Andreas Dorschel

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Andreas Dorschel (Graz 2010)

Andreas Dorschel (* 1962 in Wiesbaden) ist ein deutscher Philosoph. Seit 2002 ist er Professor für Ästhetik sowie Vorstand des Instituts für Musikästhetik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (Österreich).

Studium und Werdegang[Bearbeiten]

Nach Studien der Philosophie, Musik- und Sprachwissenschaft an den Universitäten Wien und Frankfurt am Main (Magister Artium 1987, Promotion 1991) lehrte Dorschel in Marburg an der Lahn (1993–1994), Dresden (1994–1997) und Norwich (University of East Anglia, England) (1997–2002). 2002 wurde er an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern (Schweiz) habilitiert.[1] Gastprofessuren führten ihn an die Emory University (1995) und die Stanford University (2006)[2].

Seit 2008 gehört Dorschel dem Kuratorium des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) an[3]; zum Review Panel des HERA (Humanities in the European Research Area) Joint Research Programme der European Science Foundation (ESF) (Straßburg / Brüssel) zählt er seit 2012[4]. Seit 2010 ist Dorschel Mitglied des Beirates der britischen Royal Musical Association, Music and Philosophy Study Group.[5]

Werk[Bearbeiten]

Dorschels Arbeiten gehen den logischen und historischen Zusammenhängen von Denken und Handeln nach. Sie fügen sich insofern nicht der vorherrschenden Arbeitsteilung zwischen systematischer Philosophie und Philosophiegeschichte sowie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie.

Wille[Bearbeiten]

In Die idealistische Kritik des Willens (1992) sucht Dorschel das Recht des wählenden Willens gegen dessen ethische Kritik im deutschen Idealismus zu verteidigen. Er widerspricht der These Kants, dass „ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei“[6] sei, wie derjenigen Hegels, dass „die Freiheit des Willens als Gesetz verwirklicht“[7] werde. Nicht im Gesetz realisiere sich Freiheit des Willens, sondern in von Intelligenz geleiteter Wahl.[8]

Vorurteil[Bearbeiten]

Nachdenken über Vorurteile (2001) untersucht den Kampf der Aufklärung gegen Vorurteile und das Eintreten der Gegenaufklärung für sie. „Dorschel will diesen Streit unterlaufen, indem er eine von beiden geteilte Annahme widerlegt“[9], nämlich, Vorurteile ließen sich als schlecht oder gut, falsch oder wahr charakterisieren, eben weil sie Vorurteile seien. Dabei geht Dorschel, wie Richard Raatzsch formuliert, „den gemeinsamen Quellen der Irrtümer beider Seiten nach […], indem er sie so plausibel wie möglich zu machen sucht“[10]. Vorurteile, schließt Dorschel, können wahr oder falsch, gescheit oder dumm, weise oder töricht, positiv oder negativ, gut oder schlecht, rassistisch oder humanistisch sein, und sie sind jeweils dies oder jenes anderer Eigenschaften halber als der, dass es sich bei ihnen um Vorurteile handelt.[11]

Gestaltung[Bearbeiten]

In Gestaltung – Zur Ästhetik des Brauchbaren (2002) durchdenkt Dorschel das Entwerfen nützlicher Dinge entlang der Frage, wie dessen Ergebnisse zu beurteilen seien.[12] Ludwig Hasler sieht in dem Buch „eine Streitschrift […] gegen den Funktionalismus der Moderne, der ein Jahrhundert lang die Gestaltung der Gebrauchsdinge revolutionierte, wie gegen die Postmoderne, die sich auf den Spass an der Beliebigkeit der Formen kaprizierte“, analytisch durchgeführt als „argumentative Präzisionskur“.[13]

Verwandlung[Bearbeiten]

Mit Verwandlung. Mythologische Ansichten, technologische Absichten legte Dorschel 2009 erstmals eine detaillierte, „in vielen Schattierungen abgestufte“[14] Ideengeschichte der Metamorphose vor. Die in den Göttinger Neuen Studien zur Philosophie erschienene Monographie zeigt, wie die Idee der Verwandlung sich einer Rationalisierung durch den Begriff der Veränderung entzieht. Veränderung versteht Dorschel als rationales Muster: Das Ding bleibt, seine Eigenschaften wechseln. Doch wo hört das Ding auf, wo beginnen seine Eigenschaften? Was wäre das Ding ohne seine Eigenschaften? So sei dem Begriff der Veränderung wie ein Schatten die Idee der Verwandlung gefolgt. In vier großen Fallstudien untersucht Dorschel die Verwandlung in der griechisch-römischen Mythologie, im Neuen Testament, in der neuzeitlichen Alchemie sowie in den aktuellen Entwicklungen der Gentechnologie und der synthetischen Biologie.

Ideen[Bearbeiten]

Die historische und philosophische Methodik, die den Feldern seiner eigenen Arbeiten zugrunde liegt, erläutert Dorschel in dem 2010 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienenen Band Ideengeschichte. Er kritisiert darin Quentin Skinners Annahme, Ideen seien „wesentlich sprachlich“ – „essentially linguistic“[15] – verfasst: „Worte sind nur ein Medium von Ideen unter anderen; Musiker denken in Tönen, Architekten in Räumen, Maler in Formen und Farben, Mathematiker in Zahlen oder, abstrakter, in Funktionen.“[16] Dorschels Buch, so resümiert Tim-Florian Goslar, „bietet […] nicht nur eine Übersicht über die historisch wichtigsten Stationen der Ideengeschichte, sondern führt noch während des Lesens in ideengeschichtliches Denken ein“.[17]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

Aufsätze[Bearbeiten]

  • Utopie und Resignation. Schuberts Deutungen des Sehnsuchtsliedes aus Goethes ,Wilhelm Meister‘ von 1826. In: Oxford German Studies 26 (1997), S. 132–164.
  • Emotion und Verstand. In: Philosophisches Jahrbuch 106 (1999), Heft 1, S. 18–40.
  • The Paradox of Opera. In: The Cambridge Quarterly 30 (2001), Heft 4, S. 283–306.
  • Music and Pain. In: Jane Fulcher (Hrsg.), The Oxford Handbook of the New Cultural History of Music. Oxford University Press, Oxford − New York 2011, S. 68–79 (Zugang bei Oxford Handbooks Online).
  • Ort und Raum. In: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 61 (2011), Heft 1, S. 1–15.
  • Der Welt abhanden kommen. Über musikalischen Eskapismus. In: Merkur 66 (2012), Heft 2, S. 135–142.[22]
  • Der Getäuschte im Garten. ,La Nouvelle Héloise‘: Rousseaus Aporetik der Liebe. In: Zeitschrift für Ideengeschichte 6 (2012), Heft 2, S. 39–47.[23]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Axel Schniederjürgen (Red.), Art. „Dorschel, Andreas“. In: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 2014. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. 26. Ausgabe, Bd. 1 (A–G). De Gruyter, Berlin – Boston, Mass. 2014, S. 663.
  2. FSI Stanford University, The Europe Center Lecture
  3. Wissenschaftsfonds FWF Kuratorium
  4. European Science Foundation HERA Review Panel
  5. Royal Musical Association Music and Philosophy Study Group.
  6. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten AB 98.
  7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, hrsg. v. Georg Lasson. Felix Meiner, Leipzig 1923ff., S. 368.
  8. Kurzfassung der Argumentation in englischer Sprache: Andreas Dorschel, The Authority of the Will. In: The Philosophical Forum 33 (2002), Heft 4, S. 425–441.
  9. Richard Raatzsch, Über Wesen und Wert der Vorurteile. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 50 (2002), Heft 4, S. 646–653, S. 652.
  10. Richard Raatzsch, Über Wesen und Wert der Vorurteile. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 50 (2002), Heft 4, S. 646–653, S. 653.
  11. Andreas Dorschel, Nachdenken über Vorurteile. Felix Meiner, Hamburg 2001, S. 1.
  12. Knuth Hornbogen, Rezension. In: design report 10/2002.
  13. Ludwig Hasler, Die Schönheit der Büroklammer. In: Die Weltwoche 70 (2002), Nr. 29, S. 60–61.
  14. Wolfgang Sandberger, Identität, Stabilität und Historizität. In: Musik-Konzepte N.F. XII/2011, S. 73–89, S. 82; vgl. S. 87.
  15. Quentin Skinner, Meaning and Understanding in the History of Ideas. In: James Tully (Hrsg.), Meaning and Context: Quentin Skinner and his Critics. Polity Press, Cambridge 1988, S. 29–67, S. 64.
  16. Andreas Dorschel, Ideengeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, S. 43.
  17. Tim-Florian Goslar, Rezension. In: diskurs, 25. Januar 2013.
  18. Abstract Nachdenken über Vorurteile, zusätzlich in englischer Sprache.
  19. Bernd Polster, Wider die Rhetorik des Design, 9. März 2010
  20. Susanne Westerholt, Von der Kanonisierung des Erhabenen (Rezension). In: Codex Flores, 19. April 2011.
  21. Wolfgang Böhler, Rezension. In: Codex flores, 28. August 2013.
  22. Vorschau. Vgl. Thomas Steinfeld, Der Welt abhandenkommen. Ein erstaunlicher Aufsatz: Andreas Dorschel über Eskapismus. In: Süddeutsche Zeitung 68, Nr. 39 (16. Februar 2012), S. 11.
  23. Vgl. Martin Gessmann, Das Urgestein der Moderne. In: Philosophische Rundschau 60 (2013), Heft 1, S. 1–34, S. 30–31.

Weblinks[Bearbeiten]