Fallschirm

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Ein Fallschirm ist ein technisches Gerät, das dazu dient, eine Person oder einen Gegenstand aus großer Höhe unversehrt auf den Boden zu bringen. Dazu vergrößert es den Luftwiderstand oder erzeugt einen dynamischen Auftrieb. Beides verringert die Fallgeschwindigkeit. Wird der Schirm als Sprungfallschirm zum geplanten Absetzen von Personen eingesetzt, gehört er in Deutschland nach § 1 LuftVG zur Luftfahrzeugklasse der Luftsportgeräte. Fallschirme, die zur Rettung aus einer Luftnot dienen, zählen dagegen zu den Rettungsfallschirmen (auch Notschirme).

Tandemsprung an einem Flächenfallschirm

Geschichte[Bearbeiten]

Renaissance[Bearbeiten]

Älteste bekannte Darstellung eines Fallschirms (1470er Jahre, Italien)
Faust Vrancics Entwurf eines Fallschirms (1616)

Die Frühgeschichte des Fallschirms reicht bis in die Renaissance zurück.[1] Der älteste Entwurf eines Fallschirms ist in einem anonymen italienischen Manuskript (British Museum Add. MSS 34,113, fol. 200v) aus den 1470er Jahren enthalten.[2] Es zeigt einen konischen Fallschirm, an dessen kreuzartigem Stangenrahmen sich ein frei in der Luft hängender Mann mit den Händen festhält. Ein Bauchgurt, der über vier Riemen mit den Enden des Rahmens verbunden ist, dient dem Fallschirmspringer zur Sicherheit. Diese Konstruktion kann als Fortschritt gegenüber einer anderen Illustration (189v) gewertet werden, in der ein Mann den freien Fall durch das Greifen von zwei langen Stofffahnen als Armfortsätze abzubremsen versucht.[3] Obgleich die Oberfläche des Fallschirms zu klein geraten ist, um effektiven Luftwiderstand zu bieten, und der Holzrahmen überflüssig und sogar potentiell gefährlich ist, ist der revolutionär neue Charakter des Entwurfs offenkundig.[3]

Nur kurze Zeit später (um 1485) präsentiert der Universalgelehrte Leonardo da Vinci in seinem Codex Atlanticus (fol. 381v) eine technisch ausgefeiltere Skizze, bei der die Abmessungen des Fallschirms in einem günstigeren Verhältnis zum Gewicht des Springers stehen.[2] Leonardos Fallschirmkappe wird durch einen quadratischen Holzrahmen offengehalten, wodurch sich die Kappenform von konisch zu pyramidenförmig wandelt.[3] Ob der italienische Erfinder durch den früheren Fallschirmentwurf beeinflusst wurde, lässt sich zwar nicht endgültig klären, aber die Idee dazu könnte ihm durch den intensiven Gedankenaustausch zwischen den Künstleringenieuren jener Zeit zu Ohren gekommen sein.[4] Die Machbarkeit von Leonardos pyramidenförmigen Design konnte 2000 vom Briten Adrian Nicholas und 2008 durch einen anderen Fallschirmspringer demonstriert werden.[5]

Durch Leonardos Zeichnung inspiriert, entwarf der kroatische Gelehrte Faust Vrancic (1551–1617) einen eigenen Fallschirm. Vrancic behielt den rechteckigen Rahmen bei, ersetzte aber die Fallschirmkappe durch ein aufgewölbtes, segelartiges Stück Stoff, von dem er zu Recht annahm, dass es den Fall besser verlangsamen würde.[3][6] Dem US-amerikanischen Technikhistoriker Lynn White zufolge sind es diese durchdachten Fallschirmentwürfe, weit komplexer als frühe artistische Sprünge in Asien mit ausgesteiften Sonnenschirmen, die am Anfang der Entwicklungsgeschichte des „Fallschirms, wie wir ihn kennen“, stehen.[1]

Moderne[Bearbeiten]

Französische Karikatur auf die Erfindung des Fallschirms
Sprung von André-Jacques Garnerin (1797)

Der Franzose Louis-Sébastien Lenormand sprang 1783 in Montpellier mit einem selbst konstruierten Fallschirm vom Turm des Observatoriums und landete unversehrt. Dieses Ereignis gilt als der Beginn des modernen Fallschirms und seiner eigentlichen Entwicklungsgeschichte.

