Margarete Depner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Margarete Depner in den 30er Jahren

Margarete Depner, geb. Margarete Scherg (* 22. März 1885 in Kronstadt; † 2. September 1970 ebd.), war eine siebenbürgisch-sächsische Bildhauerin, Malerin und Zeichnerin[1] anfangs österreichischer und anschließend rumänischer Staatsangehörigkeit.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten]

Margarete Depner wurde als deutschsprachige Siebenbürger Sächsin am 22. März 1885 in Kronstadt im damals zu Ungarn gehörenden Teil der Habsburgermonarchie geboren, einem multiethischen und multireligiösen Gebiet. Sie war die älteste Tochter von Wilhelm und Julie Scherg, geborene Stenner. Zusammen mit der Schwester Marie (1890-1980) und dem Bruder Wilhelm (1888-1961) wuchs sie in begüterten Verhältnissen auf. Der Vater hatte den Tuchbetrieb seiner Eltern übernommen und das Unternehmen in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts zu dem bedeutendsten Textilbetrieb Siebenbürgens und der zweitgrößten Fabrik Rumäniens umgestaltet. Die Zahl der Beschäftigten schwankte zu dieser Zeit zwischen 1.400 und 1.900 Personen.

1907 heiratete sie Wilhelm Depner. Er hatte in Wien Medizin studiert und engagierte sich in den 20er und 30er Jahren als Regionalpolitiker. Depner führte erfolgreich eine Privatklinik für Chirurgie, Orthopädie und Gynäkologie und baute eine der ersten Röntgenkliniken des Landes auf. 1911 kam Tochter Thea, 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges Tochter Maja, und 1919 nach dem Ersten Weltkrieg Sohn Wilhelm zur Welt. Allen drei Kindern wurde eine gute Ausbildung zuteil. Thea studierte Medizin und setzte als Chefärztin in der kommunistischen Zeit im Spital ihres Vaters sein Erbe fort. Maja wurde Historikerin in Kronstadt und Wilhelm Ingenieur. Mit dem Ende des Krieges war die Habsburgermonarchie zerfallen. In Europa kam es zu neuen Grenzziehungen - so auch in Südosteuropa. Siebenbürgen wurde gleich nach dem Friedensschluss 1918 von Österreich abgetrennt und gehörte ab 1920 endgültig zum Königreich Rumänien.

Selbstporträt, Kohle

Margarete Depner perfektionierte in der Zwischenkriegszeit auch durch autodidakte Studien ihre künstlerischen Kenntnisse und trat durch gesellschaftspolitisches Engagement hervor. Als Vorsteherin des Evangelischen Waisen- und Kinderschutzvereins und als Begründerin eines Tagesheimes für Kinder gingen ihre Tätigkeiten in das Kronstädter Leben ein. Es war die erste Institution dieser Art in Rumänien bei der die Kinder, einer Ganztagesschule mit Nachmittagsbetreuung ähnlich, unter der Aufsicht von Lehrpersonal nach dem Unterricht eine spezielle Förderung erfuhren. Auch wurden am familiären Mittagstisch der Depners immer mehrere bedürftige Kinder verpflegt.

Neben ihrem sozialpolitischen Engagement und ihrer im siebenbürgischen Kontext einzigartigen mäzenatischen Funktion entwickelte sich Margarete Depner in der Zwischenkriegszeit zu einer anerkannten Malerin und Bildhauerin. Der künstlerische Durchbruch gelang ihr 1933 mit einer Gesamtschau ihres Werkes in Kronstadt. Während sie zum fixen Bestandteil der siebenbürgischen Kunstszene avancierte und sich vor allem als eigenständige Bildhauerin profilierte, kam es ab 1933 durch den Aufstieg Hitlers in Deutschland auch in Siebenbürgen zu politischen Machtverschiebungen. Während ein Teil der deutschsprachigen Minderheit im Nationalsozialismus und einer Heimkehr ins Reich neue Hoffnung erblickte, war ein anderer Teil von der Notwendigkeit der Eigenständigkeit der Rumäniendeutschen überzeugt. In der Kunst kam es in formaler Organisation zu Gleichschaltung. Ebenso gelang einigen Kunstschaffenden, so auch Margarete Depner, die Beibehaltung der inhaltlichen Eigenständigkeit.

Die Trauernde I

Als man 1937 die erste Gesamtschau deutscher Künstler und Künstlerinnen in Rumänien in Kronstadt präsentierte, wurde dies klar bemerkt: „Auffallend ist die verwirrende Vielfalt von Stilen, von scharfen Gegensätzen in der geistigen Haltung und in der Ausdrucksweise.“ Auffallend war auch die große Beteiligung von Frauen, ein Drittel der sächsischen Künstler war weiblich. Über Margarete Depners Werke aber meinte man beeindruckt, sie besäßen: „eine ganz seltene Feinnervigkeit und höchste persönliche Kultur.“ Diese „persönliche Kultur“ wird die Grundlage für ihre Unbeeinflussbarkeit durch die NS-Ideologie sein.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ in Rumänien vollkommen neue Rahmenbedingungen. 1948 kam es zu generellen Enteignungen von Besitz und Produktionsmitteln. Dies betraf die Schergsche Tuchfabrik ebenso wie das Depnersche Sanatorium. Die deutschsprachige Bevölkerung, die als faschistisch eingestuft wurde, traf es zusätzlich. Allerorts kam es unter den unterschiedlichsten Deckvorwürfen zu Schikanen. Auch Wilhelm Depner wurde in der Nachkriegszeit dreimal verhaftet. Er genoss jedoch bei den sowjetischen Militärbehörden einen guten Ruf, da er durch seine politische Tätigkeit ab 1933 als Antihitlerist bekannt war. Viele wurden aus Kronstadt zwangsevakuiert. Die Familie Depner beschloss trotz der widrigen Umstände zu bleiben.

Margarete Depner gelang es, als Künstlerin anerkannt zu werden. So konnte sie, obwohl ihr Wohnhaus enteignet war, ein eigenes Zimmer und ein weiteres als Atelier behalten. Wollte sie als Künstlerin arbeiten, musste sie der Gewerkschaft beitreten. Als sie sich 1951 um die Aufnahme in die Künstlervereinigung bewarb, wurde ihr diese für die Abteilung Skulptur gewährt. Nun, in der kommunistischen Ära, erhielt die über Sechzigjährige erstmals in ihrem Leben einen öffentlich anerkannten Status. Erst als Pensionistin hatte sie einen professionellen Titel für ihre lebenslange Berufung erhalten. Obwohl ihr die Kunst als Hilfe gegen die Schwierigkeiten im Alltag galt und ihr das psychische Überleben sicherte, hatte sie doch die Leichtigkeit in ihrem Schaffen verloren. Sie starb am 2. September und wurde auf dem Kronstädter Friedhof an der Seite ihres Mannes unter der von ihr geschaffenen Skulptur, der Kauernden beerdigt.

Fabriksarbeiter II

Die Mäzenin[Bearbeiten]

Die fast ausschließlich protestantische Gesellschaft der Siebenbürger Sachsen war mehr durch spartanischen Puritanismus denn durch großzügige Kunstförderung geprägt. Margarete Depner war diesbezüglich sowohl als Mensch als auch als Frau eine absolute Ausnahme. Sie besaß durch ihre Herkunft ökonomische Potenz, durch ihre Studien einen erlesenen Geschmack, zudem die richtigen Kontakte und in erster Linie Förderungsambitionen. War sie im Alltagsleben eher anspruchslos, so zeigte sie sich bezüglich der Kunst geradezu verschwenderisch. Über die Jahre hinweg hatte sie über hundert Bilder ihrer siebenbürgischen Kollegen und Kolleginnen gesammelt. Aber auch internationale Namen wie Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Richard Boege oder Ernst Barlach waren Teil ihrer Kollektion.

Von allen Genannten besaß sie Werke, von einigen sogar zahlreiche. Eine Liste verzeichnet fünf Bilder von Arthur Coulin, dreiundzwanzig Bilder von Friedrich Miess und vierzehn Werke von Fritz Kimm. Dieser hatte auch einige Auftragsarbeiten von den Familien Scherg und Depner erhalten. Er porträtierte die Eltern, Wilhelm und Juliane Scherg, den Ehemann Dr. Wilhelm Depner im Operationssaal, die Kinder Thea, Maja, Wilhelm und selbst seine Kollegin Margarete Depner beim Zeichnen. Das Ölbild von Wilhelm Scherg wurde nach ihrem Tode 1971 dem Brukenthalmuseum in Sibiu/Hermannstadt verkauft. So verdankt dieses der Privatsammlung Margarete Depners zwei Ölwerke Fritz Kimms. Von Friedrich Miess gelangten ebenfalls Bilder in das Brukenthalmuseum. Auf die gleiche Art und Weise kamen zumindest zwei wichtige Werke Grete Csaki-Coponys in öffentlichen Besitz. Die in Kronstadt geborene Malerin hatte mit ihrem Mann und den Kindern Siebenbürgen 1934 zu Gunsten von Stuttgart verlassen, von wo aus sie über Berlin Karriere machte. In ihrer Heimat sind „Die Dächer im Schnee“, in Hermannstadt/Sibiu dank des sammlerischen Engagements von Margarete Depner nun im Brukenthalmuseum zentraler Bestandteil der permanenten Ausstellung. „Die Dächer im Schnee“ befanden sich zusammen mit acht anderen Bildern im Nachlass von Margarete Depner.

Auch Hans Eder wurde durch Aufträge gefördert. Er malte Dr. Depner im Operationssaal und die Schwägerin Marie Depner mit ihrem Strickstrumpf. Dieses Porträt wurde von der Tochter Margarete Depners, Maja Philippi, 1971 dem Brukenthalmuseum verkauft. Auf die gleiche Art und Weise gelangte seine „Bosporuslandschaft“ in Museumsbesitz. Margarete Depner besaß in ihrer Privatsammlung für das geplante Museumsprojekt zumindest neun Bilder von Hans Eder. Seine „Hochzeit vom Kanaan“ wurde 1983, zum 110. Geburtstag von Dr. Wilhelm Depner von den verantwortungsvollen Erben der Schwarzen Kirche in Kronstadt zum Geschenk gemacht. Dort ist sie durch die großzügige Geste der Erben und Erbinnen im Osten des nördlichen Seitenschiffes, gleichsam als stilles Vermächtnis Margarete Depners an die Nachgeborenen im öffentlichen Raum für alle Interessierten zu besichtigen. Ihre bislang unterschätzte jedoch im Kontext pionierhafte Rolle als Mäzenin wird durch die Widmung des Kronstädter Komponisten Paul Richter besonders unterstrichen. Das Streichquartett Nr. 2 in d-moll versah er mit folgenden Worten: „Der Künstlerin und Förderin der Kunst Frau Margarethe Depner verehrungsvoll zugeeignet vom Componisten. Hermannstadt 1. Februar 1937.“

Tochter Maja V

Ihre Vision war es, ihre private Kunstsammlung in einem eigenen Museum der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Vision wurde durch die politischen Rahmenbedingungen zerstört. Als das Haus nach 1945 durch die Kommunisten enteignet wurde, zogen zahlreiche Mitbewohner und Mitbewohnerinnen in die familiären Räume, was ein eigenes Museum obsolet machte.

Künstlerischer Werdegang[Bearbeiten]

Die Region Siebenbürgen war, bis zur endgültigen Abschottung durch den Eisernen Vorhang, direkt an die gesamteuropäischen Kunstentwicklungen angeschlossen gewesen. Man verfolgte und reflektierte hier die europäischen Trends und entwickelte sie zu eigenständigen Kunstformen weiter. Dennoch waren die Bildungsmöglichkeiten in Siebenbürgen für Mädchen äußerst eingeschränkt. So besuchte Depner bereits zwischen 1901 und 1902 ein Mädchenpensionat in Weimar. Schon bald begann sie zu zeichnen und konnte sogar 1905 eine eigene Schulung bei Professor Wilhelm Jordan in Berlin, der wichtigsten Metropole für zeitgenössische Kunst, durchsetzen. Der Aufenthalt scheint zudem mit der persönlichen Bekanntschaft der von ihr bewunderten Käthe Kollwitz verbunden gewesen zu sein, deren lebensbiographischen und künstlerischen Ähnlichkeiten in ihren frühen Arbeiten, Kohlezeichnungen und Lithographien offensichtlich sind.

Vase mit Apfel, Stillleben

In der Folge fand sie ihre Privatlehrer auch in Kronstadt unter anderem bei Professor Ernst Kühlbrandt (1857-1933). Durch seine gelehrigen Hände waren die meisten siebenbürgischen Künstler und Künstlerinnen gegangen. Sein Zeichenunterricht baute auf exaktes Naturstudium. Arthur Coulin (1869-1912), der in Graz, München, Wien und Rom seine stilistischen Schulungen erhalten hatte und der sowohl durch seine Bilder als auch seine publizierten kunsthistorischen Betrachtungen für die moderne Malerei Siebenbürgens bahnbrechend war, beeinflusste sie in ihren frühen Jahren ebenfalls. Freundschaftliche Beratung kam zudem von Friedrich Miess, Fritz Kimm und Hans Eder. Eder verband mit dem Österreicher Franz Blei eine Freundschaft und zusammen mit Felix Harta hatte er in Wien 1912 eine Malschule eröffnet.

Die politischen Ereignisse zwangen die Familie, im Ersten Weltkrieg nach Budapest zu flüchten. Während am 21. November 1916 Kaiser Franz Joseph in Wien starb und damit auch das Ende der Habsburgermonarchie vorwegnahm, gelang es ihr in Budapest, bei Professor István Réti zahlreiche Zeichenkurse zu belegen. Für die Künstlerin bedeutete dies einen Professionalisierungsschub. Professor Réti hatte in München, Paris und Turin studiert und zählte zu den bedeutendsten Künstlern Ungarns. Er war zudem Mitbegründer der 1896 ins Leben gerufenen Künstlerkolonie von Nagybánya/Baia Mare. Die im heutigen Nord-Rumänien liegende Kolonie genoss großes internationales Ansehen und wurde unter anderem auch von dem österreichischen Maler Richard Gerstl frequentiert. Im Nemzet Szalon fand 1916 ihre erste Ausstellung statt, bei der ein Ölbild prämiert wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg tritt in ihren Arbeiten die Beschäftigung mit sozialengagierten Fragen und den kriegsbedingten Erlebnissen klar zu Tage. Im Spital ihres Mannes hatte Margarete Depner immer wieder Verwundete gepflegt und ihre Beobachtungen ins Zentrum ihres Schaffens gestellt. Die arme Witwe, Mutter und Waisenkind und Die Waisenkinder waren offensichtlich erschütterndes Thema einer krisenhaften Zeit und einer wach beobachtenden Künstlerin. Wie wichtig ihr diese Werke waren, zeigt auch die Tatsache, dass sie als Lithografien auf Postkarten vervielfältigt wurden. Das Thema Die Waisenkinder bearbeitete sie zudem nochmals in Öl. 1919 publizierte sie ihre Arbeiten, so die eines Verwundeten mit Kopfbandagen - der Steinzeichnung und die der Betrogenen einer Lithografie - 1920 - beide in der Kunstzeitschrift Das neue Ziel. Diese Entstehungszeit macht deutlich, dass die zugeschriebene Ähnlichkeit mancher ihrer Grafiken mit jenen von Käthe Kollwitz kaum zufällig sein kann.

Die Trauernde Zentralfriedhof

Margarete Depner traf als fast Vierzigjährige die Entscheidung für die Ölmalerei. Hier setzte sie in den 20er Jahren ihren neuen Schwerpunkt. Zwischen 1925 und 1927 nahm sie in privaten Kunstschulen in München und 1929 in Berlin intensiven Malunterricht. 1930 sollte eine Schau einen Gesamtüberblick über die künstlerische Szene in Kronstadt ermöglichen. Margarete Depner beteiligte sich daran mit zahlreichen Werken der unterschiedlichen Genres. Zur zweidimensionalen Arbeit der Grafik und Malerei war demnach Mitte bis Ende der Zwanziger Jahre die dreidimensionale Bildhauerei getreten. In diesem Genre wird sie zur einzigartigen Pionierin Siebenbürgens, der die Region die Wiederbelebung der Plastik verdankt. Ihre neue Beschäftigung mit der Bildhauerei brachte sie 1931 zu ausführlicheren Studienzwecken nach Deutschland. Ihr Ziel galt dem aus Wien stammenden Bildhauer Josef Thorak, der unter den Nationalsozialisten mit seiner monumentalen Formgestaltung eine besondere Karriere machte. Der Aufenthalt in seinem Atelier dauerte jedoch nur kurz, da sie die Gigantomanie des männlichen Kollegen nicht schätzte. In der Privatschule von Marcel Gimond erhielt sie 1934 in Paris ihre letzte fachliche Fortbildung.

Das Geschwisterpaar

Margarete Depner positionierte sich in den 30er Jahren zunehmend als Bildhauerin und beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen. Sie war jedoch immer wieder mit einer Auswahl ihrer Werke der anderen zwei Genres, der Grafik und Ölmalerei - sowohl bei Ausstellungen in Kronstadt als auch bei den jährlichen Frühlings- und Herbstpräsentationen in Bukarest vertreten. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren entstanden der Großteil ihrer Grafiken und Ölarbeiten und die wichtigsten Skulpturen. Es war dies nicht nur künstlerisch eine äußerst fruchtbare sondern auch beruflich eine erfolgreiche Zeit, die ihr durch zahlreiche Ausstellungen den Durchbruch in die Öffentlichkeit bescherte. Das Ergebnis ihres Tatendranges und der erste Höhepunkt ihres Schaffens mündeten in der großen Präsentation von 1933. Zusammen mit dem Bildhauer Hans Guggenberger und der Kunsthandwerkerin Rieke Morres wurde ihr vielfältiges Werk im Dezember des Jahres in Kronstadt der Öffentlichkeit vorgestellt. Depner war mit einem überzeugenden Querschnitt durch ihr gesamtes bisheriges Schaffen vertreten. Zwölf Plastiken und vierzig Bilder zeigten sie als äußerst vielfältige Künstlerin. Ihre Schau umfasste Arbeiten der letzten zehn Jahre. Nach Aussage ihres Kollegen Friedrich Miess, war es die schönste Schau, die Kronstadt je erlebt hatte. Die zentralen Plastiken Margarete Depners waren die Sinkende, die Trauernde und die Kauernde, lebensgroße weibliche Marmorstatuen. Letztere waren Grabfiguren in Hermannstadt und Kronstadt. Margarete Depner war, soweit bekannt, die erste, die in Siebenbürgen eine Plastik in Lebensgröße geschaffen hatte.

Diese Ausstellung bedeutete ihren Durchbruch und zeigte sie als eine zentrale aber singuläre Repräsentantin der Porträtkunst. Das Arbeiten am Porträt ist eine hohe Kunst, die im Speziellen fordert. Gekonnt hält sie die Balance zwischen Form und Charakter, da sie von sich - der Künstlerin - wie sie sagt, die Freiheit fordert, die Folie der universellen Gesetzlichkeit im Abbild zu erforschen. Als Depner 1933 ihren großen künstlerischen Durchbruch feierte, kam im gleichen Jahr in Deutschland Hitler an die Macht. Sein politischer Aufstieg bedeutete in der Folge ihren Abstieg ins kunsthistorische Vergessen. Rumänien war 1941 an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten. Die siebenbürgische Minderheit sollte durch die mentale Eingliederung ins Deutsche Reich wieder Mehrheitsbewusstsein erhalten und sich anhand ihrer Künstler und Künstlerinnen bei einer Propagandaschau in Deutschland präsentieren. Bereits 1942 wurden in Berlin 120 Werke von 23 Malern, Graphikern und Bildhauerinnen aus den deutschsprachigen Siedlungsgebieten Rumäniens gezeigt. 1944 fand eine zweite große Wanderausstellung deutscher Künstler und Künstlerinnen aus Rumänien statt, bei der nun sogar 28 Kunstschaffende, von denen über ein Viertel weiblich war, mit über 300 Werken Vertretung fanden. Als erste Station der Wanderausstellung fungierte das Künstlerhaus in Wien.

Studie III zu den Drei Generationen

Sie war mit fünf Plastiken vertreten, die sich erfolgreich gegen eine absolute Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ideologie wehrten. Nur ihre Skulptur Sächsisches Bauernmädchen konnte mit seinem hochgebundenen Haarkranz leicht im Sinne einer nationalsozialistischen Frauenideologie verwendet werden. Die anderen Werke, wie die Sinkende oder der Männerkopf entsprachen der Blut und Boden Kunst keineswegs. Die Zeitungen hoben in den Rezensionen in erster Linie die Werke Depners hervor und so las man von der „Sonderstellung der wundervollen Plastiken deren beseelte Menschengestaltung, virtuose Beherrschung des Technischen und charaktervolle Durcharbeitung sich dem Gedächtnis einprägten.“

Die Ausstellung war als Verkaufsschau geplant. In kurzer Zeit hatten vier Fünftel der Werke ihre neuen Besitzer und Besitzerinnen gefunden. Die Sinkende begeisterte zudem den Oberbürgermeister von Stuttgart, der beschloss, sie für die Stadt der Auslandsdeutschen zu erwerben. Lange Zeit war sie nach dem Zweiten Weltkrieg im Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart aufgestellt. Mittlerweile befindet sie sich als Dauerleihgabe der Galerie der Stadt Stuttgart im Siebenbürgen Institut in Gundelsheim. Viele der Arbeiten erreichten in der Folge der Bombardements ihr Ziel Berlin nicht und blieben verschollen. Für Depner bedeutete dies den Verlust einiger ihrer wichtigsten Arbeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war ihr der Weg zu internationalen Ausstellungen versperrt. Die Kunst diente ihr jedoch als Rettungsanker und half ihr, Strategien des psychischen Überlebens zu kreieren. Margarete Depner arbeitete trotz räumlicher Enge kontinuierlich weiter. Der Weg zu internationalen Ausstellungen und damit zu internationalem Renommee war jedoch ab nun durch den Eisernen Vorhang versperrt. Für die deutsche Minderheit war es zusätzlich schwierig, sich im Kunstbetrieb Rumäniens zu behaupten. Die regelmäßig zweimal jährlich in Bukarest organisierten Kunstschauen wurden zwar von dieser beschickt, von dort jedoch wenig beachtet. Grafik und Ölmalerei waren nun im Werk Depners zu Gunsten der Plastik zurückgetreten. Unbeirrt von äußeren Stilvorgaben behielt sie ihre Handschrift und realisierte bis zu ihrem Tod 1970 nur die eigenen Kunstvorstellungen. Bis zum Schluss bot ihr die künstlerische Tätigkeit Trost gegen die Wirklichkeit. Sie half ihr über körperliche Schwächen und seelische Bedrückung hinweg. 1968 notierte sie: „Der Gedanke an eine umfassendere Sonderausstellung in meiner Vaterstadt gibt mir noch ein wenig Arbeitsmut und wäre mein Wunsch, aber nicht meine Hoffnung.“ Der Zukunft erst oblag es, ihr Vermächtnis zu bergen. Über dreißig Jahre blieb ihr bildnerischer Nachlass am Dachboden verborgen, bis er durch Zufall wieder ans Licht kam und in einer eigenen Monographie erstmals 2011 publiziert und in seiner Bedeutung im internationalen Kontext der Klassischen Moderne werden konnte.

Junger Mann mit stilisierten Augen

Bedeutung[Bearbeiten]

Margarete Depner war nicht nur Künstlerin, sondern auch sozial engagierte Wohltäterin, Kunstsammlerin und Mäzenin. Als Frau durchbrach sie den ihr zugeschriebenen Rollenrahmen und profilierte sich erfolgreich als Künstlerin. Dennoch konnte sie eine internationale Positionierung innerhalb der Kunstgeschichte bislang vor allem durch die politischen Rahmenbedingungen ihres Wirkungskreises nicht erlangen. Erst die Wiederentdeckung und Aufbereitung ihres bildnerischen Nachlasses im Jahre 2011 macht eine gebührende Würdigung möglich.

Sie wurde 1885 in Kronstadt als Österreicherin geboren und starb 1970 ebenda als rumänische Staatsbürgerin. Ihr Leben spiegelt die radikalen politischen Einschnitte, die ihr Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort - Kronstadt - zwischen der k.u.k. Habsburgermonarchie über zwei Weltkriege hinweg zum rumänischen Kommunismus erlebte. Die sogenannte Klassische Moderne findet in Siebenbürgen durch das multiethnische Milieu eine spezielle Ausprägung und ist durch Stilpluralismus gekennzeichnet. Sowohl während der historischen Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie als auch später als Teil Rumäniens waren zuerst Hermannstadt/Sibiu und danach Kronstadt/Braşov bedeutende Kunstzentren Siebenbürgens. Hier verfolgte und reflektierte man die europäischen Trends und entwickelte sie zu eigenen Kunstformen weiter.

Männerakt, 120x73,5

Viele der Kunstschaffenden Siebenbürgens verließen allerdings das Gebiet, um im Ausland Berühmtheit zu erlangen. Margarete Depner war eine der ganz wenigen, die bis zu ihrem Tod 1970 in Kronstadt wirkte, was sie ebendeswegen zu einer „Verschollenen“ der Kunstgeschichte machte. Gleichzeitig bewahrte sie sich einen zeitlos erscheinenden Stil, der sich erfolgreich einer ideologisierenden Lesart verweigert. Weder die –ismen der Jahrhundertwende noch die Trends der Zwischenkriegszeit konnten ihre künstlerische Autonomie verformen. Als sensible Chronistin entwickelte Margarete Depner einen einzigartigen Stil, der ihr Werk auch erfolgreich vor der Vereinnahmung nationalsozialistischer oder kommunistischer Gestaltungsdoktrin bewahrte.

Die Frauenbüste

Margarete Depner war Malerin, Grafikerin und Bildhauerin. Sie war, wie es die Hermannstädter Kunsthistorikerin Gudrun Liane Ittu formuliert „eine äußerst facettenreiche Künstlerin. Als Grafikerin, Malerin und Bildhauerin zählt sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der klassischen Moderne Siebenbürgens.“ Im europäischen Kontext kommentiert die Wiener Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber: „Das Ergebnis war ein koloristisch äußerst differenzierter und ansprechender expressiver Realismus, der innerhalb der siebenbürgischen Kunst ein außergewöhnliches und in der mitteleuropäischen ein hohes, qualitatives Niveau erreichte.“

Ihr sichtbares Lebenswerk besteht, abgesehen von den Stillleben und Landschaftsbildern in erster Linie aus Männer-, Frauen- und Kinderporträts oder -Büsten und -Skulpturen. So malt oder gestaltet sie sich nicht in die modischen Kunstzentren der Klassischen Europäischen Moderne, sondern vom regionalen Rand Siebenbürgens her kommend mitten in das Universelle. Als solche formte sie sich zu einer zentralen Repräsentantin der Porträtkunst, die es zwei Dezennien nach dem Fall des Eisernen Vorhanges neu zu entdecken gilt.

Ihr vielfältiges Werk von der Grafik her kommend über die Ölmalerei hin zur Pionierin der Skulptur ist als engagierte Kunst am Menschen zu betrachten. Ihr Schaffen beinhaltete die permanente Suche nach der Wahrheit der Form und des menschlichen Seins. Das gibt ihrem Werk jenen gestalterischen Ausdruck der jenseits der Zeit wirkt obwohl er doch in der Zeit steht. Depners Kunst ist wesentlich, - sie ist gültig! Mit der ihr eigenen Achtsamkeit schuf sie Porträts, die dort zu berühren wagen, wo sich der Anblick zum Durchblick bereit erklärt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Margarete Depner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Lisa Fischer: Wiederentdeckt: Margarete Depner (1885–1970) Meisterin des Porträts der Siebenbürgischen Klassischen Moderne. Wien 2011, S. 9–74, ISBN 978-3-205-78618-4.
  • Gudrun-Liane Ittu: Margarete Depner (1885 - 1970) – eine Porträtkünstlerin par excellence. In: Wiederentdeckt Margarete Depner (1885-1970) Meisterin des Porträts der Siebenbürgischen Klassischen Moderne, Wien 2011, S. 75-104. ISBN 978-3-205-78618-4
  • Sabine Plakolm-Forsthuber: Margarete Depner - Eine wiederentdeckte Malerin der Moderne. In: Wiederentdeckt Margarete Depner (1885-1970) Meisterin des Porträts der Siebenbürgischen Klassischen Moderne, Wien 2011, S. 105-131. ISBN 978-3-205-78618-4
  • Depner, Margarete, „Nichts Neues“ – über Kunst und Künstler... In: Aus Kronstädter Gärten, Kronstadt 1930, hrsg. von Adolf Meschendörfer, S. 184-187.
  • Die Bildhauerin Margarete Depner, Gedicht. In: Meschendörfer, Adolf, Gedichte, Bukarest 1967, S. 75.
  • Myss, Walter, Kunst in Siebenbürgen, Thaur bei Innsbruck 1991
  • Philippi, Maja, 200 Jahre Familie Scherg in Kronstadt. Vom Wollenzieher Michael Schürge zur Tuchfabrik Wilhelm Scherg. In: Siebenbürgisches Archiv, Siebenbürgische Familien im sozialen Wandel, hrsg. von Balduin Herter, Wien 1993, S. 5-152.
  • Restrospectivǎ Margarete Depner, Kronstadt 1975.
  • Richter, O., Gedanken zum 100. Geburtstag der Margarete Depner, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 34. Jg. Folge 3, München 1985
  • Scharffader, Joachim, Sinnvolle Schönheit. Betrachtungen zum bildhauerischen Schaffen Margarete Depners. In: Neuer Weg, 12. November 1966
  • Udrescu, Doina, Deutsche Kunst aus Siebenbürgen in den Sammlungen des Brukenthalmuseums Hermannstadt (1800-1959), Hermannstadt 2003 ISBN 973-0-029008
  • Weiss, Helfried, Ein arbeitsreiches Leben, Margarete Depner zum Gedenken, in: Neuer Weg 15. September 1970
  • Wittstock-Reich, Rohtraut, Erhabene Schönheit in gegenständlicher Form. Vor hundert Jahren wurde die Bildhauerin Margarete Depner geboren, in: Neuer Weg, 23. März 1985

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Walter Myss: Kunst in Siebenbürgen. Thaur bei Innsbruck, 1991, ISBN 3-85373-127-9.