Luftmine

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Eine Lancaster wirft während der Operation Hurricane eine Luftmine (links), Brandbomben und Stabbrandbomben (rechts) auf Duisburg ab.

Eine Luftmine (manchmal auch als Minenbombe bezeichnet) ist eine große, schwerere Sprengbombe, die vor allem im Luftkrieg während des Zweiten Weltkriegs von Flugzeugen abgeworfen wurde. Luftminen werden gegen ungepanzerte Flächenziele verwendet und sind besonders auf eine starke Detonationswelle ausgerichtet, die das Umfeld verwüstet. Der Begriff wird allerdings nicht einheitlich verwendet, denn es gab auch Seeminen, die von Bombern abgeworfen wurden.

Funktionsweise[Bearbeiten]

Britische 1,8 Tonnen schwere Luftmine, die bei der Entschärfung am 4. Dezember 2011 zur Evakuierung in Koblenz führte

Luftminen wurden während des Zweiten Weltkrieges im Luftkrieg gegen Städte sowohl von den Deutschen als auch von Briten und Amerikanern eingesetzt. Luftminen detonierten nicht, wie der Name vermuten lässt, in der Luft, sondern meist am Boden, ausgelöst durch Aufschlagzünder. Eine direkt in der Luft gezündete Luftmine hat allerdings eine noch größere Wirkung, die Abschirmung durch Nachbargebäude wird minimiert und die Druckwelle durch die schräge Reflexion verstärkt (siehe auch Luftdetonationen bei Kernwaffenexplosion). Die dafür erforderlichen Abstandszünder wurden aber im Zweiten Weltkrieg nicht verwendet.

Luftminen hatten ein Gewicht von mehreren hundert Kilogramm bis zu mehreren Tonnen und waren bis zu 80 Prozent ihres Gesamtgewichtes mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllt. Sie waren im Vergleich zu „normalen“ Mehrzweckbomben meist wesentlich größer: mehrere Meter lang und im Durchmesser bis zu einem Meter dick, dabei jedoch verhältnismäßig dünnwandig umhüllt, weshalb nur ein relativ geringer Gewichtsanteil auf die Hülle entfiel. Durch diese schwache Ummantelung und das hohe Gewicht bestand das Risiko, dass die Luftmine am Boden zerbarst, wenn der Zünder nicht schnell genug ansprach. Deswegen wurden Luftminen manchmal auch an Fallschirmen abgeworfen; in diesen Fällen konnten sie dann auch mit einem Zeitzünder versehen werden. Wegen der dünnen Hülle waren Luftminen nicht in der Lage, tief in Gebäude oder in den Erdboden einzudringen, denn genau dies war unerwünscht. Die Explosionskrater („Trichter“) waren daher eher flach oder fehlten völlig, und auch die Splitterwirkung dieser Bomben war verhältnismäßig gering.

Die im Vergleich zu konventionellen Sprengbomben um ein Vielfaches stärkere Druckwelle zerstörte im Umkreis von 100 Metern alle Gebäude gewöhnlicher Bauart, riss im freien Gelände in bis zu 1000 Meter Entfernung Türen und Fensterrahmen heraus und ließ Fensterscheiben noch in einer Entfernung von 2000 Metern zersplittern. Wenn solche Bomben gezielt über Wohngebieten explodierten, deckten sie die Dächer im Umkreis von mehreren 100 Metern ab. Aus diesem Grund wurden Luftminen auch eingesetzt, um Brandbomben einen guten Zugang zu leicht brennbaren Dachböden und -stühlen zu ermöglichen und so das Entstehen von Bränden zu begünstigen, bis hin zu sogenannten Feuerstürmen. Straßen wurden durch die entstehenden Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar. Direkte Opfer von Luftminen starben an Lungenriss.

Begrifflichkeit[Bearbeiten]

Die technisch korrekte Bezeichnung Minenbombe ist auf die in Fachkreisen sogenannte Minenwirkung zurückzuführen, also auf die im Verhältnis zur Größe der Bombe besonders große Druckwelle. Es handelt sich nicht um einen Sprengkörper, der auf dem Boden bzw. Seeboden platziert wird und nur bei Berührung explodiert.

Die deutsche Luftwaffe benannte Seeminen, die per Luftabwurf verlegt werden konnten, als Luftmine (LM A, B, C und F). Tatsächlich setzte die deutsche Luftwaffe zu Beginn des Krieges als Notbehelf, weil wenig schwere Bomben zur Verfügung standen, auch Seeminen ein, die von Flugzeugen über Land als Sprengminen abgeworfen wurden. Möglicherweise führte dieser Umstand dazu, dass das deutschsprachige Programm der BBC diesen Begriff übernahm, und sich dieser durch das Hören des „Feindsenders“ in der deutschen Sprache etabliert hat.

