Abenteuer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel befasst sich mit dem Begriff Abenteuer. Für weitere Beutungen siehe Abenteuer (Begriffsklärung).

Als Abenteuer (lat.: adventura: „Ereignis“; mittelhochdt.: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich stark vom Alltag unterscheidet. Es geht um das Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas Wagnishaltiges zu unternehmen, das interessant, faszinierend oder auch gefährlich zu sein verspricht und bei dem der Ausgang ungewiss ist. In diesem Sinne gelten und galten Expeditionen ins Unbekannte zu allen Zeiten als Abenteuer.

Begriffsspanne[Bearbeiten]

Der Begriff „Abenteuer“ steht ursprünglich für eine ernsthafte Unternehmung von kultureller Bedeutung. Dieses wird noch in den von einer hohen ethischen Grundeinstellung getragenen Aventiuren der mittelalterlichen Ritterepik deutlich, wie sie sich etwa im Iwein und im Erec des Hartmann von Aue oder im Parzival von Wolfram von Eschenbach dichterisch niedergeschlagen haben.

In der nachritterlichen Zeit bis heute erscheinen daneben in der Literatur wie in der Umgangssprache aber auch spöttisch abwertende Ausdrücke wie „Liebesabenteuer“, „abenteuerlich“ oder „Abenteurer“. Der Name Casanova steht für den Prototyp des „Liebesabenteurers“. Als moderne Abenteurer werden Menschen bezeichnet, die ganz oder für einige Zeit aus dem Berufsleben aussteigen und sich einer –in aller Regel medienvermarkteten- spektakulären Unternehmung widmen. Die abschätzige Wortbedeutung resultiert aus der Einschätzung, dass der „Abenteurer“ statt einer „ernsthaften Tätigkeit“ nachzugehen sein Leben auf der Jagd nach Spannungsreizen verbringt, die den Adrenalinspiegel heben, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen und zu einem persönlichen Bekanntheitsgrad führen sollen (Weltumsegelungen, Wüstendurchquerungen, Atlantiküberquerungen, Antarktismärsche, Kletterleistungen, Rekordjagden auf unterschiedlichen Gebieten).

Moderne Abenteurer wie Arved Fuchs stehen jedoch positiv zu dieser Bezeichnung. Sie sehen ihre Unternehmungen als eine legitime Form der Lebensgestaltung, sogar als Beruf(ung), die den eigenen Lebenshorizont erweitert, den Abenteurer ernährt und der Öffentlichkeit im Unterhaltungssektor dient.[1]

Reale und fiktive Abenteuer[Bearbeiten]

Der Wagnisexperte Siegbert A. Warwitz unterscheidet zwischen realen (in der Wirklichkeit stattfindenden) und fiktiven (aus der Phantasie geborenen) Abenteuern:[2]

Reale Abenteuer sind originale Abenteuer, die Eigeninitiative, Frustrationstoleranz, Angstbeherrschung, Mut und vor allem die Bereitschaft zur Akzeptanz eines etwaigen Scheiterns und dessen Folgen erfordern. Fiktive Abenteuer spielen sich bei Erfinder wie Genießer als reine Vorstellungsabenteuer im Kopf ab. Sie können emotional tief berühren, bleiben aber folgenlos für den Zuhörer oder Leser insofern er keine Nachteile für die eigene Unversehrtheit zu befürchten braucht. Es handelt sich ja um die Abenteuer anderer, die er lediglich aus zweiter Hand erfährt und auf diese Weise aus der Distanz miterleben kann. Reale Abenteuer sind unmittelbare Erlebnisse im Lebensgeschehen. Fiktive Abenteuer finden sich zahlreich in der Literatur: in Abenteuerromanen, Schauergeschichten, Mythen, Sagen und Legenden. Sie reichen vom frühen Gilgamesch-Epos über die antiken Sagen, die Ilias und die Odyssee des Dichters Homer und die mittelalterlichen Heldenepen bis zu den Fantasy-Darstellungen um Harry Potter. Auch die Medien Film und Fernsehen liefern visualisierte Abenteuerereignisse wie Piraten-, Ritter-, Mantel-und-Degen- oder Sandalenfilme, die sich bequem und folgenlos aus dem Lehnsessel heraus genießen lassen.

