Schinderhannes bartelsi

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Schinderhannes
Schinderhannes bartelsi

Schinderhannes bartelsi

Zeitliches Auftreten
Unteres Devon
409,1 bis 391,9 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Urmünder (Protostomia)
Dinocarida
Radiodonta
Anomalocarididae
Gattung: Schinderhannes
Wissenschaftlicher Name
Schinderhannes
Kühl, Briggs & Rust, 2009
Art
  • Schinderhannes bartelsi Kühl, Briggs & Rust, 2009

Schinderhannes bartelsi ist ein entfernter Verwandter der Anomalocarididae (Anomalocarida oder korrekter: Anomalocaridida), der bisher nur durch einen Einzelfund aus dem Unterdevon (vor ca. 400 Millionen Jahren) des Hunsrückschiefers überliefert ist. Seine Entdeckung war unerwartet, denn zuvor waren ähnliche Fossilien nur aus kambrischen Fossillagerstätten bekannt, die etwa 100 Millionen Jahre älter sind als der Hunsrückschiefer.[1]

Anomalocariden sind Organismen wie Anomalocaris, von denen man annimmt, dass sie mit den Gliederfüßern (Arthropoden) entfernt verwandt sind. Allerdings unterscheiden sie sich erheblich von allen bekannten fossilen und rezenten Organismen - sie besaßen seitliche Loben zum Schwimmen und große Facettenaugen. Am auffälligsten ist ein Paar klauenähnliche „große Anhänge“ von denen man annimmt, dass sie die Nahrung dem Mund zugeführt haben. Diese Greifer sind segmentiert und weisen einen hohen Grad an Beweglichkeit auf.[2]

Entdeckung[Bearbeiten]

Das bisher einzige bekannte Fossilexemplar wurde im Eschenbach-Bocksberg-Steinbruch in Bundenbach gefunden und ist nach dem Räuber „Schinderhannes“ benannt, der diese Gegend einst unsicher machte. Das Namensepithet bartelsi ehrt Christoph Bartels, einen Experten für Fossilien aus dem Hunsrückschiefer. Das Exemplar befindet sich jetzt im Naturhistorischen Museum in Mainz.[1]

Morphologie[Bearbeiten]

Schinderhannes ist etwa 10 cm lang und trägt ein Paar „großer Anhänge“ (engl. 'great appendages'), sehr ähnlich denen von Hurdia[3][A 1], einen radialen Peytoia-artigen „Ananas-Ring“ als Mund[A 2] sowie große gestielte Augen. Sein Körper ist in 12 Segmente geteilt, große flossenartige Strukturen zum Schwimmen ragen aus einem Segment direkt hinter dem Kopf.[1]

Ökologie[Bearbeiten]

Sein Darm ist in einer Weise erhalten, wie man es typischerweise bei Räubern findet, [4] und diese Lebensweise wird unterstützt von der räuberartigen Natur der stacheligen „großen Anhängsel“ sowie der Größe der Augen.[1] Der Organismus konnte mit Sicherheit schwimmen, indem er sich mit den „Flossen“ an seinem Kopf fortbewegte und mit den flügelähnlichen Lappen am Kopfende steuerte.[1] Diese Lappen sind vermutlich aus den seitlichen Lappen der Anomalocariden des Kambriums entstanden; Vorfahren, die die Lappen an ihren Seiten zum Schwimmen benutzten, und die noch nicht die Spezialisierung von Schinderhannes aufwiesen.[1]

Bedeutung[Bearbeiten]

Der Organismus könnte bis zu einem gewissen Grad die Klassifizierung der frühen Arthropoden ermöglichen. Er würde dann basal zu den echten Arthropoden gezählt und stünde dieser Gruppe näher als Anomalocaris. Schinderhannes könnte somit als eine Art „Onkel“ der Arthropoden verstanden werden, Anomalocaris hingegen als eine „Ur-Tante“. Dies lässt den Schluss zu, dass die Anomalocariden eine paraphyletische Gruppe bilden - soll heißen, dass die Arthropoden von den Anomalocariden abstammen.[1] Insbesondere wären die Anomalocariden nicht ohne Nachkommen ausgestorben, wie dies noch Stephen Jay Gould angenommen hatte,[2] was erhebliche Konsequenzen für die „Wuchsform“ des Stammbaums der Lebewesen hätte. Es scheint auch, dass die zweiteiligen Anhängsel (Fühler, Mundwerkzeuge und Beine, engl: 'biramous limbs') der Arthropoden durch Fusion der seitlichen Lappen mit den Kiemen der Anomalocariden entstanden sind.[3] Die Existenz des Fossils hat weitere Auswirkungen - es zeigt sich, dass die Gruppe der frühen Arthropoden mit kurzen „großen Anhängseln“ keine natürliche Gruppierung darstellt.

Die Entdeckung dieses Fossils ist von größter Bedeutung wegen der dadurch verursachten starken Erweiterung der erdgeschichtlichen Lebenszeit der Anomalocariden: Die Gruppe war vorher nur aus Lagerstätten des unteren bis mittleren Kambriums bekannt, also aus einer Zeit 100 Millionen Jahre vor Schinderhannes. Dieser Umstand unterstreicht die Bedeutung der Lagerstätten vom Hunsrückschiefer wegen der für die Entstehungszeit außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien, die man vielleicht so nirgendwo anders findet.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Kühl, Gabriele; Briggs, Derek E. G.; Rust, Jes (2009). "A Great-Appendage Arthropod with a Radial Mouth from the Lower Devonian Hunsrück Slate, Germany". Science 323: 771–773 doi:10.1126/science.1166586 ISSN 0036-8075
  2. a b Gould, Stephen J. (1989). Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History. W.W. Norton & Company; deutsche Übersetzung: Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. 1993, Hanser, München. ISBN 3-446-15951-7
  3. a b Alison C.Daley, Graham E. Budd, Jean-Bernard Caron, Gregory D. Edgecombe, Desmond Collins (2009). The Burgess Shale Anomalocaridid Hurdia and its Significance for Early Euarthropod Evolution. Science 323: 1597–1600. doi:10.1126/science.1169514
  4. Butterfield, Nicholas J. (2002). Leanchoilia guts and the interpretation of three-dimensional structures in Burgess Shale-type fossils. Paleobiology 28: 155. DOI: 10.1666/0094-8373(2002)028<0155:LGATIO>2.0.CO;2. ISSN 0094-8373
  5. Butterfield, Nicholas J. (1995). "Secular distribution of Burgess-Shale-type preservation". Lethaia 28: 1. doi:10.1111/j.1502-3931.1995.tb01587.x

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Die englische Wikipedia hat einen Artikel zu Hurdia
  2. Die englische Wikipedia hat einen Artikel zu Peytoia

Weblinks[Bearbeiten]

Englische Artikel: