Selenicereus wittii

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Selenicereus wittii
Selenicereus wittii  Blätter und Blüten

Selenicereus wittii
Blätter und Blüten

Systematik
Ordnung: Nelkenartige (Caryophyllales)
Familie: Kakteengewächse (Cactaceae)
Unterfamilie: Cactoideae
Tribus: Hylocereeae
Gattung: Selenicereus
Art: Selenicereus wittii
Wissenschaftlicher Name
Selenicereus wittii
(K.Schum.) G.D.Rowley

Selenicereus wittii ist eine Pflanzenart in der Gattung Selenicereus aus der Familie der Kakteengewächse (Cactaceae). Sie ist eine von drei Kakteenarten, die im zentralen Amazonasbecken verbreitet sind. Ihr epiphytischer Wuchsort an den Stämmen der Uferbäume der Igapó-Flüsse wird regelmäßig für einige Wochen überflutet. Während dieser Zeit erfolgt die Ausbreitung der Samen durch das Wasser, was einzigartig innerhalb der Familie der Kakteengewächse ist.

Die Erstbeschreibung erfolgte 1900 durch Karl Moritz Schumann. Der zweite Teil des wissenschaftlichen Namens, das Epitheton der Art, ehrt den deutschen Geschäftsmann und Hobbypflanzensammler Nikolaus Heinrich Witt, der die Art entdeckte.

Beschreibung[Bearbeiten]

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Selenicereus wittii wächst als Aufsitzerpflanze rankend und kletternd auf Bäumen. Die reich verzweigten, blattartig abgeflachten Triebe sind Phyllokladien, die dicht an die Baumstämme ihrer Träger angepresst sind und entlang ihrer Mittelrippe Luftwurzeln ausbilden. Bei direkter Sonneneinstrahlung färben sich die elliptischen bis lanzettlichen, dunkelgrünen Triebe auf Grund einer starken Betalain-Pigmentierung mattrot und sind dadurch aus der Ferne gut sichtbar. Sie werden bis zu 60 Zentimeter lang, 6 bis 14 Zentimeter breit und sind nur 2 bis 4 Millimeter dick. An ihren leicht eingekerbten Rändern stehen in sehr engem Abstand von 5 bis 10 Millimetern mit weißer Wolle besetzte Areolen. Aus den Areolen entspringen bis zu 20 nadelförmige, gelblich braune Dornen von bis zu 12 Millimeter Länge.

Blüten[Bearbeiten]

Blüte von Selenicereus wittii

Die stieltellerförmigen Blüten sind bis zu 27 Zentimeter lang und erreichen Durchmesser von 12,5 Zentimetern. Die lange, schlanke Blütenröhre misst nur 9 Millimeter im Durchmesser. Sie verjüngt sich nach oben und ist dort nur etwa halb so dick wie an der Basis. Ihre Blütenhülle ist flach ausgebreitet. Die mehr oder weniger gleichgeformten und gefärbten Blütenhüllblätter sind reinweiß und reflektieren intensiv ultraviolettes Licht. Das Perikarpell und die Blütenröhre sind schuppig und mit haarförmigen Dornen besetzt. Die etwa 10 äußeren Blütenhüllblätter sind linealisch und etwa doppelt so lang wie die inneren, verkehrt eilanzettlichen, zugespitzten oder lang zugespitzten Blütenhüllblätter.

Die am Blütenboden sitzenden Nektarien scheiden eine große Menge klaren Nektars ab. Der Fruchtknoten besteht aus 10 bis 14 Fruchtblättern. Die Fruchtblätter und der untere Teil des Griffels sind warzig. Die Staubblätter ragen nicht über die inneren Blütenhüllblätter hinaus. Im Gegensatz zu den anderen Arten der Gattung Selenicereus, deren Staubblätter für gewöhnlich tricolpate Pollenkörner bilden, sind die Pollenkörner von Selenicereus wittii hexacolpat, das heißt, sie besitzen sechs statt drei auf der Oberfläche der Pollenkörner verteilte Keimfalten.

Am natürlichen Standort blüht Selenicereus wittii im Mai, in Gewächshauskultur hingegen in den Monaten von November bis Februar. Die Blüten öffnen sich nur für eine Nacht. Die Blütenöffnung beginnt nach Sonnenuntergang. Innerhalb von zwei Stunden ist die Blüte vollständig geöffnet. Mit Sonnenaufgang schließt sie sich wieder. Bis zur vollen Blütenöffnung verströmen die Blüten anfangs einen intensiven Duft, der sich schließlich in einen unangenehmen Geruch verwandelt. Die für den Geruch verantwortlichen Bestandteile wurden als Benzylalkohol, Benzylbenzoat und Benzylsalicylat identifiziert.[1]

Früchte und Samen[Bearbeiten]

Die Früchte sind längliche, grünliche und bedornte Beeren von ungefähr 3,5 Zentimeter Länge. Sie reifen am natürlichen Standort in etwa einem Jahr heran und reißen dann entlang einer Längsöffnung auf. Das enthaltene Fruchtfleisch ist eher trocken.

Die muschelförmigen, glänzend schwarzbraunen Samen sind etwa 4 Millimeter lang und 2 Millimeter breit. Für Samen der Familie der Kakteengewächse sind sie damit ungewöhnlich groß. Nabel und Keimmund der Samen sind miteinander vereinigt. Die Samenschale ist fast glatt. Der Hauptteil des Samens besteht aus einer Schicht stark vergrößerter, toter Zellen, die sich an der Oberseite befinden und die mit Luft gefüllt sind, wodurch die Samen in Wasser schwimmen können.

Ökologie[Bearbeiten]

Neococytius cluentus - ein möglicher Bestäuber der Art
Am Rio Negro wurden die ersten Pflanzen von Selenicereus wittii entdeckt.

Bestäubung[Bearbeiten]

Bestimmte Blütenmerkmale, beispielsweise die reinweiße Farbe, die extreme Stieltellerform, der Duft und das nächtliche Öffnen, deuten auf eine ausschließliche Bestäubung der Blüten durch Schwärmer hin. In der Natur konnte bisher jedoch eine Bestäubung noch nicht beobachtet werden. Aufgrund der Länge der Blütenröhre kommen nur die beiden Arten Neococytius cluentus und Amphimoea walkeri in Frage, die Rüssel bis zu 25 Zentimetern besitzen und im natürlichen Verbreitungsgebiet von Selenicereus wittii vorkommen.[1]

Ausbreitung[Bearbeiten]

Der Aufbau der Samen mit ihren großen, luftgefüllten, äußeren Zellen der Samenschale weicht von allen anderen Kakteenarten ab. Die Ausbreitung der dadurch schwimmfähigen Samen erfolgt durch das Wasser (Hydrochorie). Die ebenfalls in den Igapó-Wäldern des Rio Negro lebende epiphytische Orchideenart Galeandra devoniana breitet sich ebenso wie der Sonnentau Drosera amazonica[2] auf diese Weise aus [3].

Verbreitung[Bearbeiten]

Selenicereus wittii ist in den Regenwäldern des zentralen Amazonasbeckens entlang von Schwarzwasserflüssen verbreitet. Dort wächst die Art im Kronenraum der zeitweise überfluteten Überschwemmungswälder in reicher Zahl. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich entlang der Flüsse Rio Negro und Rio Japurá in Brasilien über die Flüsse Río Vaupés, Río Apaporis und Caquetá in Kolumbien nach Nordost-Peru in die Region Loreto bis zur Stadt Iquitos und umfasst wahrscheinlich den südlichen Bereich des Amazonasbeckens in Venezuela.[1] Außer Selenicereus wittii wachsen dort lediglich noch die beiden Kakteenarten Rhipsalis baccifera und Epiphyllum phyllanthus.[4]

Botanische Geschichte und Systematik[Bearbeiten]

Selenicereus wittii, Tafel aus der Erstbeschreibung von 1900 durch Karl Moritz Schumann.

Selenicereus wittii wurde 1899 in den Igapó-Wäldern des Rio Negro bei Manaus durch den deutschen Geschäftsmann und Hobbypflanzensammler Nikolaus Heinrich Witt entdeckt. Er schickte eine Pflanze an Karl Moritz Schumann in Berlin-Dahlem, der sie taxonomisch zunächst nicht einordnen konnte. Erst als Schumann im Herbst 1900 weitere Exemplare von Witt erhielt und an ihnen Früchte entdeckte, konnte er sie der Gattung Cereus zuordnen[5] und die Erstbeschreibung als Cereus wittii veröffentlichen.[6] Mit der Wahl des Artnamens ehrte Schumann den Entdecker der Art.

Nathaniel Lord Britton und Joseph Nelson Rose schufen 1913 die monotypische Gattung Strophocactus mit der einzigen Art Strophocactus wittii.[7] Den botanische Namen der Gattung leiteten sie auf Grund der um Stämme gewundenen oder verdrehten Triebe vom griechischen Substantiv „στροφή“ (strofe) für Wendung, Drehung ab. Gordon Douglas Rowley stellte die Art schließlich 1986 auf Grund ihres Blütenbaues in die Gattung Selenicereus.[8]

Die Pflanzenillustratorin Margaret Mee (1909–1988) konnte die Art an ihrem Wildstandort beobachten und zeichnen.[9] Die bisher einzige ausführliche Untersuchung von Selenicereus wittii wurde 1997 von Wilhelm Barthlott und seinen Mitarbeitern vorgenommen. Durch diese Untersuchung konnten zahlreiche Details zur Biologie, Ökologie und Verbreitung von Selenicereus wittii geklärt werden.[10] Dennoch ist die systematische Stellung der Art noch immer unklar. Ralf Bauer schlug 2003 vor, die Gattung Strophocactus wieder anzuerkennen und Selenicereus wittii wieder in diese Gattung einzuordnen.[11]

Nachweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Edward F. Anderson: Das große Kakteen-Lexikon. Eugen Ulmer KG, Stuttgart 2005 (übersetzt von Urs Eggli), ISBN 3-8001-4573-1, S. 594.
  •  Curt Backeberg: Die Cactaceae: Handbuch der Kakteenkunde. 2. Auflage. Band II, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart New York 1983, ISBN 3-437-30381-3, S. 770–771.
  • Wilhelm Barthlott, Stefan Porembski, Manfred Kluge, Jörn Hopke, Loki Schmidt: Selenicereus wittii (Cactaceae): An epiphyte adapted to Amazonian Igapó inundation forests. In: Plant Systematics and Evolution. Band 206, S.175–185, 1997; doi:10.1007/BF00987947
  • Nadja Biedinger: Selenicereus wittii – ein seltener epiphytischer Kaktus aus amazonischen Regenwäldern. In: Kakteen und andere Sukkulenten. Band 53, Nr. 6, S. 160–162, 2002
  •  N. L. Britton, J. N. Rose: The Cactaceae. Descriptions and Illustrations of Plants of the Cactus Family. Band II, The Carnegie Institution of Washington, Washington 1920, S. 221–222.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Wilhelm Barthlott et. al. S. 182
  2. F. Rivadavia, A. Vicentini, A. Fleischmann: A new species of sundew (Drosera, Droseraceae), with water-dispersed seed, from the floodplains of the northern Amazon basin, Brazil. In: Ecotropica. Band 15, 2009, S. 13–21.
  3. Wilhelm Barthlott et. al. S. 175 und 183
  4. Nadja Biedinger S. 160
  5. The Gardeners' Chronicle. 3. Serie, Band 21, S. 79, London 1901; zitiert in N. L. Britton, J. N. Rose: The Cactaceae S. 222
  6. Karl Moritz Schumann: Cereus wittii K.SCH. In: Monatsschrift für Kakteenkunde. S. 153, Berlin 1900
  7. N. L. Britton, J. N. Rose: Studies in Cactaceae. In: Contributions from the United States National Herbarium Band 16, 1913, S. 262, Tafel 84.
  8. Gordon Douglas Rowley: Stoye postcards and the Haage connection. In: Excelsa. Band 12, S. 36, 1986
  9. Tony Morrison: Journey Fifteen: 1988 - The Moonflower. In: Margaret Mee: In Search of Flowers of the Amazon Forests: Diaries of an English Artist Reveal the Beauty of the Vanishing Rainforest. Nonesuch Expeditions Ltd., 1988, S. 280 f., ISBN 1-869901-08-8
  10. Nadja Biedinger S. 161
  11. Ralf Bauer: A synopsis of the tribe Hylocereceeae F. Buxb. In: Cactaceae Systematics Initiatives: Bulletin of the International Cactaceae Systematics Group. Band 17, 2003

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Selenicereus wittii – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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