Die deutsche Luftwaffe verwendete zwar den Begriff Minenbombe für die Sprengbombe Cylindrisch, die allerdings nicht der Definition der hier beschriebenen Luftmine, sondern einer Mehrzwecksprengbombe entsprach. Bei der deutschen Luftwaffe wurden die eigenen Luftminenmodelle spät entwickelt und im offiziellen Sprachgebrauch als Großladungsbomben bezeichnet. Im Volksmund wurden die Luftminen wegen ihrer großen Abmessungen oft als Badeofen oder Litfaßsäule bzw. ihrer Wirkung wegen als Wohnblockknacker bezeichnet. Auch die englische Bezeichnung Blockbuster rührt von der enormen Zerstörungskraft her, die ganze Häuserblöcke zerstören konnte. Die britische Luftwaffe bezeichnete ihre Minenbombenmodelle offiziell mit der Abkürzung HC für high capacity (Hohe Füllmenge). Die amerikanische Luftwaffe verwendete hingegen die Bezeichnung light case (Leichtgehäuse).

Allerdings wurden von der britischen Seite auch „echte“ Luftminen eingesetzt. Es handelte sich um Sperrballone oder von Schiffen abgefeuerte Sperrwaffen, die aber nicht wirksam genug waren und aufgegeben wurden.

Modelle des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten]

Großbritannien[Bearbeiten]

Die von der RAF verwendeten Bomben auf einem Verladeplatz während des Krieges: vorn zwei 1.000 bzw. 500 lb schwere Sprengbomben, dahinter eine Minenbombe HC 2.000 Mk.I, dann ein HC 4.000 Mk.III oder Mk.IV „Cookie“. Auf dem großen Transportwagen hinten ein aus drei 4.000er „Cookies“ bestehender „Blockbuster“ (HC 12.000 LB).
HC-4000-Blindgänger (1790 kg)

Die erste von britischer Seite eingesetzte Minenbombe war die HC 2000 LB Mk I, eine Minenbombe der Gewichtsklasse 2000 Pfund (tatsächliches Gewicht ca. 790 kg, d.h. 1733 lb) mit einer Sprengladung von 625 kg Amatol. Sie hatte eine kegelförmige Spitze mit einem Kopfzünder und wurde durch einen Fallschirm gebremst und stabilisiert. Die HC 2000 LB Mk III hatte schließlich eine flach gerundete Stirnfläche mit drei Kopfzündern und ein Blechleitwerk. Die HC 2000 LB hatte einen Durchmesser von 470 mm und eine Länge des Bombenkörpers von 2655 mm, Gesamtlänge mit Blechleitwerk (Mk.III): 3327 mm.

Die nächstgrößere Minenbombe, die HC 4000 LB („Cookie“), war vergleichbar aufgebaut; zunächst mit kegelförmiger Spitze und einem Zünder sowie zwei bis vier seitlichen Zünderaufnahmebuchsen, einem Gewicht von 1789 kg bei 1350 kg Amatol (HC 4000 LB Mk.I), später dann ebenfalls mit flach gerundeter Stirnfläche, drei Kopfzündern und zwei seitlichen Zünderbuchsen und bis zu 1500 kg Torpex (HC 4000 LB Mk.II bis Mk.VI). Die HC 4000 LB wies einen Durchmesser von 760 mm (Mk.I) bzw 750 mm (Mk.II – VI) und eine Länge von 2960 mm (Mk.I) bzw. 2730 (Mk.II – VI) auf.

Die nächste Kategorie wurde dann nach dem Baukastenprinzip entwickelt: zunächst die HC 8000 LB, bestehend aus zwei Segmenten mit einem Durchmesser von 965 mm und einer Länge des Bombenkörpers 2410 mm, die Gesamtlänge betrug je nach Leitwerkstyp 3340 oder 4040 mm. Diese Minenbombe hatte bei einem Gesamtgewicht von 3590 kg eine 2450-kg-Sprengladung aus Amatex 9 (51 % Ammoniumnitrat, 40 % TNT, 9 % RDX (Torpex)), später sogar 2670 kg Torpex 2. Im September 1943 bestätigten sich die Befürchtungen der deutschen Experten, die diese nach den Funden der ersten HC 8000 LB hatten: Man konnte aus einem Kopfteil und zwei Heckteilen der HC 8000 eine HC 12000 LB zusammenbauen. Diese hatte nun eine Länge des Bombenkörpers von 3620 mm, die Gesamtlänge – wiederum abhängig vom Leitwerk – betrug 4722 mm oder 5420 mm, von dem Gesamtgewicht von 5450 kg entfielen 3670 kg auf den Sprengstoff Amatex (bzw. 4000 kg Torpex 2).

