Freie Liebe

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für die freie Liebe im Sinne von 'freilassende Liebesbeziehung' siehe Offene Beziehung.

Freie Liebe ist ein Konzept, das Liebe und auch Sexualität als natürliche seelische und körperliche Bedürfnisse auffasst, die frei von gesellschaftlichen Normen gelebt werden sollen.

Dazu gehört, dass Beziehungen gemäß der Idee der sexuellen Selbstbestimmung ausschließlich und partnerschaftlich von den an ihnen Beteiligten definiert werden und ansonsten keinen Vorgaben unterliegen, was etwa die Dauer, die Anzahl der Beteiligten und die Intensität betrifft.

Herkömmliche Liebeskonzepte wie die Ehe werden als besitzergreifend, ökonomisch begründet und unfrei kritisiert. Geschichtlich gibt es eine Entwicklung von ursprünglich eher freier Sexualität zu heute eher freier Liebe.

Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff der freien Liebe wurde zunehmend in den 1960er-Jahren von Anhängern Wilhelm Reichs und Vertretern der Kommunenbewegung etabliert.

Da Liebe als inhärent mit Freiheit verbundenes Phänomen verstanden wird, wird von Vertretern Freier Liebe in der Regel auch einfach nur von „Liebe“ gesprochen, da der Term „Freie Liebe“ demnach einen Pleonasmus darstellen würde. Ein populärer Vertreter ist hier der Psychologe Peter Lauster. Liebe wird als psychologisches Phänomen verstanden, das eine an die Wahrnehmung gebundene Erscheinung darstellt, die im Moment erlebt wird (also keinen andauernden Zustand darstellt) und nicht erzwungen werden beziehungsweise sich sogar unter Zwang außerordentlich schlecht entfalten kann. Daher werden auch im Beispiel von Lauster Institutionen wie die Ehe als überkommene Konstrukte angesehen.
Die Liebe wird hier differenziert von andauernden Phänomenen wie klassischen Beziehungen, die als potenziell hinderlich für die bedingungslos offene, wertungsfreie Wahrnehmung des Partners problematisiert werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Dem voraus gehen historische Entwicklungen seit der Antike und insbesondere aus der sozialistischen Bewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts, welche die Ehe als Institution kritisierte und Liebesbeziehungen ohne Einmischung des Staates vertrat.

Bereits der Frühsozialist Charles Fourier (1772 - 1837) propagierte Gemeinschaften (Phalanstères), in denen Menschen gemeinsam leben und arbeiten sollten, unter anderem motiviert und zusammengehalten durch die freie Liebe. Über die Gemeinschaften hinaus bedeutet Freie Liebe im Sinne Fouriers jedoch auch die uneingeschränkte Entscheidung für jede Art von Partnerschaft und schließt damit auch Zweierbeziehungen usw. ein.

Theoretisch hat Wilhelm Reich mit seiner Analyse der von ihm so bezeichneten sexuellen Zwangsmoral und seinen Schriften zur sexuellen Revolution zur Idee der freien Liebe ebenso beigetragen wie Herbert Marcuse, der sich für freie Ausübung der Sexualität und – damit verbunden – einer Auflösung der Kleinfamilie aussprach.

Marcuse und Reich beeinflussten wesentlich die Sexuelle Revolution und die Hippie-Bewegung, die sich selbst auch als love generation bezeichnete und mit dem Slogan Make love - not war unter anderem gegen die etablierten gesellschaftlichen Normen protestierte. Diese Forderungen nach freier Liebe stießen auf zeitgleich stattfindende Liberalisierungen der gesellschaftlichen Realität in denen Themen wie vorehelicher Geschlechtsverkehr, wilde Ehen, Homosexualität, etc. zunehmend enttabuisiert wurden. Die Verbreitung der Anti-Baby-Pille und Bewegungen wie Flower Power trugen dazu bei, dass viele Ideen der freien Liebe sich in der Gesellschaft etablierten.

Beispiele für Kommunen, die freie Liebe propagierten sind, bzw. waren: Kommune I, AAO (Muehl-Kommune), ZEGG, Tamera.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Eine Offene Beziehung beinhaltet freie Sexualität, nicht jedoch freie Liebe im emotionellen Sinne.

Demgegenüber bildet die Polyamory-Bewegung heute eine Art Subkultur ähnlich jener der bisexuell orientierten Menschen.

Als Gegenstück einer „freien Liebe“ gilt eine ausschließlich an eine monogame Beziehung oder eine Ehe gebundene Sexualität oder der Verzicht auf Sexualität und Partnerschaft (→Asexualität).

