Rudolf Agricola (Humanist)

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Rudolf Agricola

Rudolf Agricola, auch Rodolph(us) Agricola, eigentlich Roelof Huysman (* 17. Februar 1444 (oder 23. August 1443) in Baflo bei Groningen; † 27. Oktober 1485 in Heidelberg) war ein frühhumanistischer niederländischer Schriftsteller und Gelehrter. [1] [2]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Agricola stammte aus der Verbindung von Hendrik Vries aus Baflo, der ab 1444 Abt des Benediktinerklosters Selwert war, mit der «puella» Sicke (Huusman?), die später den Witwer Sycko Sartor (Schroeder) heiratete. Agricola wuchs in dessen Haus auf. Er erhielt seinen ersten Unterricht an der Martinischule in Groningen unter dem Einfluss der «Brüder vom Gemeinsamen Leben». Später studierte er ab 1456 in Erfurt und Köln (1462) das Fach Artes (Künste), danach in Löwen, wo er im Jahr 1465 die Magisterwürde «mit höchster Auszeichnung» erlangte. Im Jahr 1468 scheint Agricola nach Italien gegangen zu sein, denn spätestens ab Sommer 1469 betrieb er das Studium der Rechte in Pavia; er wechselte aber bald zu dem Fach «artes quas humanitates vocant». In Pavia hielt er drei Mal die Einführungsrede für den alljährlich neu gewählten rector scholarium. Er unterbrach seinen Italienaufenthalt im Winter 1470/71 sowie während des Jahres 1474 und hielt sich in Groningen auf. Sein Interesse an der griechischen Sprache und Literatur veranlasste ihn, im Jahr 1475 nach Ferrara zu übersiedeln, wo er sich am Hof des Herzogs Ercole I. d'Este aufhielt und bis 1479 an der dortigen Universität studierte. In den Akten dieser Hochschule ist Agricolas mehrfache Mitwirkung bei Promotionen vermerkt, und zwar zunächst als «artium magister», am 27. Januar 1478 jedoch als «artium doctor» und «familiaris illustrissimi nostri Ducis». Darüber hinaus war er in den Jahren 1476 und 1477 als Organist an der Hofkapelle des Herzogs tätig. Die Universität Löwen wollte Agricola im Jahr 1477 für den Lehrstuhl für Poetik gewinnen, was er jedoch ausschlug.

Nach über zehn Jahren Aufenthalt in Italien wandte er sich wieder nach Mitteleuropa, verweilte auf Einladung des Augsburger Bischofs Johann von Werdenberg wenige Monate in Dillingen und setzte dann seine Reise über Köln nach Groningen fort. Dort übte er von 1480 bis 1484 die Funktion des secretarius dieser Stadt aus; hier führten ihn verschiedene Gesandtschaften auch mehrfach an den Hof Kaiser Maximilians I. in Brüssel, und zwar in den Jahren 1480 und 1481. Dort versuchte man, ihn als «secretarius ab epistolis Latinis» und als Erzieher der Kinder des Kaisers zu gewinnen, jedoch ohne Erfolg. Während seines Aufenthalts in Antwerpen 1481 begegnete er dem franko-flämischen Komponisten Jacob Barbireau (um 1408-1491), mit dem er bis zu seinem Tod eng verbunden blieb. Auf Grund des Einflusses von Barbireau versuchte die Stadt Antwerpen, Agricola für das Rektorat der dortigen Lateinschule zu gewinnen; dieser hatte sich jedoch anders entschieden. Im April 1484 verließ er Groningen endgültig und folgte dem Ruf Johanns von Dalberg, kurfürstlicher Kanzler und Bischof von Worms, mit dem er seit der Zeit in Pavia befreundet war, nach Heidelberg. Hier lebte er im Haus seines bischöflichen Gönners, war allen materiellen Sorgen enthoben und begann an der Heidelberger Universität, die damals schon fast hundert Jahre bestand, Hebräisch zu studieren. Ohne dass er eine amtliche Stelle innehatte, hielt er Reden und Vorträge, hielt Vorlesungen über griechische und lateinische Literatur, auch über hebräische Sprache, und stand unter den Professoren und Studenten im höchsten Ansehen; sein ganzes Auftreten und seine Art des Unterrichts wurden als neu und ungewöhnlich empfunden.

Nach der Wahl und der Krönung von Papst Innozenz VIII. schickte Kurfürst Philipp von der Pfalz seinen Kanzler Dalberg im Jahr 1485 nach Rom; in seinem Gefolge befand sich auch Rudolf Agricola. Während des öffentlichen Konsistoriums am 6. Juli 1485 hielt Dalberg als Bischof von Worms die oratio gratulatoria (Glückwunschrede), welche Agricola verfasst hatte. Auf dem Rückweg von Rom erkrankte Rudolf Agricola und starb in Heidelberg am 27. Oktober 1485.