Voraussetzung für den Einsatz derartiger Großkampfmittel war die Entwicklung entsprechend leistungsfähiger Bomber, die britische RAF konnte mit der Avro Lancaster einen der wohl leistungsfähigsten Bomber des Zweiten Weltkrieges einsetzen.

Deutschland[Bearbeiten]

SB 1000, 1000 kg

Bei der deutschen Luftwaffe wurden im Zweiten Weltkrieg die dünnwandigen Sprengbomben als Minenbomben bezeichnet. Diese Bomben erhielten die übliche Bezeichnung, die sich aus den Buchstaben SC (Sprengbombe Cylindrisch) und der Gewichtsklasse in kg zusammensetzt.

Der oben aufgeführten Definition der Sprengbombe mit sehr hohem Sprengstoffanteil entsprechen die in der Luftwaffe eingeführten „Großladungsbomben“:

  • SB-1000, 735 kg Sprengstoff Amatol 60/40 (60 % TNT, 40 % Ammoniumnitrat)
  • SB-2500, ca. 1640 kg Amatol 60/40 – eine Versuchsversion aus Aluminium (!) mit 2000 kg Fp 60/40 konnte nur bis 1942 hergestellt werden.
  • SA-4000, ca. 2700 kg Amatol 50/50 (bei 3360 kg Gesamtgewicht; wurde nur als Versuchsmuster gebaut)

Der deutschen Luftwaffe standen für den Bombenkrieg zunächst nur zweimotorige Bomber zur Verfügung (Heinkel He 111, Dornier Do 17, Junkers Ju 88), die lediglich eine Bombenlast bis 2500 kg ins Ziel tragen konnten. Im Verlauf des Kriegs wurden die Leistungsfähigkeit bis auf 5600 kg gesteigert (Heinkel He 177, wenn auch bei verringerter Reichweite), allerdings reichte die Leistungsfähigkeit nie auch nur annähernd an die der viermotorigen britischen Bomber heran.

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

AN-M56, 1920 kg

Die amerikanische Luftwaffe setzte neben den GP-Bomben (General Purpose = Mehrzweckbomben mit Sprengstoffanteil um die 50 %) nur eine entsprechende Minenbombe ein: "Bomb, light-case, 4,000-lb M56".

Technische Daten: Gesamtlänge mit Leitwerk ca. 2980 mm, Länge Bombenkörper 2430 mm, Durchmesser Bombenkörper 870 mm, Gesamtgewicht 1905 kg, davon 1470 kg (77 %) Sprengstoff Amatol.

Die LC 4000 lb wurde im Belehrungsblatt über Beseitigung feindlicher Abwurfmunition Nr. 8 vom 15. Februar 1943 erstmals erwähnt, allerdings erst als Lichtbild mit der (falschen) Bezeichnung "Bombe DEMO 4000 LB".

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Die Hauptaufgabe der Minenbomben im Zweiten Weltkrieg war, Dächer abzudecken, um Brandbomben einen besseren Zugang zu brennbarem Material zu geben. Die Einführung der Atombombe am Ende des Zweiten Weltkriegs veränderte die Luftkriegsführung enorm. Die Flächenbombardements wurden obsolet, denn nun ging die Zerstörungskraft von einer einzigen Bombe aus. Daher verschwanden die großen Minenbomben aus den Arsenalen.

Eine BLU-82B in einer Ausstellung der US Air Force

Dennoch hat die amerikanische Luftwaffe für Spezialaufgaben zwei Modelle entwickelt: Die BLU-82B (Daisy Cutter) dient vor allem dazu, Lichtungen als Hubschrauberlandeplätze zu schaffen. Der Nachfolger, GBU-43/B (MOAB, Massive Ordnance Air Blast bomb oder umgangssprachlich "Mother of all bombs" genannt), galt bis September 2007 als die größte konventionelle Bombe und wird GPS-gesteuert vor dem Auftritt auf die Oberfläche gezündet. Beide Bomben sind so groß, dass sie nicht von Bombern, sondern von umgebauten Frachtflugzeugen abgeworfen werden müssen.

Als Waffe mit ähnlichem Einsatzzweck wurde die Aerosolbombe entwickelt. Diese erreicht eine vergleichbare Wirkung mit weniger Masse. Die russische Aerosol-Bombe Vater aller Bomben gilt als die stärkste konventionelle Bombe der Welt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Luftmine – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen