Oriya-Schrift

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Oriya
Die Silbe ka in Oriya
ka in Oriya
Verbreitungsgebiet von Oriya
Schrifttyp Abugida
Sprachen Oriya
Verwendet in Orissa
Abstammung Protosemitisches Alphabet
 → Phönizische Schrift
  → Aramäische Schrift
   → Brahmischrift
    → Oriya
Besonderheiten Gehört zur indischen Schriftenfamilie.
Unicodeblock

U+0B00–U+0B7F

ISO 15924 Orya

Die Oriya-Schrift (ଉତ୍କଳ ଲିପି Utkala Lipi oder ଉତ୍କଳାକ୍ଷର Utkalakshara) ist eine Abugida, die zu den nordindischen Schriften gehört. Sie leitet sich von der Brahmi-Schrift her und wird verwendet in Indien (Bundesstaat Orissa). Die früheste bekannte Inschrift in dieser Schrift stammt aus dem Jahr 1051.

Mit der Oriya-Schrift wird auch eine Anzahl von Minderheitensprachen im Bundesstaat Orissa geschrieben.

Textbeispiel[Bearbeiten]

(Bidhu Bhusan Das Gupta und Bimbadhar Das: Oriya Self-Taught, Calcutta 1967)

Oriya Text.gif

Übersetzung (nach Das Gupta and Das)

In einem Dorfe lebte ein alter Mann mit Namen Chandrasekhar. Er hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Shashibhusan, der jüngere Charubhusan. Charubhusan verlor seinen Vater, als er erst eineinhalb Jahre alt war. Daher liebte ihn seine Mutter sehr. Sein älterer Bruder war sieben oder acht Jahre älter als er. Während also Shashibhusan zur Schule ging, verbrachte Charubhusan die Zeit nur mit Spielen.

„Oṛiyā is encumbered with the drawback of an excessively awkward and cumbrous written character. ... At first glance, an Oṛiyā book seems to be all curves, and it takes a second look to notice that there is something inside each.“

G.A. Grierson: Linguistic Survey of India, 1903

Besonderheiten[Bearbeiten]

Die Oriya-Schrift ist eine Abugida. Sie gehört zum indischen Schriftenkreis. Näheres zur Typologie indischer Schriften und zur alphabetischen Anordnung siehe unter Indischer Schriftenkreis.

Sanskrit-Text in verschiedenen Schriften geschrieben: «Das Shiva segnete, die Sprache der Götter.» (Kalidasa).

Oriya-Alphabet[Bearbeiten]

Unter den Oriya-Zeichen ist die lateinische Transliteration nach ISO 15919 und in eckigen Klammern die phonetische IPA-Transkription angegeben.

Vokale[Bearbeiten]

Oriya Vowels.gif

Konsonanten[Bearbeiten]

Oriya Konsonanten.gif

Virama und Vokaldiakritika[Bearbeiten]

Wie in anderen Abugidas haben die Konsonantenzeichen der Oriya-Schrift einen inhärenten Vokal. Er wird als〈a〉transliteriert und [ɔ] ausgesprochen. Seine Abwesenheit wird graphisch mit Hasanta (Virama) markiert:

Oriya Halant.gif

Für die anderen Vokale werden Vokaldiakritika benutzt:

Oriya Matras.gif

Die Vokaldiakritika können mit den Konsonantenzeichen mehr oder weniger stark verschmelzen. In modernen Drucken werden solche Ligaturen seltener verwendet.

Oriya VowelLig1.gif Oriya VowelLig2.gif

Konsonantenligaturen[Bearbeiten]

Die Oriya-Schrift bildet zwei Typen von Konsonantenligaturen. Der nordindische Typ wird durch Verschmelzen von zwei oder mehr Konsonanten gebildet analog den meisten nordindischen Schriften wie z.B. Devanagari. Beim südindischen Typ werden die Konsonanten übereinander angeordnet wie in den Schriften für Kannada und Telugu (und teilweise auch Malayalam). Die folgende Tabelle zeigt die gebräuchlichsten Ligaturen. (Ihre Anzahl kann von Font zu Font variieren.)

Oriya ConsLig.gif

Sonderformen für〈ẏa〉und〈ra〉[Bearbeiten]

〈ẏa〉und〈ra〉als Komponenten einer Ligatur erhalten Sonderformen. Als letztes Glied werden sie zu Oriya yvat.gif und Oriya rvat.gif.

Oriya yrLig.gif

〈ra〉am Anfang einer Ligatur wird zu Oriya Reph.gif ("Repha") und wie in anderen indischen Schriften ans Ende der Schreibsilbe verschoben (siehe unter Indischer Schriftenkreis).

