Schlaraffenland

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Dieser Artikel behandelt den Märchenort Schlaraffenland.
Die abgebildete Provinz Lurconia ist der Ungepflegtheit und dem fehlenden Benehmen gewidmet. (Johann Baptist Homann) Druck: Nürnberg 1716.

Das Schlaraffenland (von mhd. sluraff = Faulenzer; „Das Land der faulen Affen“; auch Schlarraffenland oder bei Hans Sachs Schlaweraffen Landt bzw. Schlauraffenlandt) ist ein fiktiver Ort aus diversen Märchen, in dem alles im Überfluss vorhanden ist. Im französischen Sprachraum wird die südöstlich von Toulouse gelegene Landschaft des Lauragais als pays de cocagne bezeichnet, was in etwa dem Schlaraffenland entspricht.

Das Motiv[Bearbeiten]

In den Flussbetten des Schlaraffenlands fließen Milch, Honig oder Wein statt Wasser (in Anspielung z. B. an Deuteronomium 6,3 (Dtn 6,3 LUT) und viele andere Stellen). Alle Tiere hüpfen und fliegen bereits vorgegart und mundfertig durch die Luft. Die Häuser bestehen aus Kuchen. Statt Steinen liegt Käse herum. Genießen ist die größte Tugend der Bewohner des Schlaraffenlands, harte Arbeit und Fleiß werden als Sünde betrachtet. Dem Alter wird mit dem Jungbrunnen abgeholfen, etwa: Welcher ein altes Weib hat / der schick sie auch mit in das Bad / sie baden kaum drey Tage / so wird ein junges Dirnige darauß / vngefehr bey achtzehen Jahren.[1]

Schlaraffenland wird deshalb heute meist übertragen verwendet, um auf ein Paradies des Nichtstuns und müßig essenden Herumliegens hinzuweisen.

Die Idee als solche begegnet bereits in der Antike (griechische Komödie, Lukian, Herodot, Strabon). Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. gab es ähnliche Ideen bei den griechischen Dichtern Telekleides und Pherekrates (Gebratene Krammetsvögel mit kleinen Kuchen flogen Einem in den Schlund hinein). Auch die Schilderung der Aurea Aetas in Vergils 4. Ecloge weist bereits Züge der späteren Schlaraffensage auf, allerdings fehlt hier das Motiv des Überflusses und der Prasserei. Mitte des 13. Jahrhunderts entstand das französische Fabliau de Coquaigne, das in englischen und niederländischen Versionen bis ins 15. Jahrhundert fortlebte. Mitte des 14. Jahrhunderts beschreibt Boccaccio im Decamerone (3. Novelle des 8. Tages) ein Land namens Bengodi, in dem Wein, Würste, Käse und andere Delikatessen von Natur aus im Überfluss zur Verfügung stehen. In Deutschland taucht das Motiv im Fastnachtspiel des 15. Jahrhunderts auf, bevor es 1494 von dem Humanisten Sebastian Brant als Parodie auf das Paradies und als Kritik an der von einem zunehmend verweltlichten Klerus und funktionslos werdenden Adel geprägten feudalen Gesellschaft in seinem Narrenschiff (Kapitel 108) gestaltet wird.[2] Später wird es in einem Gedicht von Hans Sachs aufgegriffen.

Eine kontinuierliche Tradition reicht in Texten und Bildern bis ins 19. Jahrhundert, als die Brüder Grimm mit Das Märchen vom Schlauraffenland, das sich weniger auf die kulinarischen Aspekte als allgemein auf die Thematik satirischen Rollentausches konzentriert, und Ludwig Bechstein (Das Märchen vom wahren Lügner in Deutsches Märchenbuch von 1845 und Das tapfere Bettelmännlein in Neues deutsches Märchenbuch) die heute bekannten Fassungen des Märchens schufen.

Im bürgerlichen Zeitalter dient das Motiv der Durchsetzung des bürgerlichen Leistungsprinzips (Adel durch Tugend und Leistung) gegen angebliche Dekadenz des Geburtsadels. Erich Kästner lässt die Protagonisten seines Kinderbuches Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee durchs Schlaraffenland reisen.

Accurata Utopiae Tabula[Bearbeiten]

Accurata Utopiae Tabula

Die Karte war dem Atlas novus terrarum beigebunden, eine spätere Ausführung druckte Matthäus Seutter. Kartograf: Johann Baptist Homann (1694). Der vollständige Titel lautet:

Accurata Utopiae Tabula. Das ist Der Neu entdeckten SCHALCK WELT, oder des so oft benannten und doch nie erkannten SCHLARRAFFENLANDES. Neu erfundene lächerliche Land tabell. Worin alle und jede Laster im besonderen Königreich, Provinzen und Herrschaften ab getheilet – Beyneben auch die nebst angrentzenden Länder Der FROMMEN der zeitlichen AUF und UNTERGANGS auch wegen VERDERBNIS Regionen samt eine Erklärung anmutig und nützlich vorgestellt werden durch Author anonymus.

Erklärung der Wunder-seltzamen Land-Charten UTOPIÆ[Bearbeiten]

Johann Andreas Schneblins Erklärung der Wunder-seltzamen Land-Charten UTOPIÆ erschien 1694. Auch hier der komplette Titel:

Johann Andreas Schneblins Erklärung der Wunder-seltzamen Land-Charten UTOPIÆ / so da ist / das neu-entdeckte Schlarraffenland /Worinnen All und jede Laster der schalkhafftigen Welt / als besondere Königreiche / Herrschafften und Gebiete / mit vielen läppischen Städten / Vestungen / Flecken und Dörffern / Flüssen / Bergen / Seen / Insuln / Meer und Meer-Busen wie nicht weniger Dieser Nationen Sitten / Regiment / Gewerbe / sampt vielen leswürdigen / närrischen Seltenheiten / und merckwürdigen Einfällen aufs deutlichste beschrieben; Allen thorrechten Laster-Freunden zum Spott / denen Tugendliebenden zur Warnung / und denen melancholischen Gemüthern zu einer ehrlichen Ergetzung vorgestellet. Gedruckt zu Arbeitshausen / in der Graffschafft Fleiß im Jahr / da Schlarraffenland entdeckt war.

Sonstiges[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Baptista Homann: Karte des Schlaraffenlandes (Schlarraffenland) 1694 – Neu-entdeckte Schalk-Welt, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, Reprint 1694/1999, ISBN 978-3-932554-60-5
  • Johann A. Schnebelin: Johann Andreas Schnebelins Erklärung der Wunder-seltzamen Land-Charten UTOPIÆ, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, Reprint 1694/2004, ISBN 978-3-936030-38-9
  • Graham D. Caie, Norbert H. Ott: Schlaraffenland. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, 1995, Sp. 1477-1479.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Schlaraffenland – Quellen und Volltexte
 Commons: Cockaigne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert aus Von dem allerbesten Land so auff Erden ligt auf Wikisource – Erschienen 1671
  2. Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885, S. 899. Eintrag auf zeno.org