Skandinavistik

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Die Skandinavistik (auch Nordistik, Nordische/Nordgermanische/Skandinavische Philologie oder Nordeuropa-Studien) ist die Wissenschaft, die sich mit den skandinavischen Sprachen, den skandinavischen Literaturen und den skandinavischen Gesellschaften insgesamt beschäftigt.

In den Nordischen Ländern ist der Begriff Nordistik üblich, weil der Begriff Skandinavien dort nur Dänemark, Norwegen und Schweden bezeichnet. Als Begründer der Nordischen Altertumskunde in Dänemark gilt der Archivar Thomas Bartholin.

Fachgeschichte[Bearbeiten]

Das Fach wie auch das Fachstudium sind im deutschsprachigen Raum heute in ältere und neuere Skandinavistik unterteilt. Die Ältere Skandinavistik umfasst die norröne, d. h. altnordische Literatur und Sprache bis etwa 1500, vor allem aus Island. Die Neuere Skandinavistik umfasst die neueren Literaturen seit der Reformation und die modernen skandinavischen Sprachen. Ein dritter großer Fachteil ist skandinavistische Linguistik.

Die Skandinavistik war fachgeschichtlich gesehen zunächst ein Spezialisierungsbereich der Germanistik, ist aber inzwischen eine eigenständige Disziplin, die an mehreren Instituten sogar nichtgermanische Kulturen und Sprachen Nordeuropas umfasst. Teilweise überschneidet sich die Skandinavistik deshalb mit der Frisistik, der Baltistik, der Fennistik und den Samischen Studien.

Als Begründer der deutschen Skandinavistik gelten Friedrich David Gräter (1768–1830) aus Schwäbisch Hall, Gottlieb Mohnike (1781–1841) aus Grimmen bei Stralsund sowie die Brüder Grimm. Mohnike übersetzte und vermittelte zahlreiche ältere und neuere skandinavische Texte, u. a. Werke von Esaias Tegnér und die altisländische Heimskringla. Gräter veröffentlichte ebenso wie Jacob und Wilhelm Grimm (1785-1863 und 1786-1859) sprachliche und literarische Arbeiten zur altnordischen Literatur und Sprache, insbesondere zur Edda, die in der Romantik das Interesse an Skandinavien weckte. Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Norden war die nächste Generation zentral: der Philologe Theodor Möbius (1821-1890) aus Leipzig, der Jurist Konrad Maurer (1823-1929) aus München und beider Freund, der zunächst in Kopenhagen, später in Oxford lebende Guðbrandur Vigfússon (1827-1889).

Fachgebiete der deutschsprachigen Skandinavistik- und Nordistikinstitute[Bearbeiten]

  • Die Nordische Philologie der Universität Basel widmet sich wie nur die wenigsten anderen Nordistik-Institute den Färöern.
  • Das Nordeuropa-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin zählt zu den größten skandinavistischen Instituten Deutschlands.[1]
  • Am Skandinavischen Seminar (ehemals Institut für Vergleichende Germanische Philologie und Skandinavistik) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sind die drei großen Fachteile Neuere Literatur- und Kulturwissenschaft, skandinavistische Sprachwissenschaft und Mediävistik vertreten. Zudem wird zur samischen Linguistik geforscht und gelehrt.[2]
  • Das Skandinavistische Seminar der Georg-August-Universität Göttingen konzentriert sich besonders auf die Sprachenvermittlung.
  • Der Lehrstuhl Sprachen Nordeuropas und des Baltikums der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz vermittelt die Kombination aus skandinavischen, ostseefinnischen und baltischen Sprachen in einem integriertem Forschungs- und Lehrprogramm
  • Das Institut für Fennistik und Skandinavistik (ehemals Nordische Abteilung; ursprünglich: Nordisches Institut) der Philosophischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald ist das älteste skandinavistische Institut (seit 1918) in Deutschland. Das Institut bietet ergänzend das Fach Nordische Geschichte an und hat einen Fachteil Fennistik. Seit 1992 sind seine Mitarbeiter/-innen maßgeblich an der Organisation der Veranstaltungsreihe "Nordischer Klang" beteiligt.
  • Die Abteilung Skandinavistik am Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft (ISFAS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel legt nicht nur u.a. durch das Runenkundeprojekt einen besonderen Runenschwerpunkt, sondern ist auch die größte Skandinavistik in Deutschland.[3]
  • Die Skandinavistik/Fennistik der Universität zu Köln legt als einer der größten deutschen Skandinavistiken einen besonderen Schwerpunkt auf die Vernetzung von Skandinavistik und Fennistik.
  • Die Skandinavistik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn legt einen besonderen Schwerpunkt auf germanische Altertumskunde, Mythologie und die Literatur des mittelalterlichen Islands. Zudem konzentriert sich die Forschung auf moderne Literatur, Literaturtheorie und Poetik und die skandinavischen Filmtage Bonn werden ebenfalls hier ausgerichtet.
  • Das Institut für Nordische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München bietet eine vollausgebaute Skandinavistik mit vier Lektoraten und beinhaltet neben Kernbereichen des Faches auch Gebiete wie Arktisforschung und Runologie. [4]
  • Der Schwerpunkt der Skandinavistik/Nordischen Philologie an der Universität Münster liegt auf der modernen Literatur- und Kulturwissenschaft sowie im Bereich der Mediävistik auf der altnorwegischen Literatur.
  • Die Abteilung für Skandinavistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen setzt einen besonderen Schwerpunkt auf moderne Literatur und Kultur.
  • Die Universität Wien bietet Lehrveranstaltungen auf den Gebieten der Älteren und Neueren skandinavischen Sprachen, Literatur und Kultur an.[5]

Weitere deutschsprachige Skandinavistik-Institute bestehen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Universität Zürich.

Die Institute in Basel, Freiburg, Strasbourg und Tübingen arbeiten im Eucor-Netzwerk Skandinavistik/Eucor-Réseau en Etudes Scandinaves zusammen.[6]

Fachzeitschriften[Bearbeiten]

Im Bereich der deutschsprachigen Skandinavistik sind folgende Fachzeitschriften zu nennen:

  • European Journal of Scandinavian Studies (EJSS) ISSN 1536-7290 (Fortsetzung der Zeitschrift skandinavistik), herausgegeben an der Abteilung Skandinavistik in Kiel; seit 2010 (übergreifendes Heft 2008/2009/2010), seitdem 2 Hefte jährlich[7]
  • skandinavistik – Zeitschrift für Sprache, Literatur und Kultur der nordischen Länder ISSN 0342-8427 (Vorgänger von EJSS), herausgegeben am (damaligen) Nordischen Institut in Kiel; begründet 1970, mit Jahrgang 2007 Erscheinen eingestellt[7]
  • Tijdschrift voor Skandinavistiek ISSN 0168-2148, gemeinsam herausgegeben an den Skandinavischen Instituten in Amsterdam, Groningen und Gent; teilweise mit deutschsprachigen Beiträgen[8]
  • NORDEUROPAforum – Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur der nordischen Länder ISSN 1863639X, herausgegeben am Nordeuropa-Institut in Berlin[9]
  • Norrøna – Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik der nordischen Länder ISSN 0932-2787, herausgegeben am Nordeuropa-Institut in Berlin[10]

Weitere Wissenschaftsforen[Bearbeiten]

Seit 2003 vertritt in Deutschland ein Fachverband im Fach aktive Wissenschaftler und Studenten.[11]

Alle zwei Jahre finden Arbeitstagungen der deutschsprachigen Skandinavistik (ATDS) statt. Die Tagungsorte wechseln.

Vorkenntnisse für Skandinavistikstudien[Bearbeiten]

Vorkenntnisse einer skandinavischen Sprache sind gewünscht, werden jedoch nicht gefordert. In den ersten Semestern müssen an den meisten Instituten Kenntnisse im Altnordischen erworben werden. Das Studium der Skandinavistik erfordert an einigen Instituten das mittlere Latinum.

Im Studium muss meistens eine Hauptsprache und eine Nebensprache gewählt werden. Hierbei können die skandinavischen Sprachen frei miteinander kombiniert werden. Im Bachelor-Studium an der HU Berlin tritt neben eine skandinavische Sprache zudem Finnisch.

Berufsaussichten[Bearbeiten]

Die Berufsaussichten von Skandinavisten entsprechen jenen in vielen anderen Geisteswissenschaften: Es kommt auf das Engagement des Einzelnen an. Prinzipiell gibt es gerade heute einen großen Bedarf an Mittlern zwischen Skandinavien und dem deutschsprachigen Raum, schließlich ist Skandinavien eine der erfolgreichsten Wirtschaftsregionen Europas. Entsprechende Stellen werden jedoch selten offen ausgeschrieben, sondern zumeist über informelle Netzwerke vergeben.

In Greifswald werden zudem Lehrkräfte für Dänisch, Norwegisch, Schwedisch (3. Fach im Lehramt an Gymnasien), in Kiel und Flensburg Lehrkräfte für Dänisch ausgebildet. Auch in Freiburg können die Sprachen Dänisch, Norwegisch und Schwedisch als Erweiterungsbeifächer im Lehramtsstudium studiert werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Skandinavist – Liste von Artikeln über Skandinavisten
  • Vifanord – virtuelle Fachbibliothek für Nordeuropa und den Ostseeraum

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Website der Skandinavistik in Berlin
  2. Website der Skandinavistik in Freiburg
  3. Website der Skandinavistik in Kiel
  4. Website der Skandinavistik in München
  5. Website der Skandinavistik in Wien
  6. Website des Eucor-Netzwerkes
  7. a b Website von EJSS
  8. Website von Tijdschrift voor Skandinavistiek
  9. Website von NORDEUROPAforum
  10. Website von Norrøna
  11. Website des Fachverbandes Skandinavistik

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Skandinavistik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen