Siegfried Heinrich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Siegfried Heinrich (* 10. Januar 1935 in Dresden) ist künstlerischer Leiter des Hersfelder Festspielchores, des Marburger Konzertchores, des Frankfurter Konzertchores, der Internationalen Bachtage in Hessen und Thüringen sowie der Bad Hersfelder Opernfestspiele und der Bad Hersfelder Festspielkonzerte.

Musikalisches Wirken[Bearbeiten]

Nach seiner musikalischen Ausbildung im Dresdner Kreuzchor sowie an der Kirchenmusikhochschule Dresden und der Musikhochschule Frankfurt leitete er 1961 bis 1977 die Dirigenten- und Cembaloklasse, das Orchester und den Chor der Musikakademie Kassel, später Lehrtätigkeit an der Gesamthochschule Kassel. Ab 1961 bis 2000 hatte er die Stelle als Kirchenmusikdirektor an der Stadtkirche in Bad Hersfeld. Er begründete 1957 das Hessische Kammerorchester Frankfurt und das Studio für Alte Musik und Alte Oper, 1961 den Bad Hersfelder Festspielchor und die Hersfelder Festspielkonzerte, seit 1974 die Internationalen Bachtage in Hessen und Thüringen, 1980 die jährliche Oper in der Hersfelder Stiftsruine, 2000 das Bachinstitut und Bachchor Frankfurt/Main e.V.

Er gilt als Initiator und Bauherr des Johann-Sebastian-Bach-Hauses in Bad Hersfeld.

Siegfried Heinrich wurde für sein musikalisches Wirken mehrfach ausgezeichnet: unter anderem erhielt er 1983 die Goethe-Plakette des Landes Hessen, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1988) und den Gustav-Mahler-Preis der European Union of Arts (2005). 2006 wurde er vom hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst zum Professor h. c. ernannt.

Interpretationen[Bearbeiten]

Siegfried Heinrich gilt nach Meinung von Kritikern, u. a. der FAZ, der Frankfurter Neuen Presse und der Neuen Zürcher Zeitung, als herausragender Interpret der Musik vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Das Repertoire, das er mit seinen Chören einstudiert, umfasst Werke von Ockeghem über Monteverdi, Bach, Mozart, Brahms, Britten bis hin zu Honegger und Penderecki.

Einrichtungen[Bearbeiten]

Eigene Einrichtungen von Werken Monteverdis (die Opern L’Orfeo, L’Incorazione di Poppea und Ulisse sowie die Marienvesper), von Orlando di Lassos Matthäus-Passion, Bachs Kunst der Fuge und Carissimis Rappresentazione di anima e di corpo erlebten Aufführungen in vielen europäischen Ländern sowie bei der Einweihung der Alten Oper Frankfurt/ M. (1980) und der Semperoper Dresden (1985).

Ur- und Erstaufführungen[Bearbeiten]

Heinrich leitete auch Ur- und Erstaufführungen von Werken zeitgenössischer Komponisten, z.B. von Pendereckis Lukas-Passion in München (1967), Frankfurt/ M., Marburg, Bad Hersfeld, Kassel und Hannover.

Festspielkonzerte[Bearbeiten]

Seit 1961 ist Heinrich Künstlerischer Leiter der Opernfestspiele und der „Festspielkonzerte“ und seit 1980 der „Opernfestspiele in der Hersfelder Stiftsruine“. Sie finden statt in einem der größten romanischen Baudenkmäler Mitteleuropas, einem Ort von einzigartiger Ausstrahlung, der Publikum aus aller Welt anzieht. Mehr als 30.000 Besucher sind jedes Jahr begeisterte Hörer der Festspielkonzerte und der Opernfestspiele.

Für den Deutschen Musikrat formulierte es A. Eckhardt so: „Es steht außer Frage, dass diese künstlerischen Aktivitäten nicht nur für die Region und das Land Hessen eine bedeutende kulturelle Ausstrahlung haben, sondern darüber hinaus kulturpolitische Akzente gesetzt haben, die diese Festspiele wesentlich von ähnlichen Veranstaltungen unterscheiden. So ist es gerade aus der Sicht des Deutschen Musikrates hervorzuheben, dass es wohl keine Veranstaltungsreihe gibt, die in einem solchen Umfang und auf einem solchen Niveau den künstlerischen Nachwuchs berücksichtigt. Die Veranstaltungen zeichnen sich auch dadurch aus, dass Künstler aus Ost- und Westeuropa zusammengeführt werden. In einer solch konsequenten Weise wird diese übergreifende europäische Zielsetzung nur selten verwirklicht“.

Aufbauarbeit und Musik als Mittel[Bearbeiten]

In der Arbeit mit seinen Chören legt Heinrich Wert auf die kontinuierliche musikalische Weiterbildung seiner zur Verständigung Sängerinnen und Sänger. Die Proben finden regelmäßig statt. Integraler Bestandteil sind dabei Stimmbildung und Sprecherziehung, die unter Mithilfe von Solisten und Assistenten durchgeführt werden. Menschen unterschiedlichster Alters- und Berufsgruppen sowie Gesellschaftsschichten werden in den Chören vereint. Bei den Aufführungen arbeitet Heinrich gern zusammen auch mit Orchestern und Chören aus den ehemaligen Ostblockländern, zu denen oft schon lange vor der „Wende“ gute Beziehungen bestanden.

Christa Heinrich[Bearbeiten]

Entscheidenden Anteil an diesen Aktivitäten hat Siegfried Heinrichs Ehefrau Christa, die über viele Jahre Jugend- und Kinderchöre leitete. Dafür wurden ihr 1999 das Bundesverdienstkreuz und die Philipp-Nicolai-Medaille der Landeskirche Kurhessen-Waldeck verliehen. Beide setzen sich für eine gezielte Förderung der musikalischen Jugend ein.

Ökumene[Bearbeiten]

Anerkennung verdient zudem das Engagement Heinrichs für die ökumenische Idee. Katholische Chöre, z. B. aus Fulda und Hünfeld, gestalten evangelische Gottesdienste in Bad Hersfeld. Bei Monteverdis Marienvesper bot die Schola des Fuldaer Doms wertvolle Unterstützung. Geistliche der evangelischen Bad Hersfelder Stadtkirche unterstützten diese Arbeit in hohem Maße.

Orgeln, Glocken, Glockenspiel[Bearbeiten]

Tonbeispiel: Sonntagsgeläut der Stadtkirche Bad Hersfeld

Heinrichs Engagement betrifft aber nicht nur die Musik, seine Aktivitäten haben Bedeutung für das ganze Land Hessen. Auf seine Empfehlung hin wurden für die Stadtkirche Bad Hersfeld zwei viel gerühmte Orgeln gebaut: die große dreimanualige Döring-Orgel mit 57 Registern (1974) und die zweimanualige Bachorgel des Orgelbaumeisters Tzschöckel in historischer Stimmung mit 11 Registern (1987). Sie setzen wesentliche Akzente im kulturellen Leben der Stadt. Heinrich regte außerdem die Überführung zweier Glocken aus dem Katharinenturm der Stiftsruine in die Stadtkirche Bad Hersfelds an. Dadurch entstand das größte mittelalterliche Geläut Hessens. Zudem fand er wie beim Orgelneubau Sponsoren für ein Glockenspiel an der Stadtkirche und für die Neuaufhängung der vermeintlich gesprungenen Lullusglocke von 1038 im Katharinenturm, einer der wenigen romanischen Glocken Deutschlands aus der Frühzeit des Glockengusses, die nun wieder an hohen Feiertagen erklingt.

J. S. Bach-Haus[Bearbeiten]

Der Neubau des architektonisch und akustisch hervorragend gelungenen „J. S. Bach-Hauses“ ist ebenfalls ihm zu verdanken. Es konnte 2004 errichtet werden, empfohlen vom Präsidium des Deutschen Musikrates und mit Hilfe des Landes Hessen, des Kreises Hersfeld-Rotenburg sowie der Stadt Bad Hersfeld. Auch für das Glockenspiel gelang es Heinrich Sponsoren zu finden, das zu jeder Stunde das musikalische Anagramm B-A-C-H erklingen lässt. Alljährlich steht das Bachhaus acht Monate als „Musische Bildungsstätte“ Solisten, Chören und Orchestern aller Nationen zur künstlerischen Arbeit und vier Monate für die Bad Hersfelder Theaterfestspiele zur Verfügung.

Soziale Hilfe für Osteuropa[Bearbeiten]

Auch für soziale Projekte gab Heinrich Anstöße. Durch tatkräftige Unterstützung von Sponsoren und ehrenamtlichen Mitarbeitern konnten Hilfsaktionen in Osteuropa durchgeführt werden, indem Menschen mit Nahrungsmitteln, Kleidern und Medikamenten versorgt wurden um zu helfen, schwere Krisenzeiten zu überstehen. Hier ist besonders die großzügige Hilfsbereitschaft der Pharmawerke Hoechst und der vormaligen „Behringwerke“ in Marburg zu rühmen. Auch durch den Versand von Notenmaterial konnten zahlreiche neue Verbindungen geknüpft und gefestigt werden.

Ehrungen und Würdigungen[Bearbeiten]

  • 1976 Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • 1983 Goethe-Plakette des Landes Hessen
  • 1988 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • 1990 Ehrenplakette der Stadt Bad Hersfeld
  • 1995 Martinsplakette der Ev. Landeskirche Kurhessen-Waldeck
  • 1996 Otto Ubbelohde-Preis für Kultur des Landkreises Marburg-Biedenkopf
  • 2000 Ehrennadel der Stadt Marburg
  • 2004 Philipp Nicolai-Medaille in Gold der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck
  • 2005 Gustav Mahler-Preis der European Union of Arts in Prag
  • 2006 Verleihung der Ehrenprofessur des Landes Hessen durch den Hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst Udo Corts

Weblinks[Bearbeiten]