Sixtinische Madonna

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Sixtinische Madonna (Raffael)
Sixtinische Madonna
Raffael, 1512/13
Öl auf Leinwand
256 × 196 cm
Gemäldegalerie Alte Meister Dresden
Vorlage:Infobox Gemälde/Wartung/Museum

Die „Sixtinische Madonna“ von Raffael ist eines der berühmtesten Gemälde der italienischen Renaissance. Es befindet sich heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, nachdem es 1754 von Kurfürst August III. angekauft worden war. Das Gemälde in seiner Gesamtheit ist heute vielen Menschen weniger geläufig als die beiden Puttenfiguren am unteren Bildrand (Raffaels Engel), die als eigenständiges Motiv millionenfach in Motiven der Werbewirtschaft bzw. als Poster oder Postkarten in der Alltagskultur auftauchen.[1]

Geschichte

Das Marienbildnis wurde in den Jahren 1512/1513 von Raffaello Santi für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza geschaffen. Es handelt sich um ein von Papst Julius II. in Auftrag gegebenes Werk, das den Sieg des Papstes über die in Italien eingefallenen Franzosen feiert und aus Anlass der Einverleibung der Stadt Piacenza in den Kirchenstaat (1512) gestiftet wurde.

In der Klosterkirche wurden die Reliquien der hll. Barbara und Sixtus II. verwahrt.[2] Beide sind auf dem Gemälde abgebildet; dem heiligen Sixtus wurde das Kloster geweiht; nach ihm ist letztendlich auch Raffaels Madonnenbildnis benannt. Zudem hatte sich der Onkel von Papst Julius II., Papst Sixtus IV., einst nach dem heiligen Sixtus benannt und somit war das Werk auch eine Ehrerweisung innerhalb der Familie Della Rovere, der Neffe und Onkel entstammten.[2]

August III. von Sachsen, ein großer Kunstsammler, hatte sich bereits im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts vergeblich darum bemüht, ein anderes Gemälde Raffaels, die Madonna von Foligno, zu erwerben. Als ihm zu Ohren kam, dass die Mönche von San Sisto zur Finanzierung der Renovierung ihres Klosters bereit seien, die Sixtinische Madonna zu verkaufen, begannen zweijährige Verhandlungen, deren Ergebnis Papst Benedikt XIV., sowie der Herzog von Parma, Philipp, zustimmten. Als Verkaufspreis wird die damals enorme Summe von 25.000 Scudi vermutet.[3] Im Januar 1754 wurde das Gemälde von August III. erworben und in seine Sammlung nach Dresden gebracht, wo es am 1. März 1754 ankam und bis heute zu besichtigen ist.[4] Im Kloster San Sisto wurde eine bereits 1730 von Pier Antonio Avanzini angefertigte Kopie des Bildes aufgestellt.[5]

In der Zeit des Siebenjährigen Krieges wurde das Gemälde in der Festung Königstein aufbewahrt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es in einen Eisenbahntunnel in Großcotta evakuiert.[6] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gemälde 1945 von der sowjetischen Siegermacht als Beutekunst beschlagnahmt und nach Moskau gebracht. Die Rückgabe an die DDR erfolgte 1955. 2012 feierten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den 500. Jahrestag des Gemäldes mit der Sonderausstellung Raffaels Kultbild wird 500.[7]

Interpretation

Schemenhafte Engelsköpfe am oberen Rand

Es wurde in der Forschung diskutiert, inwiefern das Altarbild eine Sacra Conversazione darstellt.[8] Inzwischen ist man mehrheitlich der Auffassung, dass Raffael mit der Sixtina einen eigenen Bildtypus kreiert habe. Die klassisch in Rot und Blau gewandete Madonna mit dem Jesuskind wird von Papst Sixtus II., der die Porträtzüge von Julius II. trägt, und der heiligen Barbara flankiert. Die drei Figuren sind im Dreieck angeordnet; zurückgeschlagene Vorhänge in den oberen Bildecken betonen die geometrische Komposition. Der heilige Sixtus, zu dessen Füßen die Tiara (Papstkrone) als Würdezeichen abgestellt ist, weist aus dem Bild hinaus, und die Madonna und das Kind blicken ernst in die gewiesene Richtung, während die heilige Barbara zur Rechten den Blick demütig niederschlägt. An seinem ursprünglichen Platz war das Bild an der Rückwand des Altars gegenüber einem großen Kruzifix angebracht; die Gestik der Figuren steht also vermutlich im Bezug zur Kreuzigung Christi.

