Abgeordnetenhauswahl in Tschechien 2010

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Parlamentswahl in Tschechien 2010
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Sitzverteilung
     
Von 200 Sitzen entfallen auf:
Wahlunterlagen für die Parlamentswahl in der Tschechischen Republik 2010

Die Parlamentswahl in Tschechien 2010 fand am 28. und 29. Mai 2010 statt. Bei der Wahl wurden die Mitglieder des Abgeordnetenhauses neu bestimmt.

Ausgangssituation[Bearbeiten]

Die Regierung unter Premierminister Mirek Topolánek (ODS) war am 24. März 2009 durch ein Misstrauensvotum gestürzt worden. Sie wurde am 8. Mai 2009 von einer Übergangsregierung unter Jan Fischer (parteiloser Beamter) abgelöst. Die Fischer-Regierung bildet sich aus hohen Beamten, von denen die Hälfte von der ČSSD und die andere Hälfte von der letzten Regierung (ODS, KDU-ČSL und Grüne) bestimmt worden war. Zunächst wurden vorgezogene Wahlen für den 9. und 10. Oktober 2009 festgelegt.[2] Am 10. September 2009 verwarf das Verfassungsgericht das Verfassungsgesetz zur Durchführung der vorgezogenen Wahl ins Abgeordnetenhaus als verfassungswidrig. Die bereits in Vorbereitung befindliche Wahl am 9. und 10. Oktober wurde damit gestoppt. Als neuer Termin wurde der 28. und 29. Mai 2010 festgelegt, der der letzte mögliche Termin der regulären Wahlperiode war.[3]

Wahlsystem[Bearbeiten]

Das Abgeordnetenhaus wurde nach dem Verhältniswahlverfahren gewählt. Es gab eine Sperrklausel von 5 %. Die Legislaturperiode betrug 4 Jahre.

Teilnehmende Parteien und Wahlschätzungen[Bearbeiten]

Wahlkampfplakat der ODS in Brünn

Als Favorit galt die sozialdemokratische ČSSD.[4] Zu den letzten Regionalwahlen im Herbst 2008 konnten in 13 der 14 Regionen die Sozialdemokraten die Oberhand gewinnen. Umfragen zwischen Januar und April 2010 sahen die ČSSD um die 30 % (Tendenz fallend), die bürgerlich demokratische ODS zwischen 20 und 25 % (Tendenz fallend), die kommunistische KSČM und die konservative TOP 09 jeweils zwischen 10 und 15 % und die auf direkte Demokratie ausgerichtete Mitte-Partei Věci veřejné seit Januar stark zunehmend, im Mai 2010 zuletzt um 10 %. Um die Fünfprozenthürde bzw. kurz darunter lagen die christdemokratische Volkspartei KDU-ČSL, die grüne SZ (beides Mitglieder der Regierung Topolánek) und die neugegründete links-zentristische Kleinpartei SPOZ um den ehemaligen Ministerpräsidenten Miloš Zeman.[5][6][7][8]

Der Vorsitzende der ČSSD Jiří Paroubek hatte im Vorfeld angekündigt, eine Minderheitsregierung zu bevorzugen.[9] Zur letzten Wahl im Jahr 2006 war ein Vorhaben einer Minderheitsregierung unter Duldung der kommunistischen KSČM gescheitert.[10]

Umfragen[Bearbeiten]

Umfragen (in %)
Umfrageperiode ODS TOP 09 KDU-ČSL VV SZ ČSSD KSČM SPOZ
Mai 2010 [11] 19,0 14,0 3,5 11,5 4,5 30,5 13,0 2,0
April 2010 [12] 22,5 11,5 4,0 9,0 4,0 30,0 13,0 3,0
März 2010 [13] 25,5 10,0 4,5 7,0 4,5 32,0 12,0 3,0
Februar 2010 [14] 20,5 12,5 5,0 6,0 5,0 33,0 14,5 2,0
Januar 2010 [15] 25,5 13,0 7,0 4,0 6,0 28,0 12,0 1,5
Dezember 2009 [16] 24,0 13,5 4,0 4,5 4,5 34,0 12,5
November 2009 [17] 26,5 12,0 5,0 3,5 4,0 34,5 11,0
Oktober 2009 [18] 16,0 14,0 5,5 1,5 4,0 32,0 15,0
September 2009 [19] 28,5 12,5 6,0 3,0 3,0 32,0 12,0
August 2009 [20] 31,0 9,5 5,0 1,5 3,0 33,0 13,5
Juni 2009 [21] 35,0 2,0 6,5 5,5 30,0 16,0
Mai 2009 [22] 29,0 6,5 7,0 38,0 15,0
Wahl 2006 35,4 7,2 6,3 32,3 12,8

Wahlergebnis[Bearbeiten]

Stärkste Partei nach Bezirk:
  • ČSSD (Sozialdemokraten)
  • ODS (Liberalkonservative)
  • TOP 09 (Konservative)
Wahlbeteiligung nach Bezirk (Prag-West 71,69 %, Sokolov 50,89 %)

Sieger der Parlamentswahl wurde zwar die sozialdemokratische ČSSD, allerdings mit deutlich weniger Stimmen, als von den Prognosen vorhergesagt. Die bürgerliche ODS und die kommunistische KSČM erreichten in etwa ihre Erwartungen. Daneben zogen die neu gegründeten TOP 09 (die ein Bündnis u.a. mit Starostové a nezávislí einging) und VV ins Parlament ein. Die zuletzt in einer gewählten Regierung vertretenen KDU-ČSL und SZ verfehlten die Fünfprozenthürde ebenso wie die neu gegründete SPOZ. Aufgrund des schlechten Abschneidens der ČSSD, der KDU-ČSL, der SZ und der SPOZ traten die jeweiligen Parteichefs dieser vier Parteien zurück.[23][24]

Ergebnis der Parlamentswahl in Tschechien 2010
Partei Stimmen Mandate
Anzahl  % +/− Anzahl +/−
Tschechische Sozialdemokratische Partei (ČSSD) 1.155.267 22,08 −10,24 56 −18
Demokratische Bürgerpartei (ODS) 1.057.792 20,22 −15,16 53 −28
Tradition, Verantwortung, Wohlstand (TOP 09) 873.833 16,70 +16,70 41 +41
Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (KSČM) 589.765 11,27 −1,54 26
Öffentliche Angelegenheiten (VV) 569.127 10,88 +10,88 24 +24
Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei (KDU-ČSL) 229.717 4,39 −3,33 −13
Partei der Bürgerrechte (SPOZ) 226.527 4,33 +4,33
Souveränität – Jana Bobošíková Block (SBB) 192.145 3,67 +3,67
Partei der Grünen (SZ) 127.831 2,44 −3,85 −6
Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit (DSSS) 59.888 1,14 +1,14
Tschechische Piratenpartei (ČPS) 42.323 0,80 +0,80
Partei der freien Bürger (Svobodní) 38.894 0,74 +0,74
Rechter Block (PB) 24.750 0,47 +0,09
Bürger.cz 13.397 0,25 +0,25
Moravané (M) 11.914 0,22 −0,01
Konservative Partei (KONS) 4.232 0,08 +0,08
Tschechische Krone ("KČ") 4.024 0,07 −0,06
STOP 3.155 0,06 +0,06
Koalition für die Republik – Republikanische Partei der Tschechoslowakei (SPR-RSČ) 1.993 0,03 −0,12
Tschechische Nationalsozialistische Partei (ČSNS 2005) 1.371 0,02
Schlüsselbewegung (KH) 1.099 0,02 +0,02
Humanistische Partei (HS) 552 0,01
Europäisches Zentrum (ES) 522 0,00
Tschechische Nationalsoziale Partei (ČSNS) 295 0,00
Liberale Reformpartei (LIB) 260 0,00
Nationaler Wohlstand (NP) 186 0,00
Gesamt 5.230.859 100,00 200
Gültige Stimmen 5.230.859 99,37
Ungültige Stimmen 32.963 0,63
Wahlbeteiligung 5.263.822 62,60
Wahlberechtigte 8.415.892 100,00
Quelle: Tschechisches Statistisches Amt[1]

Anstelle der erwarteten Links-Regierung begannen kurz nach der Wahl Gespräche zur Bildung einer Mitte-Rechts-Regierung.[23][24] Nachdem sich die Bildung einer stabilen Koalition aus ODS, TOP 09 und VV abgezeichnet hatte, ernannte Staatspräsident Václav Klaus am 28. Juni 2010 den Vorsitzenden der ODS, Petr Nečas, zum neuen Ministerpräsidenten und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung.[25] Die gebildete Regierung Petr Nečas überstand trotz einer anfangs recht breiten Mehrheit die Legislaturperiode nicht. Die VV trat im April 2012 aus der Regierung aus, wobei die Abspaltung LIDEM – liberální demokraté ihr zunächst noch die Mehrheit sicherte. Nachdem Regierungschef Petr Nečas jedoch im Juni 2013 zurücktrat und sich im Zusammenhang mit der Bildung der Nachfolgeregierung Jiří Rusnok abzeichnete, dass es nach diversen Fraktionsaustritten und -ausschlüssen keine stabile Mehrheit mehr für ein Regierungsbündnis im Parlament gab, löste sich das Abgeordnetenhaus mit 140 zu 7 Stimmen (von 200 Abgeordneten) am 20. August 2013 selbst auf und machte den Weg frei für vorgezogene Neuwahlen.[26]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Offizielles Wahlergebnis 2010 Tschechisches Statistisches Amt (Englisch)
  2. Parlamentswahlen am 9. und 10. Oktober derStandard.at, 1. Juli 2009
  3. Czechs to go to polls in general elections on last weekend of May Radio Praha, 5. Februar 2010 (Englisch)
  4. Übersicht der Wahlvorhersagen Lidovky.cz (Tschechisch)
  5. Wahlschätzung Januar bis April 2010 STEM auf novinky.cz (Tschechisch)
  6. Wahlschätzungen bis April 2010 CVVM (Tschechisch)
  7. Wahlschätzungen bis April 2010 (PDF; 1,2 MB) Median (Tschechisch)
  8. Wahlschätzung Januar bis April 2010 Factum Invenio auf Novinky.cz (Tschechisch)
  9. ČSSD prý do koalice s komunisty nepůjde, říká Paroubek Lidovky.cz (Tschechisch)
  10. Parlament lehnt neues Kabinett ab SPIEGEL ONLINE, 3. Oktober 2006
  11. Umfrage 05/2010 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  12. Umfrage 04/2010 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  13. Umfrage 03/2010 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  14. Umfrage 02/2010 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  15. Umfrage 01/2010 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  16. Umfrage 12/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  17. Umfrage 11/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  18. Umfrage 10/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  19. Umfrage 09/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  20. Umfrage 08/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  21. Umfrage 06/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  22. Umfrage 05/2009 CVVM, PDF-Dokument (Tschechisch)
  23. a b Mehrheit für Mitte-Rechts-Lager Schweizer Radio DRS, 30. Mai 2010
  24. a b Parteichefs treten zurück STERN.DE, 30. Mai 2010
  25. Klaus ernennt Necas als neuen Ministerpräsidenten FAZ, 28. Juni 2010
  26. Radio Prag - Tschechisches Abgeordnetenhaus macht Weg frei für Neuwahlen. radio.cz. 20. August 2013. Abgerufen am 1. Februar 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Parlamentswahlen in der Tschechischen Republik 2010 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien