Deutscher Humanismus

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Hans Holbein der Jüngere: Erasmus von Rotterdam, 1523
De arte cabbalistica, Hagenau 1530, Titelseite mit dem Wappen von Johannes Reuchlin

Deutscher Humanismus ist die Bezeichnung einer Bildungsbewegung der Renaissance, die sich im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland ausbreitete. Anfangs wurde das Gedankengut des italienischen Renaissance-Humanismus übernommen, später kam es auf deutschem Boden zu einer eigenständigen Weiterentwicklung, die teils von einem starken kulturellen Nationalismus geprägt war.

Peter Luder[Bearbeiten]

Peter Luder war der erste Deutsche, der als "Wanderhumanist" den italienischen Humanismus in Deutschland verbreitete. Nachdem er jahrelang in Italien umhergezogen war und dort Beziehungen geknüpft hatte, auch Schüler von Guarino da Verona gewesen war, kam er auf eine Einladung von Pfalzgraf Friedrich I. hin nach Heidelberg. Der Pfalzgraf war vermutlich über die Universität Padua auf Luder aufmerksam geworden. Seine Tätigkeit als Lehrer im humanistischen Latein konzentrierte sich auf die Universitäten Heidelberg, Erfurt und Leipzig. Luders Start in Heidelberg war spektakulär. Er präsentierte sich der Universitätsöffentlichkeit mit einer programmatischen Rede zur Empfehlung der studia humanitatis. Es war die erste derartige Rede an einer deutschen Universität. Sie gilt als Initialzündung des Humanismus in Deutschland. So setzt man das Jahr 1456, in dem Luder seine Rede hielt, als Entstehungsdatum des deutschen Humanismus an. Dieses Plädoyer für die studia humanitatis wurde künftig Luders Paraderede, mit der er jeweils an den Universitäten, an denen er nach seiner Zeit in Heidelberg lehrte, seinen Einstand gab. Nach den zeitgenössischen Quellen war sein Ansehen damals aber nicht sehr hoch. Die Gründe dafür waren wohl sein freizügiger Lebenswandel und seine teils mangelhafte Sachkenntnis. An der Universität Heidelberg dominierte im Lehrkörper eine scholastische Haltung. Dennoch war zumindest ein Teil der Professoren aufgeschlossen für die neuen humanistischen Ideen. In Erfurt und Leipzig hatte Luder weniger Erfolg. Ein durch einen Kollegen in Leipzig nachgewiesener Fehler in seinen Übersetzungen soll das Ende seiner dortigen Karriere herbeigeführt haben. Nicht seine humanistische Einstellung, sondern eher persönliche Gründe riefen Widerstand gegen sein Auftreten hervor. Weitaus bedeutender als Luder war sein Schüler Hartmann Schedel, der die Schedelsche Weltchronik herausbrachte.

Bibelhumanismus[Bearbeiten]

Zum humanistischen Streben nach direktem Zugang zu den antiken Klassikern in der Originalsprache (ad fontes) gehörte auch die philologische, textkritische Beschäftigung mit der Bibel und antiker christlicher und jüdischer Literatur. Mehrere deutsche Theologen wurden zu Hebraisten. Manche Vertreter des Bibelhumanismus wie Johannes Reuchlin, Sebastian Münster und Johann Böschenstein schrieben Abhandlungen über die hebräischen Akzente und die Rechtschreibung. Johannes Reuchlin, der unter anderem in Konstantinopel bei Manuel Chrysoloras die griechische und hebräische Sprache erlernte, trug maßgeblich zur Verbreitung von Hebräischkenntnissen unter den deutschen Theologen bei. Im Streit um die "Dunkelmännerbriefe" setzten sich die deutschen Humanisten mit ihren konservativen scholastischen Gegnern auseinander.

Reuchlins bedeutendster Schüler war Philipp Melanchthon. Melanchthon und andere evangelische Humanisten wie Johannes Bugenhagen, der Beichtvater Luthers in Wittenberg, nutzten den Humanismus auch für die Zwecke der Reformation. Eine andere Zielrichtung verfolgte der auch in Deutschland einflussreiche niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam. Er bemühte sich, der zunehmenden konfessionellen Polarisierung durch humanistische Ideale entgegenzuwirken.

Namhafte deutsche Humanisten[Bearbeiten]

Zu den namhaften deutschen Humanisten zählen Rudolf Agricola, Johannes Aventinus, Heinrich Bebel, Sebastian Brant, Hermann von dem Busche, Konrad Celtis, Petrus Divaeus, Sebastian Franck, Hieronymus Gebwiler, Konrad Heresbach, Eobanus Hessus, Ulrich von Hutten, Albert Krantz, Sigismund Meisterlin, Sebastian Münster, Hermann von Neuenahr, Johannes Nauclerus, Konrad Peutinger, Willibald Pirckheimer, Jodocus Gallus, Johann Reuchlin, Beatus Rhenanus, Johannes Rivius, Mutianus Rufus, Georg Sabinus, Hartmann Schedel, Johann Sleidan, Jakob Spiegel und Jakob Wimpheling.

Quellensammlungen[Bearbeiten]

  • Wilhelm Kühlmann u. a. (Hrsg.): Die deutschen Humanisten. Dokumente zur Überlieferung der antiken und mittelalterlichen Literatur in der Frühen Neuzeit. Brepols, Turnhout 2005 ff.
  • Harry C. Schnur (Hrsg.): Lateinische Gedichte deutscher Humanisten. 2. Auflage, Reclam, Stuttgart 1978, ISBN 3-15-008739-2 (lateinische Texte mit deutscher Übersetzung).
  • Winfried Trillitzsch: Der deutsche Renaissance-Humanismus. Röderberg, Frankfurt am Main 1981 (deutsche Übersetzungen humanistischer Texte).

Literatur[Bearbeiten]

  • Noel L. Brann: Humanism in Germany. In: Albert Rabil (Hrsg.): Renaissance Humanism. Foundations, Forms, and Legacy, Band 2: Humanism beyond Italy, University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1988, ISBN 0-8122-8064-4, S. 123–155
  • Erich Meuthen: Charakter und Tendenzen des deutschen Humanismus. In: Heinz Angermeier (Hrsg.): Säkulare Aspekte der Reformationszeit. Oldenbourg, München und Wien 1983, ISBN 3-486-51841-0, S. 217–276
  • Richard Newald: Probleme und Gestalten des deutschen Humanismus. De Gruyter, Berlin 1963
  • Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts. Verlag Chemie, Weinheim 1984, ISBN 3-527-17012-X
  • Paul Gerhard Schmidt (Hrsg.): Humanismus im deutschen Südwesten. Biographische Profile. Thorbecke, Sigmaringen 1993, ISBN 3-7995-4166-7
  • Franz Josef Worstbrock (Hrsg.): Deutscher Humanismus 1480–1520. Verfasserlexikon. De Gruyter, Berlin 2008 ff.
  • Marco Heiles: Topography of German humanism 1470-1550. An Approach [1]

Weblinks[Bearbeiten]

  • Topography of German humanism 1470-1550 [2]