Bildausschnitt: Raffaels Engel

Der Blick des Betrachters wird von links herein auf die linke Figur geführt. Danach wird durch die Bildkomposition der Blick im Bild gehalten. Die linke Figur blickt auf die Madonna mit Kind, der Blick des Betrachters wird im Weiteren auf die rechte Figur geleitet. Deren Blickrichtung weist auf die Engel am unteren Bildrand, die durch ihre Kopfhaltung wiederum zur heiligen Barbara führen. Von der anderen Seite wird der Blick des Betrachters mit dem Arm des heiligen Sixtus auf die Engel, von diesen zur heiligen Barbara und dann wiederum auf die Madonna gelenkt. Zusätzlich wird das Kind in der Hand durch den Gegenschwung des Schleiers aufgefangen. Dieser Kreis fängt den Blick des Betrachters immer wieder auf und lenkt ihn auf die Madonna.

Eine maltechnische Meisterleistung dieses Werkes birgt der Hintergrund – aus größerer Entfernung glaubt man, Wolken zu sehen, bei näherer Betrachtung sind es jedoch zahllose Engelsköpfe. Das Bild insgesamt kann als eine Visionsdarstellung gedeutet werden. So schreibt Andreas Henning: „Das Bild zeigt eine Epiphanie: Die geistige Welt tritt dem Betrachter entgegen. Gekonnt hat Raffael beide Sphären, die irdische und die himmlische, in dem Bild zusammengefügt.“[9] Diese Vision wird dabei auch so gedeutet, dass sie einen inneren Erfahrungsweg der Seele darstellt, der durch die Stufen von Reinigung, Erleuchtung und Einung führt. Seine Grundlage ist auf der einen Seite der Renaissanceplatonismus von Marsilio Ficino und Aegidius de Viterbo; auf der anderen Seite greift Raffael Aspekte der Rheinischen Mystik (Meister Eckhart), der Devotio moderna und insbesondere des Nikolaus von Kues auf. Die Seele entwickelt sich durch die Stufen der Putten, des Sixtus und der Barbara zur Maria als der reinen Seele, in der sich die Gottesgeburt vollzieht.[10]

Friedrich Nietzsche nennt in Der Wanderer und sein Schatten [11] Raphael einen ehrlichen Maler, der die Vision der zukünftigen Gattin gemalt habe, eines klugen, seelisch vornehmen, sehr schönen, schweigsamen Weibes. Sie trage ihren Erstgeborenen auf dem Arm, der mit Männeraugen den Betrachter ansehe. Raphael sei wenig an der ekstatischen Frömmigkeit der Auftraggeber des Bildes gelegen gewesen.

Die Sixtinische Madonna als Altarbild

Von Prater und Schwarz wurde dargelegt, dass die Blicke und Zeigegesten der Figuren des Hochaltarbildes zwei verschiedene Ziele haben. Der Blick der Madonna und des Jesuskindes richtet sich auf ein Objekt vor ihnen, das heute beseitigte Lettnerkreuz. Schwarz verweist auf Bezüge zur Eucharistie, insbesondere auf die Praxis der Aussetzung des Allerheiligsten. Der linke Engel schaut auf das Allerheiligste, und auch der Blick der heiligen Barbara ist darauf gerichtet.[12][13]

Malmaterialien

Die technische Untersuchung und die Pigmentanalyse dieses Gemäldes haben gezeigt[14], dass sich Raphael vieler in der Renaissance zugänglichen Pigmente bediente. Der Mantel der Madonna ist mit natürlichem Ultramarin und Bleiweiß gemalt, im verzierten Mantel des Papstes wurde gelber Ocker und in der Kleidung der heiligen Barbara Bleizinngelb gefunden[15].

Rezeption

Sixtinische Madonna mit neuem Rahmen

Das Gemälde der Sixtinischen Madonna diente vielen nachfolgenden darstellenden Künstlern als Vorlage eigener Werke:
Eduard Mandels Kupferstich nach diesem Gemälde − kurz vor seinem Tod entstanden − ist eines seiner bedeutendsten Werke. Die Bedeutung von Raffaels Engel als eigenständiges Motiv begann im Jahr 1803, als sie von August von der Embde erstmals separat kopiert wurden. Durch die Isolierung ändert sich der ursprünglich auf die Madonna gerichtete Blick, zu einem, der keinen Bezugspunkt hat, also nur mehr unbestimmt in den Himmel gerichtet ist.[16]

Die bekannteste Replik der Sixtinischen Madonna befindet sich in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam.[17] Der preußische König Friedrich Wilhelm III. und dessen kunstliebender Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. haben in Jahrzehnten die königliche Sammlung im Orangerieschloss oberhalb der Jubiläumsterrassen im Park Sanssouci mit rund 50 Kopien nach Gemälden Raffaels zusammengetragen. Es sind dort unter anderem die Sixtinische Madonna und die Verklärung Christi im eigens dafür angelegten Raffaelsaal zu sehen.[18]

Die Sixtinische Madonna war das Lieblingsgemälde des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Er glaubte in ihr „die höchste Offenbarung des menschlichen Geistes“[19] zu erkennen und hat das Bild in Dresden mehrfach gesehen. Auf die Frage, warum er das Kunstwerk so oft und lange betrachte, soll er einmal geantwortet haben: „Damit ich am Menschen nicht verzweifle.“[20] Im Arbeitszimmer seiner Petersburger Wohnung hängt bis heute eine Reproduktion des Gemäldes.

Auch dem Dresdner Maler Gerhard von Kügelgen diente das Bild als Vorlage. Sein Sohn, Wilhelm von Kügelgen, schreibt in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes: „In dem geräumigen Wohnzimmer meiner Mutter stand ein schönes Bild, das, auf einigen Stufen erhöht, den mittleren Teil der Hauptwand fast bis zur Decke füllte. Es war dies eine Kopie von Raphaels Sixtinischer Madonna, die mein Vater unlängst vollendet und der Mutter geschenkt hatte. Es sollte das Palladium seines Hauses werden.“

Aus Anlass der Ausstellung „Die schönste Frau der Welt wird 500. Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild feiert Geburtstag“ haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den im Jahr 1956 im Stil der Neorenaissance hergestellten Rahmen ersetzt. Der neue aufwändig angefertigte Rahmen entspricht der Kopie eines oberitalienischen Tabernakels. Dadurch wird die sakrale Herkunft des Gemäldes von Raffael reflektiert und die ästhetische Wirkung des Ausnahmebildes gefördert.[21]

Die Deutsche Post hat im Jahr 2012 zum 500. Jahrestag des Gemäldes eine Briefmarke im Wert von 55 Cent herausgegeben.

Literatur

  • Claudia Brink, Andreas Henning (Hrsg.): Raffaels – Sixtinische Madonna. Geschichte und Mythos eines Meisterwerks. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 2005, ISBN 3-422-06565-2 (Ausstellungskatalog).
  • Carl Gustav Carus: Ueber die sixtinische Madonna des Raphael. Dresden 1867 (Digitalisat)
  • Katharina Gaenssler: Sixtina MMXII. Edition Minerva, Neu-Isenburg 2012, ISBN 978-3-943964-00-4.
  • Andreas Henning: Raffaels Transfiguration und der Wettstreit um die Farbe. Koloritgeschichtliche Untersuchung zur römischen Hochrenaissance (= Kunstwissenschaftliche Studien. Bd. 125). Deutscher Kunstverlag, München 2005, ISBN 3-422-06525-3 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Diss. 2002).
  • Andreas Henning: Die Sixtinische Madonna von Raffael. Deutscher Kunstverlag, Berlin u. a. 2010, ISBN 978-3-422-07010-3.
  • Andreas Henning, Arnold Nesselrath (Hrsg.): Himmlischer Glanz. Raffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna. Prestel, München u. a. 2011, ISBN 978-3-7913-5185-8 (Ausstellungskatalog).
  • Theodor Hetzer: Die Sixtinische Madonna. Limitierter Sonderdruck. Verlag Urachhaus, Stuttgart 1991.
  • Michael Ladwein (Hrsg.): Raffaels Sixtinische Madonna. Literarische Zeugnisse aus zwei Jahrhunderten. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Pforte-Verlag, Dornach 2004, ISBN 3-85636-159-6.
  • Andreas Prater, Jenseits und Diesseits des Vorhanges. Bemerkungen zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“ als religiöses Kunstwerk, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 42, 1991, S. 117–13 (?).
  • Marielene Putscher: Raphaels Sixtinische Madonna. Das Werk und seine Wirkung. 2 Bände (Bd. 1: Textband. Bd. 2: 195 Blätter (in einer Mappe)). Hopfer, Tübingen 1955 (Zugleich: Hamburg Univ. Diss., 1. November 1955)
  • Michael Rohlmann: Raffaels Sixtinische Madonna. In: Römisches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana Jg. 30, 1995, ISSN 0940-7855, S. 221–248.
  • Emil Schaeffer: Raffaels Sixtinische Madonna als Erlebnis der Nachwelt, 2.Auflage, Dresden 1955.
  • Harald Schwaetzer, Stefan Hasler, Elena Filippi: Raffaels Sixtinische Madonna. Eine Vision im Dialog. Aschendorff, Münster 2012, ISBN 978-3-402-12969-2.
  • Michael Viktor Schwarz, Visuelle Medien im christlichen Kult. Fallstudien aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, Wien/Köln/Weimar 2002.
  • Giorgio Vasari: Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister, von Cimabue bis zum Jahre 1567. Band 3, Abteilung 1. Mit den wichtigsten Anmerkungen der früheren Herausgeber so wie mit neueren Berichtigungen und Nachweisungen begleitet und herausgegeben von Ludwig von Schorn. Cotta, Stuttgart u. a. 1843 (Nachdruck neu herausgegeben und eingeleitet von Julian Kliemann. Übersetzung von Ludwig Schorn und Ernst Förster. Werner, Worms 1988, ISBN 3-88462-057-6).
  • Angelo Walther: Raffael, die Sixtinische Madonna. 2., durchgesehene Auflage. Seemann, Leipzig 2004, ISBN 3-86502-100-X.

Einzelnachweise

  1. Nicola Kuhn in: Der Tagesspiegel Nr. 21343 vom 26. Mai 2012, Auftritt für die Königin, Dresden feiert den 500. Geburtstag von Raffaels Sixtinischer Madonna Seite 27
  2. a b Kult um gelangweilte Engel, sueddeutsche.de, 26. Mai 2012
  3. Der Ankauf im Jahre 1754, skd.museum, abgerufen: 18. Januar 2015
  4. Der zeitlose Durst nach Schönheit, schwaebische-post.de, 3. August 2005
  5. Der Ankauf im Jahre 1754, skd.museum, abgerufen: 18. Januar 2015
  6. Ein Kultbild wird 500, 3sat.de, 25. Mai 2012
  7. Raffaels Kultbild wird 500: Sonderausstellung zur Sixtinischen Madonna in Dresden,lvz-online.de, 29. Mai 2012
  8. Harald Schwaetzer, Stefan Hasler, Elena Filippi: Raffaels Sixtinische Madonna. Eine Vision im Dialog. 2012, S. 28ff.
  9. Henning: Die Sixtinische Madonna von Raffael. 2010, S. 7.
  10. Vgl.: Harald Schwaetzer, Stefan Hasler, Elena Filippi: Raffaels Sixtinische Madonna. Eine Vision im Dialog. 2012, insbesondere Kapitel V.
  11. Nr. 73 Friedrich Nietzsche KSA Bd. 2, S.585
  12. Michael Viktor Schwarz, Visuelle Medien im christlichen Kult. Fallstudien aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, Wien/Köln/Weimar 2002, S. 173-215.
  13. Andreas Prater, Jenseits und Diesseits des Vorhanges. Bemerkungen zu Raffaels „Sixtinischer Madonna“ als religiöses Kunstwerk, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 42, 1991, S. 117-136.
  14. Weber, K-H. Die Sixtinische Madonna, Maltechnik-Restauro, 90, 4 1984, 9-28
  15. Raphael, Sistine Madonna bei ColourLex
  16. Armin Sattler: Die Posterboys der Renaissance, 26. Mai 2012, orf.at
  17. Pressereferat der SPSG: Das Orangerieschloss im Park Sanssouci. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), archiviert vom Original am 5. November 2013; abgerufen am 5. November 2013.
  18. Königliche Schlösser: Das Orangerieschloss im Park Sanssouci, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG), www.spsg.de, abgerufen am 5. November 2013
  19. Zenta Maurina: Dostojewskij. Menschengestalter und Gottsucher. Memmingen 1997, S. 112.
  20. Der Mensch zuerst, Peter Schallenberg, 11. Januar 2011, abgerufen am 24. Dezember 2013
  21. Sonderdruck der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Ausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012

Weblinks

Commons: Sixtinische Madonna – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien