Nördlicher See-Elefant

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Nördlicher See-Elefant
Nördlicher See-Elefant

Nördlicher See-Elefant

Systematik
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Überfamilie: Hundeartige (Canoidea)
Robben (Pinnipedia)
Familie: Hundsrobben (Phocidae)
Gattung: See-Elefanten (Mirounga)
Art: Nördlicher See-Elefant
Wissenschaftlicher Name
Mirounga angustirostris
(Gill, 1866)

Der Nördliche See-Elefant (Mirounga angustirostris) ist eine von zwei Arten der See-Elefanten. Er ist im Ostpazifik an der Küste Nordamerikas von Niederkalifornien bis Alaska und den Aleuten verbreitet, wobei sich die Kolonien der Tiere auf den Bereich der Baja California und der kalifornischen Küste beschränken. Den größten Teil ihres Lebens verbringen die Tiere im Meer, nur zum Fellwechsel und für die dreimonatige Paarungs- und Wurfzeit bilden sie große Kolonien an der Küste und auf vorgelagerten Inseln.

Gemeinsam mit dem noch etwas größeren Südlichen See-Elefanten (Mirounga leonina) zählt der Nördliche See-Elefant zu den größten Arten der Robben und zugleich den größten Raubtierarten. Die Bullen erreichen eine Körpergröße von über vier Metern und ein Gewicht von bis zu 2.500 Kilogramm. Die Weibchen sind deutlich kleiner mit einer Körpergröße von maximal drei Metern und einem Gewicht von 600 bis 800 Kilogramm. Nördliche See-Elefanten ernähren sich in erster Linie von Fischen und Kopffüßern, als potenzielle Fressfeinde spielen vor allem der Schwertwal (Orcinus orca) und der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) eine Rolle.

Nachdem die Tiere aufgrund der starken Bejagung im 19. Jahrhundert fast ausgestorben waren, wurden sie Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten unter Schutz gestellt und haben sich seitdem zahlenmäßig gut erholt. Heute gilt die Art als nicht mehr bedroht, die Bestände werden auf über 170.000 Tiere geschätzt.

Merkmale[Bearbeiten]

Kolonie des Nördlichen See-Elefanten

Die Bullen des Nördlichen See-Elefanten erreichen eine Durchschnittslänge von 3,80 bis 4,10 Meter[1] bei einem Gewicht von etwa 1.800 Kilogramm[2] und eine Maximallänge von 4,20 Meter bei einem Gewicht von 2.500 Kilogramm.[2] Dabei besitzen die Tiere ihr Maximalgewicht bei der Ankunft in der Kolonie im Spätherbst, nachdem sie den Sommer und Herbst weitgehend mit der Nahrungssuche verbracht haben. Während der drei Monate in der Kolonie nehmen sie etwa die Hälfte des Gewichts wieder ab.[2] Die Weibchen sind mit einer durchschnittlichen Körperlänge von 2,80 bis 3,00 Metern und einem durchschnittlichen Gewicht von 600 bis 800 Kilogramm deutlich kleiner als die Männchen.[1] Das Gewicht kann dabei sehr stark schwanken und nach der Geburt können die Weibchen innerhalb der Stillzeit von etwa 25 Tagen die Hälfte ihres Gewichts verlieren.[2]

Vom Südlichen See-Elefanten unterscheidet sich die nördliche Art dadurch, dass sie etwas kleiner ist und die Geschlechtsunterschiede weniger extrem sind; der Rüssel des Männchens ist allerdings im Verhältnis größer (bis 30 cm) als beim Südlichen See-Elefanten.

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten]

Verbreitungsgebiet des Nördlichen See-Elefanten
dunkelblau: Kolonien
hellblau: wandernde Einzeltiere

Der Nördliche See-Elefant lebt im Ostpazifik und im Norden des östlichen Zentralpazifiks. Dabei verbringt er etwa 90 % seiner Lebenszeit im Meer und bildet nur zur Wurf- und Paarungszeit Kolonien an Land, in denen sich eine große Anzahl der Tiere ansammelt.[3] Die Kolonien finden sich entlang der nordamerikanischen Westküste auf mehreren vorgelagerten Inseln und Festlandplätzen von der Baja California, Mexiko, bis Nordkalifornien. Bei den vom Nördlichen See-Elefanten zur Koloniebildung genutzten Küstengebieten handelt es sich um sandige bis steinige oder schlammige Uferregionen und vorgelagerte Inseln.

Insgesamt sind mehr als 15 Kolonieplätze bekannt, wobei Año Nuevo Island in Zentralkalifornien zwischen San Francisco und Santa Cruz eine der größten darstellt. Einige wenige Kolonien werden nördlich von Kalifornien an den Küsten Oregons, Washingtons und des südlichen British Columbia gebildet.[2]

Lebensweise und Ökologie[Bearbeiten]

Paarung des Nördlichen See-Elefanten: Das Bild zeigt ein männliches und ein weibliches Tier sowie ein Jungtier.

Nördliche See-Elefanten verbringen den größten Teil ihres Lebens im Meer, wobei sie nur gelegentlich an der Meeresoberfläche auftauchen. 85 bis 90 % ihres Lebens verbringen sie tauchend unter Wasser. Sie tauchen durchschnittlich bis etwa 500 bis 600 Meter tief, die bekannten Maximaltiefen liegen bei etwa 1.500 Metern. Dabei sind sie in der Lage, bei einem Tauchgang 20 bis 70 Minuten unter Wasser zu verbringen.[3] Im Meer sind sie Einzelgänger und Männchen und Weibchen leben und jagen unabhängig voneinander.[3]

Wanderungen[Bearbeiten]

Die See-Elefanten finden sich zweimal im Jahr in ihren Kolonien ein. Dabei findet die Paarungs- und Wurfzeit vom Dezember bis März statt, später im Jahr kommen die Tiere zudem abhängig von ihrem Alter und Geschlecht zum Pelzwechsel an Land. Danach ziehen sie in den Nordpazifik und den Golf von Alaska. Die erwachsenen Männchen wandern dabei weiter nach Norden und Westen als die Weibchen, wobei einzelne wandernde Tiere auch schon in Japan und auf den Midwayinseln gesichtet wurden.[2]

Ernährung und Wasserhaushalt[Bearbeiten]

Die Nördlichen See-Elefanten ernähren sich von Kopffüßern sowie von Knochen- und Knorpelfischen wie kleinen Haien und Rochen. Sie jagen ihre Beutetiere bei ihren Tauchgängen. Dabei tauchen die Männchen in der Regel bis auf den Meeresboden. Die Weibchen jagen dagegen pelagisch, indem sie vom Meeresboden mehrfach kurz aufsteigen und wieder abtauchen. Entsprechend dieser Jagdmethoden unterscheiden sich die Beutetiere der Männchen und Weibchen. Während die Männchen vor allem benthisch lebende Haie und Rochen erbeuten, ernähren sich die Weibchen vor allem von freischwimmenden Kopffüßern wie Tintenfischen und Kalmaren. Diese unterschiedliche Ernährungsweise wird als Ursache der enormen Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern diskutiert.[3]

Während der Zeit, die die See-Elefanten weitgehend an Land verbringen, nehmen sie keine Nahrung zu sich. Sie gewinnen in dieser Zeit ihre Energie aus den aufgebauten Fettreserven, die sich in ihrem Körper angesammelt haben.[3]

Die Wasseraufnahme erfolgt ausschließlich über die Nahrung und durch den Fettabbau, zugleich sind sie physiologisch auf einen minimalen Wasserverlust angepasst. Ihr Harn ist hochkonzentriert, um einen zu großen Wasserverlust zu verhindern.[3]

Fortpflanzung und Entwicklung[Bearbeiten]

Northern Elephant Seal, San Simeon2.jpg Elephant seals fighting.jpg
Rivalenkämpfe der Bullen des Nördlichen See-Elefanten

Die Paarung erfolgt beim Nördlichen See-Elefanten im Februar. Die Tiere sind polygyn, die Bullen paaren sich also mit mehreren Weibchen. Dabei gibt es eine stark ausgeprägte Rangordnung bei den Männchen, die durch Rivalenkämpfe zum Beginn der Paarungszeit ausgekämpft werden. Jeder dominante Bulle schart eine Gruppe von Weibchen als Harem um sich und paart sich mit diesen. Die weniger dominanten Bullen werden an den Rand der Kolonie gedrängt und versuchen regelmäßig, sich mit den Weibchen zu verpaaren. Hierdurch kommt es zu aggressiven Angriffen von den dominanten Männchen und Kämpfen zwischen den Männchen, um die Kontrolle über den jeweiligen Harem zu erlangen. Versucht ein fremdes Männchen, ein Weibchen eines Harems zu begatten, stößt dieses einen Warnruf aus, der das dominante Männchen anlockt. Wehrt sich das weniger dominante Männchen, kommt es zu teilweise brutalen Rivalenkämpfen, bei denen auch im Umfeld liegende Jungtiere zerdrückt werden können.[3]

Weibchen und Jungtiere in einer Kolonie an der kalifornischen Küste

Wenn sich ein Bulle mit einem Weibchen verpaaren will, legt er eine seiner Brustflossen über das Weibchen, greift es mit den Zähnen im Nacken und beginnt mit der Begattung. Wehrt sich das Weibchen, steigt der Bulle mit seinem schweren Körper auf es, sodass es sich nicht mehr bewegen kann.[3] Die Wahrscheinlichkeit einer jährlichen Schwangerschaft der Weibchen liegt bei etwa 95%.[2]

Nach etwa elf Monaten Tragzeit kommen dann im Januar des Folgejahres die Jungen zur Welt. Dabei wirft jedes Weibchen nur ein Junges. Die neugeborenen Jungtiere sind etwa 1,25 Meter lang mit einem Gewicht von 30 bis 40 Kilogramm. Die Jungen werden in einem langen und wolligen schwarzen Pelz aus Lanugohaar geboren, das sie nach 4 bis 5 Wochen verlieren. Danach erhalten sie das typische kurze Fell der ausgewachsenen Tiere.[2]

Die Jungtiere werden etwa 25 Tage lang gestillt, danach verlassen die ausgewachsenen Tiere die Kolonien, während die Jungen erst im April oder Mai die Küsten verlassen. Die Weibchen erreichen die Geschlechtsreife nach etwa 2 Jahren, die Männchen erst nach 7 bis neun Jahren. Das durchschnittliche maximale Lebensalter der Männchen beträgt etwa 14 Jahre, das der Weibchen etwa 21 Jahre.[2]

Fressfeinde und Parasiten[Bearbeiten]

Der Weiße Hai stellt neben dem Schwertwal den Hauptfressfeind der See-Elefanten dar.

Zu den Fressfeinden der See-Elefanten gehören vor allem der Schwertwal (Orcinus orca) sowie große Hai-Arten, insbesondere der Weiße Hai (Carcharodon carcharias). Letzterer ist vor allem aufgrund der großen Robbenkolonien an der Westküste Kaliforniens vergleichsweise häufig. Die Haie jagen in der Regel junge See-Elefanten, wenn diese in den ersten Jahren in die Kolonien zurückkehren. Sie patrouillieren dabei in der Regel in Meerestiefen von sieben bis zehn Metern und attackieren die an der Wasseroberfläche schwimmenden Robben von unten auftauchend.[2]

Aufgrund ihrer Größe und pelagischen Lebensweise sind Weibchen einem größeren Räuberdruck ausgesetzt als die Männchen. Sie entgehen diesem Druck dadurch, dass sie vor allem in küstenferneren Gebieten auf Nahrungssuche gehen, in denen weniger Prädatoren leben, während die Männchen auch in küstennahen Gebieten mit großer Prädatorendichte leben können.[3]

Taxonomie und Systematik[Bearbeiten]

Gemeinsam mit dem Südlichen See-Elefanten bildet der Nördliche See-Elefant die Gattung Mirounga.

Der Nördliche See-Elefant wurde 1866 von Theodore Gill unter dem wissenschaftlichen Namen Macrorhinus angustirostris erstmals wissenschaftlich beschrieben. John Edward Gray hatte allerdings bereits 1827 die Gattung Mirounga für den Südlichen See-Elefanten beschrieben und bezeichnete den Nördlichen See-Elefanten 1871 als Morunga angustirostris. In die Gattung Miorunga ordnete Daniel Giraud Elliot im Jahr 1904 auch erstmals die nördliche Art ein. Wilhelm Peters ordnete den Nördlichen See-Elefanten der Gattung Cystophora zu und stellte ihn damit in die direkte Verwandtschaft der Klappmütze (Cystophora cristata) und Lionel Walter Rothschild beschrieb ihn 1910 als Unterart und Nominatform des Südlichen See-Elefanten und bezeichnete ihn als Miorunga leonina leonina.[1]

Gemeinsam mit dem Südlichen See-Elefanten bildet der Nördliche See-Elefant die Gattung Mirounga, die den Hundsrobben zugeordnet wird. Die Position innerhalb der Hundsrobben ist unklar und wurde regelmäßig diskutiert. So stellte King 1983 die noch heute oft zitierte Theorie auf, dass die See-Elefanten am engsten mit den Mönchsrobben verwandt seien und beide besonders ursprüngliche Vertreter der Hundsrobben darstellten. Hingegen konnten Bininda-Emonds und Russell 1996 keine Anhaltspunkte für eine so dichte Verwandtschaft finden, bestätigten aber die basale Stellung der See-Elefanten im System der Hundsrobben.[4]

Der Gattungsname Mirounga leitet sich von „miouroung“ ab, der Bezeichnung für Südliche See-Elefanten in einer Sprache der australischen Aborigines. Der Artname angustirostris leitet sich von den lateinischen Wörtern „Angustus“ für „schmal“ und „rostris“ für „Schnauze“ ab.[1]

Bedrohung und Schutz[Bearbeiten]

Der Nördliche See-Elefant war ursprünglich lückenlos entlang der Westküste Nordamerikas von Alaska bis zur Baja California verbreitet. Im 19. Jahrhundert setzte die massenhafte Abschlachtung der Tiere ein, da man ihren Tran kommerziell nutzen wollte. Jedes Jahr fielen Tausende See-Elefanten den Jägern zum Opfer, so dass man die nördliche Art der See-Elefanten letztlich für ausgestorben hielt. Eine einzige winzige Herde von weniger als hundert Tieren hatte auf der mexikanischen Insel Guadalupe überlebt. Als diese entdeckt wurde, wurde die Art unter Schutz gestellt. In den 1930er Jahren gingen erstmals See-Elefanten zur Paarung auf den kalifornischen Channel Islands an Land. Inzwischen gibt es die Art wieder auf zahlreichen der Küste vorgelagerten Inseln nordwärts bis zu den Farallon-Inseln, außerhalb der Paarungszeit sogar bis Vancouver Island.

Am Pacific Coast Highway zwischen Los Angeles und San Francisco stellen die See-Elefanten an bestimmten Stellen heute wieder eine Touristenattraktion dar und es können größere Kolonien von speziellen Aussichtspunkten am Point Piedras Blancas beobachtet werden. Die dort 1990 angesiedelte Kolonie hat sich inzwischen (2010) auf mehr als 15.000 Tiere vergrößert. Die Bestände nehmen jährlich um etwa 15 % zu, so dass man den Nördlichen See-Elefanten nicht mehr für ernsthaft gefährdet hält. Allerdings hat die zwischenzeitliche Beinahe-Ausrottung zu einer extremen genetischen Einheitlichkeit aller Individuen geführt (genetischer Flaschenhals), die bei veränderten Bedingungen für die Art von Nachteil sein könnte.

Aufgrund des großen Verbreitungsgebietes und derzeit fehlenden ernsthaften Gefährdungen stuft die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) die Art als „nicht gefährdet“ (Least concern) ein.[2]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d  Brent S. Stewart, Harriet S. Huber: Mirounga angustirostris. In: Mammalian Species. 449, 1993, S. 1–10 (Volltext (PDF-Datei; 1,27 MB)).
  2. a b c d e f g h i j k Mirounga angustirostris in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2011.2. Eingestellt von: C. Campagna (IUCN SSC Pinniped Specialist Group), 2008. Abgerufen am 9. April 2012
  3. a b c d e f g h i Karen Warburton: Mirounga angustirostris im Animal Diversity Net. Abgerufen am 9. April 2012.
  4. Olaf R.P. Bininda-Emonds, A.P. Russell: A morphological perspective on the phylogenetic relationships of the extant phocid seals (Mammalia: Carnivora: Phocidae). In: Bonner zoologische Monographien 1996, Bd. 41.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Brent S. Stewart, Harriet S. Huber: Mirounga angustirostris. In: Mammalian Species. 449, 1993, S. 1–10 (Volltext (PDF-Datei; 1,27 MB)).
  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. Johns Hopkins University Press, 1999, ISBN 0-8018-5789-9
  • Judith E. King: Seals of the World. Cornell University Press, 1983, ISBN 0-8014-1568-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mirounga angustirostris – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien