Daniel Ellsberg

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Daniel Ellsberg brachte 1971 die geheimen Pentagon-Papiere über das Fehlverhalten mehrerer US-Regierungen während des Vietnamkriegs als Whistleblower an die Öffentlichkeit. Er sieht die 2013 bekannt gewordenen Geheimdienst-Überwachungsprogramme als Verstoß gegen die US-Verfassung an.

Daniel „Dan“ Ellsberg (* 7. April 1931) ist ein US-amerikanischer Ökonom, Friedensaktivist[1] und ehemaliger Whistleblower über rechtswidrige Handlungen des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten und des Weißen Hauses. Durch seine Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papiere wurde 1971 die jahrelange Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit über wesentliche Aspekte des Vietnamkriegs aufgedeckt. Unter anderem waren die wirklichen Kriegsziele von mehreren US-Regierungen in Folge gezielt falsch dargestellt worden.[2][3]

Die Veröffentlichung der Dokumente durch die New York Times wurde von der Regierung verboten. Der anschließende Rechtsstreit ging bis vor das oberste Gericht der USA und führte zu einem Grundsatzurteil, in dem die Veröffentlichung erlaubt und die Pressefreiheit gestärkt wurde. Ellsberg wurde dennoch wegen Spionage angeklagt, ihm drohten 115 Jahre Haft. Der Prozess platzte, als ein von der Nixon-Regierung veranlasster Einbruch von Geheimdienstmitarbeitern in die Praxis von Ellsbergs Psychiater und seine illegale Überwachung bekannt wurden. Er ist bis heute politisch aktiv und kritisierte unter anderem massiv den Irakkrieg der USA. Im Juni 2013 bezeichnete er die Veröffentlichungen zum PRISM-Überwachungsprogramm von Edward Snowden als die „wichtigsten in der Geschichte der USA“, Snowden würde die Bürger vor der „Vereinigten Stasi von Amerika“ schützen.[4] Ellsberg ist, zusammen mit Snowden und anderen, Mitglied im Board of Directors der Freedom of the Press Foundation.

Leben[Bearbeiten]

Videointerview mit Daniel Ellsberg in der Universität Roskilde, Oktober 2004 (engl.)

Daniel Ellsberg wuchs in Detroit auf und besuchte die Cranbrook School (die heutige Cranbrook Kingswood School) in Bloomfield Hills (Michigan). Im Jahr 1952 erlange Ellsberg den Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University, studierte danach am King's College an der Universität Cambridge und schloss das Studium in Harvard 1959 mit der Promotion ab. Eine von ihm umfassend herausgearbeitete Anomalie der Entscheidungstheorie ist nach ihm benannt, das Ellsberg-Paradoxon (1961). Nach seiner Verwendung als Offizier in der US-Marineinfanterie von 1954 bis 1957 übernahm er den Posten eines Analysten bei der RAND Corporation. Ab 1964 arbeitete der damals bekennende Antikommunist unter Verteidigungsminister Robert S. McNamara im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten.

Anschließend war er zwei Jahre als ziviler Mitarbeiter des US-Außenministeriums in Vietnam. Dort erkannte er, dass der Vietnamkrieg für die USA nicht zu gewinnen war. Außerdem beobachtete er, dass dies nahezu jeder im Verteidigungsministerium wusste, es jedoch aus karrierebezogenen und politischen Gründen niemand öffentlich zugab. Im Widerspruch dazu erklärte McNamaras Stab in offiziellen Mitteilungen an die Presse, dass der Vietnamkrieg schnell und ohne große Verluste vorbeigehen bzw. die USA und das mit ihnen verbündete Südvietnam siegen würden.

Die Veröffentlichung der geheimen „Pentagon-Papiere“[Bearbeiten]

Der von CIA- und FBI-Mitarbeitern bei einem Einbruch aufgebrochene Aktenschrank des Psychiaters von Ellsberg steht heute im Smithsonian Museum. Der Einbruch war von Präsident Nixon autorisiert, der sich davon Material aus Ellsbergs Krankenakte erhoffte, mit dem dieser in der Öffentlichkeit diskreditiert werden sollte.

In seiner Zeit bei der RAND Corporation hatte Ellsberg Zugang zu geheimsten Papieren des Pentagons („Pentagon-Papiere“), die die Rolle der Präsidenten von Truman über Kennedy bis Johnson bezüglich ihrer Haltung zum Vietnamkonflikt dokumentierten, und die oft in krassem Widerspruch zu den offiziellen Veröffentlichungen standen. Er kopierte 47 Ordner mit insgesamt 7000 Seiten Dokumenten[5] und trug sie zunächst der New York Times, dann der Washington Post an. Als die New York Times am 13. Juni 1971 begann, die von Ellsberg gelieferten Dokumente abzudrucken – die die jahrelange gezielte Täuschung[2] der Öffentlichkeit über wesentliche Aspekte des Vietnamkriegs offenlegten –, versuchte die US-Regierung unter Präsident Nixon mit allen Mitteln, eine weitere Veröffentlichung zu verhindern. Zu seinem Berater Kissinger sagte Nixon unter anderem: “Let’s get the son-of-a-bitch in jail!” (deutsch: „Lasst uns den Hurensohn [Anm.: gemeint war Ellsberg] hinter Gitter bringen!“)[6] Nach drei veröffentlichten Folgen der „Papers“ in der New York Times ließ Nixon weitere Zeitungsberichte verbieten – ein bis dahin einmaliger Fall von Zensur in der US-Geschichte. Ellsberg gab die Dokumente an 18 andere Zeitungen. Auch diesen wurde die Veröffentlichung verboten. Der Streit ging bis vor den Obersten Gerichtshof (Supreme Court), der die Veröffentlichung per Grundsatzurteil am Ende erlaubte.[7] Ellsberg wurde trotzdem als Spion nach dem Espionage Act von 1917 angeklagt. Ihm drohten 115 Jahre Haft. Der Prozess platzte allerdings, als herauskam, dass Nixon Ellsberg hatte ausspähen lassen und einem Einbruch in die Praxis von Ellsbergs Psychiater zugestimmt hatte – man hatte sich erhofft, in Ellsbergs Patientenakte Belastendes über ihn zu finden, das zu seiner Diskreditierung hätte eingesetzt werden können.[8] Mit dieser illegalen Operation war dasselbe Team von ehemaligen und aktiven FBI- und CIA-Agenten betraut worden, das ein Jahr später in den Watergate-Gebäudekomplex einbrach und den gleichnamigen Skandal lostrat, der Nixon 1974 das Amt kostete.[2] Auch diese politische Affäre wurde durch einen Whistleblower an die Öffentlichkeit gebracht, den hochrangigen FBI-Mitarbeiter Mark Felt, dessen Identität die Washington-Post-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein allerdings bis 2005 geheim hielten.

In dem betreffenden Grundsatzurteil des obersten Gerichts legten die Richter fest, dass das Geheimhaltungsinteresse des Staates an von Whistleblowern gelieferten geheimen Regierungsdokumenten im Zweifelsfall hinter dem Interesse der Öffentlichkeit und der Pressefreiheit zurückstehen müsse. Einer der Richter schrieb dazu, unter Bezug auf die durch die Pentagon-Papiere aufgedeckte Desinformation der Öffentlichkeit durch die US-Regierung:

“Only a free and unrestrained press can effectively expose deception in government. And paramount among the responsibilities of a free press is the duty to prevent any part of the government from deceiving the people and sending them off to distant lands to die of foreign fevers and foreign shot and shell.”

„Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann effizient Täuschungen durch die Regierung aufdecken. Und über allen Verantwortlichkeiten einer freien Presse steht die Pflicht, jeglichen Teil der Regierung daran zu hindern, die Menschen zu betrügen und in ferne Länder zu schicken, um an fremdländischen Krankheiten und fremdländischen Kugeln und Granaten zu sterben.“[7]

Nach der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere engagierte sich Ellsberg weiterhin politisch. Nach den Enthüllungen des Watergate-Skandals 1973 wurde sein Verfahren wegen unerlaubten Besitzes und Diebstahls von Staatsgeheimnissen wegen juristischen Verfahrensfehlern eingestellt. Die Pentagon-Papiere waren nicht zuletzt Anlass für die Verabschiedung des Freedom of Information Act, der Zivilpersonen auf Anfrage Einblick in US-Regierungsdokumente ermöglicht. Ellsberg hält bis heute weltweit Vorträge über aktuelle Ereignisse, etwa über das Vorgehen der US-Regierung im Irak, wofür er von der Regierung George W. Bush heftig kritisiert wurde. In den letzten Jahren arbeitete Ellsberg am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Daniel Ellsberg tritt entschieden für die Whistleblower-Plattform WikiLeaks ein.[9] Er äußerte dazu, dass es nicht die Enthüllungen, sondern „Schweigen und Lügen“ seien, wodurch Menschen in Gefahr gebracht würden.[10]

Kampf gegen den National Defense Authorization Act 2012[Bearbeiten]

Mit dem National Defense Authorization Act 2012 wurden Befugnisse des Militärs ausgeweitet, amerikanische Bürger und Ausländer auf Verdacht zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren. Der NDAA sollte es dem Militär erlauben, mutmaßliche (wissentliche oder unwissentliche) Unterstützer von al-Qaida, Taliban oder verbundener Kräfte ohne Beweise auf unbestimmte Zeit zu inhaftieren. Nachdem Ellsberg mit mehreren Prominenten, darunter Noam Chomsky, Naomi Wolf, Birgitta Jonsdottir, Chris Hedges, Kai Wargalla, einem Veranstalter von „Occupy London“ und Alexa O’Brien, einer der Organisatorinnen der New Yorker Aktivistengruppe „US Day of Rage“, erhebliche Bedenken gegen das geplante Gesetz geäußert hatten, berief sich auch die Richterin Katherine Bolan Forrest in ihrer 68-seitigen Begründung auf die Einwände der Aktivisten, Wissenschaftler und Politiker und stoppte es mit einer einstweiligen Verfügung.[11][12]

Kritik am PRISM-Programm der US-Regierung: „United Stasi of America“[Bearbeiten]

Nachdem durch Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden im Juni 2013 das groß angelegte Überwachungsprogramm PRISM des Geheimdiensts NSA bekannt geworden war, äußerte sich Ellsberg dazu äußerst kritisch:[13]

“Snowden’s whistleblowing gives us a chance to roll back what is tantamount to an ‘executive coup’ against the US constitution.”

„Snowdens Whistleblowing gibt uns die Chance, etwas zurückzudrängen, was gleichbedeutend mit einem ‚Putsch der Regierung‘ gegen die US-Verfassung ist.“

Ellsberg betitelte einen Artikel im britischen Guardian über die Affäre mit der Zeile: Edward Snowden: Saving us from the United Stasi of America und schrieb darin, dass seit den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Entwicklung eingesetzt habe, die die Bill of Rights außer Kraft setze, für die Menschen 200 Jahre lang gekämpft hätten. Insbesondere seien der vierte und fünfte Zusatzartikel der US-Verfassung, die die Bürger vor unbegründetem Eindringen der Regierung in ihr Privatleben schützen, praktisch aufgehoben worden. Die Behauptung von Präsident Obama, all dies sei legal, sei „Nonsens“, und dass führende Politiker des US-Kongresses angeblich eingeweiht gewesen seien und zugestimmt hätten, mache umso deutlicher, wie „kaputt“ (broken) das System der Kontrolle der Regierungsmacht durch das Volk (Checks and Balances) sei. Offensichtlich seien die USA heute kein Polizeistaat – wenn jedoch ein weiterer Anschlag wie 9/11 komme oder eine breite Antikriegsbewegung wie die gegen den Vietnamkrieg, dann fürchte er um den Bestand der Demokratie. Diese Kräfte seien „extrem gefährlich“ (extremely dangerous).[13]

Die von Ellsberg in diesem Zusammenhang genannte Bürgerbewegung gegen den Vietnamkrieg war von FBI und CIA mit den weitgehend illegalen[14][15] geheimen Programmen Operation CHAOS und COINTELPRO in großem Stil überwacht, manipuliert, diskreditiert und unterdrückt worden.[16][17]

Ellsberg trat im Video "Stop Watching US" auf.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Secrets: A Memoir of Vietnam and the Pentagon Papers. Viking, New York 2002, ISBN 0-670-03030-9.
  • Ich erkläre den Krieg. Vietnam – Der Mechanismus einer militärischen Eskalation. Hanser, München 1982, ISBN 3-446-11725-3.
  • Risk, Ambiguity and Decision. Neuauflage. Routledge, London 2001, ISBN 0-8153-4022-2.

Filme[Bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten]

Die US-amerikanische Rock-Band Bloodrock widmete Ellsberg auf ihrem Album „Passage“ von 1972 den Song „Thank You Daniel Ellsberg“.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Daniel Ellsberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMarc Pitzke: US-Bürgerrechtsaktivist Ellsberg: "Obama täuscht die Öffentlichkeit". In: Spiegel Online. 13. Juni 2010, abgerufen am 22. Juli 2013.
  2. a b c Marc Pitzke: „Pentagon Papers“: Washington beichtet letzte Vietnam-Lügen. In: Spiegel Online. 9. Juni 2011, abgerufen am 17. Juni 2013.
  3. Dietmar Ostermann: Krieg und Lügen. In: Berliner Zeitung. 18. Juni 2011, abgerufen am 17. Juni 2013.
  4. Daniel Ellsberg: Edward Snowden: saving us from the United Stasi of America. In: The Guardian. 10. Juni 2013, abgerufen am 17. Juni 2013.
  5. Lena Bopp: War er der gefährlichste Mann Amerikas? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 21. April 2010.
  6. Filmdokumentation: Der gefährlichste Mann in Amerika - Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere (USA 2009, 91 min.), Regie: Judith Ehrlich, Rick Goldsmith
  7. a b NEW YORK TIMES CO. v. UNITED STATES, 403 U, S. 713 (1971). In: FindLaw. Abgerufen am 22. Juli 2013.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatEgil Kroh: The Break-In That History Forgot. In: The New York Times. 30. Juni 2007, abgerufen am 22. Juli 2013.
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDen alten Whistleblower freuts. In: Tages-Anzeiger. 7. Dezember 2010, abgerufen am 26. Dezember 2010.
  10. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWikileaks: View of man behind Pentagon Papers leak. In: BBC World Service. 30. November 2010, abgerufen am 26. Dezember 2010.
  11. Glenn Greenwald: Federal court enjoins NDAA. auf: Salon.com, 16. Mai 2012, gesehen am 17. Mai 2012.
  12. Bob Van Voris, Patricia Hurtado: Military Detention Law Blocked by New York Judge. In: Bloomberg-News. 17. Mai 2012, gesehen am 18. Mai 2012.
  13. a b Daniel Ellsaberg: Edward Snowden: saving us from the United Stasi of America. The Guardian, 10. Juni 2013.
  14. Brian Glick: War at Home: Covert Action Against U.S. Activists and What We Can Do About It. South End Press, 1989, ISBN 0-89608-349-7.
  15. Athan G. Theoharis, John S. Cox: The Boss: J. Edgar Hoover and the Great American Inquisition. Temple University Press. 1988.
  16. Racism, Repression, and Resistance: COINTELPRO Then and Now: 40 years since the FBI and Chicago police assassinated Fred Hampton. Veranstaltung des Center for Constitutional Rights, 3. Dezember 2009.
  17.  James C. Harrington: (Un)abhängige Justiz. Die Gerichtsverfahren um Fethullah Güllen im Zuge der Demokratisierung der Türkei. Main-Donau-Verlag, 2012, ISBN 978-3-944206-05-9, S. 38 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Whistleblower: Preisverleihung bei vdw-ev.de, abgerufen am 27. Februar 2012.
  19. Daniel Ellsberg: The Inaugural Ridenhour Courage Prize. bei ridenhour.org, abgerufen am 8. August 2012.