Am 3. Oktober 1785 ließ Jean-Pierre Blanchard in Bornheim, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, seinen Hund und am 23. August 1786 in Hamburg einen Hammel von einem Ballon aus mit dem Fallschirm herab. Der erste Mensch, der mittels Fallschirm freiwillig aus einem Ballon ausstieg, war der Franzose André-Jacques Garnerin am 22. Oktober 1797. Der Sprung fand aus einem selbstgebauten Wasserstoffballon in 400 Meter Höhe über dem Pariser Parc Monceau statt.

Ende des 19. Jahrhunderts erfand die deutsche Luftfahrt-Pionierin Käthe Paulus den zusammenfaltbaren Fallschirm. Ab 1893 führte sie damit mehr als 100 sogenannte „Fallschirm-Abstürze“ aus über 1000 m Höhe durch. Sie gilt als eine der ersten Frauen, die mit einem Fallschirm gesprungen sind.

1912 erfand der Russe Gleb Kotelnikow den Rucksack-Fallschirm. Am 1. März 1912 sprang der US-Army-Captain Albert Berry als erster Mensch von einem Flugzeug ab.

Als erster Pilot in der Geschichte der Luftfahrt sprang der Franzose Adolphe Pégoud am 19. August 1913 mit dem Fallschirm aus seiner Bleriot.[7]

Vom deutschen Luftschiffbau-Ingenieur Otto Heinecke stammt das Prinzip der doppelten Hülle und der am Flugzeug befestigten Aufziehleine, wie es noch heute verwendet wird. Es gestattet einen gefahrlosen Absprung, bei dem sich der Fallschirm nicht am Fluggerät verfangen kann.

Am 28. April 1919 sprang der Amerikaner Leslie Leroy „Sky High“ Irvin erstmals mit einem manuell auslösbaren, also nicht am Flugzeug befestigten Rückenfallschirm.

Richard Kohnke stellte 1930 mit einem Sprung aus 7800 Meter bei einer Freifallzeit von 142 Sekunden einen neuen Rekord auf. Später produzierte er in Ziegelhausen in seiner Fallschirmfabrik Rettungsfallschirme.[8]

Bereits im Ersten Weltkrieg kam es zu vereinzelten Fallschirmeinsätzen. Die Luftlandeoperationen des Zweiten Weltkrieges waren dann militärisch von operativ entscheidender Bedeutung. Für die durch die deutschen Fallschirmjäger benutzten Fallschirme siehe Fallschirme der Wehrmacht.

Am 16. August 1960 sprang der Amerikaner Joseph Kittinger mit einem Spezialfallschirm aus einem Ballon in 31.330 Meter Höhe ab und landete nach 9½ Minuten. Dies war bis 2012 der höchste Fallschirmsprung der Geschichte.

Visualisierung des 3-Ring-Systems

Das Fallschirmspringen als ziviles Hobby wurde Ende der 1950er Jahre langsam zum Sport. Viele spätere Neuerungen wurden durch das Sportfallschirmspringen entwickelt. Während das Militär im Großen und Ganzen den Rundkappenfallschirm mit automatischer Aufziehleine zum massenhaften Absetzen von Soldaten aus geringer Absprunghöhe auch aus Ausbildungsgründen einsetzte, genügte dies den Anforderungen im Sportfallschirmspringen nicht. Im Sportbereich war die Freifallzeit eine der frühen Sportdisziplinen ebenso wie der Zielsprung mit geringer Entfernung zur Nullscheibe. Anfangs verwendeten die zivilen Springer die erhältlichen militärischen Sprungsysteme, als Hauptfallschirm eine Rundkappe, die oftmals in großen 4-Pin-Containern saßen. Die in dieser Zeit aufkommenden Reservefallschirme waren am Bauch montiert und mit 2 Pins verschlossen. Fangleinenüberwürfe, eine Störung an dem Fallschirm, waren ein häufiges Problem. Oftmals musste der Hauptfallschirm durch die Kappentrennschlösser, die an den Tragegurten angebracht waren, abgetrennt werden.

