Südostwall

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Südostwall oder Reichsschutzstellung[1] wurden jene Verteidigungsstellungen bezeichnet, welche das Oberkommando der Wehrmacht gegen Ende des Zweiten Weltkrieges an der Südostgrenze des Deutschen Reiches gegen die heranziehenden Verbände der Roten Armee planen beziehungsweise errichten ließ.

Entwicklung[Bearbeiten]

Ungefährer Verlauf des Stellungssystems an der Südostfront 1944/45
Südostwall heute in Westungarn: zwischen Güns und Horvátzsidány

Nachdem die Verteidigung in Ungarn immer schwieriger wurde, sollte ein Stellungssystem von den Weißen Karpaten bis an den Fluss Drau errichtet werden. Dieses Stellungssystem sollte die Truppenverbände der Roten Armee aufhalten, falls diese die in der Slowakei und Ungarn vorgelagerte Susanne-Stellung durchbrach. Das gestaffelte Stellungssystem bestand aus einer A- und einer B-Verteidigungslinie. Die Stellungen bestanden meist aus Panzergräben mit jeweils vier Metern Breite und Tiefe, die mit Hacken und Schaufeln gegraben worden waren, sowie rückwärtigen Granatwerferstellungen. Meist konnten die Stellungen nur mit Holz ausgebaut werden, da der notwendige Beton zu diesem Zeitpunkt bereits meist nicht mehr in ausreichender Menge lieferbar war. Die Anlage der Stellungen zielte insbesondere auf eine systematische Ausnutzung natürlicher Geländehindernisse (Anhöhen, Berge usw.) ab, um den Angriff sowjetischer Panzertruppen abzuwehren. Die strategische Idee für die Ausnutzung natürlicher Geländehindernisse lag darin begründet, dass sie eine der wenigen noch verbliebenen Möglichkeiten darstellte, einen personal- und materialmäßig weit überlegenen militärischen Gegner mit den noch vorhandenen geringen Verteidigungskräften aufzuhalten. Der Gegner sollte aus dem Bewegungskrieg in einen Stellungskrieg in einem für ihn ungünstigem Gelände gezwungen werden.

Das Stellungssystem begann am Jablunkapass, führte über den Festungssektor von Sillein, dann längs des Flusses Waag bis südlich von Trentschin. Von dort folgte es dem Verlauf der Kleinen Karpaten bis zum Festungssektor von Pressburg.

Die Slowakei 1940 mit markierter „Schutzzone“

Dieser slowakische Abschnitt des Südostwalls fußte auf einer bereits ab 1939 geplanten und teilweise verwirklichten deutschen Verteidigungslinie. Die Errichtung deutscher Militäranlagen entlang dieser Verteidigungslinie war bereits im Deutsch-Slowakischen Schutzzonenstatut im August 1939 vereinbart worden. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Ende 1939 führte jedoch dazu, das nur ein geringer Teil der geplanten Militäranlagen tatsächlich errichtet wurde. Im südlichen österreichischen Abschnitt mussten alle Verteidigungsstellungen völlig neu geplant und gebaut werden. Dieser Abschnitt beginnt bei Preßburg an der Donau und folgt dem Verlauf der Anhöhenlinie bis zum Neusiedler See. Diesem folgt sie auf den Anhöhen am Westufer des Sees bis südöstlich von Ödenburg. Von hieran zieht sich die Verteidigungslinie über die Anhöhen östlich von Güns bis ins Pinkatal, von dort zieht sie sich bis in den Bereich östlich von Radkersburg und folgt dann in etwa dem Verlauf der Grenze der Untersteiermark (heute slowenisch/kroatische Grenze) bis zum Fluss Drau. Die Drau bildete den südlichen Endpunkt des Südostwalls.

Als Besetzung der Stellungen waren häufig Volkssturmbataillone vorgesehen, da es an einer für eine vollständige Besetzung der Stellungen hinreichenden Anzahl vollausgebildeter und -ausgestatteter Wehrmachtseinheiten mangelte. Der Südostwall hat aufgrund seines geringen Ausbauzustandes und seiner quantitativ und qualitativ geringen Besetzung mit Verteidigungskräften nur einen geringen Einfluss auf den Verlauf der Kampfhandlungen gehabt. Nachdem die Rote Armee im Februar 1945 in der Schlacht um Budapest siegreich gewesen war und auch die nachfolgende deutsche Plattenseeoffensive abwehren konnte, gelang es ihr, an den Südostwall vorzustoßen und diesen im Rahmen der Vorbereitungen zur Schlacht um Wien an etlichen Stellen relativ zügig zu durchstoßen.

