Eskapismus

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Eskapismus, auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, bezeichnet die angebliche Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit. Der Begriff wird in der Psychologie sowie der Bildungssprache meist negativ [1] verwendet. Eskapismus wird als eine Fluchthaltung oder Ausbruchshaltung, als bewusste oder unbewusste Verweigerung gesellschaftlicher Zielsetzungen und Handlungsvorstellungen verstanden.[2]

Begriffsherkunft[Bearbeiten]

Der Begriff Eskapismus entwickelte sich im Deutschen aus dem Wort Eskapade – das zunächst in der Reitkunst für einen falschen Sprung eines temperamentvolles Pferdes stand, später unter anderem übertragen für einen „Seitensprung“, Streich oder Abenteuer − seit Mitte des 20. Jahrhunderts gleichbedeutend mit dem Englischen escapism zunächst als Terminus der Psychologie, später der Bildungssprache für einen Hang zur Flucht aus der Wirklichkeit, Zerstreuungs- und Vergnügungssucht sowie eine neurotische Abwehr von unerfreulichen Aspekten und Anforderungen der Realität.[3] Es entstammt dem Lehnwort echappieren, französisch échapper, zu einem vulgärlateinischen Verb mit der Bedeutung »sich davonmachen«, eigentlich „die Ordensmütze wegwerfen“ (spätlateinisch cappa) und wurde wie das Englische escapism, zu to escape = entfliehen, über das Alt(-nord)französische etabliert.[4]

Eskapimus-These in der Medienpsychologie[Bearbeiten]

In der Medienpsychologie gilt Eskapismus als wichtiges Motiv der Mediennutzung. Nach der „Eskapismus-These“ werden Medien sowohl zur Befriedigung affektiver Bedürfnisse (Eskapismus), als auch zur Befriedigung kognitiver Bedürfnisse (Wissenserweiterung) herangezogen.[5]

In diesem Ansatz wird der Medienkonsument nicht mehr als Rezipient und reiner Reizempfänger nach dem Stimulus-Response-Modell untersucht, sondern seine Motivation. In der Medienforschung wird Eskapismus dem Uses-and-Gratifications-Ansatz zugeordnet, das heißt, Medienangebote werden zur Alltagsflucht selektiert. Nach diesem „Escape-Konzept“ von Katz und Foulke werden so durch alltäglich erlebte gesellschaftliche Rollenausübungen erzeugte Spannungen abgebaut. Motive sind demnach das Vergessen und Entfliehen vor eigenen Problemen sowie passive Entspannung und das Erzeugen von Emotionen und Ablenken von Regeln und Normen der Realität.[6]

Ergebnisse des medialen Eskapismus sind eine Identifikation mit vorgeführten Lebensweisen, Projektion eigenen Versagens auf fremde Handlungsträger und Kompensation für offene oder unerfüllte Wünsche.

Kritisiert wird die Eskapismus-These insbesondere im Hinblick auf ihren Mangel an einer weitergehenden psychologischen Fundierung. Sie gehört dennoch zum festen Bestand der Bedürfnis- oder Motivforschung in der Medienwissenschaft.[7]

Eskapismus in der Gesellschaftstheorie[Bearbeiten]

Mit seiner Formel von der Religion als „Opium des Volkes[8] interpretierte Karl Marx eine gesellschaftlich breite und sozial integrierte Bewegung, das Christentum, als ideologische Flucht vor der Erkenntnis der tatsächlichen sozialen Verhältnisse. Theodor W. Adornos und Guy Debords Beschreibungen der „Kulturindustrie“ und der „Gesellschaft des Spektakels“ übertragen diese Analyse auch auf den Bereich der Konsumgüter, der Unterhaltungsindustrie und der Werbung. Das Spektakel der „falschen Bedürfnisse“, so die Analyse der marxistisch geprägten Kritischen Theorie, lenke die Bevölkerung auf entfremdete Weise von dem materiellen und psychischen Elend und der Entfremdung ab, der sie in der Klassengesellschaft des Kapitalismus ausgesetzt sei.

Eskapismusvorwurf in der Kunst[Bearbeiten]

Gelegentlich wurde der Kunst im Allgemeinen sowie der Dichtung im Besonderen vorgeworfen, Mittel zur Realitätsflucht zu sein. Oft wurde hierfür das Bild des Elfenbeinturms gebraucht, in dem der Dichter sich vor der wirklichen Welt verschanze und zurückziehe. Insbesondere auf die Kunst der Romantik, etwa die Dichtung Friedrich Hölderlins wurde dieser Begriff angewandt. Peter Handke ist diesem Vorwurf in seinem Band Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes (1972) begegnet. Dort betont er den utopischen Charakter der Kunst, der gerade durch seine Distanz zur Wirklichkeit ihre Veränderung ermögliche.

Der Schriftsteller J. R. R. Tolkien hielt 1939 einen vielbeachteten Vortrag On Fairy-Stories (Über Märchen), in dem er die Grundsätze des später entstehenden Fantasy-Genres beschrieb und energisch gegen Vorwürfe des Eskapismus verteidigte:

“Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?”

„Wieso sollte jemand verachtet werden, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und heimzugehen? Oder, sofern das nicht geht: wenn er über andere Themen nachdenkt und spricht als über Wärter und Kerkermauern?“

Zitiert nach [9]

In diesem Zitat drückt Tolkien seine Unzufriedenheit mit der modernen Welt aus, die er als „Gefängnis“ bezeichnet. Zudem weist er auf die Möglichkeit der Alltagsbewältigung hin. Tolkien unterscheidet in seinem Vortrag des Weiteren zwischen zwei unterschiedlichen Formen von Fluchten, die er unterschiedlich bewertet: Zum Einen die Flucht des Deserteurs, den er als Feigling bezeichnet, zum Anderen die Flucht des Gefangenen, dem man seinen Willen zur Flucht nicht übel nehmen könne, und die er als eine Form des politischen Widerstandes wertet. Die Literatur sieht er – wie bereits Sigmund Freud in seinem Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren (1907) – als eine Möglichkeit der phantasiemäßigen Erfüllung von Wünschen und Sehnsüchten, die die „wirkliche“ Welt nicht leisten kann.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Dorschel: Der Welt abhanden kommen. Über musikalischen Eskapismus. In: Merkur 66 (2012), H. 2, S. 135 - 142.
  •  Elihu Katz, David Foulkes: On the Use of Mass Media as „Escape“: Clarification of a Concept. In: The Public Opinion Quarterly. Vol. 26, Nr. 3, 1962, ISSN 0033-362X, S. 377–388.
  •  Werner Strodthoff: Stefan George. Zivilisationskritik und Eskapismus (= Studien zur Literatur der Moderne. Bd. 1). Bouvier, Bonn 1976, ISBN 3-416-01281-X (Zugleich: Bonn, Univ., Diss., 1975).
  • Oliver D. Bidlo: Sehnsucht nach Mittelerde? Eigenverlag, Essen 2003, ISBN 3-8330-0464-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Eskapismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alexander Arweiler, Melanie Möller: Vom Selbst-Verständnis in Antike und Neuzeit Walter de Gruyter 2008, S. 165, online in Google Bücher
  2. Bertelsmann Universal Lexikon, Band 5: Dri−Fet, S. 245.
  3. Institut für deutsche Sprache: Deutsches Fremdwörterbuch / Band 5: Eau de Cologne - Futurismus, De Gruyter 2004, S. 242 online in Google Bücher
  4. Eskapismus, duden.de, abgerufen am 19. Oktober 2014
  5. Heinz Bonfadelli: Neue Perspektiven: Medienzuwendung als soziales Handeln, S.7 (PDF-Datei; 2,25 MB).
  6. Petra Sandhagen: Medienpsychologie, S. 64 (Version vom 11. Juli 2003 im Internet Archive)
  7. Dietmar Müller: Formale Kriterien der Nachrichtenrezeption im Internet, S. 35.
  8. Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung (1844), MEW 1, S. 378.
  9. Frank Weinreich: Über Märchen. Tolkiens Sicht des Phantastischen. In: polyoinos.de, Oktober 1999.