Sasando

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Sasando, vor 1887

Die sasando (malaiisch), auch sesando, rotinesisch: sasandu, ist eine heterochorde Röhrenzither aus Bambus mit Schalltrichter. Sie ist das nationale Musikinstrument der Bevölkerung auf der Insel Roti in der indonesischen Provinz Ost-Nusa Tenggara.

Bauform und Verbreitung[Bearbeiten]

Der Resonanzkörper besteht aus einem Bambusrohrabschnitt, von dessen einen Knotenende ringsum parallel verlaufende Metallsaiten bis zum oberen Ende gespannt sind. Die Saiten werden unten von Metallstiften oder eine Drahtwicklung gehalten und an der gegenüberliegenden Seite durch Wirbel aus Holz oder Metall gespannt. Die Wirbel ragen bei einfachen Instrumenten sternförmig aus Löchern, die in das Bambusrohr gebohrt sind, heraus. Daneben gibt es mit unterschiedlichem Aufwand aus der Grundform heraus verfeinerte Instrumente, wie „konzertante“ sasandos mit einem überbreiten, auf das Bambusrohr aufgesetzten Wirbelkasten aus Holz. Bei vielen Instrumenten bestehen beiden Enden aus einem angepassten Holzteil, an dem die Saiten befestigt werden.

Idiochorde sasando vor 1890
Beide Bilder aus dem Tropenmuseum in Amsterdam

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Bambuszithern idiochord, sie besaßen etwa zehn, längs aus dem Rohr herausgeschälte Bambusstreifen als Saiten, die durch untergeschobene Holzklötzchen gespannt wurden. Heute verwendet man für die 10 bis 36 und mehr Saiten dünnen Kupferdraht.[1] An einfacheren Ausführungen mit zehn bis elf Saiten finden Kupplungsdrähte von Mopeds Verwendung.[2] Jede Saite wird durch einen oder zwei hölzerne keilförmige Stege auf Abstand vom Rohr gehalten und durch Verschieben dieser Stege und Drehen der Wirbel gestimmt. Die Länge des oft kunstvoll bemalten Bambusrohres beträgt etwa 50 bis 70 Zentimeter.

Eine sasando gong hat zehn bis elf Saiten und kann nur traditionelle Musik spielen. Das Instrument ist pentatonisch gestimmt und hat einen Tonumfang von zwei Oktaven. Die Saiten werden individuell gestimmt etwa in G – B half-flat – C – E half-flat – F, mit einem oberen G bei der elften Saite.[3]

Mit der sasando biola, die 24 diatonisch nach Violinentönen gestimmte Saiten besitzt (biola, indonesisch „Violine“), lässt sich religiöse und moderne Unterhaltungsmusik spielen, einschließlich der indonesischen Nationalhymne Kulihat Ibu Pertiwi.[4]

Eine sasando engkel hat 28 Saiten, bei der sasando dobel sind es 56, gelegentlich sogar 84 Saiten.

Ähnliche Bambuszithern der malaiischen Inselwelt sind mit dem Aussterben der traditionellen Kultur durch die Islamisierung und den Einfluss christlicher Missionare vielerorts nahezu verschwunden, so etwa das tatabuan kawan der Molukken mit fünf idiochorden Saiten und das in Borneo gespielte tongkungon[5]. Auf Flores hießen idiochorde Röhrenzithern mit drei, sechs, sieben oder neun Saiten unter anderem kenite (70 Zentimeter lang, Durchmesser 10–12 Zentimeter) oder gong tondu, santu, santo (Larantuka, Ostflores), nggonggri, mapa (Maumere)[6] und surondopi (Riangwulu, Ostflores). Auf Timor gab es die etwa 35 Zentimeter lange Bambuszither queuqueuquepere, die von Heilern (matam doc) zur zeremoniellen Behandlung körperlicher Gebrechen eingesetzt wurde. Der Spieler zupfte sie entweder mit einem Bambusplektrum oder strich mit einem Sehnenbogen über die Saiten und schlug gleichzeitig mit hölzernen Schlägeln gegen die Stirnseiten.[7] Auf den Philippinen gibt es noch verschiedene, kolitong genannte Bambuszithern mit fünf bis neun Saiten. Bambuszithern sind von ihrer südostasiatischen Ursprungsregion um das 15. Jahrhundert[8] bis nach Madagaskar gelangt und werden dort valiha genannt.

Keine andere Bambuszither besitzt jedoch den für die sasando charakteristischen Schalltrichter (haik) aus fächerförmig einen Halbkreis bildenden Streifen von Blättern der Lontarpalme (Borassus sundaicus Beccari). Der Bambuskorpus hält als zentrale Achse den einklappbaren Fächerkreis zusammen, mit diesem kann das Instrument beim Spielen aufgesetzt oder angelehnt werden. Der Spieler stellt das Instrument vor sich auf die Knie, er zupft mit den Fingernägeln der rechten Hand die Basssaiten und mit der linken Hand die hohen Saiten. Anstelle einer Rhythmusbegleitung kann der haik mit Stöckchen geschlagen werden. Gelegentlich wir durch Einbau eines elektromagnetischen Tonabnehmers ein künstlich lauter Klang erzeugt. Die elektrische Version nennt sich sasando biola listrik. Einige neuere sasando biola haben einen rechteckigen Holzkasten als Resonator.