Anfang der 1970er Jahre hielten die ersten Flächenfallschirme im Sport Einzug. Die anfänglichen Konstruktionen waren jedoch sehr unzuverlässig. So öffnete der Para Plane, eine frühe Entwicklung, bei einem von drei Sprüngen nicht korrekt. Trotzdem sollte die neue Art des Fallschirms in den Folgejahren das Springen revolutionieren. Auch wanderte in diesen Jahren der Reserveschirm auf den Rücken in ein Fach über dem des Hauptfallschirms. Es gab nun Hersteller, die vorrangig für den zivilen Zweck und deren Bedürfnisse produzierten. Mitte der 1970er entwickelte Bill Booth das 3-Ring-System. Durch diese Neuerung war es nun möglich, mit einem verhältnismäßig leichten Zug an einem Griff (Trennkissen) den Fallschirm komplett und zuverlässig abzutrennen. In den Folgejahren wurden am Fallschirm immer mehr Details geändert. Insbesondere die Zuverlässigkeit der Materialien und Öffnungssysteme wurde konstant weiter entwickelt. So ist heute das Versagen der Fallschirme zur absoluten Ausnahme geworden und es geschehen mittlerweile mehr Unfälle durch zu waghalsige Landemanöver (Flächenschirm), als durch Probleme mit dem Fallschirm.

Systeme[Bearbeiten]

Es existieren im Wesentlichen zwei unterschiedliche Fallschirmsysteme: Rundkappenfallschirme und Flächenfallschirme. Grundsätzlich können beide Systeme als Personen-, Rettungs- und Lastenfallschirm eingesetzt werden.

Rundkappenfallschirme[Bearbeiten]

Blick nach oben in die geöffnete Kappe eines Rundkappenfallschirms der Bundeswehr (T-10) während eines Fallschirmsprungs
Apollo-15-Raumschiff kurz vor der Wasserung – einer der drei Fallschirme öffnete sich nicht.

Die älteren Rundkappensysteme verringern den Fall nahezu ausschließlich durch ihren großen Luftwiderstand. Ihre Form gleicht einer nach unten geöffneten hohlen Halbkugel, an deren unterem Rand die Fangleinen und daran ein Fallschirmspringer oder die Nutzlast befestigt ist. An ihrem Scheitel befindet sich eine Öffnung (Scheitelöffnung), durch die angestaute Luft entweichen kann, um so ein Pendeln des Schirms zu vermeiden. Die Sinkbewegung eines gewöhnlichen Rundkappen-Fallschirms verläuft senkrecht zur Erdoberfläche und erhält lediglich durch die Winddrift eine horizontale Komponente. Früher im Sportbereich verwendete Hochleistungs-Rundkappensysteme wie der Para-Commander waren mit Schlitzen versehen, um durch ausströmende Stauluft eine Vorwärtsfahrt zu ermöglichen. Über Steuerleinen konnte die Schlitzöffnung variiert und der Fallschirm in begrenztem Umfang gesteuert werden. Die Sinkgeschwindigkeit wurde dadurch aber gleichzeitig erhöht und Landungen entsprechend härter. Dieser Fallschirmtyp ermöglichte aber gezielteren Landeanflug auf einen Landekreis.

Eine Sonderform, die unter Rundkappenfallschirm einzuordnen sind, sind Dreieckfallschirme wie der Kohnke Dreieckfallschirm, der u.a. von den Fallschirmjägern der Wehrmacht benutzt wurden.

Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos durch hohe Sinkgeschwindigkeiten und begrenzte Steuereigenschaften finden Rundkappenschirme kaum noch Verwendung als zivile Personenfallschirme. Neben der Verwendung beim Militär zum schnellen Absetzen von Fallschirmjägern und Lasten aus niedrigen Höhen werden sie fast ausschließlich als Rettungsfallschirme für Gleitschirm- und Hängegleiterpiloten sowie bei Segelflugzeugen, im Kunstflug oder in Gesamtrettungssystemen von Ultraleichtflugzeugen und kleinen Sportflugzeugen verwendet.

Rettungsfallschirme sind zulassungspflichtig und müssen regelmäßig von zugelassenem Personal (Fallschirmpacker) neu gepackt und überprüft werden. Die Packintervalle liegen je nach Muster zwischen zwei bis zwölf Monaten. Die zulässige Betriebszeit wird im Rahmen der Zulassung festgelegt und beträgt in Deutschland meist 15 Jahre. Nach einer Benutzung muss ein Rettungsschirm von zugelassenem Personal geprüft und wieder neu gepackt werden.

Gesamtrettungssysteme sind bei Ultraleichtflugzeugen in Deutschland zwingend vorgeschrieben, bei kleinen Sportflugzeugen jedoch noch immer verboten.

Flächenfallschirme (auch Gleitfallschirme)[Bearbeiten]

Ein Fallschirmspringer bei der Landung mit einem Flächenfallschirm

Moderne Flächenfallschirme verringern das Sinken (den Fall) hauptsächlich durch dynamischen Auftrieb. Ihr Querprofil entspricht dem einer Flugzeugtragfläche. Der Flächenschirm ist an der vorderen Kante geöffnet und an der hinteren geschlossen, so dass er von der anströmenden Luft gefüllt wird und sich versteift (selbsterzeugendes Profil). Daher werden diese Schirme auch als Stauluftgleitfallschirm oder umgangssprachlich als Matratze oder Fläche bezeichnet.

Sobald die Vorwärtsgeschwindigkeit groß genug ist, liegt eine Strömung an, die zusätzlich zum Luftwiderstand einen Auftrieb erzeugt. Daher sinken Flächenfallschirme nicht senkrecht zu Boden, sondern können aufgrund ihres Gleitwinkels teilweise große horizontale Strecken überwinden. Die rechte und die linke Seite der Hinterkante können getrennt voneinander durch Steuerleinen heruntergezogen und so das Profil asymmetrisch verändert werden. Hierdurch ist ein Lenken, aber auch beim Zug an beiden Steuerleinen, ein Bremsen möglich. Im Sportbereich werden heute fast ausschließlich Flächenfallschirme verwendet.

Flächenfallschirme werden am häufigsten aus den Nylongeweben „F-111“ und „Zero-P“ (zero porosity: keine Luftdurchlässigkeit, Nullgewebe) oder aus Kombinationen daraus hergestellt. Die Lebensdauer wird durch Sonneneinstrahlung verkürzt und beträgt von etwa 1.000 (F-111) bis über 3.000 Sprünge (Zero-P).

Systemaufbau[Bearbeiten]

Modernes System eines Schülerfallschirms – Vorderseite
Modernes System eines Schülerfallschirms – Rückseite
Modernes System eines Schülerfallschirms – Rückseite Pin-Ansicht
Alter leerer Hauptcontainer für den Hauptfallschirm. Sicht auf die Aufziehleine mit den Verschlussstiften; Modell Kohnke von 1961.
Das Drei-Ring-System, das dazu dient, die Hauptkappe mit vermindertem Kraftaufwand vom Springer zu trennen.
Static Line, deutsch Aufziehleine

Systeme für den Fallschirmsprung bestehen heute im Wesentlichen aus folgenden Baugruppen:

