Pentagon-Papiere

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Ausschnitt aus den Pentagon-Papieren zur Dissidentenproblematik in Indochina 1950

Die Pentagon-Papiere (englisch United States-Vietnam Relations, 1945–1967: A Study Prepared by the Department of Defense, kurz Pentagon Papers) sind ein ehemals geheimes Dokument des US-Verteidigungsministeriums. Die partielle Veröffentlichung der Pentagon-Papiere 1971 durch die New York Times deckte die gezielte Irreführung der US-amerikanischen Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg durch alle Präsidenten von Harry S. Truman bis Richard Nixon auf. Die Bevölkerung erfuhr, dass entgegen vielen Beteuerungen beteiligter Präsidenten der Krieg schon lange vorher geplant war und die Sicherung der Demokratie in Südvietnam nicht das eigentliche Ziel war. Die Veröffentlichung gelang nur gegen den Widerstand der Regierung aufgrund der Entscheidung des höchsten US-Gerichtes und trug wesentlich zur Beendigung des Krieges bei.

Am 13. Juni 2011, zum 40. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Auszügen der Dokumente, legte die US-Regierung die Pentagon-Papiere vollständig offen.[1]

Vorgeschichte und Veröffentlichung[Bearbeiten]

Die USA hatten nach Beendigung des Engagements Frankreichs in Indochina zunehmend Militärberater nach Südvietnam geschickt, aber über viele Jahre immer wieder geleugnet, dort selbst Krieg führen zu wollen.

1964 wurde mit der Vortäuschung eines Angriffs Nordvietnams im Golf von Tonkin (Tonkin-Zwischenfall) bei der amerikanischen Bevölkerung die Bereitschaft zum Krieg erzeugt. Umgehend wurden massiv Truppen ins Land verlegt und ein Krieg begonnen, der trotz ständigen Abwiegelns durch die Regierung immer mehr ausgeweitet wurde und schließlich zu den größten und folgenschwersten Flächenbombardements seit dem Zweiten Weltkrieg führte.

Daniel Ellsberg 2006

Daniel Ellsberg, der als hochrangiger Mitarbeiter im Verteidigungsministerium an den Vorarbeiten gerade auch des Bombenkrieges beteiligt war, bekam Kontakt zur Friedensbewegung und zu Aktivisten, die bereit waren, für ihre Überzeugung Jahre ins Gefängnis zu gehen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann er den Vietnamkrieg kritisch zu sehen.

Das 7000-seitige Dokument wurde im Sommer 1971 von Ellsberg unter Mithilfe seiner Kinder kopiert und – nach Versuchen der US-Regierung, die Pressefreiheit einzuschränken – von der New York Times und der Washington Post in Teilen publiziert. An einem Band schrieb auch der spätere US-Diplomat und Regierungs-Sonderbeauftragte für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, mit.

Die Veröffentlichung der Auszüge enthüllte Beweise dafür, dass bereits Kriegsvorbereitungen getroffen worden waren, als US-Präsident Johnson noch behauptete, nicht in Vietnam intervenieren zu wollen. Außerdem sollte der Vietnamkrieg trotz großer Verluste auf amerikanischer Seite weitergeführt werden.

Die Pentagon-Papiere selbst wurden im Auftrag des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara ab 1967 erstellt. Ziel war es, die Entwicklung hin zum Indochina-Krieg aus politischer und militärischer Sicht zu dokumentieren. Der offizielle Titel des Berichtes lautete „Report of the Office of the Secretary of Defense Vietnam Task Force“.[1] Autoren des Berichts, Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten, des State Department und des Weißen Hauses, blieben anonym.

Als die New York Times am 13. Juni 1971 begann, die Geschichte zu drucken, versuchte die US-Regierung unter Nixon mit allen Mitteln, eine weitere Veröffentlichung zu verhindern. Zu seinem Berater Kissinger sagte Nixon unter anderem: “Let’s get the son-of-a-bitch in jail!” („Bringt diesen Hurensohn [Anm.: gemeint ist Daniel Ellsberg] hinter Gitter!“).[2]

Einen Tag später besprachen Nixon und Justizminister John Mitchell das weitere Vorgehen und kamen zu dem Ergebnis, vor einem Bundesgericht Klage gegen die New York Times zu erheben. Aus „Gründen der nationalen Sicherheit“ sollte eine weitere Veröffentlichung der Dokumente verhindert werden und es gelang der Regierung erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten, die Berichterstattung einer Zeitung per Gerichtsbeschluss zu unterbinden.[2]

Am 18. Juni begann, auf Drängen Ellsbergs, die Washington Post ebenfalls mit einer Publikation der Papiere. Auch diese Veröffentlichung sollte nach einem Anruf William Rehnquists, des stellvertretenden Justizministers, verhindert werden. Jedoch verweigerte dies die Washington Post konsequent, so dass beide Gerichtsverhandlungen schließlich vor dem Obersten Gerichtshof der USA verhandelt wurden. In einer 6:3-Entscheidung wurden die Veröffentlichungsverbote als nicht verfassungsgemäß aufgehoben. In dem Grundsatzurteil des obersten Gerichts legten die Richter fest, dass das Geheimhaltungsinteresse des Staates an von Whistleblowern gelieferten geheimen Regierungsdokumenten im Zweifelsfall hinter dem Interesse der Öffentlichkeit und der Pressefreiheit zurückstehen müsse. Einer der Richter schrieb dazu, unter Bezug auf die durch die Pentagon-Papiere aufgedeckte Desinformation der Öffentlichkeit durch die US-Regierung:

“Only a free and unrestrained press can effectively expose deception in government. And paramount among the responsibilities of a free press is the duty to prevent any part of the government from deceiving the people and sending them off to distant lands to die of foreign fevers and foreign shot and shell.”

„Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann effizient Täuschungen durch die Regierung aufdecken. Und über allen Verantwortlichkeiten einer freien Presse steht die Pflicht, jeglichen Teil der Regierung daran zu hindern, die Menschen zu betrügen und in ferne Länder zu schicken, um an fremdländischen Krankheiten und fremdländischen Kugeln und Granaten zu sterben.“[3]

Nach der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere engagierte sich Ellsberg weiterhin politisch. Nach den Enthüllungen des Watergate-Skandals 1973 wurde sein Verfahren wegen unerlaubten Besitzes und Diebstahls von Staatsgeheimnissen wegen juristischer Verfahrensfehler eingestellt. Die Pentagon-Papiere waren nicht zuletzt Anlass für die Verabschiedung des Freedom of Information Act, der Zivilpersonen auf Anfrage Einblick in US-Regierungsdokumente ermöglicht.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Pentagon-Papiere wurden gemeinsam von Mitarbeitern des Außen- und des Verteidigungsministeriums erstellt. Die Dokumente bestehen aus mehreren Einzeldarstellungen, die umfassend und offen alle Aspekte des Indochina-Engagements der USA beschreiben. Dies reicht von der unverfänglichen Darstellung der politischen Beziehungen zu Ländern Asiens bis hin zu Methoden und Strategien der Geheimdienste zur Beeinflussung politischer Verhältnisse und kriegerischer Auseinandersetzungen.

Kontext[Bearbeiten]

In den 1970er Jahren wurde eine ganze Reihe von Veröffentlichungen durch Whistleblower und Nachrichtenmedien getätigt, die auch im Zusammenhang mit dem zunehmend unpopulärer gewordenen Vietnamkrieg und dem Aufbegehren der Bevölkerung gegenüber dem Staat zu betrachten sind: 1971 belegte beispielsweise die gestohlenen Dokumente der Citizens' Commission to Investigate the FBI die Operation COINTELPRO, zudem erschütterte 1973 die Watergate-Affäre die Öffentlichkeit — in der Summe wurde so der Weg für die Installation des Church Committees geebnet.