Baubedingungen[Bearbeiten]

Insgesamt waren 300.000 Menschen am Bau des Walls beteiligt. Neben Angehörigen der Hitlerjugend, sogenannten Ostarbeitern und der ortsansässigen Bevölkerung wurden 30.000 ungarische Juden ab November 1944 als Zwangsarbeiter zur Errichtung des Südostwalls verpflichtet. [2] Unmenschliche Behandlung, Unterernährung und Seuchen führten zum Tod von 33.000 Arbeitern durch Krankheit, Erschöpfung oder Erschießung durch die Wachmannschaften. Arbeitsunfähig gewordene Menschen wurden oft gruppenweise erschossen, darunter war auch Antal Szerb. Für die Bevölkerung war das Zustecken von Nahrungsmitteln mit der Einstufung als Volksschädling und Zuchthausstrafen bedroht. Die Überlebenden mussten kurze Zeit später den Todesmarsch in das KZ Mauthausen antreten. [3]

Allein im Bezirk Oberwart wurden mehrere hundert jüdische Zwangsarbeiter bei den Massakern von Rechnitz[4] und Deutsch Schützen[5] erschossen.

Museale Rezeption[Bearbeiten]

Kugelbunker im Heeresgeschichtlichen Museum Wien

Im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum ist ein Kugelbunker aus dem Südostwall ausgestellt. Diese Bunker wurden in einem einfachen Betongussverfahren in großer Stückzahl hergestellt. Aufgrund des gegen Kriegsende herrschenden Rohstoffmangels wurde bei diesen Bunkern nur wenig Zement verwendet.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Leopold Banny: Schild im Osten. Der Südostwall zwischen Donau und Untersteiermark 1944/45. Eigenverlag, Lackenbach 1985, OBV.
  • Helmut M. Wartlik: Das Arbeitslager für ungarische Juden in Engerau (3. Dezember 1944 bis 29. März 1945) im Rahmen des Südostwallbaues aus der Perspektive der Prozesse vor dem Volksgericht Wien 1945–1955. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2008. – Volltext online (PDF; 12 MB).
  • Hermann Rafetseder: NS-Zwangsarbeits-Schicksale. Erkenntnisse zu Erscheinungsformen der Oppression und zum NS-Lagersystem aus der Arbeit des Österreichischen Versöhnungsfonds. Eine Dokumentation im Auftrag des Zukunftsfonds der Republik Österreich. – Linz 2007; darin zum Südostwallbau vor allem auf S. 368-374, online im "forum oö geschichte" über www.ooegeschichte.at/bibliografie/NS-Zwangsarbeits-Schicksale

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag zu Reichsschutzstellung in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online (in AEIOU Österreich-Lexikon)
  2. Michael Achenbach, Dieter Szorger: Der Einsatz ungarischer Juden am Südostwall im Abschnitt Niederdonau 1944/45. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 1997, OBV.
  3. Eleonore Lappin-Eppel: Sonderlager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 218–247. – Text in Teilen online.
  4. Gregor Holzinger (Red.), Jakob Perschy, Dieter Szorger: Das Drama Südostwall am Beispiel Rechnitz. Daten, Taten, Fakten, Folgen. Burgenländische Forschungen, Band 98, ZDB-ID 503890-x. Amt der Burgenländischen Landesregierung (Abteilung 7 – Kultur, Wissenschaft und Archiv, Hauptreferat Landesarchiv und Landesbibliothek), Eisenstadt 2009, ISBN 978-3-901517-59-4. – Inhaltsverzeichnis online (PDF; 50 KB).
  5. Harald Strassl, Wolfgang Vosko: Das Schicksal ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter am Beispiel des Südostwallbaus 1944/45 im Bezirk Oberwart. Unter besonderer Berücksichtigung der Massenverbrechen bei Rechnitz und Deutsch Schützen. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 1999, OBV.
  6. Manfried Rauchensteiner (Hrsg.), Manfred Litscher (Fotogr.): Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien. Verlag Styria, Graz/Wien 2000, ISBN 3-222-12834-0, S. 81.

Weblinks[Bearbeiten]

47.28333333333316.2Koordinaten: 47° 17′ 0″ N, 16° 12′ 0″ O