Neue Linke/Nuova Sinistra

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Neue Linke/Nuova Sinistra
Listenzeichen-Neue-Linke-Nuova-Sinistra-1978.png
Parteiobmann Alexander Langer (Spitzenkandidat)
Gründung 1978
Auflösung 1983
Landtagsmandate
1/35
(1978–83)
Parlamentsabgeordnete
0/630
(1978–83)
Senatoren
0/315
(1978–83)
Ausrichtung interethnisch, antielitär

Die Neue Linke/Nuova Sinistra (NL/NS) war eine parteiunabhängige Wahlliste aus dem Umfeld der Südtiroler 68er-Bewegung, die sich 1978 auf Betreiben des späteren Spitzenexponenten der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament, Alexander Langer, formiert hat. Sie war von 1978 bis 1983 im Südtiroler Landtag vertreten.

Geschichte[Bearbeiten]

Die NL/NS entstand wenige Monate vor den Südtiroler Landtagswahlen vom November 1978 infolge eines Gründungsaufrufs in der Südtiroler Volkszeitung. Die von Alexander Langer lancierte Initiative nahm dabei wesentlich Bezug auf den tragischen Tod des Literaten Norbert C. Kaser, der im August 1978 31-jährig als sozialer und politischer Außenseiter verstorben war.

Das Projekt der Listengründung erreichte in kurzer Zeit eine relative Breitenwirkung, da sich im Verlauf der 1970er-Jahre SüdtirolerInnen der 68er-Generation bereits im außerparlamentarischen Raum organisiert hatten. Das einigende Moment bildeten dabei die erstmals erfolgten Versuche innerhalb der Südtiroler HochschülerInnenschaft, des Südtiroler Kulturzentrums und regionalen Ablegern staatsweit agierender Gruppen wie Lotta Continua und Democrazia Proletaria, in Südtirol bestehende Trennungslinien zwischen deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Bevölkerungsteilen zu überwinden.

Die Landtagsliste der NL/NS umfasste zehn deutsch- und 17 italienischsprachige, parteiunabhängige KandidatInnen. Damit war sie die erste und bis dato einzige politische Oppositionsbewegung in Südtirol, die weder als Abspaltung der dominanten Südtiroler Volkspartei (SVP) entstanden war, noch als Ableger einer staatsweiten italienischen Partei fungierte, wenngleich der Wahlkampf der NL/NS vom italienischen Partito Radicale rund um den Bürgerrechtler und damaligen Parlamentsabgeordneten Marco Pannella finanziell unterstützt worden war.

Die NL/NS erreichte 3,65 Prozent der WählerInnenstimmen und für ihren Spitzenkandidaten Alexander Langer eines der insgesamt 34 Landtagsmandate. Eine für 1981 geplante Mandatsrotation zu Gunsten des italienischsprachigen Listenexponenten Luigi Costalbano erfolgte mit mehrmonatiger Verzögerung und stand am Beginn sich abzeichnender politischer Divergenzen. Während Costalbano mit Ende der Legislaturperiode 1983 aus der Landespolitik ausschied, erweiterte Alexander Langer die Mehrheitsströmung innerhalb der NL/NS für einen zweiten Wahlantritt inhaltlich und personell zur Alternativen Liste für das andere Südtirol (ALFAS), die sich gegen Ende der 1980er-Jahre als grün-alternative Liste langfristig in der regionalen Parteienlandschaft behaupten konnte.

Inhaltliche Schwerpunkte[Bearbeiten]

Die NL/NS verstand sich ursprünglich als antielitäre Protestbewegung gegen die praktizierte politische Kultur der langjährigen regionalen Regierungskoalitionen zwischen Südtiroler Volkspartei (SVP) und Democrazia Cristiana (DC). Sie inspirierte sich dabei wesentlich an der sogenannten Neuen Linken aus dem bundesdeutschen Raum sowie den italienischen Arbeiter-, Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen sozialistischer wie katholischer Prägung.

Anlässlich der gesamtstaatlichen Volkszählung im Jahr 1981 und der damit verbundenen Einführung des ethnischen Proporz formulierte die NL/NS wesentliche Kritikpunkte an der institutionellen Trennung der Sprachgruppen, die mit der Verabschiedung des Zweiten Autonomiestatuts für Südtirol im Jahr 1972 verfassungsrechtlich verankert worden waren. Das von Alexander Langer geprägte Kulturverständnis der "Interethnizität" regte als Alternative eine stärkere Zusammenarbeit über die Sprachgrenzen hinweg an und propagierte in diesem Sinn eine juridische Weiterentwicklung der Südtirolautonomie vom sprachgruppenbasierten Minderheitenschutz in Richtung einer zivilgesellschaftlich getragenen, regionalen Selbstverwaltung.

Die Kritik der NL/NS am ethnischen Proporz begründete ein zentrales Identifikationsmoment der alternativen Bewegung in Südtirol, trat nach dem Tod Alexander Langers Mitte der 1990er-Jahre innerhalb der Südtiroler Grünen zu Gunsten ökologischer Themen jedoch stark in den Hintergrund. Die umfassende Proporz-Debatte, die weitgehend von den Argumenten Langers angeregt und später von verschiedenen sozialen Gruppen weitergetragen worden war, führte Jahrzehnte später zu einer leichten Lockerung der ursprünglich eingeführten Rechtsbestimmungen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Gatterer: "rote milben im gefieder." Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol, StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2009, ISBN 978-3-7065-4648-5.
  • Marina Rizzo: Neue Linke/Nuova Sinistra. Un movimento interetnico in Sudtirolo, Diplomarbeit, Bologna 1987/88.