Hauptartikel: Church Committee

Presse[Bearbeiten]

Die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere wurde durch die Weltpresse wie folgt kommentiert:[4]

  • „Die von Robert McNamara in Auftrag gegebene geheime Vietnam-Studie ist der Traum eines Historikers und der Alptraum eines Staatsmannes.” Newsweek, New York
  • „Nicht wider Willen und schicksalhaft, sondern zielstrebig und provokativ, von Kommunismus-Angst besessen, haben drei Präsidenten der USA ihr Land in den Vietnamkrieg geführt – das wies Amerikas Presse vier Wochen lang durch Auszüge aus der Vietnam-Studie des Pentagon nach.” Spiegel,[5] Hamburg
  • „Die New York Times riskiert damit, dass sie die Konsequenzen tragen muss. In jedem Fall wird sie mit den Ehren des Krieges daraus hervorgehen.” Le Monde, Paris
  • „ein Beamter oder Journalist der Sowjetunion, der vertrauliche Dokumente der Regierung an die Öffentlichkeit brächte, würde sich eine sehr strenge Strafe zuziehen.” NZZ, Zürich
  • „Dann aber, wenn politische Ziele, Sensationslust oder auch nur die Kassa den Blick auf das Gemeinwohl trüben, schaufeln solche Meinungsmacher sich selbst und der Freiheit, die sie fordern, das Grab.” Die Presse, Wien
  • „In Amerika wird die Bewältigung der jüngsten Vergangenheit allmählich zur Vollbeschäftigung […]
    Der Hochmut, der in den Redaktions- und Studierstuben residiert, verliert jedes Maß und entbehrt aller Fähigkeit zur Selbstkritik, weil er den Korrektiven des demokratischen Prozesses entnommen ist, dem sich die von ihm Angegriffenen unterwerfen müssen […]
    Es ist weit gekommen mit dem Missbrauch der Pressefreiheit und mit der Dekadenz des journalistischen Berufsethos, wenn Amerikas einflußreichste und geachtetste Tageszeitung in der Verfolgung ihrer politischen Ziele vor dem offenen Geheimnisverrat nicht mehr zurückschreckt […]
    Die Verzerrung des Begriffs Pressefreiheit treibt seltsame Blüten. In ihrem Namen darf der Propagandamaschine Moskaus und Hanois Material geliefert werden, das ihre Mühlen schrecklich fein mahlen werden.”
    Die Welt, Hamburg
  • „Die sozialistische Literaturzeitung Literaturnaja Gaseta vermutet, dass hinter der Veröffentlichung der Vietnam-Dokumente handfeste Interessen rivalisierender Industrien in den Vereinigten Staaten stehen. Die Wochenzeitung berichtet, die Zeitungen, die Auszüge aus der Vietnam-Studie des Pentagon veröffentlichten, hätten engste Beziehungen zu Konsumgüterindustrie und zur Rüstungsproduktion für strategische Waffen, die beide von der Fortsetzung des Vietnamkrieges nicht profitieren.” AP , Moskau.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hannah Arendt: Die Lüge in der Politik. Überlegungen zu den Pentagon-Papieren. In: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. (englisches Original 1971) Piper, München 2013, ISBN 978-3-492-30328-6, S. 7–43.
  • Neil Sheehan (Hrsg.): The Pentagon Papers as published by the New York Times. Quadrangle Books, New York 1971.
deutsch: Die Pentagon-Papiere: die geheime Geschichte des Vietnamkrieges. Droemer-Knaur, München 1971, ISBN 3-426-00271-X.
  • Daniel Ellsberg: Papers on the War. (1972) Simon & Schuster, 2009, ISBN 9781439193761.
  • Daniel Ellsberg: Secrets. A Memoir of Vietnam and the Pentagon Papers. Viking Penguin, New York NY 2002, ISBN 0-670-03030-9.
  • David Rudenstine: The Day the Presses Stopped. A History of the Pentagon Papers Case. University of California Press, 1996/98, ISBN 0-520-08672-4. (Buchauszug online)

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b National Archives and Records Administration: Pentagon Papers
  2. a b Filmdokumentation: Der gefährlichste Mann in Amerika - Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere (USA 2009, 91 min.), Regie: Judith Ehrlich, Rick Goldsmith
  3. NEW YORK TIMES CO. v. UNITED STATES, 403 U, S. 713 (1971)
  4. Die Zitate sind der deutschen Ausgabe von The Pentagon Papers as published by the New York Times. entnommen.
  5. Spiegel Ausgabe 29/1971: Vietnam: Der fünfte Plan – die Wende? http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43176802.html