Sasando-Tradition[Bearbeiten]

Die sasando ist außer auf der Insel Roti auch um Kupang auf der größeren Nachbarinsel Timor bekannt. Sie wird entweder als Solo-Instrument gespielt oder ein Sänger begleitet mit ihr seine Lieder, die in trauriger Stimmung von einem unausweichlichen Schicksal handeln. Die Verse werden meist auf bini vorgetragen, einer rituellen Hochsprache mit eigenem Vokabular, die als „Sprache der Ahnen“ verstanden wird. Der Refrain kann in gewöhnlichem Rotinesisch oder Bahasa kupang gesungen werden. Letzteres ist die regionale Verständigungssprache, die sich aus einer Mischung von Indonesisch, Timoresisch, Rotinesisch und Holländisch zusammensetzt.

Sasando-Spieler traten früher zur Unterhaltung des Königs auf, heute spielen sie bei traditionellen Festen wie Erntedank, Hochzeiten, Geburtstags- und sonstigen Familienfeiern. Die Männer tragen dabei einen Tiilangga-Hut aus Palmblättern auf dem Kopf.

Sasando von 2010

Neben den Liedern, die vom Saiteninstrument sasando und gelegentlich von Trommeln begleitet werden, gibt es auf Roti eine zweite Musikgattung, deren melodieführendes Instrument aus einer Reihe von neun an einem Holzgestell aufgehängten Buckelgongs (Meko) besteht. Die Meko-Ensembles sind eine relativ junge Entwicklung, sie wurden vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt und gehen auf Einflüsse des javanischen Gamelan zurück. In beiden Besetzungen wird häufig dasselbe Repertoire verwendet, die Spielweisen beider Instrumente scheinen darauf ausgelegt, sich gegenseitig zu imitieren. Mit den neun unteren Saiten einer zehnsaitigen sasando gong kann ein Spieler etwa die Töne der neun Gongs wiedergeben. Unabhängig von der Frage nach dem Alter beider Instrumente verweist dies auf eine eigenständige lokale Musiktradition. Eine ebensolche imitierende Übernahme praktizieren die Batak im Norden Sumatras, die mit dem Ensemble um die Zupflauten hasapi die Melodieführung des Gongspiels gondang sabangunan wiedergeben.[9]

Über die Entstehung der sasando sind mehrere Geschichten im Umlauf. Nach einer Erzählung erschuf Ana Sanggu Anfang des 15. Jahrhunderts auf der kleinen Insel Dana vor der Südwestküste von Roti die Sasando-Urform. Sanggu stammte von einer Nachbarinsel und wurde von dem auf Danu herrschenden Inselkönig verhaftet, als er dort Fische fangen wollte. Des Königs Tochter verliebte sich in Sanggu und erbat sich von ihm ein neues Musikinstrument. Sie erhielt eines mit sieben Saiten aus Wurzelholzfasern. Als der König das Verhältnis bemerkte, ließ er Sanggu hinrichten. Sanggus Begleiter gelang die Flucht auf die Heimatinsel, wo der Sohn Sanggus Männer um sich sammelte, mit denen er die gesamte Insel Dana zerstörte, nur die Kinder verschonte und einzig die sasando mitnahm.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Chigring, eine mit Bambusstäben geschlagene und perkussiv verwendete Bambusröhrenzither in Nordostindien

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jaap Kunst: Music and dance in the outer provinces. In: Tropenmuseum, University of Amsterdam (Hrsg.): Jaap Kunst. Indonesian music and dances. Traditional music and ist interaction with the West. A compilation of articles (1934–1952) originally published in Dutch. Amsterdam 1994, S. 189
  2. Troubled Grass and Crying Bamboo: The Music of Roti. Indonesian Arts Society, IAS 5. Booklet der CD von 2005
  3. Christopher Basile, Janet Hoskins: Nusa Tenggara Timur. In: Terry E. Miller, Sean Williams (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Bd. 4. Southeast Asia. Garland, New York/London 1998, S. 798–801
  4. An Indonesian Musican’s Plucky Tale of Fame. Jakarta Globe, 7. Dezember 2009
  5. Ruben Sario: Memorable end to Kaamatan. The Star, 6. Juni 2007 (idiochorde Bambuszither tongkungon)
  6. Jaap Kunst, Emil Van Loo: A Study of the Vocal and Instrumental Music Among the Tribes Living in Flores. E. J. Brill, Leiden 1942, S. 128; Kunst 1994, S. 198
  7. Paul Collaer: Südostasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band I: Musikethnologie. Lieferung 3) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1979, S. 122
  8. Birger Gesthuisen im Begleitheft zur CD Valiha. Klingender Bambus. Madagaskar 3. Feuer und Eis, FUEC 712, 1992, S. 5
  9. Henry Spiller: Gamelan Music of Indonesia. (Focus on World Music Series) Routledge, London/New York 2008, S. 21, ISBN 978-0415960687