Alternative Positionen[Bearbeiten]

Obwohl der Staat mit finanziellen Anreizen die Kleinfamilie zu fördern versucht, geht er parallel zum Beispiel mit seiner Anti-AIDS-WerbungMachs mit“ von einer Gesellschaft aus, in der Sexualität mit frei wechselnden Partnern stattfindet und auch stattfinden darf.

Anthroposophie[Bearbeiten]

Aus anthroposophischer Sicht wird angeführt, dass eine Ausschließlichkeit der sinnlichen Werte im Sinn des Hedonismus eventuell als ungenügend für das eigene Leben empfunden werden könne und in Nihilismus oder einer Zuwendung zu personalen Werten und sinnstiftenden Elementen resultieren könne, wie der Ästhetik, dem selbstlosen Einsatz für die Mitmenschen sowie der Religion.

Kritiker[Bearbeiten]

Christentum[Bearbeiten]

Die beiden großen christlichen Kirchen im deutschsprachigen Raum haben in ihren Grundsatzdokumenten eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber der Freien Liebe. Dies wird damit begründet, dass die Bibel gar keine andere Haltung zulasse. So fordere etwa Paulus die Nichtverheirateten zur Ehe auf, falls sie sich nicht enthalten können.[1]

Luthertum[Bearbeiten]

Auch die Lutherische Theologie kann nicht an den „Biblische(n) Grundlagen“ vorbei. Denn es „bleibt allein die Heilige Schrift der einzige Richter und die einzige Regel und Richtschnur (iudex, norma et regula), nach der […] alle Lehren gemessen und beurteilt werden sollen und müssen, ob sie gut oder böse, richtig oder unrichtig sind“;[2] vgl. auch FC Erster Theil.[3] Die Bekenntnisschriften stellen daher auch folgendes fest:

Die Ehe sei göttlichen Rechts. Das heißt, sie beruhe auf einem Gebot Gottes, sie sei eine gute, gottgewollte Schöpfungsordnung. Es handele sich um ein Naturrecht, das nicht aufhebbar sei. Nach dem Willen Gottes sei die Ehe ein lebenslanger Bund, der nicht aufgelöst werden solle. Ferner solle es keinen Ehebruch und Unkeuschheit geben, wozu die Freie Liebe ja führen kann. Da Ehebruch und Scheidung aber vorkämen, müsse dem unschuldigen Partner gestattet werden, wieder zu heiraten.[4] Das aber ist nicht gleichbedeutend mit Freier Liebe. Freie Liebe erlaubt überhaupt das, was Bibel und Luthertum als Ehebruch ansehen. Daher ist sie insgesamt aus lutherischer Sicht abzulehnen.

Katholizismus[Bearbeiten]

Durch den Sündenfall sei es zwar dazu gekommen, dass die „vom Schöpfer geschenkte Zuneigung“ von Mann und Frau zum Teil pervertiert worden sei. Doch im Katholizismus gilt die Ehe prinzipiell als unauflöslich. Sie sei von Gott gestiftet, er selbst besiegele das Eheband. Ehe bedeute für die Partner ein Herz und eine Seele werden und fordere die Bereitschaft, sich ganz seinem Partner hinzugeben. Polygamie widerspreche dieser ehelichen Liebe. Diese verlange unverletzliche Treue, welche durch das Sakrament der Ehe möglich werde.[5] Freie Liebe ist folglich nicht mit dem katholischen Glauben zu vereinbaren.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Lauster: Die Liebe. Psychologie eines Phänomens. Reinbek bei Hamburg 1988.
  • Peter Lauster: Lassen Sie der Seele Flügel wachsen. Wege aus der Lebensangst. Reinbek bei Hamburg 1991.
  • Dieter Duhm: Der unerlöste Eros. Verlag Meiga, Wiesenburg 1998.
  • Oliver Schott: Lob der offenen Beziehung - Über Liebe, Sex, Vernunft und Glück. Bertz + Fischer, Berlin 2010

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1 Kor 7,9 LUT
  2. Horst Georg Pöhlmann (Hrsg.): Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. 3. Auflage. Gütersloh 1991, § 875 (Epitome der Konkordienformel, Vorwort Punkt 3).
  3. FC Erster Theil 1.
  4. vgl. Austad: Neues Leben. In: Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften. S. 130–132.
  5. vgl. Johannes Paul II: Katechismus der Katholischen Kirche (Weltkatechismus), Art. 7, Das Sakrament der Ehe. 2005.