  • Gurtzeug mit Haupt- und Reservecontainer, Aufzieh- oder Auslösegriff, Trenn- und Reservegriff, Haupttragegurte mit Drei-Ring-System, Bridle und Hand Deploy (Hilfsschirm), englisch auch Rig, ist über Konnektoren aus Edelstahl oder sogenannte soft-links mit den Fangleinen der Hauptkappe und des Reservefallschirms verbunden. Es dient der Aufnahme und Halterung für die Nutzlast (Springer) und als Verpackung (Container) für die Fallschirme.
  • Hauptkappe (üblicherweise hergestellt aus einem Nylongewebe mit Ripstop, seltener aus F-111), die im Notfall (beispielsweise bei Öffnungsproblemen) mit Hilfe eines Schlosssystems (zum Beispiel Drei-Ring-System) abgetrennt werden kann. An der Hauptkappe können sich oben, oberhalb der vorderen und hinteren Fangleinenbündel, Packhilfsbänder zum schnellen und einfach Packen der Hauptkappe befinden.
  • Reservefallschirm mit Hilfsschirm und nicht befestigtem POD, meistens ein Flächenfallschirm aus F-111 Gewebe (selten ein Rundkappenschirm). Ausgelöst wird der Reservefallschirm entweder manuell über einen Griff, automatisch über die Reserve Staticline Lanyard (RSL) (bei Abtrennung der Hauptkappe) oder über einen Öffnungsautomaten. Im Gegensatz zum Hauptschirm kann der Reserveschirm vom Springer nicht mehr abgeworfen werden.
  • POD (Parachute Opening Device): Eine kleine halboffene Tasche, in der der gepackte Fallschirm liegt und die durch die Fangleinen die in S-Schlägen mit Hilfe von Packgummis in Schlaufen befestigt sind, verschlossen werden. Bei einigen Hauptkappen wird auch ein Kurzpackschlauch benutzt, früher auch ein Diaper, eine Verschlussklappe die den unteren Teil der Gleitfallschirmhauptkappe zusammenhielt, oder eine Reefleine die um die Hauptkappe verlief und eine Öffnungsverzögerung bewirkte.
  • Hilfsschirmverbindungsleine (Bridle) verbindet den Hilfsschirm mit dem Fallschirm. Zur Reduzierung des Luftwiderstands bringt eine eingebaute Gummivorrichtung oder eine kill-line den Hilfsschirm nach der Hauptschirmöffnung zum Kollabieren.
  • Hilfsschirm zur Öffnung der jeweiligen Kappe. Zum Auslösen des Hilfsschirms wird vornehmlich einer von drei verschiedenen Mechanismen verwendet:
    • Hand Deploy (Throw Out): Der Hilfsschirm ist in einer am Gurtzeug angebrachten Tasche verstaut und wird zur Öffnung manuell in den Luftstrom gezogen und dort losgelassen. Er zieht zunächst den Verschlusspin aus dem Hauptcontainerloop, wodurch sich der Container öffnet und den Fallschirm mittels der Hilfsschirmverbindungsleine aus seiner Verpackung gezogen wird.
    • Auslösegriff: Der Griff ist mit einem dünnen Stahlkabel (von Laien oft Reißleine genannt) verbunden, das mit dem anderen Ende durch eine Schlaufe, englisch loop, geführt wird und so die Klappen des Containers verschlossen hält. Durch Ziehen am Griff wird das Stahlseil aus der Schlaufe gezogen, die Klappen freigegeben und der Hilfsschirm schnellt durch eine gespannte Feder in den Luftstrom.
    • Static Line (zur Zwangsauslösung durch automatische Auslösung): Durch eine mehrere Meter lange Aufziehleine mit Verschlusspin wird der Öffnungsmechanismus des Fallschirms aus Verschlußschlaufe und ggf. Hilfsschirm direkt mit dem Flugzeug verbunden. Nach dem Absprung wird dadurch sofort der Container geöffnet und der Hilfsschirm oder direkt die Fallschirmkappe aus der Packhülle gezogen.
  • Fangleinen in Kern-Mantel-Konstruktion (Kern üblicherweise aus Kevlar oder Polyethylen, Mantel aus UV-beständigem Polyester), die die Verbindung zwischen der Hauptkappe und dem Tragesystem darstellen.
  • Öffnungsautomat, der den Reserveschirm automatisch auslöst (beispielsweise bei Bewusstlosigkeit des Springers), wenn in einer bestimmten Höhe die Annäherung an den Boden schneller geschieht als ein vorher festgelegter Grenzwert.

Reservefallschirm[Bearbeiten]

Am Bauch montierter Reserveschirm
Noch verschlossener Reservecontainer
Ein sich öffnender Reservecontainer

Der Reservefallschirm (auch Reserveschirm) beim Fallschirmspringen gilt nicht als Rettungsfallschirm, sondern gehört zu den Sprungfallschirmen. Eine Fehlöffnung der Hauptkappe bei Einhalten der sicheren Öffnungshöhe wird somit nicht als unmittelbare Luftnot, sondern prinzipiell nur als Störung des normalen Sprungablaufs angesehen.

Beim Base-Jumping wird aufgrund der niedrigen Absprunghöhen auf einen Reserveschirm verzichtet, da die Zeit für dessen rechtzeitige Aktivierung und Wirksamkeit im Falle einer Störung bei der Öffnung des Hauptschirmes nicht ausreicht.

Der Reserveschirm war bei seinem ersten Aufkommen meistens am Bauch montiert. Erst später wurde er am Rücken über dem Hauptschirm platziert. Über die Jahre entwickelte sich das Auslösesystem weiter. Heute wird der Öffnungsvorgang über verschiedene Wege aktiviert. Der Springer kann mit einem oft metallenen Griff an der linken Brust die Öffnung auslösen. Auch besteht bei vielen Systemen eine Verbindungsleine zwischen Hauptfallschirm und Verschlusssystem der Reserve. Trennt der Springer seine Hauptkappe ab, wird mit der wegfliegenden Hauptkappe der Öffnungsvorgang eingeleitet. Auch haben viele Springer einen Öffnungsautomaten montiert, der durch das Durchschneiden der Verschlussschlaufe ein weitgehend unabhängiges System der Auslösung anbietet.

Befindet sich der Springer noch in ausreichender Höhe, so sollte er vor dem Auslösen der Reserve die Hauptkappe abtrennen. Dadurch verhindert er eine Verknotung zwischen Haupt- und Reserveschirm.

Der Hilfsschirm, der den Beutel (Bag) mit dem Reserveschirm heraus trägt und öffnet, wird mithilfe einer gespannten Feder nach außen gedrückt und in den Luftstrom geschossen. Die Hilfsschirmverbindungsleine zwischen dem Hilfsschirm und dem Bag ist besonders breit. Dadurch kann der Springer genug Kraft aufbringen, den Bag heraus zu ziehen, sollte sich der Hilfsschirm am Springer verfangen haben. Der Bag selbst ist als sogenannter „Freebag“ konstruiert. Das bedeutet, dass der Bag nach der Freigabe des Reserveschirms keine Verbindung mehr zu diesem hat und wegfliegt. So kann selbst ein verfangener Hilfsschirm eine korrekte Auslösung des Reserveschirms zur Folge haben. Die Verschlussschlaufe (Loop) ist ein spezielles Gewebe, das zum besseren Gleiten durch die Grommets der Verschlusslaschen mit Silikon behandelt ist. Zusätzlich sind heutzutage moderne Öffnungsautomaten montiert, die den Loop zerschneiden. Sollte der Loop sich auf der einen Seite zum Beispiel mit der Schlaufe in einem Grommet verfangen, so kann sich durch den Öffnungsautomat das andere durchgeschnittene Ende des Loops durch die Laschen ziehen. Der Öffnungsautomat selbst entscheidet unabhängig vom Springer unter einer entsprechenden Höhe zur Auslösung des Reserveschirms.

Anwendungen[Bearbeiten]

Der Fallschirm hat vor allem drei Anwendungen: Rettung, Sport/Hobby und Transport.

Rettung[Bearbeiten]

Bei einem drohenden Absturz eines Flugzeuges (siehe auch Schleudersitz) wird entweder jede Person einzeln oder das gesamte Flugzeug durch den geöffneten Fallschirm bei einem Sturz abgebremst und so vor einem Aufprall geschützt (s. a. Rettungsfallschirm, Gesamtrettungssystem).

Sport/Hobby[Bearbeiten]

Fallschirmspringer

Der Fallschirm wird zur sicheren Landung beim Fallschirmspringen und beim Objektspringen eingesetzt. Dabei kommt es meist weniger auf den Flug am Fallschirm (sog. "Schirmfahrt") an, als auf die vorhergehende Freiflugphase.

Eine Weiterentwicklung des Fallschirms sind die Gleitschirme. Diese sind mit größerer Fläche, verbesserter Steuerung und optimiertem Profil dafür geeignet, Aufwinde zu nutzen und sich wie ein Segelflugzeug über Stunden hinweg in der Luft zu halten. Anders als klassische Fallschirme werden Gleitschirme nicht im freien Fall geöffnet, sondern schon am Boden aufgezogen.

Hängegleiter-, Segelflugzeug- und Gleitschirm-Piloten führen bei ihren Flügen einen Rettungsfallschirm mit, der zum Einsatz kommt, wenn das Fluggerät nicht mehr flugfähig ist.

Modellbau[Bearbeiten]

Auch im Modellbau werden Fallschirme angewandt. Allerdings werden hier im Regelfall einfache Konstruktionen ohne Ersatzfallschirm angewandt. Es sind im Modellbau beispielsweise Bergungsfallschirme von Modellraketen, aber auch Fallschirme zum Abwurf von kleinen Figuren aus Modellflugzeugen, sowie Flächenfallschirme (Gleitfallschirme), die fernsteuerbare propellergetriebene Modelle tragen.

Militär und Transport[Bearbeiten]

US-Fallschirmjäger springen bei einer Übung über Australien ab.
Ein Hilfsschirm zieht eine Palette aus einer Hercules C-130. (Die Lastenfallschirme liegen auf dem Hilfsgut.)
Abgeworfene Hilfsgüter an den sich öffnenden Lastenfallschirmen

Über den Luftweg können durch den Fallschirm auch schwer zugängliche Orte erreicht werden. Für den militärischen Einsatz werden Fallschirmjäger und Spezialeinheiten sowohl im automatischen Sprung aus niedrigen Höhen mit bis heute meist Rundkappenfallschirme eingesetzt. Seit den 1980er Jahren werden Flächenfallschirme für HAHO-Sprünge im Gleiteinsatz aus großen Höhen benutzt. In neuester Zeit auch zwangsausgelöst, so dass eine aufwendige Freifallausbildung entfällt. Einige Spezialeinheiten der Polizei (in Deutschland nur die Grenzschutzgruppe 9 der Bundespolizei) verwenden den Fallschirmsprung zur Luftverlastung für den taktischen Einsatz.

Luftverlastung wird insbesondere zu militärischen Zwecken von Fallschirmjägern durchgeführt, um neben den Soldaten auch Ausrüstung und Fahrzeugen sowie Panzern im Feindgebiet abzusetzen. Auch beim Materialabwurf werden klassisch immer noch Rundkappenfallschirme eingesetzt, weil sie preisgünstig sind. In neuerer Zeit kommen aber auch selbständig gelenkte Last-Gleitfallschirmsysteme wie das Joint Precision Airdrop System zum Einsatz, die über GPS und einen Bordcomputer autonom mit dem Wind ins Zielgebiet gelenkt werden.

Auch einige von Bombern abgeworfene Fliegerbomben hängen an Fallschirmen, etwa die Daisy Cutter. Bei solchen Bomben soll der Fallschirm den Fall und damit die Explosion der Bombe verzögern, um dem abwerfenden Flugzeug ein Verlassen des von der Detonation gefährdeten Bereichs zu ermöglichen. Auf diese Weise können Bomben in geringen Flughöhen abgeworfen werden.


In der Raketentechnik werden Fallschirme zur Bergung ausgebrannter Raketenstufen eingesetzt.

Landung auf anderen Himmelskörpern[Bearbeiten]

Fallschirme können auch außerhalb der Erde zur Reduzierung der Sinkgeschwindigkeit eingesetzt werden, beispielsweise bei der Landung von Sonden auf anderen Planeten oder Monden. Dafür muss jedoch eine Atmosphäre mit einer bestimmten Mindestdichte vorhanden sein, wie etwa auf dem Saturnmond Titan oder auf der Venus. Auf Planeten mit geringer Atmosphärendichte wie dem Mars müssen zusätzlich Airbags oder Bremsraketen eingesetzt werden. Auf Himmelskörpern ohne Atmosphäre wie dem Erdmond können Fallschirme nicht verwendet werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • W.D. Brown: „Parachutes“, Sir Isaac Pitman & Sons Ltd., London 1951
  • W. Gericke: „Das Fallschirmspringen“, Tilia Verlag, Wiesbaden 1962
  • Klaus Heller: „Fallschirmspringen für Anfänger und Fortgeschrittene“, Nymphenburger, München 1981–2008 ISBN 3-485-01636-5
  • S. Ruff, M. Ruck, G. Sedelmayr: „Sicherheit und Rettung in der Luftfahrt“, Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5293-5
  • H. Steiner: „Der Fallschirm“, Verlag Richard Karl Schmidt & Co, Berlin 1931

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Fallschirm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Fallschirme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Lynn White: „The Invention of the Parachute“, in: Technology and Culture, Bd. 9, Nr. 3 (1968), S. 462–467 (466)
  2. a b Lynn White: „The Invention of the Parachute“, in: Technology and Culture, Bd. 9, Nr. 3 (1968), S. 462–467 (462f.)
  3. a b c d Lynn White: „The Invention of the Parachute“, in: Technology and Culture, Bd. 9, Nr. 3 (1968), S. 462–467 (465)
  4. Lynn White: „The Invention of the Parachute“, in: Technology and Culture, Bd. 9, Nr. 3 (1968), S. 462–467 (465f.)
  5. BBC: Da Vinci's Parachute Flies (2000); FoxNews: Swiss Man Safely Uses Leonardo da Vinci Parachute (2008)
  6. Angaben, wonach Veranzio im Alter von 65 Jahren selbst mit seinem Fallschirm vom Campanile in Venedig oder von Martinsdom in Bratislava gesprungen sei, sind eine moderne Sage (vgl. näher im Artikel über Fausto Veranzio).
  7. Catillon, Marcel: Mémorial aéronautique : qui était qui ?. Paris : Nouvelles éditions latines, 1997. – ISBN 2-7233-0529-5. S. 147.
  8.  Einer hatte Liebeskummer. In: Der Spiegel. Nr. 46, 1962, S. 110 (12. Juni 2008, über den Fallschirmfabrikanten Richard Kohnke, online).