freud-Schüler Otto Gross und Wilhelm Reich in Reaktion auf die Einsichten Freuds habe maßgeblich zur späteren sexuellen Revolution und relativen weiteren Befreiung des Ichs beigetragen.

Der Primitivist erkennt sein Primatentum offen an und möchte ohne Privateigentum an Materie oder Person in freier Assoziation und offener Sexualität leben.

Primitivismus in der Kunst[Bearbeiten]

Hauptartikel: Primitivismus (Kunst)

Schon in der aufklärerischen Literatur der Sturm-und-Drang-Zeit ließe sich ein verstärktes Einfühlen mit der Natur ausmachen. In der folgenden romantischen Periode, die als Reaktion auf die Industrielle Revolution solche Tendenzen erweitert habe, ließe sich die erste Affinität mit der Natur des Menschen selbst ausmachen.

So schrieb William Blake 1789 in A Little Girl Lost:

Children of the future age,
Reading this indignant page,
Know that in a former time
Love, sweet love, was thought a crime.

Kinder eines zukünftigen Zeitalters

diese verärgerte Seite lesend,
wisset, dass in früherer Zeit,
Liebe, süße Liebe, als Verbrechen galt.

Die Situationistische Internationale prägte einige primitivistische, künstlerische Slogans, z. B. mit „Unter dem Pflaster liegt der Strand.“ (Sous les pavés, la plage). Das Berliner Autorenkollektiv „A.S. Ambulanzen“ erweitert und aktualisierte diesen Ansatz: „Warum wir es nicht auf der Straße tun. Unter dem Pflaster liegt der Strand, darunter der Untergrund, in der Straße liegt der Staat, am Straßenrand steht das Haus, dahinter der Baum, die Straße voller Kameras, in der Straße erwacht die Nation, wir haben die Straße im Kopf und bleiben im Bett[2]

Versuche der Anwendung[Bearbeiten]

Der Philosoph Max Stirner in seiner Selbstmächtigkeit des Einzelnen, Wilhelm Reich der Begründer der wissenschaftlich nicht anerkannten Orgontherapie und der anarchistische Freud-Schüler Otto Gross hätten einen Hang zum Primitivismus gehabt.

Theodore Kaczynski versuchte durch radikale Maßnahmen wie Briefbomben oder erzwungene Veröffentlichungen den Primitivismus zu erzwingen.

Einfluss auf Marx[Bearbeiten]

In der marxistischen Theorie findet sich eine Verbindung von frühromatischer, „primitistischer“ Zivilisationskritik und aufklärerischen Fortschrittsideen. Die Beseitigung der Arbeitsteilung soll hier nicht durch Rückkehr zu einer primitiven Urgesellschaft, sondern durch eine Rückkehr zu deren sozialen Strukturen auf hohem technischen Niveau geschehen. Marx erwartet die „Erlösung“ von den Zwängen der Zivilisation von der „Entwicklung der Produktivkräfte“, das heißt der Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung, verbunden mit der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen (Automatisierung) und damit der Verkürzung der zum Lebensunterhalt notwendigen Arbeitszeit[3].

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „an exploration into primitivist theory“. Mit weiterführenden Links. Abgerufen am 23. Mai 2011
  2. Vgl. hierzu: A.S. Ambulanzen, Unter dem Pflaster liegt der Strand. 22. Januar 2001
  3. Karl Marx: Das Kapital. Dritter Band: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. MEW 25, S. 826