Bedeutung[Bearbeiten]

Zu Lebzeiten Agricolas sind keine seiner Schriften im Druck erschienen, ausgenommen einige lateinische carmina (Lieder) und die erwähnte oratio gratulatoria für Innozenz VIII. Viele Schriften zirkulierten jedoch in handschriftlicher Form und hatten auf diesem Wege einen Einfluss auf einen kleinen Kreis von Humanisten. Nach der Drucklegung vieler seiner Werke, insbesondere nach 1520, änderte sich dies jedoch schlagartig. Der bekannte Humanist Erasmus von Rotterdam beschreibt in einem Brief an Johannes von Botzheim die große Bedeutung Rudolf Agricolas mit den Worten «Rodolphus Agricola primus omnium aurulam quandam melioris litteraturae nobis invexit ex Italia». Zu Agricolas Schülern in Heidelberg zählte auch der später gefeierte Dichter und Erzhumanist Conrad Celtis (1459−1508), auf dessen Veranlassung im Jahr 1491 die rheinische Gesellschaft für Wissenschaft «Sodalitas litteraria Rhenania» ihren geistigen Mittelpunkt nach Heidelberg verlegte.

Wie kaum ein anderer seiner Generation in Mitteleuropa hatte sich Agricola den Humanismus in seiner italienischen Ausprägung angeeignet und zu seinem Lebensprogramm gemacht. Als Erzieher setzte er sich leidenschaftlich für eine umfassende Bildung nach dem Vorbild der antiken Artes liberales ein. Die Vorgehensweise erläuterte er in seinem Werk «De formando studio» (Jacob Barbireau gewidmet), welches als die erste pädagogische Abhandlung eines deutschen Humanisten gilt. Er übersetzte zahlreiche griechische Werke ins Lateinische und trat für das Studium der Antike ein. Als erster Humanist nördlich der Alpen verkörperte er das Ideal des Universalgelehrten mit weitreichender Wirkung seiner Schriften viele Jahrzehnte über seinen Tod hinaus. Im Zuge dieser Wirkung wird der Einfluss des literarischen Humanismus vor allem im deutschsprachigen Raum auf Musik und Musiktheorie spürbar, wie zuvor in Italien unter Francesco Petrarca (1304−1374), und so wurde Musik auch in Deutschland Teil der humanistischen Erziehung.

Rudolf Agricola war auch als Musiker ausgesprochen vielseitig. Nach einem Bericht von Othmar Luscinius (Straßburg 1515) war er Sänger und spielte Blas-, Streich- und Tasteninstrumente, wobei er zur Orgel ein besonderes Verhältnis hatte. In Groningen und Ferrara betätigte er sich als Organist und Orgelsachverständiger. Als 1481/82 in der Martinikirche Groningen die Orgel umgebaut und erweitert wurde, war er als Berater maßgeblich daran beteiligt, ebenso an dem Orgelneubau in Kampen 1480. Offenbar hat sich Agricola auch als Maler betätigt. Es sind von ihm jedoch keine Kompositionen oder Gemälde bekannt geworden.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • De inventione dialectica (Hauptwerk, «Über die dialektische Denkmethode»), drei Bände, erschienen im Jahr 1515.

Eine Auswahl von Agricolas Schriften wurde von Alardus von Amsterdam im Jahr 1539 unter dem Titel «Rudolphi Agricolae lucubrationes» (Rudolf Agricolas Nachtarbeiten) herausgegeben.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Wilhelm Ehmer: Rudolf Agricola und Konrad Mutian. Beiträge zur Geschichte der Entwicklung der Persönlichkeit unter dem Einfluß des Humanismus in Deutschland. Dissertation, Universität München, 1926.
  • Ludwig Geiger: Agricola, Rudolf. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 151–156.
  • Georg Ihm: Der Humanist Rudolf Agricola, sein Leben und seine Schriften. Schöningh, Paderborn 1893 (Sammlung der bedeutendsten pädagogischen Schriften aus alter und neuer Zeit. Band 15).
  • Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Rudolf Agricola: 1444–1485, Protagonist des nordeuropäischen Humanismus, zum 550. Geburtstag. Lang, Bern 1994, ISBN 3-906752-51-8.
  • Michael Seidlmayer: Agricola, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 103 f. (Digitalisat).
  • Ferdinand Ahuis: Johannes Bugenhagen und England, in: Lutherjahrbuch 79, 2012, S. 159-182, hier S. 159.165.
  • P. S. Allen: The letters of Rudolph Agricola, in: The English Historical Review 21, 1906, Seite 302 bis 317
  • G. Pardi: Titoli dottorali conferiti dallo Studio di Ferrara nei seculo XV e XVI, Lucca 1900
  • W. H. Woodward: Studies in Education during the Age of Renaissance 1400−1600, Cambridge University Press 1906 (= Contributions to the History of Education 2)
  • L. Lockwood: Music in Renaissance Ferrara 1400−1505. The Creation of a Musical Center, Cambridge/Massachusetts 1984
  • G. C. Huisman: Rudolph Agricola. A Bibliography of Printed Works and Translations, Nieuwkoop 1985 (= Bibliotheca Bibliographica Neerlandia 20)
  • Rudolphus Agricola Phrisius 1444−1485. Proceedings of the International Conference at the University of Groningen 28−30 October 1985, herausgegeben von F. Akkerman und A. J. Vanderjagt, Leiden u. a. 1988 (= Brill's Studies in Intellectual History 6)

Quellen[Bearbeiten]

  1. Friedrich Wilhelm Bautz: Agricola (Huusman, Huisman), Rudolf. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 61.
  2. Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Personenteil Band 1, Bärenreiter Verlag Kassel und Basel 1999, ISBN 3-7618-1111-X

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Agricola – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Rudolf Agricola – Quellen und Volltexte