Oriya RephLig.gif

Mehrdeutige Zeichen / Verwechslungsmöglichkeiten[Bearbeiten]

Viele Oriya-Zeichen kann man leicht miteinander verwechseln. Das erhöht die Schwierigkeiten beim Erlernen der Schrift.

Um diese Verwechslungsmöglichkeiten zu vermindern, wird in einigen Fällen ein kleiner Schrägstrich am unteren rechten Ende des Zeichens als Diakritikum hinzugefügt. Es gleicht dem Hasanta (Virama), wird jedoch mit dem Buchstaben verbunden, während Hasanta unverbunden bleibt. Bildet ein Konsonant eine Vokalligatur, bei der sein unteres rechtes Ende verändert wird, so wird der kleine Schrägstrich in eine andere Position verschoben. Das gilt auch für Konsonantenligaturen, die diesen Schrägstrich enthalten (siehe Tabelle der Konsonantenligaturen).

Oriya Dia1.gif

Einige Ligaturkomponenten und Varianten von Vokaldiakritika haben wechselnde Funktionen:

Oben offene Konsonanten erhalten als Variante des Diakritikums für〈i〉am unteren Ende ein Häkchen:

Oriya Dia2.gif

Dasselbe Häkchen wird in einigen Konsonantenligaturen zur Bezeichnung von〈t〉als erster Komponente verwendet:

Oriya Dia3.gif

Die untergeschriebene Form von〈ch〉wird auch für〈th〉verwendet:

Oriya Dia4.gif

Die untergeschriebene Form von〈bh〉dient auch als Diakritikum für verschiedene Zwecke:

Oriya Dia 5 de.gif

Die untergeschriebenen Formen von〈ṇ〉und〈tu〉sind fast identisch:

Oriya Dia6.gif

Das Nasalierungszeichen〈ṁ〉kann auch als Diakritikum in anderer Funktion verwendet werden:

Oriya Dia7 de.gif

Oriya-Ziffern[Bearbeiten]

Oriya Digits.gif

Vergleich der Oriya-Schrift mit ihren Nachbarn[Bearbeiten]

Auf den ersten Blick legt die große Anzahl von Zeichen mit runden Formen nahe, dass die Oriya-Schrift näher mit ihrem südlichen Nachbar Telugu verwandt sein könnte als mit den Nachbarn Bengali im Norden und Devanagari im Westen. Der Grund für die runden Formen im Oriya und Telugu (und ebenso im Kannada und Malayalam) ist die frühere Schreibmethode, bei der man die Zeichen in ein Palmblatt einritzte. Dabei mussten horizontale Striche vermieden werden, um das Blatt nicht zu beschädigen.

So wurde die horizontale Linie über den meisten Devanagari- und Bengali-Zeichen im Oriya zu einem Bogen. Daher findet man beim Lesen der Oriya-Schrift die distinktiven Teile der Buchstaben meist relativ klein unter dem großen Bogen. Wenn man dies berücksichtigt, erkennt man aus den folgenden Tabellen deutlich eine engere Verwandtschaft mit Devanagari und Bengali. Allerdings haben alle hier dargestellten Schriften denselben Ursprung, die Brahmi-Schrift.

Vokale[Bearbeiten]

Oriya VowelComp.gif

Konsonanten[Bearbeiten]

Oriya ConsComp.gif

Vokaldiakritika[Bearbeiten]

Oriya MatraComp.gif

Die Behandlung von〈e〉〈ai〉〈o〉〈au〉im Oriya erfolgt wie im Bengali, Malayalam, Singhalesisch, Tamil, Grantha und auch in SO-asiatischen Schriften wie Birmanisch, Khmer und Thai, sie unterscheidet sich jedoch deutlich von Devanagari, Gujarati, Gurmukhi, Kannada, Telugu und Tibetisch.

Oriya in Unicode[Bearbeiten]

Unicode kodiert die Oriya-Schrift im Unicodeblock Oriya im Codebereich U+0B80–U+0B7F.

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F
B00
B10
B20
B30 ି
B40
B50 ଡ଼ ଢ଼
B60
B70 ୿

Literatur[Bearbeiten]

  • Don Matson: Introduction to Oriya. II Oriya Writing; East Lansing (Michigan State University) 1971
  • Tripathi Kanjabihari: The Evolution of Oriya Language and Script; Cuttack (Utkal University) 1962
  • Elvira Friedrich: Einführung in die indischen Schriften. Teil 2: Gujarati, Gurmukhi, Bengali, Oria. Buske, Hamburg 2002, ISBN 978-3-87548-219-5

Weblinks[Bearbeiten]