Nach Warwitz kommt den fiktiven Abenteuern als Illusionsprodukten vorrangig ein Unterhaltungswert zu, während das real erlebte Abenteuer, vor allen unter sachkundiger pädagogischer Betreuung, von hohem persönlichkeitsbildenden Wert sein kann.[3]

Echte Abenteuer und Pseudoabenteuer[Bearbeiten]

Die Verwendung des Begriffs „Abenteuer“ hat in der neueren Zeit inflationär zugenommen. Nach der Leitlinie „learning by doing“ des Reformpädagogen W.H. Kilpatrick hatte der Schöpfer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden-Powell bereits 1907 das „Abenteuer der Tat“ in das Zentrum seines Erziehungskonzepts gestellt.

Echte Abenteuer sind nach Warwitz solche, deren Bewältigung persönlichen Einsatz, Mut, Angstkontrolle und Wagniskompetenz erfordert. Der Ausgang ist ungewiss und kann dem Wagenden auf physischer, emotionaler und mentaler Ebene Schaden und Leid zufügen. Das Austragen dieses Zwiespalts und dieser Konsequenz konstituiert das „echte Abenteuer“ und darf entsprechend nicht wegrationalisiert werden.[4]

Beim Pseudoabenteuer wird der Schein eines wirklichen Abenteuers erweckt. Anbieter durchorganisierter Reisen verwenden zur Befriedigung des Spannungsbedürfnisses ihrer Klientel gern Bezeichnungen wie „Abenteuerreise“ oder „Expedition“ für ihre Angebote. Tatsächlich schließen die Sicherheitsvorkehrungen sowie die technische und organisatorische Abwicklung durch den Veranstalter aber ein Scheitern mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit aus. Zudem wird dem passiv „Be-abenteuerten“ (Warwitz) die Eigenverantwortung durch den Veranstalter weitestgehend abgenommen. Der Abenteuerhungrige hat fast keinen Einfluss auf das Geschehen und nahezu keine nachteiligen Folgen für sich zu gewärtigen. Das gebuchte Abenteuer ist sicher. Der „Abenteuerreisende“ kann sich zudem noch durch den Abschluss von Versicherungen schützen. Dem Scheinabenteuer fehlen die Elemente und der Reiz des Misslingen-Könnens und der Eigenverantwortung, die der Pädagoge und Urvater der Erlebnispädagogik Kurt Hahn als konstitutiv für das Abenteuer ansetzt.[5]

Auch die zahlreichen „aufregenden“ Stationen der Vergnügungsparks von der Gespensterbegegnung bis zur Achterbahnfahrt oder dem Sturz vom „Freefalltower“ müssen als Abenteuer aus zweiter Hand bezeichnet werden, die sich beliebig oft mit demselben Ausgang des Erlebnisses wiederholen lassen. Mit jeder Wiederholung lässt die Kickintensität weiter nach. Auch hier fehlt sowohl die reale Gefahrenbedrohung als auch die selbsttätige Gestaltung der Abläufe als auch die Eigenverantwortung für eventuelle nachteilige Folgen, die das eigentliche Abenteuer ausmachen. Warwitz bringt die Mentalitäts- und Verhaltensalternative von echtem und scheinbarem Abenteuer auf die Formel „Selbstverantwortlich wagen oder sich be-abenteuern lassen.“[6]

Entdeckungsreisen und Abenteuer[Bearbeiten]

Die Forschungs- und Entdeckungsreisen von der Renaissance bis heute wurden von den Beteiligten gleichzeitig auch immer als großes Abenteuer erlebt, das man siegreich gestalten, bei dem man dabei sein wollte. Die Fahrten des Christoph Kolumbus, die zur Entdeckung Amerikas geführt haben, die Forschungsreisen von James Cook, Alexander von Humboldt, David Livingstone, Roald Amundsen oder John Franklin, die alle dem Wissensgewinn dienten, galten auch den Zeitgenossen als weltbewegende Abenteuer. Sie waren von hohen Risiken für Leib und Leben begleitet. Ihr Ausgang war höchst ungewiss.

Krieg und Abenteuer[Bearbeiten]

Die Einschätzung, ob die Teilnahme an kriegerischen Handlungen als Abenteuer empfunden wird, ist individualitäts- und zeitabhängig:

Die Ritter des Mittelalters brachen noch in religiösem Eifer zu den päpstlich verordneten Kreuzzügen mit dem Bewusstsein auf, sich auf das größte Abenteuer ihres Lebens einzulassen, bei dem sie neben dem ewigen Heil auch reiche Beute gewinnen konnten. Auch den idealistisch gesinnten jungen Männern der Jugendbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts kam der „vaterländische Krieg“ ihrem Abenteuerbedürfnis stark entgegen. Noch bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg meldeten sich ahnungslose Jugendliche jubelnd, fahnenschwingend und singend in der Erwartung von intensiven Erlebnissen, Ruhm und Ehre als Kriegsfreiwillige zu Kampfeinsätzen. Auch Kriegsreporter befriedigen bis heute bisweilen ein gewisses Abenteuerbedürfnis, wie es etwa aus der Biografie von Ernest Hemingway deutlich wird, der sich an den verschiedensten und entferntesten Kriegsschauplätzen engagierte.[7] Bei bekannten Kriegsfliegern wie dem sogenannten „roten Baron“ Manfred von Richthofen, dem französischen Fliegerschriftsteller Antoine de Saint-Exupéry oder der verwegenen Hanna Reitsch ist ein starkes Abenteuerbedürfnis im Element des Krieges nicht zu übersehen. Diese Mentalität verflüchtigte sich allmählich mit der Entpersönlichung des Krieges und seiner Verwandlung zu Materialschlachten und der anonymen Auseinandersetzung mit Massenvernichtungswaffen.

Spiel und Abenteuer[Bearbeiten]

Der Spielbereich bietet ein weites Feld für Abenteuererleben, das von Schule und Freizeiteinrichtungen wegen seiner Attraktivität gern genutzt wird.[8] Es handelt sich, dem Abenteuercharakter entsprechend, um Spiele, deren ungewisser Ausgang von den Spielenden gesucht, ertragen und gemanaged werden muss.[9][10]

Die Spielindustrie produziert dazu ein gewaltiges Angebot an Abenteuerspielen von einfachen Pen-&-Paper-Rollenspiele, die als Rollenspielabenteuer verkauft werden bis zu bildschirmanimierten Computerabenteuern, bei denen die Spielenden die Abläufe weitestgehend selbst bestimmen können.

Auch der dem Spielbereich verwandte Sport trägt mit seinem sich stetig erweiternden Arsenal an Wagnissportarten dem Abenteuerbedürfnis Rechnung.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Scholz: Erlebnis-Wagnis-Abenteuer. Sinnorientierungen im Sport. Hofmann, Schorndorf 2005, ISBN 3-7780-0151-5.
  • Nadine Stumpf: Abenteuer im Schulsport. Was Kinder sich wünschen und wie man diese Wünsche realisieren kann. Wissenschaftliche Examensarbeit GHS. Karlsruhe 2001
  • Judith Völler: Abenteuer, Wagnis und Risiko im Sport der Grundschule. Erlebnispädagogische Aspekte. Wissenschaftliche Examensarbeit GHS. Karlsruhe 1997
  • Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Baltmannsweiler 2001. ISBN 3-89676-358-X
  • Siegbert A. Warwitz: Lohnt sich Wagnis - Oder lassen wir uns lieber be-abenteuern? In: Magazin OutdoorWelten 1(2014) Seiten 68 ff. ISSN 2193-2921

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Arved Fuchs: Abenteuer zwischen Tropen und ewigem Eis, Bielefeld 2003
  2. Siegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Baltmannsweiler 2001, Seiten 30-31
  3. Siegbert A. Warwitz: Thesen zum wertorientierten Wagnis, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Baltmannsweiler 2001, Seiten 298-305
  4. Siegbert A. Warwitz: Wagnis muss Wesentliches wollen, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Baltmannsweiler 2001, Seiten 305-308
  5. Kurt Hahn: Erziehung zur Verantwortung, Stuttgart 1958
  6. Siegbert A. Warwitz: Lohnt sich Wagnis - Oder lassen wir uns lieber be-abenteuern? Interview in: Magazin OutdoorWelten 1(2014) Seiten 68 ff
  7. Ernest Hemingway: A Farewell to Arms (dt. In einem andern Land), 1929
  8. Judith Völler: Abenteuer, Wagnis und Risiko im Sport der Grundschule. Erlebnispädagogische Aspekte. Wissenschaftliche Examensarbeit GHS. Karlsruhe 1997
  9. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Spielend Abenteuer erleben. In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 3. Auflage Baltmannsweiler 2014. Seiten 64-69
  10. Nadine Stumpf: Abenteuer im Schulsport. Was Kinder sich wünschen und wie man diese Wünsche realisieren kann. Wissenschaftliche Examensarbeit GHS. Karlsruhe 2001
  11. Martin Scholz: Erlebnis-Wagnis-Abenteuer. Sinnorientierungen im Sport. Hofmann, Schorndorf 2005

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiquote: Abenteuer – Zitate
 Wiktionary: Abenteuer – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen