Pflegebedürftigkeit
Pflegebedürftigkeit bezeichnet einen Zustand, in dem eine wegen Krankheit oder Behinderung eingeschränkte Person ihren Alltag dauerhaft nicht selbstständig bewältigen kann, und deshalb auf Pflege oder Hilfe durch andere angewiesen ist.
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Definition im deutschen Recht der Pflegeversicherung und der Sozialhilfe [Bearbeiten]
Pflegebedürftig sind nach § 14 Abs. 1 SGB XI bzw. § 61 SGB XII Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen.
Krankheit oder Behinderung [Bearbeiten]
Der Hilfebedarf muss durch eine Krankheit oder Behinderung verursacht sein. Das sind Regelwidrigkeiten (Schädigungen) des Stütz- und Bewegungsapparates, der inneren Organe oder des Zentralnervensystems.
Verrichtungen des täglichen Lebens [Bearbeiten]
Der Hilfebedarf muss sich auf die gewöhnlichen und regelmäßigen Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens beziehen. Die Verrichtungen werden abschließend in § 14 Abs. 4 SGB XI bzw. § 61 Abs. 5 SGB XII aufgezählt und werden in die vier Bereiche Körperpflege, Ernährung, Mobilität und hauswirtschaftliche Versorgung unterteilt.
| Körperpflege | Ernährung | Mobilität | hauswirtschaftliche Versorgung |
|---|---|---|---|
| Waschen, Duschen, Baden, Zahnpflege, Kämmen, Rasieren, Darm- oder Blasenentleerung |
mundgerechtes Zubereiten oder Aufnahme der Nahrung |
selbständiges Aufstehen und Zu-Bett-Gehen, An- und Auskleiden, Gehen, Stehen, Treppensteigen oder Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung |
Einkaufen, Kochen, Reinigen der Wohnung, Spülen, Wechseln und Waschen der Wäsche und Kleidung oder das Beheizen. |
Hilfebedarf für andere Verrichtungen wird im Rahmen der Pflegebedürftigkeit nicht berücksichtigt. Er kann unter Umständen, wenn er einen erheblichen Bedarf an allgemeiner Beaufsichtigung und Betreuung zur Folge hat (eingeschränkte Alltagskompetenz), zu einem besonderen Leistungsanspruch führen.
Formen der Hilfe [Bearbeiten]
Die Hilfe besteht in der Unterstützung, in der teilweisen oder vollständigen Übernahme der Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens oder in der Beaufsichtigung oder Anleitung mit dem Ziel der eigenständigen Übernahme dieser Verrichtungen.
Unterstützung bedeutet, den Hilfebedürftigen durch die Bereitstellung sächlicher Mittel in die Lage zu versetzen, die Verrichtung selbst durchführen, etwa das Bereitstellen eines Rollators zum Gehen oder von Wasser zum Waschen oder der Kleidungsstücke zum Anziehen.
Teilweise oder vollständige Übernahme bedeutet, dass die Pflegeperson die Verrichtung teilweise oder ganz übernimmt, soweit sie der Hilfebedürftige nicht selbst ausführen kann.
Bei der Beaufsichtigung geht es um die Sicherheit beim konkreten Handlungsablauf oder um die Kontrolle, dass die Verrichtung in der erforderlichen Art und Weise ausgeführt wird.
Anleitung bedeutet, dass die Pflegeperson bei einer konkreten Verrichtung den Ablauf der einzelnen Handlungsschritte anregen, lenken oder demonstrieren muss. [1]
Dauerhafte Hilfebedürftigkeit [Bearbeiten]
Als pflegebedürftig wird nur angesehen, wer dauerhaft der Hilfe bedarf. Das ist gegeben, wenn die Hilfebedürftigkeit voraussichtlich länger als sechs Monate andauern wird. Maßgeblich für die Prognose ist der Zeitpunkt der Prognoseerstellung („ex ante“).
Pflegestufen [Bearbeiten]
Das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit wird mittels sogenannter Pflegestufen beschrieben. In die Pflegestufe I wird eingestuft, wessen Pflegebedürftigkeit erheblich ist, bei schwerer Pflegebedürftigkeit liegt die Pflegestufe II und bei schwerster Pflegebedürftigkeit die Pflegestufe III vor.
Von einer „Pflegestufe 0“ wird umgangssprachlich gesprochen, wenn zwar ein Hilfebedarf bei der Grundpflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung vorhanden ist, aber nicht in einem Ausmaß, das nach den Definitionskriterien als erheblich gilt.
Die Einstufung richtet sich danach, wie häufig und zu welchen Tageszeiten die Hilfe benötigt wird und wie viel Zeit hierfür ein Familienangehöriger oder eine andere nicht als Pflegekraft ausgebildete Pflegeperson für die erforderlichen Leistungen der Grundpflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung durchschnittlich benötigt (§ 15 SGB XI).
Definiert ist sowohl ein Mindestbedarf bei der Grundpflege (Hilfe bei den Verrichtungen aus den Bereichen Körperpflege, Ernährung, Mobilität) als auch insgesamt.
| Pflegestufe I (erhebliche Pflegebedürftigkeit) |
Pflegestufe II (schwere Pflegebedürftigkeit) |
Pflegestufe III (schwerste Pflegebedürftigkeit) |
|
|---|---|---|---|
| Bedarf an Hilfe bei Verrichtungen aus den Bereichen Körperpflege, Ernährung, Mobilität (Grundpflege) | bei wenigstens zwei Verrichtungen mindestens zu einer Tageszeit | mindestens zu drei Tageszeiten | rund um die Uhr, auch nachts |
| durchschnittlicher täglicher Aufwand für die Grundpflege | mehr als 45 Minuten | mindestens 120 Minuten | mindestens 240 Minuten |
| Bedarf an Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung | mehrfach in der Woche | mehrfach in der Woche | mehrfach in der Woche |
| durchschnittlicher täglicher Aufwand für die Hilfe gesamt | mindestens 90 Minuten | mindestens 180 Minuten | mindestens 300 Minuten |
Aktuelle Relevanz Pflegebedürftigkeit [Bearbeiten]
Pflegebedürftigkeit setzt oft, aber nicht nur im Alter ein. Neben Senioren können auch Kinder oder Erwachsene chronisch krank sein oder durch plötzliche Unfälle über längere Zeit starke Einschränkungen in ihrer Selbstbestimmung erfahren. Auch Behinderte oder mehrfach erkrankte Personen können von Pflegebedürftigkeit betroffen sein. Aufgrund der häufigeren Pflegebedürftigkeit im Alter spielt auch der demografische Wandel bei dem prozentualen Anstieg an Pflegebedürftigen in der Bevölkerung eine Rolle. In Deutschland äußert sich der aktuelle demografische Wandel in der Zunahme der Menschen im Seniorenalter und der Abnahme junger, erwerbstätiger Menschen. Nach Angaben der statistischen Ämter des Bundes und der Länder werden für 2020 etwa 2,72 Millionen Pflegebedürftige erwartet, für 2030 3 Millionen und für 2050 3,76 Millionen. Es ergeben sich daher für die Gesellschaft zunehmend Probleme, wie z. B. die Finanzierung und Erbringung der Pflege, ihr Ausmaß und qualitative Veränderungen (z. B. durch Diabetes, Demenz). Die Sozial- und Gesundheitspoliktik, die Präventionsmedizin und die Pflegewissenschaft versuchen hierauf Antworten zu finden.
Gesetzlicher Rahmen von Pflegebedürftigkeit [Bearbeiten]
Die sozialpolitisch größte Bedeutung hatte die Einführung der Pflegeversicherung in das Sozialversicherungssystem im Jahre 1995. Die gesetzliche Pflegeversicherung (GPV) ist eine für die gesamte Bevölkerung angelegte Pflichtversicherung. Mit Hilfe dieser Versicherung sollen die Personen, die ihr Arbeitsleben lang Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung gezahlt haben, im Pflegefall nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein. Im Jahre 2010 fielen über 21 Mrd. € Ausgaben bei der Pflegeversicherung an, davon waren über 20 Mrd. Leistungsausgaben.
Leistungen bei Pflegebedürftigkeit sind in folgenden Gesetzen geregelt: Hilfe zur Pflege der Sozialhilfe nach §§ 61 ff. SGB XII, Hilfe zur Pflege nach § 26c des Bundesversorgungsgesetzes, Entschädigungsleistungen („Pflegezulage“) nach § 35 Bundesversorgungsgesetz bzw. den Gesetzen, die eine entsprechende Anwendung des Bundesversorgungsgesetz vorsehen, Leistungen bei Pflegebedürftigkeit der gesetzlichen Unfallversicherung in § 44 (im fünften Abschnitt des SGB VII).
Pflegewissenschaftliches Verständnis von Pflegebedürftigkeit [Bearbeiten]
Pflegebedürftigkeit kann durch viele Faktoren bedingt sein, wobei die Ursachen von der einzelnen Person kaum beeinflusst werden können. Pflegebedürftigkeit weist verschiedene Dimensionen auf:
Soziale Dimension: Pflegebedürftigkeit kann nicht nur bei den betroffenen Personen zur Isolierung führen: Die Versorgung pflegebedürftiger Personen wird in der Regel von Angehörigen geleistet, vor allem von Frauen (Töchter, Ehefrauen etc.).
Ökonomische Dimension: Pflegebedürftigkeit ist teuer. Eigenmittel sind oft in erheblicher Menge aufzuwenden. Da das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ab dem Rentenalter stetig zunimmt und ein ausreichendes Einkommen meistens nicht vorliegt, kann Pflegebedürftigkeit zur Verarmung führen. Die Kosten für Pflegeleistungen sind auch in Deutschland durch die Pflegeversicherung nicht vollständig abgedeckt.
Psychische Dimension: Die Erfahrung, pflegebedürftig zu werden, ist eine belastende Erfahrung für Menschen, da die mit der Pflegebedürftigkeit einhergehenden starken, länger andauernden Einschränkungen die Lebensqualität vermindern.
Gesellschaftliche Dimension: Das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ist für jeden Menschen vorhanden. Aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre ist deutlich geworden, dass unterstützende und kompensatorische Pflege Geld kostet, egal ob sie in der eigenen Wohnung oder in einer pflegenden Institution (Pflegeheim) erbracht wird. Entsprechende Geldreserven sind dafür anzulegen (Versicherung). Wissenschaftliche Studien führen zu Erkenntnissen darüber, was jeder Einzelne dazu beitragen kann, das Risiko von Pflegebedürftigkeit zu verringern. Die aktive Gesundheitsvorsorge die u.a. auch vor Erkrankungen wie Demenz, die oft zur Pflegebedürftigkeit führt, ein Stück weit schützen soll, betrifft nicht nur alte Menschen, sondern jede Person. Es ist deutlich, dass eine aktive und gesunde Lebensführung das Risiko, pflegebedürftig zu werden, vermindern kann. Man geht davon aus, dass neben staatlichen Förderprogrammen Initiativen in den Städten und Gemeinden erforderlich sind, um ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. Verschiedene pflegewissenschaftliche Projekte versuchen Möglichkeiten zu finden, wie das Risiko, pflegebedürftig zu werden, minimiert und wie das Eintreten von Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden kann. Es wird untersucht, wie die Leistungen der Pflege in einem realistischen Maß entgolten werden können, da auch die Leistungen der deutschen Pflegeversicherung noch nicht die realen Notwendigkeiten abbildet.
Häufigkeit [Bearbeiten]
Nach der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes[2] gab es Ende 2011 insgesamt 2,5 Millionen Pflegebedürftige. Davon waren 29 % in Heimen vollstationär untergebracht. Zu Hause wurden ambulant 23 % von Pflegediensten und 48 % durch Angehörige versorgt.[3] 67 % der Pflegebedürftigen waren im Jahre 2009 Frauen; 17% waren unter 65 Jahre, 48 % waren 65 Jahre und jünger als 85 Jahre, 35 % waren 85 Jahre und älter. Im Vergleich zur Erhebung Ende 2007 zählten die Statistiker am Jahresende 2009 rund 4 Prozent mehr pflegebedürftige Menschen.
Die Zahl der pflegebedürftigen Patienten aus allen Altersgruppen, die 2009 von ambulanten Pflegediensten versorgt wurden, betrug insgesamt 555.198. Bei den ambulant betreuten Pflegebedürftigen gab es einen Anstieg der Patientenzahlen mit dem Alter (ausgehend von der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen bis hin zu der Altersgruppe der 85- bis 89-Jährigen). Bei den Personen ab 90 Jahren eine starke Abnahme der Anzahl der Pflegebedürftigen, was primär in der geringeren Bevölkerungszahl dieser Altersgruppe begründet liegt.
Im Zeitraum von 1999 bis 2009 betrug die Gesamtanzahl der Pflegebedürftigen aus allen Altersgruppen 748.889. Die Anzahl der pflegebedürftigen Patienten erhöhte sich von 16.755 bei den 60- bis 64-Jährigen auf 207.508 bei den 85- bis 89-Jährigen. Auch hier sinken die Fallzahlen rapide auf 58.223 bei den über 95-Jährigen.
Bis zum Jahr 2020 werden 2,9 Millionen Pflegebedürftige prognostiziert.[4]
Siehe auch [Bearbeiten]
- Behinderung
- Häusliche Pflege
- Pflegebedarf
- Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs und dessen Bericht Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): „Bericht des Beirats zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs“, 157 Seiten, Stand: Januar 2009) dazu an das Bundesgesundheitsministerium (Januar 2009) sowie Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): „Umsetzungsbericht des Beirats zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs“, 61 Seiten, Stand: Mai 2009 (s. u. Weblinks)
Weblinks [Bearbeiten]
- Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung, Studie zur Pflegeprävention (Bereich „Projekte“)
- U. Ziegler, G. Doblhammer: Steigende Lebenserwartung geht mit besserer Gesundheit einher. DFAEH 1/2005.
- Bericht (PDF-Datei, bei patientenbeauftragte.de; 1,73 MB)
- Bundesministerium für Gesundheit: „Glossarbegriff: Pflegebedürftgkeit“, 9. Mai 2011
- Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): „Umsetzungsbericht des Beirats zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs“, 61 Seiten, Stand: Mai 2009
- Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.): „Bericht des Beirats zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs“, 157 Seiten, Stand: Januar 2009
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Alle Definitionen stammen aus de Begutachtungsrichtlinien des GKV-Spitzenverbands, S. 44, 45
- ↑ Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2011, Ländervergleich - Pflegebedürftige, Wiesbaden 2012
- ↑ Pflegebedürftige in Deutschland Abgerufen am 8. Februar 2013.
- ↑ Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, Heft 2, 2008, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2008

